Doku "Berlin 1933 - Tagebuch einer Großstadt" - Wie das Unheil seinen Lauf nimmt

Mi 18.01.23 | 08:32 Uhr | Von Corinne Orlowski
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Drehbuchautor und Regisseur Volker Heise (Bild: rbb)
Video: rbb24 Abendschau | 17.01.23 | Arndt Breitfeld | Bild: rbb

Vor 90 Jahren wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die Doku "Berlin 1933 – Tagebuch einer Großstadt" zeigt, wie aus einer der modernsten Städte der Welt die Hauptstadt des "Dritten Reiches" wurde. Zur Preview im Delphi Filmpalast kam hoher Besuch. Von Corinne Orlowski

Als das Licht im Kino wieder angeht, hört man ein Aufatmen. Die Naivität der Mitläufer, die Brutalität der Nazihorden ist erschreckend – der Redebedarf anschließend groß, wie auch das Interesse am Film. Botschafter aus Polen, der Slowakei und Tschechien sind gekommen, sogar die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey.

Die SPD-Politikerin bedankt sich bei den Filmemachern für diese Doku, weil sie aufzeige, "dass eine Demokratie niemals sicher ist und das gilt auch für heute. Und ich glaube, das macht ja auch der Alltag, den wir hier sehen werden, deutlich, wachsam zu sein für die kleinen Anzeichen der Abwendung von der Demokratie."

Goebbels Tagebuch: "Unsere SA marschiert vor dem Karl-Liebknecht-Haus"

Berlin 1933. Die pulsierende Metropole ist tief gespalten, aber alle sind sich sicher: "Nun wird es anders". Am 22. Januar macht sich Joseph Goebbels auf den Weg zu einer Demo am Bülowplatz und schreibt in sein Tagebuch: "Berlin, dicke Luft, die Straße wimmelt vor Mob, lebensgefährlich hier durchzufahren. Aber alles geht gut. Die Schupo sorgt dafür, dass nicht auf uns geschossen wird. Punkt zwei Uhr trifft Hitler ein. Unsere SA marschiert vor dem Karl-Liebknecht-Haus. Eine tolle Sache."

16.000 Polizisten sorgen dafür, dass dieser Tag nicht in einem Blutbad endet. Zwei Tage später zeigt das Barometer -18 Grad. Männer schieben den Schnee auf die gefrorene Spree. Es folgt eine Grippe-Epidemie und die Machtübernahme Hitlers. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Aus einer Demokratie wird ein totalitäres Regime

1933 ist ein Jahr des radikalen Wandels: Aus einer Demokratie wird ein totalitäres Regime. Dem widmet sich der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Filmemacher Volker Heise, weil es mit unserer Gegenwart korrespondiert – und dass, obwohl er seit "Berlin 1945" nie wieder eine Hitler- oder Goebbels-Rede anhören wollte, wie Heise sagt.

"Wir leben auch wieder in so einer Zeit des Übergangs – in der Arbeitswelt, globale Mächte steigen auf, andere steigen ab, der Klimawandel – und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Und ich dachte, vielleicht muss man in so einer Situation erzählen, wie eine Gesellschaft den absolut falschen Weg wählt oder man sagt auch, wie ein Teil der Gesellschaft die andere dazu zwingt, diesen Weg zu gehen."

Eine Schnittmeisterleistung

Heise kommentiert die Ereignisse nicht, sondern montiert multiperspektivisch Tagebücher, Briefe und Dokumente mit dazu passenden Fotos, Originaltonaufnahmen und Filmausschnitten. Chronologisch folgt man so der Geschichte und es ist wie bei den Zeitgenossen damals: Zukunft offen. Das ist eine Schnittmeisterleistung. Und auch wenn alle Bilder in Schwarz-Weiß sind, die Menschen werden lebendig, kommen einem ganz nah, ob Hausfrau oder Propagandaminister.

Wie der Moderator des Abends, rbb-Urgestein Knut Elstermann, ist man am Ende erstaunt, wie sich die Ereignisse überschlagen und wie blind doch viele gegenüber dem sind, was da kommen wird. In wenigen Wochen kippt die Gesellschaft. Die Juden werden bereits boykottiert und verfolgt. Erste Konzentrationslager entstehen.

