Junge sitzt auf einem Tor (Quelle: imago images/JOKER/WalterxG.)
Audio: rbb|24 | 03.09.2019 | O-Ton Erzieher Marcus Behrendt | Bild: imago images/JOKER/WalterxG.

Größere Kinder in Berlin - Zu groß für den Spielplatz, zu klein für die Straße

Pankow gilt als familienfreundlicher Bezirk. Dabei ist es eigentlich einfach nur proppenvoll überall. Das gilt auch und insbesondere für die viel zu wenigen Spielplätze. Zu spüren bekommen das vor allem die über Sechsjährigen. Von Sabine Krüger

Dass Pankow von Familien chronisch überlaufen ist, ist kein Geheimnis. Das gilt auch für den Ortsteil Alt-Pankow, unweit des S-Bahnhofes Wollankstraße und mittendrin im beliebten Florakiez.

Ben*, mein Sohn, ist inzwischen fast neun Jahre alt. Der selbstbewusste Junge hat viele Freunde im Kiez und mit denen will er längst für ein bis zwei Stunden alleine los am Nachmittag. Zum "Chillen".  Ohne Mama, Papa und kleine Geschwister. Dafür aber mit den Kumpels und möglichst umsonst und draußen.

Dahin dürfen sie nicht, dorthin sollen sie nicht

Was die Sache dann aber schwierig macht ist, dass die Kinder nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Denn die öffentlichen Spielplätze sind am Nachmittag restlos überfüllt mit Kleinkindern samt Eltern oder Großeltern. Das ist aber offenbar nicht nur in Pankow so. Marcus Behrendt ist Horterzieher an einer Grundschule in Tempelhof. Seiner Meinung nach ist die Situation für die etwas älteren Kinder vor allem deshalb schwierig, weil es in der Stadt an Platz für sie mangelt. "Es kommt dabei gar nicht so sehr auf die Ausstattung der Spielplätze an. Wenn die Kinder sich frei bewegen und rennen können, fallen ihnen auch tolle Spiele ein", so der 40-Jährige. Doch kleine, zwischen Häusern geklemmte Spielplätze könnten das nicht wirklich erfüllen. Es geht auch anders: "In der Buschkrugallee in Neukölln zum Beispiel ist ein riesiger Spielplatz mit einem Motorikpark und riesigen Flächen", schwärmt Behrendt. Aber solche Spielplätze gebe es viel zu wenige.

Die Parks, wie zum Beispiel der Bürgerpark in Pankow, sind verhältnismäßig anreizlos. In die Panke dürfen die Burschen nicht rein. Es liegen Scherben darin und zudem zertrampeln sie das Ufer. Auch vor der Wasserqualität wird immer wieder gewarnt. Der kleine Skatepark ist im Regelfall übersäht mit Scherben und zudem besetzt von Kindern deutlich über 12 Jahren (für die ist er auch gedacht), die es richtig bescheiden finden, wenn sich da deutlich Jüngere einfinden.

Ben zieht - mit seiner Armbanduhr und genauen Instruktionen, wo er nicht hindarf, versehen - mitunter inzwischen leider recht ziellos mit seinen Freunden durch den Bezirk. Wenn einer Geld dabei hat, entern sie den Supermarkt. Angenehme Kunden sind sie nicht. Sie sind gelangweilt, krakeelen laut und pieken mit Vorliebe sehr viele Löcher in die mit Plastikfolien umspannten Behälter mit frischen Waren. Nach spätestens zehn Minuten werden sie zu Recht ermahnt und mehr oder weniger freundlich zum Bezahlen und Gehen geleitet.

Kinder spielen gemeinsam auf einem Spielplatz in Berlin (Bild: imago-images/Schöning )Archivbild: Ein recht voller Spielplatz in Berlin

Auf dem Spielplatz werden Größere zur Gefahr

Bleibt dann doch wieder nur der Spielplatz. Doch in Berlin ist die durchschnittliche Spielfläche je Einwohner in den letzten 20 Jahren von 0,8 auf 0,6 Quadratmeter gesunken (Laut Gesetz soll es mindestens ein Quadratmeter sein). Trotzdem gibt es insgesamt 1.785 Spielplätze. Davon sind nach Angaben der Senatsverwaltung 1.273 für Kinder und Jugendliche zugleich gedacht. Also auch für Ben und seine Kumpels.

