Gewalt in Krankenhäusern - "Wir rufen nicht so häufig die Polizei, wie wir es vielleicht tun sollten"

Mi 25.10.23 | 16:18 Uhr | Von Oda Tischewski, Anja Herr und Julian von Bülow
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Ein Polizeiwagen steht Berlin vor der Rettungsstelle des Urban-Krankenhauses. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: rbb24 Abendschau | 25.10.2023 | Anja Herr | Bild: dpa/Paul Zinken

Schläge, Drohungen und Beleidigungen: Der Alltag in Krankenhäusern und Notaufnahmen ist für das Personal gefährlich. Was zwei Pflegerinnen schon erlebten und was sich ändern müsste. Von O. Tischewski, A. Herr und J. v. Bülow

"Mir hat jemand ins Gesicht geschlagen, meine Brille ist kaputtgegangen und ich durfte zwei Wochen lang mit einem blauen Auge rumlaufen. Einem Kollegen von mir ist es ein bisschen schlimmer ergangen: Der hat eine Messerattacke überlebt", sagt Stella. Sie ist Pflegekraft in einer Berliner Notaufnahme.

"Der Großteil der Erfahrungen sind verbale Bedrohungen und Beleidigungen sowie Androhungen von körperlicher Gewalt", erzählt Julia, die in einem Weddinger Krankenhaus arbeitet. Sie sagt: "Auch die verbale Gewalt setzt einen extrem unter Druck und nimmt einen psychisch mit."

Für Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte ist eine schwierige Situation: Eigentlich wollen sie helfen, sollen Patient:innen versorgen und den Überblick behalten, können sich bei der Arbeit aber nicht sicher fühlen.

Einsatzzahl verdoppelt, Dunkelziffer groß, Personal knapp

Fast zehntausendmal rückte die Berliner Polizei dieses Jahr schon zu Kliniken und Krankenhäusern aus, im letzten Jahr waren es 11.319 Einsätze, rund doppelt so viele wie noch 2013. Die häufigsten Straftaten: Diebstahl, Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung.

Hinzu kommt: Die Dunkelziffer von Gewaltfällen gegenüber Klinikpersonal sei deutlich höher, sagt Pflegerin Stella. Denn: "Oftmals kommt es zu einem Vorfall, aber wir kommen am Ende gar nicht dazu, den zu dokumentieren oder die Polizei zu rufen." Zu viele Patient:innen in den Notaufnahmen bei überlastetem Personal führten dazu, dass Patient:innen und Angehörige mitunter ausrasten oder Medikamente gestohlen würden.

Wenn ich von A nach B renne, von Schlaganfall zu Herzinfarkt, habe ich leider keine Zeit, auf eine Rückfrage eines Patienten zu antworten, der mich dieselbe Frage schon dreimal gefragt hat.

Stella, Krankenpflegerin

 

"Begünstigende Faktoren dafür seien nach ärztlicher Einschätzung", so Klinkbetreiber Vivantes, "insbesondere Alkohol, Drogen und psychiatrische Erkrankungen und eine manchmal nicht erfüllbare Erwartungshaltung von Patient:innen." Pflegerin Stella sagt etwa: "Wenn ich von A nach B renne, von Schlaganfall zu Herzinfarkt, habe ich leider keine Zeit, auf eine Rückfrage eines Patienten zu antworten, der mich dieselbe Frage schon dreimal gefragt hat."

Es mangelt an Geld, Zeit und Arztterminen

Personalmangel, mangelnde Wertschätzung und Unterfinanzierung der Notfallversorgung - das sind die Ursachen, so Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft. Er sagt: "Die Politik muss das Grundübel der Krankenhauslandschaft anpacken und die Krankenhäuser endlich ausreichend und nachhaltig finanzieren." Vivantes verweist auch darauf, dass das Unternehmen jährlich rund zwei Millionen Euro für Rund-um-die-Uhr-Wachschutz bei Rettungsstellen ausgebe. Diese Kosten müssten bei der anstehenden Krankenhausreform durch das Bundesgesundheitsministerium mitgedacht werden.

Abseits von Geldfragen müssten die Patientenströme richtig gesteuert werden, so Schreiner. Pflegerin Julia kann das unterstreichen: "Auch durch die lange Wartezeiten auf ambulante Facharzttermine werden die Rettungsstellen regelmäßig von Patientinnen und Patienten aufgesucht, die vielleicht keinen Notfall haben." Die müssten aber acht und neun Monate auf einen Facharzttermin warten und hätten die Angst, dass in dieser Zeit etwas Schlimmeres passieren könnte und möchten das früh genug abklären.

