“Die härteste Tochter Deutschlands” (Quelle: Deutsches Theater/Presse/Roman Kuskowski)
Bild: Deutsches Theater/Presse/Roman Kuskowski

Theater-Stream-Kritik | "Die härteste Tochter Deutschlands" - Mein Vater, der Reichsbürger

Eine Tochter schreibt über ihren Vater, einen Reichsbürger. Der Text hat nun wegen Corona am DT Berlin nicht auf der Bühne, sondern als Live-Stream Premiere gefeiert. Format und Inhalt gehen dabei eine ziemlich fruchtbare Beziehung ein. Von Fabian Wallmeier

"Erkennen, wer er ist: ein Nazi - und mein Vater." Eine Tochter versucht eine Annäherung an ihren Vater, der in die rechtsextreme Reichsbürgerszene abgedriftet ist. In Internet-Videos,  legt er seine krude Weltsicht dar - und die Tochter ringt um Worte.

"Die härteste Tochter Deutschlands", ein autobiographischer Text von Katharina Köth, sollte eigentlich als klassische Theater-Inszenierung in der Box des Deutschen Theaters Berlin zur Aufführung kommen. Stattdessen hat Sarah Kurze ihn für das DT nun mit ihrem dreiköpfigen Ensemble für einen Live-Stream-Abend umgearbeitet. Am Donnerstagabend war Premiere, zwei weitere Termine am 11. und 13. Mai sind angekündigt - nicht aus der Konserve, wie so vieles, was gerade von Theatern gestreamt wird, sondern live.

Vierfacher Split-Screen

Weite Teile des einstündigen Abends sind im Split-Screen zu sehen: Elias Arens, Edgar Eckert und Annemie Twardawa sind jeweils in einem Viertel zu sehen, im vierten scrollt sich eine unsichtbare Hand durch das Netz: von Wikipedia-Artikeln über Verschwörungstheorien, Holocaustleugner und Reichsbürger zu den Webseiten, wo diese sich Menschen ihre virtuelle Parallelwelt gebaut haben und schließlich zu klassischen Onlinemedien-Angeboten.

Der Abend legt skizzen- und sprunghaft die wirre Weltsicht des Vaters dar, der nicht an die Rechtmäßigkeit des Grundgesetzes glaubt, der sich in immer krudere vermeintliche Zusammenhänge verstrickt, die in einem großen undurchsichtigen Verschwörungskomplott münden. Motive aus dem Science-Fiction-Klassiker "Die Matrix" tauchen auf - und damit verknüpft die zentrale Frage: Was ist Wahrheit?

Die Tochter bildet dabei nicht nur das Abdriften des Vaters und ihre Distanzierung davon ab, sondern sie entdeckt in diesem so weit entrückten Weltbild auch eine innere Logik, die durchaus in der Realität fußt - und zwar in einer dezidiert ostdeutschen: Dieses Mal wolle er es richtig machen, sagt der Vater - nicht wie bei der letzten Revolution 1989, denn "da fehlten uns die Infos". Er hat in einem Land gelebt, das gelogen hat - warum sollte es also aus seiner Sicht jetzt nicht wieder so sein, schlussfolgert die Tochter, ohne ihm aber auch nur einen Schritt in diese fatale Logik zu folgen.

"0" heißt "Nein", "1" heißt "Ja"

Auf dem Youtube-Kanal, der den Stream beherbergt, ist parallel ein Chat eingerichtet. Dort begrüßen sich Teile der DT-Belegschaft, dort schreibt aber auch am Anfang ein Alter Ego der Autorin, dass sie ihre Geschichte nicht sprechend erzählen könne, sondern dass sie sie schreiben müsse. Und vor allem stellt dort ein offensichtlich inszenierter Chat-Teilnehmer Fragen, die von den anderen jeweils in Binärsprache ("0" für "Nein" oder "1" für "Ja") beantwortet werden sollen. "Glauben Sie, eine Welt ohne Gesetzen, ohne Kontrollen und ohne Grenzen wäre eine bessere", wird da etwa gefragt. Das nebenbei zu verfolgen, lenkt leider sehr vom Hauptgeschehen ab - und es führt zu wenig, sieht man mal von der dort herausgearbeiteten, etwas schalen Pointe ab, die hier aber nicht verraten werden soll.

Ansonsten aber bilden die aus der Not geborene Form des Abends und sein Thema eine schlüssige Einheit. Die Geschichte einer gesellschaftlichen Selbstentkoppelung wird da erzählt, wo sie vollzogen wurde: in der stetigen Gleichzeitigkeit der Internets, wo neben all dem Unverzichtbaren, was unser Leben heute mit ausmacht, eben auch für jede noch so irre Verschwörungstheorie vermeintliche Belege zu finden sind - und Gleichgesinnte einander in ihrem Wahn bestätigen.

Keine klare Rollenverteilung

Auf eine klare Rollenverteilung verzichtet die Regisseurin. Jeder und jede der drei spricht mal aus der Perspektive der Tochter, mal aus der des Vaters - und mal aus einer ganz anderen. Twardawa, im Hauptberuf Puppenspielerin, hockt während des Stücks in einem Maleranzug auf dem Boden und aus Draht, Zeitungen und Klebeband eine Art Puppenhaus. Arens läuft mit weit aufgerissenen Augen durch Kellergänge und wird dabei gefilmt, wie er sich selbst mit dem Handy filmt.

Eckert ist immer wieder im Anzug an einem Schreibtisch zu sehen und verliest Corona-Verordnungen. Dieser direkte Brückenschlag zu den äußeren Umständen, die zu dieser ungeplanten Inszenierungsform geführt haben, ergibt auch einen inneren Sinn: Von den Verschwörungstheorien der Reichsbürger sind die Verschwörungstheorien zum Coronavirus und den ergriffenen Maßnahmen nur wenige Klicks entfernt. Damit gewinnt die Inszenierung an Unmittelbarkeit. Wenn Eckert dann ganz am Ende mit Umhang und Dornenkranz-Maske in artifiziellstem Theater-Deutsch Angela Merkels Corona-Fernsehansprache karikiert, löst das ein solches Unbehagen aus, dass man zu verstehen beginnt, wie Verschwörungstheorien wirken können: als Zerrbilder der Wirklichkeit, die von ihr so weit entkoppelt sind, dass sie mit rationalen Mitteln kaum mehr gerade zu rücken sind.

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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