Geplante Ernährungsempfehlung - Das Märchen von der Currywurst-Rationierung

Do 15.06.23 | 16:39 Uhr
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Schale mit Currywurst (dpa picture alliance/Robert Schlesinger)
Bild: picture alliance/Robert Schlesinger

Seit einiger Zeit behaupten manche Politiker und Medien, den Deutschen drohe ein Fleischverbot. Hintergrund ist eine geplante Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Was ist dran an den angeblichen Fleischverbrauchs-Limits? Von Silvio Duwe, Chris Humbs und Markus Pohl

Die Currywurst gehört zu Berlin wie das Brandenburger Tor und der Fernsehturm. Doch an den Buden in der Hauptstadt geht seit kurzem die Angst vor der Fleischrationierung um. "Nur noch eine Wurst pro Monat für jeden!" schreibt die Bild-Zeitung [bild.de]. Aber auch in anderen Medien waren diese und ähnliche Überschriften in den letzten Wochen zu lesen. Will die Bundesregierung jetzt die Wurst rationieren?

Fleisch-Video von Unionspolitiker: Über eine Million Klicks

"Da sollen die erstmal da oben anfangen, eine Wurst pro Monat und den Rest den grünen Salat oder so," sagt ein Imbissbesucher gegenüber ARD-Kontraste. Und er ist mit seinem Unmut nicht allein: Selbst der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) griff auf Twitter [twitter.de] die Zeitungsberichte auf, schrieb: "Warum soll immer alles verboten werden? Was die Menschen essen, sollen sie selbst bestimmen. Wir leben in einer Demokratie." Und der Bundestagsabgeordnete Oliver Vogt, der für die CDU im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt, hält in einem Video auf Instagram eine Packung Fleisch in die Kamera und erklärt, "das sollte ja jetzt für 14 Wochen reichen". Hinter all dem stünde "grüne Ideologie". Über eine Million Mal wird das Video aufgerufen.

"Eine Currywurst im Monat"

Doch woher kommt die Aufregung um die angebliche Wurstrationierung? Begonnen hat sie mit einem Artikel in der Lebensmittel-Zeitung [lebensmittelzeitung.net]. Darin wird berichtet, dass die unabhängige Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) derzeit ihre Ernährungsempfehlungen überarbeitet. Der Artikel übernimmt außerdem einfach die Behauptung von Industrievertretern, die DGE habe sich bereits darauf festgelegt, künftig nur noch 10 Gramm Fleisch am Tag zu empfehlen. Der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbands MIV, Eckhard Heuser, rechnet in dem Text vor: "Das entspräche einer Currywurst im Monat!" Diese Rechnung wird kurz darauf von der Bild-Zeitung und weiteren Medien aufgegriffen.

DGE-Präsident: "Empfehlung von zehn Gramm Fleisch wird es nicht geben"

Doch die Ausgangsthese, die DGE habe sich bereits festgelegt, künftig nur noch zehn Gramm Fleisch täglich zu empfehlen, stimmt nicht. Gegenüber Kontraste erklärt DGE-Präsident Professor Bernhard Watzl, dass diese Zahl aus einer Betaversion der Empfehlung stamme. Bis zur Fertigstellung der Empfehlung würden aber noch 750 Kommentare aus Wissenschaft und Industrie dazu berücksichtigt. "Insofern macht es keinen Sinn, jetzt wirklich auf zehn Gramm am Tag die Diskussion weiterzuführen, weil wir definitiv so eine Empfehlung nicht machen werden", so Watzl. Für Fleischesser empfiehlt die DGE momentan einen Fleischkonsum von nicht mehr als 300 bis 600 Gramm pro Woche. Der Maximalwert von 600 Gramm bezieht sich dabei auf Menschen, die "schwere körperliche Arbeit" verrichten.