Berliner Gesundheits Senatorin: Der Bund muss regeln

Konfrontiert mit den Schilderungen der beiden Krankenpflegerinnen sagt Gesundheitssenatorin Ina Czyborra dem rbb: "Mich macht es sehr wütend und traurig, dass das der Alltag ist." Auf die Frage, was Berlin tun könne, antwortet sie: "Es gibt eine Novellierung des Rettungsstellengesetzes, auch eine Novellierung der Krankenhausfinanzierung auf Bundesebene – da bringt sich das Land Berlin ein." Die Finanzierung der Versorgung sei aber eben Aufgabe des Bundes und der Krankenkassen. Zudem müsse man gegen die Gewaltbereitschaft in der Stadt vorgehen, dazu habe es zuletzt etwa einen Jugendgewaltgipfel gegeben.

Sendung: rbb24 Abendschau, 25.10.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Oda Tischewski, Anja Herr und Julian von Bülow

45 Kommentare

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  1. 45.

    Wer bitte soll das alles bezahlen ?
    Bei uns werden Millionen Patienten behandelt,die nie einen Pfennig eingezahlt haben. Das die Krankenkassen das alles stemmen (mit den Beiträgen der Versicherten)
    Ist hoch anzuerkennen.

  2. 44.

    Antwort auf "Brigitte Sakrzewski " vom Mittwoch, 25.10.2023 | 21:27 Uhr
    "...dass das Pflegepersonal seinen gesammelten Unmut über die schlechten Arbeitsbedingungen gerne auch mal an den Patienten auslässt. So mancher Patient traut sich mitunter kaum noch zu klingeln, weil er sich nicht der missgelaunten und vorwurfsvollen Ansprache des Pflegepersonals ausliefern will." "Das entschuldigt nicht die Handgreiflichkeiten, rückt aber einiges gerade." Das "rückt " nichts gerade, im Gegenteil, es befeuert eine neue Diskussion! Alle Dienstleister sind in der gleichen Situation, sie müssen alles "schlucken" und trotzdem immer freundlich bleiben, das ist verdammt schwer. Natürlich sollte man seine persönlichen Befindlichkeiten nicht im Dienst auslassen, aber wenn ich diesen Bericht lese verstehe ich einiges besser. Persönlich habe ich bei bisherigen, kurzen Krankenhausaufenthalten keine derartigen Erfahrungen gemacht; vielleicht greift auch die Weisheit vom in-den-Wald-rufen?

  3. 43.

    Antwort auf "Müller's Detlef" vom Donnerstag, 26.10.2023 | 11:23 Uhr
    "Welche Sprach-Kompetenzen gibt es dort ? Fremde Leute in meiner Wohnung ?" Diese Luxusprobleme haben Sie auch, wenn Sie die Feuerwehr rufen!

  4. 42.

    Antwort auf "Bernhard" vom Donnerstag, 26.10.2023 | 10:42 Uhr
    "Wenn beim Besuch der Notaufnahme keine akute Lebensgefahr besteht, zahlt der Patient sofort und an Ort und Stelle eine Gebühr von 100 euro." Das entlastet die Notaufnahme aber nicht, denn der Patient ist schon da, und ob er lebensbedroht ist, muss entschieden werden. Und: schmaler Grat: der Patient wähnt sich in Lebensgefahr, weil er Herzschmerzen spürt.... da ist Angst im Spiel und wenn es dann nicht so ist soll er bezahlen. Und dann hat der eine keine 100€ dabei und der andere hat die gar nicht - endlos Verwaltungsaufwand und die Mitarbeiter kriegen wieder den Frust ab.

  5. 41.

    Dafür gibts ne ganz einfache Lösung. Wenn beim Besuch der Notaufnahme keine akute Lebensgefahr besteht, zahlt der Patient sofort und an Ort und Stelle eine Gebühr von 100 euro. Funktioniert in einigen skandinavischen Ländern sehr gut.

  6. 40.

    Sie haben offenbar keinerlei Vorstellungen, mit welchen Lappalien viele Menschen heute in die Notaufnahme kommen und dann dort aber eine umgehende und umfassende "Behandlung" erwarten. Für kleinere Fälle außerhalb der Sprechzeiten ist zunächst mal der hausärztliche Notdienst da. Die Rettungsstellen sind für potentiell lebensbedrohende Akutereignisse oder die Erstversorgung von Verletzungen zuständig. Kämen nur diese Fälle, gäbe es kein Problem.