Doch dort ist es für über Sechsjährige mitunter nicht nur ganz schön eng, sondern auch ziemlich langweilig. Das hat sogar System. Denn, so schreibt es die Senatsverwaltung, die auf den Spielplätzen aufgestellten Spielgeräte sollen unattraktiv für andere Altersklassen sein. Definitiv kaum vorhanden sind in Alt-Pankow Spielplätze, die über komplexere Klettermöglichkeiten, Balance-Optionen, Wasseranreize, längere und steilere Rutschen oder für etwas ältere Kinder geeignete Rückzugsräume bieten. "Mehr Fußballkäfige wären auch ganz gut", sagt Hort-Erzieher Behrendt. "Da kann der Ball dann auch keinem Kind, das im Sandkasten sitzt, an den Kopf geknallt werden."

Am Ende bleibt nur wieder die Straße

Für größere Kinder fehlt es also definitiv an kreativem und gleichzeitig geschütztem Raum zum Spielen. Um die Sache dann etwas aufregender zu gestalten, rutschen Ben und seine Freunde auf dem proppenvollen Spielplatz für alle jeweils mit einer riesigen Ladung Sand und Kies, die sie zuvor in ihre T-Shirts gepackt die Leiter hinauf balanciert haben. Wird ihnen das verboten, hängen sich bei vollem Tempo an das Drehkarussell und reißen im schlimmsten Fall mit ihren langen Beinen sämtliche sich im Radius befindlichen Kleinkinder um. Danach klettern sie von außen auf das große Holztipi und drohen das Teil umzukippen. Je nach Randale-Grad dauert es da maximal eine halbe Stunde, bis sie – auch hier zu Recht – von den Eltern der Kleinkinder erst ausgeschimpft und dann weggeschickt werden.

Dann also doch wieder auf die Straße. Denn auf dem Fußballplatz ist Vereinstraining und das Geld für ein Eis im Park hatten sie zuvor schon im Supermarkt für eine Tüte Chips und Limo investiert.  

In Potsdam scheint das anders zu laufen

Schade, dass sich die Stadt Berlin offensichtlich nicht so recht zuständig fühlt, auch größere Kinder adäquat zu bespielen. Die anteilig meisten Spielplätze in Pankow ständen ja genau den  8 bis 12-Jährigen zur Verfügung, so das Bezirksamt Pankow auf Nachfrage von rbb|24. Die tatsächliche Qualität der Orte oder zum Beispiel der Platz, der zur Verfügung steht, spielen kaum eine Rolle. Anders geht das offenbar in anderen Städten.

In Potsdam gibt es derzeit ein Beteiligungsverfahren für die Bürger, weil zu einer lebenswerten Stadt auch "attraktive und nutzerorientierte Spielplätze, Skate- und Bolzplätze und Aktionsflächen für Kinder und Jugendliche" gehörten. Hier sollen nicht nur die Bedürfnisse abgefragt werden, sondern es sollen auch die bestehenden Spielplätze erhalten und weiterentwickelt werden. Die Zielgruppe der 6 bis 12-Jährigen ist hier eigens als Zielgruppe erfasst. Chapeau! Leider kommt ein Umzug für unsere Familie nicht in Frage.

Die Vereine haben lange Wartelisten

Die einfachste Lösung für das Nachmittagsproblem sei doch ein Verein, mag man da denken. Schön wär's. Erstens kann man da dann auch nicht jeden Nachmittag hin und zweitens sind die Wartelisten der Pankower Vereine endlos. Mitunter wollen so viele Kinder kommen, dass nicht mal mehr eine geführt wird. Im Schulhort zu bleiben, bis der schließt, ist übrigens auch nicht jeden Tag die Lösung für die Unabhängigkeitsbestrebungen des Nachwuchses. Denn dort ist, genau wie in den Vereinen, ja pädagogisches Personal allgegenwärtig und es geht den Kindern ja durchaus auch darum, sich genau ohne für sie zuständige Erwachsene auszuprobieren.

*Der Name des Kindes ist geändert.

Kommentar

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Antwort auf [Störenfrieda] vom 03.09.2019 um 16:02
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15 Kommentare

  1. 15.

    Wozu neue Spielplätze? Die sind nach kürzester Zeit doch, so wie alle Spielplätze Berlins, nur noch Hundeauslaufgebiete, zugekotet und vollgepinkelt. Wir gehen grundsätzlich nicht mehr auf Spielplätze. Das ist uns zu ekelhaft und gesundheitsgefährdend für die Kinder. In unserer Gegend sind die Spielplätze verwaist. Freizeiteinrichtungen, Nachbarschaftsläden bräuchte es. Aber Spielplätze sind Geldverschwendung.