Die Demokratie leidet unter dieser Art von politischem Diskurs, die mit drastischen Verzerrungen und Unwahrheiten und Desinformation arbeitet

Christian Stöcker von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Für den Kommunikationswissenschaftler Professor Christian Stöcker von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ist die Debatte um die angebliche Currywurst-Rationierung eine klassische Strohmann-Argumentation. Der politische Gegner, in diesem Fall die Grünen, werde für eine Ernährungsempfehlung verantwortlich gemacht, die es gar nicht gebe. "Die Demokratie leidet unter dieser Art von politischem Diskurs, die mit drastischen Verzerrungen und Unwahrheiten und Desinformation arbeitet", sagt Stöcker zu "Kontraste".

Milchindustrie-Verband wehrt sich gegen "Diskriminierung" tierischer Produkte

Hinter der Desinformationskampagne stecken wohl auch wirtschaftliche Interessen. Nicht nur wegen gesundheitlicher Aspekte gibt es Druck den Fleischkonsum zu reduzieren. Auch Klimaschutzgründe sprechen dafür: 14,5 Prozent der menschenverursachten Treibhausgase gehen nach UN-Schätzungen auf die Haltung und Verarbeitung von Nutztieren zurück. Tatsächlich will die DGE auch Klimaschutzaspekte künftig in ihren Empfehlungen berücksichtigen.

Gegen die "Diskriminierung" tierischer Produkte aus Klimagründen wehrt sich der Milchindustrie-Verband schon seit Längerem. 2020 ging sogar eine eigene Webseite [milchindustrie.de] online, mit der der Verband beweisen will, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Rinderhaltung und dem Klima gebe. Es handle sich um einen geschlossenen CO2- und Methankreislauf, zusätzliche Emissionen entstünden nicht, so die Botschaft in dem 14-minütigen Film, der auf der Webseite präsentiert wird.

Agrarexperte: Aussagen des Films "irreführend"

Der Agrarökonom Professor Matin Quaim von der Universität Bonn, der sich für Kontraste den Film angesehen hat, hält die Aussagen dort für irreführend: "In der Darstellung wird ja unterstellt, dass die Kuh nur das Gras frisst. Auf der Weide, auf der sie steht", so Quaim. Was dabei völlig außen vorbleibe, sei, dass Kühe und Rinder zusätzlich mit einer großen Menge Getreide und Soja gefüttert würden, so Quaim. Gerade die Produktion von Tierfutter ist jedoch CO2-intensiv. In Südamerika wird für die Sojaproduktion für deutsche Rinderherden sogar großflächig Regenwald gerodet.

Produziert hat den Film der Ökonom Prof. Peer Ederer, der darin auch als Experte vor der Kamera steht. Seiner Ansicht nach enthalten die Ernährungsempfehlungen der DGE schon heute eher zu wenig Fleisch. Das sagt er im Interview mit Kontraste. Die Frage, wer seine Arbeit finanziert, möchte Ederer vor der Kamera nicht beantworten. Er sei jedoch in seinen wissenschaftlichen Aussagen vollkommen unabhängig.

Sendung: Kontraste, 15.06.2023, 21:45 Uhr

70 Kommentare

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  1. 70.

    Wer will wen uniformieren???
    Im Vergleich zum letzten Jahrhundert ist unsere Gesellschaft wesentlich pluralistischer geworden, was von vielen hier auch oft beklagt wird!

  2. 68.

    Das Soja, das ich esse kommt aus Europa. Woher kommt das Soja, das an die Tiere verfüttert wird, die Sie essen?

  3. 67.

    „FAKT: weder DIE Regierung, noch DIE Grünen noch DIE da oben haben die Macht, dem Bürger vorzuschreiben was er ist.
    Bei jeder Meldung dieser Art, egal ob Fleischverzicht, Privatheizung oder Klima sollte sich der aufgeklärte Bürger immer fragen: wem nutzt sie?“

    Richtig! Der „aufgeklärte Bürger“ sollte eigentlich auch wissen, dass von – vollkommen freiwilligem(!) – Verzicht auf Fleisch (bzw. auch einfach bloß etwas weniger davon zu essen, dafür aber z.B. in Bio-Qualität) neben den Tieren, die zumindest unter etwas besseren Bedingungen gehalten werden, auch seine eigene Gesundheit und die Umwelt / das Klima profitieren … Aber ja, und da haben Sie vollkomen recht, diese Entscheidung muss jede und jeder für sich selbst treffen; dass die Politik in dieser Hinsicht irgendwas vorschreiben würde und könnte, ist wirklich völliger Mumpitz – der aber trotzdem immer wieder gerne verbreitet …

  4. 66.