  7. 39.

    Schönes Beispiel wie wieder Ressentiments geschürt werden.
    Wenn man Menschen, egal welcher Nationalität, sich selbst überlässt, dann kommt sowas schon vor.
    Engmaschiges Hausarztnetz, die Leute über ihre Möglichkeiten aufklären, Vorabcheck in der Rettungsstelle, Personalaufbau ,Gesundheitsprävention in der Schule.
    Dafür gibt's in diesem Staat kein oder zu wenig Geld.
    Aber es werden immer wieder die Gleichen Verantwortlichen gewählt. Versagt einer zu offensichtlich wird er ohne weitere Folgen zurückgetreten und der Nächste kommt.

  8. 38.

    Wenn ich von A nach B renne, von Schlaganfall zu Herzinfarkt, habe ich leider keine Zeit, auf eine Rückfrage eines Patienten zu antworten, der mich dieselbe Frage schon dreimal gefragt hat.
    Stella, Krankenpflegerin
    Hier liegt m.E. Eines der vielen Probleme.
    Das zweite liegt an der Wirtschaftlichkeit, mit der klaren Ziel Vorgaben, in welche Richtung, selbst ver ständlich in die des Patienten,...
    Und das dritte, in der Annahme, die Priorität liegt nicht im Med notwendigen, sondern in meiner Befindlichkeiten. Wenn ich krank bin und in die Klink gehe, brauche ich mir über die heutigen Termine keinen Kopf mehr machen. Wenn doch, liegt eine schlechte Planung voraus, und das Unternehmen ist so auf Kante genäht, dass es kein Puffer mehr hat.
    Das einige die Situation politisch nutzen um auf Lauterbach, die Krankkassen und sonstige lobby Group, z. B. Pharmazie aufmerksam zu machen kann Sinnhaft sein. Alles andere ist auf dem Rücken der schwächste.

  9. 37.

    ein guter Beitrag , jeder Mensch hat seine Belastungsgrenze und wenn die überschritten wird, wird er ungehalten

  10. 36.

    Im Krankenhaus sind alle krank und der Personalmangel erzeugt Stress. Ich war schon öfter im Krankenhaus und stellte fest, dass Patienten gerne mal Miss Sophie spielen und glauben, das Personal wäre ihr Butler. Man sollte sich als Patient auch vor Augen führen, dass das Personal Schichtarbeit leistet, ab und zu Kopfschmerzen oder ein krankes Kind zu Hause hat und trotzdem arbeitet, sich um viele andere Kranke kümmern muss und vielleicht kann man selbst den einen oder anderen Handgriff abnehmen, sofern man es könnte. Ich habe im Krankenhaus Leute erlebt, die tatsächlich klingelten, weil Besucher die Blumenvase so hingestellt hatten, dass man sie vom Bett aus nicht sehen konnte oder um 23 Uhr ihre Brille nicht fanden.

  11. 34.

    Um es vorneweg zu sagen : Bedrohungen gegenüber Pflegepersonal bzw gegenüber Menschen, egal welcher Berufsgruppe auch immer, geht gar nicht und ist ein No Go!.
    Dennoch gebe ich zu bedenken, dass die Eskalation mitunter von beiden Seiten befördert wird. Ich weiß, wovon ich rede und habe es mehrfach am eigenen Krankenbett zu spüren bekommen bzw. selbst erlebt, dass das Pflegepersonal seinen gesammelten Unmut über die schlechten Arbeitsbedingungen gerne auch mal an den Patienten auslässt. So mancher Patient traut sich mitunter kaum noch zu klingeln, weil er sich nicht der missgelaunten und vorwurfsvollen Ansprache des Pflegepersonals ausliefern will.
    Sorry, aber Immer nur von dem aufopferungsvollen, gebeutelten Pflegepersonal zu sprechen, entspricht nicht so ganz der Realität. Auch der Patient ist das Opfer.
    Das entschuldigt nicht die Handgreiflichkeiten, rückt aber einiges gerade.

  12. 33.