"Die Schnelligkeit ist schon verblüffend", sagt Volker Heise. "Und das sieht man richtig, wie die Nationalsozialisten immer ein Schritt schneller sind als die anderen. Die SPD denkt noch darüber nach, ja, sie sind ja legal gewählt. Die Nazis denken schon darüber nach, wie man sie loswerden kann. Die, die am gewalttätigsten und radikalsten sind, gewinnen in so einer Situation."

Heise macht das Jahr 1933 lebendig und erzählt eindrücklich von der Zersetzung einer Gesellschaft, wie eine Masse manipuliert, ja emotionalisiert wird durch Propaganda und Gewalt, wie der Funke überspringt.

Der zweiteilige Dokumentarfilm "Berlin 1933 – Tagebuch einer Großstadt" läuft am Dienstag, 24. Januar, auf Arte und am Samstag, 28. Januar, im rbb Fernsehen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 17.01.23, 19:30 Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

15 Kommentare

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  1. 15.

    Antwort auf Sheela | Mittwoch, 18.01.2023 | 09:16 Uhr
    Es damit zu erklären, dass " In der Bevölkerung waren Rassismus, Antisemitismus und autoritäres Denken schon vor 1933 tief verwurzelt" waren, ist etwas zu kurz gesprungen und erklärt nur, dass Sie von der damal realen Geschichte nichts wissen und unterschwellig wollen Sie Rückschlüsse auf die heutige Situation in der BRD ziehen und Parallelen herstellen.
    Sie werfen @Mecki eine "verkürzte Darstellung vor. Gut, der Platz ist hier beengt und wollen Sie das dann auch lesen? Erfassen Sie die Komplexität? Oder wollen Sie billige Propaganda.
    Dafür ist Steffen zuständig, der hier auch auftreten wird.

  2. 14.

    Sie übersehen, dass es NSDAP bei demokratischen Reichstagswahlen (die Wahl 1933 war nicht mehr wirklich demokratisch) auch im Bündnis mit anderen rechtsextremen Parteien nicht gelungen ist, eine absolute Mehrheit der Mandate zu erringen. Hitler hat dann die Macht auch nicht übernommen, sondern sie wurde ihm infolge einer Intrige konservativer Eliten um Reichspräsident Hindenburg („Kamarilla“) übergeben.

  3. 13.

    Ich sehe es so, im Jahre 1933 war "das Kind bereits in den Brunnen gefallen", und es zu retten, hätte es einen starken Willen bedurft.

  4. 12.
    Antwort auf [Olaf] vom 18.01.2023 um 11:34

    Genau solche Beiträge wie von ihnen mit einer einseitigen Auslegung sehe ich als wenig hilfreich an. Einige User hier haben in ihren Ausführungen sachlich dargelegt, worum es geht. Einfaches "Draufhauen" auf die anderen ist der falsche weg.

  5. 11.

    "Eigentlich habe ich Angst...."
    Das AfD Narativ wirkt schon mal oder wird bewusst von Ihnen eingesetzt.

  6. 9.
    Antwort auf [Olaf] vom 18.01.2023 um 11:34

    Die Problematik fängt ja schon mit zwei schillernden Vokabeln an: "Volk" im Sinne eines einheitlichen, faktisch in sich zusammengeschweißten Volkes und "Eigen". Insofern wäre auch der in Stein gemeißelte Ausspruch am Reichs- bzw. Bundestagsgebäude "Dem Volke" zu interpretieren in Richtung "der Bevölkerung" - d. h. der Bevölkerung mit ihren sehr unterschiedlichen Sichten, die tausend- u. millionenfach hoffentlich zu "eigen" sind.

    Wenn etwas entgegengetreten werden muss, dann einem vordergründigen Mitläufertum. (Das gilt in meinen Augen auch im Internet.)



  7. 8.

    Gerade solch gut gemachte Filme helfen dabei zu verstehen, wie es dazu kommen kann, was dann in einer Katastrophe endet. Im Moment sind die Ränder schwach. Die Demokratie die weit vorherrschende Meinung, mit riesigen Abstand. Auch weil es solche Filme gibt...
    Wachsam sind wir hier zur Zeit. Übrigens gibt es gerade Krieg in Europa. Und unsere Rolle NICHT ZUM FÜHREN drängen zu lassen steht uns ganz gut.