    Verblüffend ist, dass Vielfalt an anderer Stelle von den reaktionären Kreisen auch abgelehnt wird. Im Kern m.E. nur die Angst vor Veränderung. Und Angst ist kein guter Berater.

  5. 65.

    Haben Sie sich vielleicht im Artikel geirrt? Oder wollen Sie den notwendigen Wechsel zu mehr Nachhaltigkeit tatsächlich als Einschränkung der Vielfalt interpretieren? Das wäre selbst für Sie ziemlich albern...

  6. 64.

    Es hat Vorteile. Wenn die Biologie es erlaubt, verschiedene Nahrung im Körper aufzuspalten. Egal ob Essen, Autofahren, Kamin oder Polls, das Zurückdrängen der Vielfalt und hin zum "Einheitseinkommen" oder Gleichmacherei, wollen die Menschen nicht. Es schwant einem: Es ist erst der Anfang zur "Uniform"...(Ausgenommen die Zuteiler mit ganz anderer Moral).

  7. 63.

    Warum erzählen Sie immer den selben Unsinn?
    Meine kleine EU-Rente, bislang auf Hartz4-Niveau incl. Wohngeld, reicht locker für die empfohlenen 300g Fleisch pro Woche und zwar in Bioqualität, ebenso Milch und Eier.
    Vielleicht sollten Sie mal Ihr Konsumverhalten überprüfen wenn das Geld nicht reicht. Aber klar, wenn Amazon -Shopping, Urlaub und "Kleidung trage ich grundsätzlich nur einmal" und anderer Unsinn wichtiger ist als Tieren ein etwas besseres Leben zu bescheren reicht es natürlich nicht.
    Ihre Priorität ist offensichtlich eine andere als meine. Also reden Sie doch bitte nur von sich selbst.
    PS: ich war noch nie bei der Tafel, selbst wenn ich nur 160 EUR zum Leben hatte.

  8. 62.

    "an der genannten Person abarbeiten" Falls Sie damit den Grünen Herr Ernährungsminister damit meinen, da gibt es nichts abzuarbeiten. Der Berufspolitiker hat fast zehn Jahre lang Erzieher studiert und dann mit der langen Ausbildung in seinem Berufe nie gearbeitet sondern anschließend von Steuergldern/Parteigeldern gelebt.

  9. 61.

    FAKT: weder DIE Regierung, noch DIE Grünen noch DIE da oben haben die Macht, dem Bürger vorzuschreiben was er ist.
    Bei jeder Meldung dieser Art, egal ob Fleischverzicht, Privatheizung oder Klima sollte sich der aufgeklärte Bürger immer fragen: wem nutzt sie?
    Dem Politiker, um Reichweite zu erhalten, der Presse, um die Auflage zu erhöhen und mehr Werbeeinnahmen zu erzielen oder den Lobyisten, um mögliche, einschränkende Gesetze zu verhindern.
    Schade, dass Medienkompetenz kein Schulfach ist.

  10. 60.

    Antwort auf Klaus Brause
    Der Alt Kanzler Helmut Schmidt ist auch als Kettenraucher sehr alt geworden wie ich weiß!
    Und übrigens meine Oma wurde trotz Rauchens 98 Jahre alt.
    Und nun esse ich zum Trotz 8 Currywürste die Woche.
    2 Stück für Sie mit.

  11. 59.

    Auweia ich esse in der Woche bis zu 6 Currywürste und das gut 50 Jahre schon."
    Ja, und mein Oppa hat jeden Tag 40 Zigaretten geraucht und ist auch 58 geworden!

  12. 58.

