Montage: Blick auf den Berliner Dom 2008 und 2018,. (Quelle: imago/blickwinkel/Jürgen Ritter)
Video: rbb aktuell | 23.07.2018 | Viktoria Kleber | Bild: imago/blickwinkel/Jürgen Ritter

Zehn Jahre Google Street View - Gefangen in der Zeitkapsel

Vor zehn Jahren fuhren erstmals Google-Street-View-Autos durch Deutschland. Wegen des folgenden Datenschutzstreits stellte der Dienst nur wenige Orte hierzulande online - und hielt damit unfreiwillig Zeitgeschichte fest, zum Beispiel in Berlin. Von Sarah Mühlberger und John Hennig

Wer sich bei Google Street View durch Berlin bewegt, macht eine kleine Zeitreise: Der Flughafen Tempelhof ist noch in Betrieb und für Unbefugte gesperrt, Flugzeuge starten und landen hier, die Deutschlandhalle hinter der Avus-Tribüne steht noch, hier spielt der ECC Preussen Berlin sogar noch Eishockey, und die Neuköllner Weserstraße ist eine verträumte Nebenstraße.

In der Brunnenstraße in Mitte sind die Transparente von Besetzern zu lesen. Die Berliner Polizei ist noch in grün unterwegs, die Stadt voller Internetcafés sowie Schlecker- und Kaiser's-Filialen. Vor Mustafa's Gemüse Kebap steht nur ein Kunde, stattdessen kehren ein paar vereinzelte Touristen ein paar Meter weiter bei Curry36 ein.

Video: Google Street View kurz erklärt

Palast der Republik, Bar 25 und Deutschlandhalle - Collage Berlin auf Google Street View (Collage: rbb|24/Churikov)
Mitya Churikov

 

Zehn Jahre ist es her, dass Google schwarze und weiße Opel Corsa durchs Land schickte, auf dem Dach ein auffälliges Stativ und 360-Grad-Kamera. Anfangs noch weitgehend unbemerkt, fingen die Autos im Sommer 2008 an, Häuser und Straßen, Sehenswürdigkeiten, Geschäfte und Baustellen zu fotografieren.

Das Berlin, das die Kameras damals aufnahmen, ist bis heute das Berlin, das Google-Nutzer sehen, die den Dienst Street View nutzen: etwa, weil sie eine neue Wohnung oder Ferienunterkunft suchen und sich die Gegend schon einmal ansehen wollen. Während das Kartenmaterial bei Google Maps und die Luftbild- sowie Satelliten-Aufnahmen bei Google Earth seither mehrfach aktualisiert wurden, konserviert Google Street View das Berlin des Jahres 2008.

Das Sehen des eigenen Hauses weckte Ängste

Das hängt vor allem mit der Aufregung zusammen, die es 2010 rund um die Veröffentlichung der Aufnahmen gab. Die Sorgen waren damals groß und vielfältig: Was, wenn sich Einbrecher künftig im Netz die schönsten Häuser und besten Einstiege ausgucken und Bankberater mit einem Blick auf die Nachbarschaft des Kunden den Kredit verweigern würde? Und natürlich: Was würde Google mit all den Daten machen?

"Wir hatten in Deutschland eine ziemlich intensive Debatte über Street View, weil vielen Menschen erst über das plastische Sehen ihres Hauses bewusst wurde, welche Datenmacht ein Konzern wie Google hat", erinnert sich der Netzaktivist Markus Beckedahl, "und obwohl es eigentlich - im Gegensatz zu vielen anderen Daten, die Google über uns sammelt - nicht so invasive Daten waren, nämlich Häuser von außen, die jeder sehen kann, haben sie Ängste geweckt."

Deutschland als Sonderfall

Deutschland wurde für den Internetkonzern zum Sonderfall. Denn aufgrund der zunehmenden Nervosität wurde hierzulande den Menschen die Möglichkeit eingeräumt, der Veröffentlichung von Aufnahmen ihres Wohnhauses zu widersprechen; die Verbraucherzentralen rieten, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. 244.000 Mieter und Hauseigentümer legten schließlich Einspruch ein, ihre Wohnhäuser waren zum offiziellen Start im November 2010 verpixelt - und werden es bleiben, selbst wenn in vielen Häusern heute schon andere Menschen wohnen und die Aufregung längst nachgelassen hat.