  8. 7.

    Das A und O wäre wohl erstmal eine kritische Rezeption der Medien. Damit meine ich nicht die Entlarvung irgendeiner Verschwörung, sondern dass im Zweifelsfall effekthaschende und schnell-lebige Meldungen nicht 1 zu 1 übernommen werden, immer auch mit eigenen Erfahrungen konfrontiert und abgeprüft werden, soweit das irgend möglich ist.

    Dann "entzerrt" sich das vorgebliche Chaos und der Wust. Dass aus unserer lebendigen und schöpferischen Sprache Goethes, Schillers und Heinrich Heines eine zusammengestauchte Sprache im Sinne einer technischen Gebrauchsanweisung werden könnte, diese Befürchtung teile ich mit Ihnen.

    (Nachbemerkung: Eine Lingua Tertii Imperi /LTI) wurde auf Geheiß verordnet; eine "LTI soft", die sich in Kauf genommen nach und nach bahnbricht, liegt keinesfalls im Bereich des Absurden.)

  9. 6.

    Mit den Defiziten der Weimarer Republik sind die Nationalsozialisten aufgestiegen. Eigentlich habe ich die Angst, dass aus heutigen Zuständen wie z.B: Chaos, angestrebte Planwirtschaft, wirtschaftlicher Abstieg, vorgeschriebenes Vokabular u.s.w. wieder etwas sehr schlechtes erwachsen könnte

  10. 5.

    Gerade eine Film-Doku, die ja verschiedenste Facetten beleuchtet, entzieht sich dem vergeblichen Versuch, ein einzige eindeutige Ursache oder auch nur die Hauptursache zu nennen. Das heißt nun nicht, dass alle da "hineingeschlittert" wären, vielmehr, dass tausend maßgebliche Stränge zusammengefunden haben. Und auch - hier knüpfe ich an die Ausstellung: Roads not taken an - nicht zwangsläufig so hätten stattfinden müssen.

    Der Judenhass war uralt. Am Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem (damals bei Berlin) wurden Schädelvermessungen gemacht zw. der "hoch aufragenden germanischen Stirn" und der "flach zulaufenden slawischen Stirn". Solches Gedankengut war in sehr vielen Köpfen - auch das ausgeprägte Mitläufertum und die Sehnsucht nach einem starken Mann.

    Goebbels, der Meister der Inszenierung, wusste das im Auftrag der NS zu nutzen. Ein Grund, weshalb ich Filme nicht nur nach ihrer im Zweifelsfall brillanten Machart, sondern immer auch in Richtung Inhalt einschätze.

  11. 4.

    Besser kann man es nicht beschreiben. Auch eine eindringliche Mahnung an die derzeit Regierenden.

  12. 3.

    Sehr verkürzte Darstellung. In der Bevölkerung waren Rassismus, Antisemitismus und autoritäres Denken schon vor 1933 tief verwurzelt. Das kann man nicht abtun mit "die Leute wollten keine Politik, die auf der Stelle tritt"...

  13. 2.

    Das Schlimme ist, dass unsere jetzige Politik wieder in so etwas rutscht und nicht gegensteuert. Indem man auf die Bewohner des Landes hört und nicht Politik gegen das eigene Volk und dessen Willen betreibt.

  14. 1.

    Dem Jahr 1933 sind mehrere Jahre der immer wieder wechselnden Koalitionen im Reichstag vorangegangen.
    Der zukünftige "Weg" demokratischer Politik erschien immer unsicherer und unvorhersehbarer.

    In der Bevölkerung entstand der Wunsch nach Kontinuität und Vorhersagbarkeit der politischen Entscheidungen.
    Leider fand sich - außer den Nazis - keine Partei, denen man eine richtungsweisende Ausrichtung der Politik und die Fähigkeit der Vereinigung großer Teile der Bevölkerung zutraute.

    Vielen Bürgern war es egal, wohin der Weg führen würde, Hauptsache, die Politik würde nicht weiterhin auf einer Stelle hin- und hertreten...

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