"Closer to nature" in der Berlinischen Galerie - Wie das Bauen der Zukunft aussehen könnte

Sa 17.02.24 | 08:34 Uhr | Von Laurina Schräder
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Reitermann / Sassenroth, Kapelle der Versöhung, 1996–2000 © Reitermann / Sassenroth. (Quelle: Bruno Klomfar)
Bild: Bruno Klomfar

Lehm und Holz sind als Baumaterialien zwar bekannt, aber Pilze? Ab Freitag zeigt die Berlinische Galerie in der Schau "Closer to nature" drei architektonische Projekte, die sich mit der Zukunft des Bauens auseinandersetzen. Von Laurina Schräder

"Bauen mit Pilz, Baum und Lehm" - der Untertitel der neuen Ausstellung "Closer to nature" in der Berlinischen Galerie verweist auf Baumaterialien der Zukunft. Lässt man den Pilz als Baustoff außen vor, denkt man vor allem bei Lehm an den Fachwerkbau seit dem Mittelalter oder an jahrtausendealte Traditionen von Lehmbauten wie in Ägypten oder Marokko. Doch insbesondere der Lehmbau wurde durch industrielle Baustoffe immer wieder bewusst aus unserer Baukultur verdrängt.

Renaissance im Lehmbau

"Nach dem 2. Weltkrieg hat man Lehmbauprogramme und Untersuchungen gemacht, sowie eine DIN-Norm für Lehmbau erstellt. 1971 wurde die ersatzlos gestrichen", erzählt Martin Rauch. Er beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit Lehm. Angefangen als Keramiker, Ofenbauer und Bildhauer ist er schließlich in der Architektur gelandet. "Ich bin überzeugt, dass es heute eine Renaissance im Lehmbau ist, die nicht mehr verpufft. Weil das einen großen Beitrag leisten kann, für ein radikales Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit."

Rauch hat gezeigt, dass sich Stampflehm vorfertigen lässt und somit für serielles Bauen geeignet ist. Gemeinsam mit den Architekten Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann hat Rauch die "Kapelle der Versöhnung" an der Bernauer Straße gebaut, mit tragenden Wänden aus Stampflehm. Nach wie vor gilt das Projekt von 1999 als wegweisend für den modernen Lehmbau, und findet deshalb auch in Plänen, Bildern und als abstrahierte Installation nun in der Berlinischen Galerie einen Platz.

MY-CO-X, MY-CO Space, 2021 © tinyBE, 2021. (Quelle: Wolfgang Günzel)Neben Holz wurden für diesen Pavillon auch Pilze verwendet

Ein Raum - drei Projekte

Die Ausstellung ist reduziert auf einen Raum, auf drei Berliner Projekte. Kuratorin Ursula Müller erhofft sich, dass man anhand dieser Beispiele eine bessere Vorstellung davon bekommt, wie das Bauen in der Zukunft aussehen könnte und wie man sich mit den Materialen vertraut machen kann.

Ähnlich alt wie das Bauen mit Lehm ist das Bauen mit Holz. Der Titel "Closer to Nature" wird an dieser Stelle allerdings wohl am deutlichsten, denn es geht nicht darum, Holz als zugeschnittenes Baumaterial zu verwenden, sondern unter anderem Bäume als tragende Struktur für Häuser wachsen zu lassen – wie bei einem Wettbewerbsentwurf für das vor etwa fünf Jahren eröffnete Futurium.

Baubotaniker Ferdinand Ludwig lässt dafür Bäume über Kreuz zusammenwachsen, sodass diese ein Gitter ausbilden, das beispielsweise als selbsttragende Fassade fungieren kann – mit automatischem Sonnenschutz, wenn im Sommer das Laub Schatten spendet, im Winter allerdings möglichst viel Licht ins Gebäude lässt.

Infos im Netz

Paneele aus Pilzen

Dass die Projekte in der Berlinischen Galerie, also einem Kunstmuseum präsentiert werden, ist für Müller nur logisch, da diese unter anderem als interdisziplinäres Museum gegründet wurde und in Kunst und Architektur immer wieder ablesbar wird, wie Ästhetik und Forschung, also fachübergreifendes Denken zusammenkommen kann.

Im Gegensatz zu Baum und Lehm werden Pilze meist nicht direkt mit dem Bauen in Verbindung gebracht. Diese sollen im dritten Ausstellungsprojekt auch keine tragfähige Konstruktion ausbilden. Der Holzpavillon des Kollektivs "MY-CO-X", auf dem die sechseckigen Pilz-Paneele befestigt sind, versucht Antworten zu finden, wie Pilze als Fassadendämmstoffe praktisch funktionieren können.

 

OLA – Office for Living Architecture, Wettbewerb „Haus der Zukunft“, 2012, Perspektive. (Quelle: OLA)OLA – Office for Living Architecture, Wettbewerb "Haus der Zukunft", 2012

Fragen des zukünftigen Wohnens

Das Gebäude sei ein künstlerischer Ansatz, um Forschung zu kommunizieren, sagt Biotechnologin Friederike Hoberg. Die Pilze werden in Formen gezüchtet, dann langsam getrocknet, sodass sich eine fast ledrige, zäh-weiche Struktur bildet. Während diese den Raum isoliert und vor Witterung schützt, ist der Pavillon mit dem Gedanken an die Architektin Galina Balašova entworfen, die beispielsweise den Innenraum für mehrere sowjetische Raumkapseln gestaltet hat. "In diesem Rahmen können wir uns den Luxus leisten, Fragen zu stellen", erläutert Architekt Sven Pfeiffer und konkretisiert: "Fragen des zukünftigen Wohnens. Können wir uns überhaupt vorstellen, so intim und nah zusammenzuwohnen, auch mit den Materialien?"