    Um es vorneweg zu sagen : Bedrohungen gegenüber Pflegepersonal bzw gegenüber Menschen, egal welcher Berufsgruppe auch immer, geht gar nicht und ist ein No Go!.
    Dennoch gebe ich zu bedenken, dass die Eskalation mitunter von beiden Seiten befördert wird. Ich weiß, wovon ich rede und habe es mehrfach am eigenen Krankenbett zu spüren bekommen bzw. selbst erlebt, dass das Pflegepersonal seinen gesammelten Unmut über die schlechten Arbeitsbedingungen gerne mal an den Patienten auslässt. So mancher Patient traut sich mitunter kaum noch zu klingeln, weil er sich nicht der missgelaunten und vorwurfsvollen Ansprache des Pflegepersonals ausliefern will.
    Sorry, aber Immer nur von dem aufopferungsvollen, gebeutelten Pflegepersonal zu sprechen, halte ich für eine Mär und entspricht nicht der Realität. Auch der Patient ist das Opfer.
    Das entschuldigt nicht die in dem Bericht aufgeführten Übergriffe, rückt aber einiges grade.

  13. 32.

    UKB 2019 - ich bei/mit Unfallsituation vor dem Eingang im Gespräch mit dem Doc was soll/wird/passiert.
    1. siebenköpfige (Familien-) Gruppe kam an, der Vorsprecher gab an, die Tochter (optisch wohl 10) hört auf dem einen Ohr seit einer Stunde schlechter.
    Der Doc - gehen sie rein, melden sie sich (an) - ein hartnackiges, 15 minütiges, hin-und-her war = geht rein oder verschwindet!
    2. kurz dannach - 2 Erwachsene + wohl 14jährigen, er hustet seit heut früh viel.
    Doc - das ist kein Unfall, gehen sie zum Hausarzt!
    Der männliche Erwachsene - wir haben keinen Hausarzt und er hustet schließlich. "Unterhaltung" 10 Minuten.
    Doc - gehen sie rein, ich muss zu einem akuten Patienten.

    Ich würde gerne meinen Eindruck der Nationalität/Herkunft der beiden Fälle angeben, liege aber mit Sicherheit falsch.

  14. 31.

    Ja,
    weil die Arztpraxen nicht die Geldeintreiber für die Kassen sind. Außerdem wäre an manchen Tagen eine ordentliche Summe Bargeld da, was die Gefahr potentieller Überfälle produziert. Nein danke

  15. 30.

    Na hoppla, hätte nie gedacht das ich mal Claudis Kommentar zustimmen würde.
    "Die Jugendlichen brauchen Erziehung und dafür sind die Eltern zuständig, niemand sonst." so gehörte es sich leider nur früher.
    Es ist für mich traurig zu beobachten, das, wenn es unbequem mit dem Nachwuchs wird, Schule, Senat, Politik in Verantwortung zu nehmen.
    Ich empfinde, Internet und Digitalisierung ist kontraproduktiv bzgl. Erziehung!

    Unabhängig davon würde mich neugierig machen, in wieweit Kollegen oder gar andere Patienten bei solch Angriffen einschreiten dürfen?
    Polizei rufen und bis zum Eintreffen abwarten?

    Und sorry, nicht wohl ich habe die Meinung bzw. trau mir zu einzuschätzen, welch Klientel überwiegend/hauptsächlich für die, Alkohol-/Drogen-Bedingte ausgeklammert, Übergriffe zu verantworten WÄREN.


  16. 29.

    Wurde der geschilderte Fall geahndet und wenn ja wie ?

    Es gibt immer noch keinen Status "ungeeignet um in einer Großstadt zu leben" manche würden da wieder "Gentrifizierung" schreien. Ich nenne es schlichtweg: Opferschutz !

  17. 28.

    Antwort auf "Andi " vom Mittwoch, 25.10.2023 | 19:56 Uhr
    "Nur noch EINE Begleitperson pro Patient !" Ich ahne nur, was Sie meinen, aber.... löst das das Gewaltproblem? Die Aggressionen gehen doch von den Patienten aus, nicht von den Begleitungen.

  18. 26.

    Antwort auf "Gewinn " vom Mittwoch, 25.10.2023 | 19:48 Uhr
    "Leider gehen heute alle wegen den leichtesten Dingen in die Notaufnahme, 24 Stunden ist die im Waldkrankenhaus gut besucht: seit 2 Tagen Kopfschmerzen, mein Kind hat heute noch nicht gekackt, Splitter im Finger..." Ja, es sollte eine vorgelagerte Stelle geben, die entscheidet, ob man überhaupt in die Rettungsstelle vorgelassen wird. Das gibt es in NRW in Form einer Praxis, die den "Kleinkram" behandelt. Das entlastet die Rettungsstelle. Aber das Gewaltthema ist ja nicht auf die Rettungsstelle beschränkt, das gibt es ja auch auf den Stationen. Traurig so was....

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