Marc Oliver Schulze und Sina Martens während der Fotoprobe zu "Felix Krull" im Berliner Ensemble (Quelle: imago images / Martin Müller)
Audio: Inforadio | 17.08.2019 | Ute Büsing | Bild: imago images / Martin Müller

Theaterkritik | "Felix Krull" im Berliner Ensemble - "Nein!" - "Doch!" - "Ooooh!"

Spielzeitauftakt am Berliner Ensemble: Alexander Eisenach macht aus Thomas Manns "Felix Krull" ein kalauersattes Assoziationsgewitter. Viel mehr als eine lustige Fingerübung ist der Abend aber nicht. Von Fabian Wallmeier

Marc Oliver Schulze gibt alles. In feinstem Zwirn steht er vor dem roten Samtvorhang an der Bretterrampe, die schräg runter ins Parkett führt, und geigt, was das Zeug hält. Mit angestrengter Miene, die Backen aufblasend, gibt er sich auf der Violine einem Vivaldi-Solo hin. Doch keinen Ton erzeugt er selbst, alles kommt vom Band. Martin Rentzsch ist das egal. Er applaudiert aus dem Parkett, lobt in den höchsten Tönen die Darbietung. "Sie sind großartig, Krull, Sie sind Theater", jubiliert er.

Krull - das ist natürlich Felix Krull, der Hochstapler aus Thomas Manns Roman, den Alexander Eisenach hier auf die Bühne des Berliner Ensembles bringt. Dieser Krull ist auch bei Eisenach zunächst einmal eine Projektionsfläche - die anderen wollen ihm seine Dreistigkeiten glauben, weil sie so gut ins hübsch polierte Narrativ der eigenen diffusen Ideale passt. Rentzsch jubiliert munter weiter, greift dabei auf Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" zurück, faselt vom Obrigkeitsstaat, der vom deutschen Volke "im Grunde gewollten Staatsform". Schulzes Krull nimmt zur Kenntnis, was man da auf ihn projiziert - und passt sich an: gibt willig immer das zum Besten, was andere in ihm zu erkennen glauben.

Es bleibt nicht bei dieser lustvoll boulevardesk ausgespielten, direkten Umsetzung des Romanstoffs. Eisenach nimmt sich von den "Betrachtungen des Hochstaplers Felix Krull" (so Thomas Manns vollständiger Titel) zwar immer wieder einige Brocken, doch die spärliche Handlung des Romans interessiert ihn im Verlauf des Abends immer weniger.

Constanze Becker während der Fotoprobe zu Felix Krull - Stunde der Hochstapler im Berliner Ensemble, 14. August 2019. (Quelle: imago images/Martin Müller)
Constanze Becker in "Felix Krull" | Bild: imago images/Martin Müller

Jonathan Kempf zwischen Krömer und Schlämmer

Auf den Balkonen links und rechts nehmen Sina Martens und BE-Neuzugang Jonathan Kempf Aufstellung. Während Krull im hohen Mannschen Ton über seine Herkunft und die Abkehr vom Schaumweinfabrikanten-Vater doziert, berlinert sich Kempf immer weiter weg vom Originaltext. Letzte Luft am Satzende aus sich rauspressend klingt er, als würde Kurt Krömer sich an einer typischen Horst-Schlämmer-Schnappatmungs-Kadenz versuchen.

Ähnlich gekonnt gespielte Sketch-Miniaturen hat der Abend reichlich zu bieten, eine durchgängige Idee eher nicht. Eisenach sowie die fünf Schauspieler und Schauspielerinnen reihen allerlei aneinander. Die Kalauer sind dabei so zahlreich, dass selbst die ganz müden (Wortwitzchen über Youtube-Influencer und die Influenza, Despektierliches über Depressionen) nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.

Nach der Hälfte der knapp 90 Minuten öffnet sich der rote Samtvorhang, eine Front aus an Stäben aufgereihten, grell ins Publikum strahlenden Leuchten kommt zum Vorschein, dahinter wird allmählich ein portalhoher Cartoon-Kopf mit fehlendem Unterkiefer sichtbar. Aus dem Off spricht Constanze Becker, zitiert aus dem Einstiegskapitel des Romans über die Schlafbegabung Felix Krulls - doch Eisenach ist gleich darauf wieder ganz woanders.

Suhlen im evolutionären Urschlamm

Die Tonlagen wechseln so schnell, dass bei aller Virtuosität am Ende alles einerlei bleibt. Meta-Theater-Gags, Andromache, Klempnerhandwerk, Goethe, Brecht, Louis de Funès ("Nein!" - "Doch!" - "Oooh!") - hier hat alles seinen Platz, aber wenig viel Sinn. Spaß macht "Felix Krull" dennoch allemal.

Kurz vor Schluss zitiert Constanze Becker aus einer besonders geschwätzigen Roman-Passage, in der ein Professor einen Vortrag über die Evolution hält. Irgendwie mündet Beckers Monolog darin, dass alle sich mit Farbe bematscht in eine Badewanne quetschen. Dort suhlen sie sich gewissermaßen im evolutionären Urschlamm und beginnen ein erotisches Geplänkel. Doch dann schlägt die Stunde des "deus ex machina", des in der Theatergeschichte fest verankerten "Gottes aus der Maschine" - nur dass er hier mehr Maschine als Gott ist: Mit einem "Hereinspaziert"-Aufruf und Kirmesorgelklängen lockt der Riesenkopf die fünf auf die Hinterbühne, eine Windmaschine bläst nicht mehr ganz frische Luft ins Parkett und der Abend ist vorbei.

Dieses "Hereinspaziert" bereitet dem Reigen zwar kein schlüssiges Ende, passt aber gut mit Blick auf den Rest der Spielzeit: "Felix Krull" ist nämlich erst der Anfang von Eisenachs Hochstapler-Betrachtung am BE. Bis Dezember soll er ein weiteres Stück "über die Figur des Hochstaplers als Inbegriff des modernen Menschen, der sich ununterbrochen selbst inszeniert", schreiben und auf die Bühne bringen. Dieser Abend mag dafür als Fingerübung gelten. Er ist ein ideenreiches, kalauersattes, aber noch weitgehend ungefiltertes Assoziationsgewitter, das Lust macht auf das, was in stärker konzeptionierter und durchdachter Form darauf folgen könnte.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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