  2. 14.

    In einer Stadt, in der nichtmals Schulen geschweige denn städtischen Wohnungen auf landeseigenen Grundstücken gebaut werden dürfen ohne dass das Abendland untergeht, braucht man noch lange nicht über eine alternative Nutzung privaten Eigentums nachdenken.

    In einem Land, in dem Spielplätze vor sich hin rotten, braucht nicht über neue nachgedacht werden. Im hier erwähnten Pankow waren 2018 nur 38 von 218 öffentlichen Spielplätzen vollständig intakt, 28 Anfang 2019 sogar ganz oder zumindest teilweise gesperrt.

  3. 13.

    Die Ben gel wissen wohl, das sie noch strafunmündig sind. Ist nicht die feine Art, auf dem Spielplatz und im Supermarkt Sachbeschädigungen zu machen. Was soll das erst werden, wenn älter . Zwischen selbstbewusst und Frechheit gibt es schon Unterschiede.

  4. 12.

    Soso. Also nicht nur seien Rot-Rot-Grün schuld an Verhältnissen, die weit über die Aufnahme der aktuellen Legislaturperiode hinausgehen, sondern es wird auch zu wenig geglaubt. Sehen Sie, es sind genau diese abrichtenden, uniformierenden sowie ausschließenden Denkweisen, die die Kirche in Teilen so unattraktiv machen. Man möchte meinen, Sie halten die Arbeit der ARCHE etc. auch für weltoffen und tolerant, wenn sie dort evangelikale Narrative verbreiten und den Umstand, dass Hilfe gebraucht wird dafür insturmentalisieren, ihren Einfluss zu erweitern.

    Kirchliche Organisationen haben, egal in welchem Bereich, einen zu großen und keinen zu kleinen Einfluss. Sonderrechte und -regelungen gehören abgeschafft. Gerade im sozialen Sektor agieren Kirchen toxisch, wenn sie darüber bestimmen, wer wo arbeitet, zu welchen eingeschrnkten Arbeitnehmer*innen- und Versammlungsrechten sowie Datenschutzrichtlinien und wenn kirchliche Netzwerke durch Parteigeklüngel andere Vereine verdrängen.

  5. 11.

    Sich eigenverantwortlich Spielmöglichkeiten zu suchen, ist ein Bestandteil der Lebenswelt von Kindern, Bolz-, (Abenteuer)Spielplätze etc. wurden genannt. Ich finde es aber äußerst befremdlich bis weltentrückt, die pädagogischen Angebote zu übersehen. Die Jugendhilfe hat Möglichkeiten, sich sehr genau auf die Bedürfnisse und Wünsche von Kindern einzulassen. Demokratiebildung und Partizipation sind große Schlagwörter in der Jugendhilfe, nur scheints in Teilen der Köpfe nicht nur bei Behörden, sondern v. a. bei Sorgeberechtigten nicht angekommen. Statt Angebotsdefizite festzustellen, sollte man ergebnisoffen mal schauen, welche Freizeiteinrichtungen es in der Nähe gibt. Pankow ist groß und bunt, da gibt es für diverse Vorlieben etwas: Für Sportliches, für entschieden Akrobatisches in RIchtung Zirkuspädagogik, für Künstlerisches, für Politisches - und immer mit dem Anspruch, den jungen Menschen den nötigen Raum für ihre Kreativität zu bieten, statt sie gleichförmig zu "verwalten".

  6. 9.

    So ein Quatsch, wenn mal will, aber das will in Berlin keiner, weil keiner zuständig ist und einen Wasserkopf in den jeweiligen Behörden gibt kann die Planung und die Fertigstellung auch unter 6 Monaten dauern, wenn man will,für die wohnungen in der Karl Marx Allee war auch Ratzfatz Geld da, für die Grünen Punkte in der Bergmannstraße auch, wo ein Wille da ist kann auch was geschehen aber sorry es geht mal wieder nur um RRG Prestige Projekte

  7. 8.