Während die restliche Welt seither weiter vermessen und bis in den letzten verschneiten Bergwinkel ausgeleuchtet wurde, ist Deutschland digital noch immer ähnlich unerforscht wie in Europa nur Weißrussland, Moldawien, Kosovo oder Bosnien-Herzegowina. Bis zuletzt stand noch Nachbar Österreich ähnlich blank im Netz. Doch dort startete Google Street View just vor zehn Tagen - und das sogar mit neuen Aufnahmen.

Ein Fahrzeug von Google Street View macht am 02.05.2018 im Bezirk Kreuzberg in Berlin Aufnahmen mit einer Spezialkamera (Quelle:dpa/Steinberg)
Google schickt weiterhin Kamera-Autos durch Deutschland - veröffentlicht werden die Bilder allerdings nicht. | Bild: dpa/Steinberg

Neue Aufnahmen soll es nicht geben

Deutschland dagegen kommt noch immer in der Optik von 2008 daher. Und selbst das gilt nur für die zwanzig größten Städte. Dabei wurde eigentlich - was viele nicht wissen - ganz Deutschland von den Kameras erfasst. Doch Google verzichtete darauf, sich nach den vielen Widersprüchen die Mühe zu machen, auch kleinere Orte und Straßen online zu stellen.

Daran wird sich auch vorerst nichts ändern. "Wir haben derzeit keine Pläne, neues Bildmaterial von deutschen Straßen in Street View verfügbar zu machen", teilt Google auf Anfrage von rbb|24 mit. "Wir würden gerne aktualisieren", sagt Lena Heuermann, Pressesprecherin von Google Deutschland, "aber deutsche Datenschutzbestimmungen verhindern das leider."

Der Standpunkt von Google verwundert

Das sorgt für Verwunderung, etwa bei Sven Müller, dem verantwortlichen Mitarbeiter der Brandenburger Landesbeauftragten für Datenschutz: Dass Google in seiner Stellungnahme behauptet, deutsche Bestimmungen würden die Aktualisierung des Bildmaterials verhindern, "erschließt sich uns nicht". Erstens seien die Aufnahmen aus zwanzig deutschen Städten ja längst online: "Auch diese Städte unterliegen dem Datenschutzrecht." Zweitens stelle das Datenschutzrecht seit dem 25. Mai 2018 in der gesamten Europäischen Union durch die neue Grundverordnung einen einheitlichen Standard dar. "Eine Google-Regelung nur für Deutschland gibt es jedenfalls nicht", so Müller.

"Möglicherweise spielt Google auf die Sonderregelung an, dass Menschen sagen konnten, ich möchte nicht, dass mein Haus sichtbar ist", glaubt Beckedahl. Durch Street View wurde eine öffentliche Debatte geführt, die dem Unternehmen nicht genehm war. Und Beckedahl glaubt, dass Google auch sehr davon überrascht wurde, wie massiv die Proteste und wie groß die Ängste waren und dass Deutschland ein sensibler Markt ist, was die Privatsphäre betrifft.

Private Aufnahmen ergänzen den Dienst

Die Kamera-Autos von Google sind trotzdem weiterhin regelmäßig auf deutschen Straßen zu sehen - so auch in diesem Sommer. Allerdings sollen die Aufnahmen nicht veröffentlicht werden, sondern dienen laut Google nur dazu, das Kartenmaterial des Unternehmens, etwa für Maps, zu verbessern. Denn mithilfe der 360-Grad-Kameras können auch neue Straßen- und Geschäftsnamen erfasst und abgeglichen werden.