Während die drei Projekte keineswegs neu sind, bereits gebaut wurden oder an diversen Orten ausgestellt sind, so ändert das nichts an der Aktualität der Fragen, die sie stellen. Die Ausstellung "Closer to Nature" in der Berlinischen Galerie präsentiert folglich die Konzentration eines Themas, das wohl einigen bereits bekannt sein dürfte, allerdings auch nicht oft genug verhandelt werden kann.

Sendung: rbb24, 14.02.2024, 16.00 Uhr

Beitrag von Laurina Schräder

8 Kommentare

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  1. 8.

    Hanf als Dämmmaterial ist noch zu erwähnen. Es ist sehr schade, dass in Berlin die Kapelle der Versöhnung das einzige hervorragende Gebäude in Lehmbauweise ist!! Ich denke nir an Kere, der auch hier studiert hat . Darüber hinaus ist Lehm individuell formbar, vorausgesetzt er ist vor regen geschützt.
    Aber auch einfache Fachwerk- Obergeschosse mit hinterlüfteter Vorhangfassadendämmung würden die Stadt voranbringen in Richtung schönes Stadtbild und angenehmes Raumklima!
    Übrigens lässt sich aus dem Zunderschwamm auch veganes Leder herstellen!

  2. 7.

    Ende d.80 er Jahre nahm ich an ein 3 tägiges Seminar im M. Gropius Bau Teil. Mein Ausbildungsmeister im Maler/ Lackierer Handwerk war auch anwesend. Es ging in erster Linie darum wie Denkmal geschützte Bauten gerecht saniert u.restauriert werden müssen. Dabei wurde auch über die praktizierende Hauswand Dämmung ( Styropor)gesprochen. Als fahrlässig u.gar gefährlich unter anderem wegen Schimmelpilz Bildung im Innenräumen wurde der 10cm dicke Styropor an Außenwände verteufelt. Ebenso die sogenannten modernen ( Plastikrahmen)Kippfenster. Außenwände müssen Atmen können, hieß es da. Insbesondere der Kalksandstein der sehr viel genutzt worden ist zum erbauen von Wohnhäusern i.Berlin.
    Ich erfreue mich jedesmal daran wenn ich sehe wie es Architekten gelingt auch Wohnhäuser zu errichten mit naturbelassenen Materialien. Dabei muß man ja nicht auf Beton gänzlich verzichten.

  3. 6.

    Gibt es doch längst: Pilotprojekte mit bepflanzten Fassaden. Erspart Klimaanlagen, weil die Blätter als Schattenspender die Aufheizung der Bausubstanz verhindern und das Regenwasser wird zur Bewässerung der Pflanzen aufgefangen und gespeichert.
    Zu "Wer schmeißt denn da mit Lehm? ..." Ich hab mal für ne kleine private Baufirma gearbeitet. Der Chef hat sein Unternehmen schon vor 20 Jahren auf Ökologischen Hausbau mit Lehm umgestellt und ist von BE nach BB umgesiedelt, weil er hier keine Aufträge für Lehmbau bekam.

  4. 5.

    Neben Stampflehm und der Baubotanik fehlen noch Erdbeton, Carbonbeton, Flachsfaserstrukturen... um ein Eindruck für die Zukunft zu bekommen...
    (Beton trägt halt mehrere Etagen)

  5. 4.

    "Styropor u.nochmals Styropor". Finde ich auch furchtbar. Es sind Brandbeschleuniger im Falle des Falles, und es ist Sondermüll bei der Entsorgung. Grund ist das Ampel-GEG, kostenmäßig ist die Wärmedämmung von Wohngebäuden oft nicht anders zu bewerkstelligen. Gerade für ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS) ist Styropor der eingesetzte Standard an der Fassade. Schwereres Dämm-Material als Styropor, wie etwa Glaswolle oder Steinwolle ist nicht möglich weil schon zu schwer und/oder zu teuer, um den Wohnraum anschließend noch vermieten zu können.

  6. 3.

    "Eigentlich" gilt die Planungsregel, hochwachsenden Baumbewuchs nicht in der Nähe von Häuserfassaden anzupflanzen. Grund ist die mögliche Zerstörung der Hausfassade durch Baumaufwuchs.

  7. 2.

    Würden BRD & EU wirklich nachhaltige Politik betreiben, würde man konsequent Kreislaufwirtschaft als Bedingung setzen. Hier: Diese Materialien fördern bzw. vorschreiben.

    Grund: Der alte Westen zerstört die Welt aller, Stichwort Erdüberlastungstag. In D etwa März. Von April bis Dezember leben wir auf "Sondervermögen", das es gar nicht gibt. Keine Erden B und C.

    Gerade die sog. hochentwickelten Länder können und müssen (als Hauptverursacher) die Kreislaufwirtschaft ingang setzen. Abgucken können wir bei den sog. Indigenen und unserer eigenen frühen Geschichte.

  8. 1.

    Leider werden diese Gebäude Exoten bleiben. So wunderschön und nachhaltig sie auch sind. Ich finde es schon sehr beeindruckend was es alles an sonstigen Baumaterialien gibt. Momentan hat man eher das Gefühl als gäbe es nur noch Beton, Stahl u. Glas. Selbst Holz bildet da immernoch eine Ausnahme besonders an großen Gebäuden. Von den verschieden nachhaltigen Dämmmaterialien mal ganz zu schweigen. Styropor u.nochmals Styropor.
    Selbst in der Lebensmittel Verpackungsindustrie ist an Fortschritt nicht mal ansatzweise zu denken. Obwohl auch hier die mögliche Vermeidung an Plastik durchaus vorhanden ist.

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