    "Soja ist nicht umweltfreundlich, weil dafür Regenwälder abgeholzt werden"

    Haha, vielleicht wäre es sinnvoll die Fakten zu kennen. Soja welches direkt zu Lebensmitteln verarbeitet wird macht nur einen Bruchteil der weltweiten Sojaernte aus und dafür sterben auch keine Regenwälder. Der wirkliche "Regenwald-Killer" sind die Massen an Soja, die benötigt werden um die Unmengen an Tieren zu mästen, die dann für die Fleischproduktion sterben müssen...
    Somit macht ihr Argument keinen Sinn.

  13. 57.

    Und genau aus diesem Grund sollte nicht der Großteil ... knapp 80 % [1] ... der weltweiten Produktion als Tiernahrung dienen, um unseren Fleischkonsum sicherzustellen.

    https://www.oesterreich-isst-informiert.at/tipps-service/soja-im-faktencheck/

  14. 56.

    Bzgl. Teil 1 Ihres Kommentares empfehle das Lesen des Textes, denn Ihre Behauptung enthält genau jene Unwahrheiten, die oben aufgedröselt werden. Und Absatz 2 ... das Ziel klingt vernünftig, vor allem, wenn man das Gesamtpapier im Kontext liest. Ich verlinke es für Sie mal:

    https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ernaehrung/ernaehrungsstrategie-eckpunktepapier.pdf?__blob=publicationFile&v=4

    Und sollten Sie sich doch nur an der genannten Person abarbeiten wollen ... Studien zum Thema wurde durch das UBA schon während Zeiten der GroKo erstellt ... nur offenbar eben weitestgehend ignoriert im Handeln.

  15. 55.

    Volle Zustimmung, Eiskalle! Ihr Beitrag zeigt, dass es um den Zustand unseres Landes schlecht bestellt ist. Das liegt aber keinesfalls an "den grünen Spinnern"...

  16. 54.

    Das ist das beliebteste Märchen der Fleischlobby und eine wunderbare Ausrede für die jeder Änderung ablehnend gegenüberstehenden Konsumenten. Nein, Soja ist nur umweltschädlich, weil der Löwenanteil als Tierfutter in die Fleischproduktion geht, wo für 1 kg Fleisch ca. 10 kg pflanzliches Futter gebraucht werden. Dafür wird Regenwald abgeholzt. Die recht kleine Menge Soja für die menschliche Ernährung wird, insbesonder bei Biozertifizierung, in Europa angebaut. Selbst wenn diese Menge steigen sollte, so wird bei direktem Verzehr statt Nutzung als Futtermittel die Ökobilanz sehr viel besser sein. Die CO2-Bilanz von Tofu usw. ist um ein Vielfaches besser als die von Fleisch, wobei Rindfleisch dabei noch eine einsame (negative) Spitzenposition einnimmt. Solange die Verbraucher sich aber auf "alternative Fakten" zurückziehen können, werden sie immer einen Grund finden ihre Gewohnheiten nicht zu ändern.

  17. 53.

    Das Ziel ist die „Transformation des gesamten Ernährungssystems“ im Namen des Klimas. Ernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) arbeitet an der radikalen Reduzierung des Fleischkonsums in Deutschland. Dafür erwägt er eine Rationierung von Fleisch durch die Hintertür. Maximal 10 Gramm Fleisch pro Person pro Tag soll übrigbleiben, ersetzt wird das durch „pflanzenbasierte Ernährung“.

    Im Eckpunktepapier des Ministeriums heißt es: „Die Transformation des gesamten Ernährungssystems hin zu einer pflanzenbetonten Ernährungsweise ist die wichtigste Stellschraube im Ernährungsbereich, um unsere nationalen und internationalen Klima-, Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.“ Seit einer EU-Verordnung aus dem Januar diesen Jahres, ist die Beimischung von Insekten in Lebensmitteln erlaubt.

  18. 52.

    Informieren Sie sich bitte, wo der Soja herkommt, den wir Menschen verzehren und woher der Soja kommt, der für die Tiernahrung gedacht ist.
    Für Mensch = Meistens Europa.
    Fürs Tier = Regenwald.
    Danke!

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