Derweil umgeht Google das Problem der fehlenden Aktualisierung. Denn über die Street View App kann jeder selbst aktuelle Bilder hochladen und verorten. Die werden zwar nicht mit den existierenden abgeglichen, sondern zusätzlich als kleine Punkte an den Straßenrand verortet. Verantwortlich für die Einhaltung der Privatsphäre und das Verpixeln von Gesichtern und Nummernschildern sind die Nutzer. Fleißige Freizeit-Weltvermesser helfen Google damit aber erheblich, den Dienst zu erweitern - etwa Frank Mahnke, der an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern das längste zusammenhängende Wegenetz Brandenburgs in Street View einstellte, so dass man ihn virtuell auf seinen Spaziergängen und Wanderungen durch die Wälder und rund um die Seen nahe Rheinsberg begleiten kann.

Doch was hierzulande nicht möglich ist: Während in vielen anderen Ländern durch die aktualisierten Aufnahmen in einer Zeitleiste beobachtet werden kann, wie sich Orte verändern, bleiben Deutschland und Berlin weitgehend auf dem Stand von 2008.

Blick in die Kantstraße (Bild: rbb/Rike Runge)

Trotz der Probleme auf dem sensiblen deutschen Markt hat Google seine Marktposition gefestigt und sogar noch ausbauen können: "Kein Konkurrent war in der Lage, etwas ähnliches nachzubauen", sagt etwa Beckedahl.

Denn es gab und gibt durchaus Konkurrenten, die ebenfalls interaktive Kartendienste und Stadtbesichtigungen anbieten: Auch die setzen auf 360-Grad-Panoramen, Vogelperspektiven, Luft- und Satellitenbilder und zeigen sogar Hausfassaden. Man denke nur an Immobilienportale. Oder die Stadt Berlin, die über ihre Marketing-Gesellschaft Berlin Partner ein "Business Location Center" kreiert hat. "Alle zwei Jahre wird Berlin überflogen, um Ansiedlungen und Bauprojekte zu überblicken", erklärt Stefan Franzke von Berlin Partner. Mittlerweile gibt es die Stadt dort sogar als 3D- und Open-Data-Modell. Aber als erstes denken viele bei Karten trotzdem an Google, weil das Unternehmen am professionellsten und auffälligsten vorging, findet Beckedahl, "vor allem, weil es viele damit verbundene Dienstleistungen anbietet, was es schwer für Konkurrenten macht, den Wettbewerb aufzunehmen".

Blick in die Chausseestraße am BND (Bild: rbb/Rike Runge)

BND-Neubau, IGA-Gelände und Stadtschloss sind nur zu erahnen

Doch was bleibt, sind die gerade in der schnelllebigen Gegenwart seltsam unaktuellen Aufnahmen von Street View in Deutschland und Berlin. Die ein Land und eine Stadt zeigen, die es heute an vielen Orten gar nicht mehr so gibt.

Aus den Kindern, die auf den Aufnahmen noch im Kinderwagen geschoben werden, sind mittlerweile Fünftklässler geworden. Berlin ist zudem rasant gewachsen - heute leben 350.000 Menschen mehr hier als noch vor zehn Jahren. Wie das allgemeine Wachstum, der Zuzug, aber auch der Tourismus oder die Flüchtlinge samt der eingerichteten Unterkünfte das Stadtbild verändert haben, lässt sich außer anhand einiger Baustellengruben und -kräne nicht mal erahnen.

Mitunter führt Street View noch in Industriebrachen, Sackgassen oder auf grüne Wiesen, wo in der Zwischenzeit moderne Schnellstraßen oder ganze Stadtviertel hochgezogen wurden, etwa rund ums Südkreuz oder am Wissenschaftsstandort Adlershof. "Es ist nicht wirtschaftsschädlich für Berlin, wäre aber positiver, wenn es aktuelleres Material geben würde", sagt deshalb auch Franzke von Berlin Partner.

Denn wie sehr sich die Stadt seit 2008 gewandelt hat, zeigt sich gerade auch durch die Dinge, die Street View nicht zeigt: Primark-Filialen, Burgerläden, Tattoo-Studios, Shisha-Bars, neue Wohnareale und geschlossene Baulücken, aber eben auch Großprojekte wie den BND-Neubau, den Gleisdreieck-Park, das IGA-Gelände und (das bald fertig gestellte) Stadtschloss.

