Theaterkritik | "Die Vielleichtsager" am BE - Ja, Nein, Vielleicht?

Sa 29.10.22 | 12:48 Uhr | Von Barbara Behrendt
V.l.: Lili Epply, Malick Bauer und Peter Moltzen während der Fotoprobe für das Stück "Die Vielleichtsager" im Berliner Ensemble (Bild: imago images/Martin Müller)
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Alexander Eisenach führt Bertolt Brechts Lehrstücke vom Jasager und Neinsager mit einem eigenen Text weiter: den Vielleichtsagern. Dabei verheddert er sich zwischen Modellversuch und konkreten Lösungen für die Probleme der Welt. Von Barbara Behrendt

Wer A sagt, der muss auch B sagen – so heißt es in Bertolt Brechts Lehrstück "Der Jasager". Alexander Eisenachs Credo in den "Vielleichtsagern" am Berliner Ensemble lautet dagegen: Wer A sagt, der kann auch C sagen. Die Alternativen zur Alternativlosigkeit sollen erkundet werden – in einer Welt, die zu komplex und widersprüchlich geworden ist für Ja oder Nein.

Inspiriert von Brechts "Jasager"

Dafür benutzt Eisenach Brechts Vorlagen. Dessen "Jasager" beruht auf einem Stück des japanischen No-Theaters im 15. Jahrhundert. Eine Gruppe Pilger bricht darin zu einer gefährlichen Wallfahrt über die Berge auf. Ein Junge will sie unbedingt begleiten, um für seine kranke Mutter zu beten. Auf der Reise wird er krank – ein Zeichen Gottes für Unreinheit. Um die Wallfahrt zu retten, folgt die Gruppe dem "Großen Gesetz" und wirft den Jungen ins Tal.

Brecht tilgt in seiner Version alles Religiöse und macht die Wallfahrt zur Forschungsreise. Als der Junge krank wird, muss er zunächst in seinen Tod einwilligen und wird von der nach einem alten Brauch daraufhin ebenfalls ins Tal geworfen. Als Berliner Schüler diese Schuloper für Laien 1930 aufführen, finden sie das allerdings nicht plausibel: Warum gefährdet der Junge die Reise, warum muss er getötet werden?

Brecht lässt sich überzeugen und schreibt eine zweite Fassung: Nun herrscht in der Stadt eine Seuche, die Zeit drängt bei der Bergbesteigung, die Gruppe versucht, den kranken Jungen zu tragen, das geht schief. Es bleibt nur: ihn ins Tal werfen, oder die Reise abbrechen und mit vielen Toten in der Stadt bezahlen. Allein deshalb willigt der Junge in seinen Tod ein.

Parallel schreibt Brecht den "Neinsager", der erwidert: Nur, weil es Brauch ist, lasse ich mich nicht töten. Er beruft sich auf die Vernunft und überredet die Gruppe, ihn zurückzubringen. Die Ratio siegt also über die gesellschaftliche Tradition. Im Zentrum steht bei Brecht also die Frage, wie viel Rücksicht der Einzelne von der Gemeinschaft erwarten kann und wo er sich dem Wohl der Gemeinschaft unterordnen muss.

Vom "Ja" und "Nein" zum "Vielleicht"

Eisenach hat nun drei neue Situationen erfunden: Bei der ersten Reise im Jahr 2022 soll im Gebirge Energie gewonnen werden, um die Krankenhäuser heizen zu können – der Jasager wird erschossen. Die zweite Reise spielt 2122: Der Mars soll für die Menschen bewohnbar gemacht werden. Die Vielleichtsager reisen schließlich im Jahr 2222 in die Tiefsee, um im Meer seltene Erden abzubauen. Als der Vielleichtsager für die Reise geopfert werden soll, weigert er sich: Es gehe längst nicht mehr um Opfer, es gehe um Alternativen, sagt er.

In der Idee verheddert

Es verhält sich mit diesem kurzen Abend wie so oft bei Eisenach: Der Anfangsgedanke ist vielversprechend, doch dann verheddert sich der Regisseur und kriegt das Stück nicht auf die Bühne übertragen.

Brechts Frage, wo sich der Einzelne dem Wohl der Gemeinschaft unterordnen muss, ist eine hoch aktuelle, gerade in unseren Zeiten des Narzissmus und Individualismus. Doch weil Eisenach die Modellsituation verlässt und konkret nach Lösungen für die Zukunft fragt (Mars! Tiefsee!), tritt die Entscheidung zwischen Individuum versus Kollektiv zurück. Man wartet als Zuschauerin auf Antworten, doch die sind im Lehrstück natürlich nicht zu finden.

In der Praxis bemühen sich Lili Epply, Malick Bauer und Peter Moltzen darum, Leben in die Theorie des Stücks zu bringen. In einer Art japanischem Kimono und Jesus-Frisur, verweisend aufs No-Theater, stehen sie auf der Drehbühne. Darauf ein Quader mit Stoffwänden, bemalt mit traditionellen japanischen Zeichnungen. Zwei Musiker spielen live Variationen des "Liedes von der Einverständnis", mal als Synthie-Pop, später als Punk-Song.

Die Schauspieler:innen sprechen ihren Text mit alberner Ironie und müden Slapstick-Einlagen. Man klettert ein bisschen auf dem japanischen Würfel herum und endet schließlich beim großen "Vielleicht", das hier nichts anderes bedeutet als: Es ist kompliziert. Das allerdings war bereits schon vor aller Lehrstück-Theorie bekannt.

Sendung: rbbkultur, 29.10.2022, 8.10 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

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