    "Die Zukunft der Nation" werden Menschen auf die Beine stellen, die keinen öden schlecht gelaunten Kopf haben und sich notorisch darüber definieren was abzulehnen ist. Was nützen Stammtischparolen. Gar nichts. Das allein die Planung eines Spielplatzes, oder Ortes für Kinder mindestens 5 Jahre braucht. Was interessiert es den mosernden Stammtisch. Das die Grundstücke und Gebäude in den Bezirken dafür gar nicht im öffentlichen Besitz sind. Was interessiert es den Stammtisch. Er torpediert jeden Versuch Grund und Boden (wieder) unter demokratische Kontrolle zu bekommen als kommunistische Enteignung in schönster Einigkeit mit denen die ihn privat besitzen.
    Aber naja. "Zukunft der Nation" ist sowieso vorbei. Selbst bei der Spielplatzplanung ist "Nation" ein engstirniger Ansatz.
    Hilfreich wäre, Sie könnten eine Ort in Ihrer Nähe nennen um den Kinder zwischen 6-12 Jahren mit ihren Eltern und den Anwohner kämpfen könnten.

  8. 7.

    Und was ist mit den Eltern? Sich nachmittags innerhalb der Familie zu beschäftigen gibts gar nicht mehr? Mit Geschwistern spielen, Oma besuchen, mit Freunden verabreden, Sport treiben? Auch berufstätige Eltern haben die Verpflichtung, sich um diese Dinge zu kümmern und sie zu organisieren. Ja, es gibt zuwenig Spielplätze und Freizeitheime. Aber dann muss Plan B her. Es gibt übrigens in allen Bezirken Sportvereine, die freuen sich über jeden Neuzugang. Sorry, aber das hört sich alles so an, als wenn es keine Beschäftigung gäbe, wenn der Senat nicht für Animation sorgt. Wir arbeiteten im Schichtdienst und haben uns mit anderen Eltern organisiert. Immer nur darauf zu warten dass der Staat aktiv wird, das ist den Kindern gegenüber unfair. Vielleicht sollten sich Eltern schon im Vorfeld mal darüber Gedanken machen, wie solche Dinge später zu handeln sind.

  9. 6.

    Sie haben sicherlich recht damit, dass insgesamt zuwenig in unsere Kinder und Jugendlichen investiert wird. Siehe z.b. auch die Bildungspolitik. Aber die Verantwortung für die Freizeitgestaltung eines Kindes obliegt normalerweise zunächst den Eltern. Es gibt in Berlin ein riesiges Angebot an Sportarten, die man für sehr wenig Geld in unzähligen Vereinen ausüben kann (für Geringverdiener und Hartz-Empfänger über den Berlinpass sogar kostenfrei, plus Zahlungen für die dafür nötige Ausrüstung). 2x/Woche wäre ein Kind dann mindestens beim Sport innerhalb einer Gemeinschaft außerhalb der Schule gut versorgt. Zudem finden an Wochenenden in vielen Sportarten Turniere und gemeinsame Ausflüge statt. Die Vereine beklagen zudem immer mehr Mitgliederschwund. Wäre also eine Win-Win-Situation. Zumal immer mehr Kinder durch Bewegungsmangel unsportlich und übergewichtig sind. Informationen bekommt man bequem online. Wenn man richtig hinschaut, bietet Berlin nämlich auch eine ganze Menge Möglichkeiten.

  10. 4.

    Aber auch Folge einer immer mehr säkularisierenden Gesellschaft.

    In vielen christlichen Gemeinden werden Räume und / oder Gruppen für diese Altersgruppen
    angeboten, aber mangels Nachfrage wieder eingestellt.

    Die Möglichkeiten, dort mit engagierten, sozialpädagogisch ausgebildeten Betreuern die Freizeit
    - wenn auch nur teilweise - sinnvoll zu gestalten, wird leider viel zu selten genutzt.

  11. 3.

    Das ist der typischen RRG Symbolpolitik geschuldet, überall wird Geld verschwendet,aber für die Zukunft der Nation ist wie immer kein Geld da, man lässt die Jugend total vergammeln, kein Wunder das viele Blödsinn anstellen, weil sie nicht wissen wie ihre Freizeit ausgefüllt wird.

  12. 2.

    Hier in Berlin Mahlsdorf wird jetzt ein Jugendclub eröffnet. Hier wurde in der naheliegende Schule eine Umfrage der 6 - 12jährigen durchgeführt, um deren Wünsche zu erfassen. Nur als Beispiel, dass sowas auch in Berlin geht

  13. 1.

    Es gibt übrigens einen Begriff für diese Altersgruppe: "Lückekinder". Siehe den gleichnamigen Wikipedia-Artikel, dort wird allerdings geschrieben, dass dieser Begriff "heute nur noch selten verwendet wird". In der Edisonstrasse in Oberschöneweide gibt es eine eigene Einrichtung namens "Outreach Kids" für diese Altersgruppe.

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