Hier hat sich Berlin seit den Google-Street-View-Aufnahmen besonders stark verändert:

Wie diese Orte vor zehn Jahren und heute aussehen, zeigt unsere Bildergalerie.

Sendung: Abendschau, 23.07.2018, 19.30 Uhr

Beitrag von Sarah Mühlberger und John Hennig

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Das ist natürlich auch sehr sinnvoll Streetview Änderungen in Karten von Bing darzustellen.... Jetzt kann man keine Vergleiche ziehen.

  2. 9.

    Wenn man mal Deutschland herauszoomt, dann fällt auf: Deutschland ist ein weißer Fleck im StreetView.
    Google Maps, herauszoomen (ca. Europakarte), und Orangene Figur nur drüber halten (nicht loslassen).
    Wir sind sowas von NICHT erschlossen... cheers

  3. 8.

    Ja, ja so ist das. Das Haus ist verpixelt und der gemeine Dieb sagt: "Lasst uns mal hinfahren, da gibt es was zu holen...". Hier kann man nicht mal virtuell aus der Stadt rausfahren, aber Daten werden sinnlos selbst verteilt. Die Doofen werden halt nicht alle in diesem Land....

  4. 7.

    Tempelhof als Flugplatz vermisse ich auch.
    Doch was die AfD betrifft, interessieren mich nicht nur nach Folgen sondern auch Ursachen.
    Denn es stimmt: Früher gab es manches nicht. Und die Frage, wo Neues herkommt bzw. wem wir es zu verdanken haben, ist eine, vor der man sich nicht drücken sollte.

  5. 6.

    Die Aufregung um Streetview war ne typisch deutsche Fehlleistung. Google sammelt sehr viele und teils sehr intime Daten über die Bevölkerung, und es ist sehr wichtig sich dessen bewusst zu sein und auch dafür Schranken aufzustellen. Aber von all den vielen Google-Funktionen ist Streetview die harmloseste. Das ist nichts anderes als Fotos von Hausfassaden, wie sie schon seit über 100 Jahren auf Ansichtspostkarten versendet werden. Sofern Personen verpixelt werden - was Google von selbst macht - ist daran nichts datenschutz-kritisch. Gleichzeitig blieben die viel kritischeren Datensammeleien von Google in der Öffentlichkeit völlig unbeachtet.

  6. 5.

    ... und es gab noch mehr Grün, mehr Bäume, weniger hässliche Einheitsbrei-Neubauten, mehr Platz in den Verkehrsmitteln, weniger Agressivität untereinander und weniger to-Go-Müll.

  7. 4.

    Ehrlich gesagt: Ich fand das Berlin von 2008 in vielerlei Hinsicht schöner. Mir fehlt der Flugbetrieb in Tempelhof, ich vermisse die Deutschlandhalle, auch das ICC war noch in Betrieb und man hätte zu diesem Zeitpunkt noch ein paar bezahlbare Baugrundstücke bekommen können. 2008 war der gesellschaftliche Zusammenhalt auch noch besser, es gab keine AfD und keine „besorgten Bürger“, zumindest traten sie nicht öffentlich in Erscheinung. Schade, dass man nicht noch mal zurück kann, um bestimmte Weichen anders zu stellen...

  8. 2.

    Zeitgeschichte " echt geil " mein Kennzeichen ist immernoch zu sehen.
    Soll das jetzt für immer so bleiben ?

  9. 1.

    Ich habe diese Paranoia nie begriffen. Was sollte man auf Google-Bildern sehen können, das man sich nicht auch jederzeit selbst ankucken könnte? Warum sind Autos mit Kameras schlimmer als Touristen mit Kameras? Und weshalb darf niemand auf irgendeinem Bild oder Video sehen, wie mein Haus ausschaut?
    Spätestens heutzutage - wo unzählige Menschen ihre Egozentrik durch Massen von Selfies ausleben und jeden (sorry) Furz twittern müssen - wird diese Angst vor Kameras und Aufzeichnungen zur Absurdität.
    Was die Aufnahmen des (noch nicht sehr) alten Berlins betrifft, hoffe ich sehr, dass es diesbezüglich auch mal eine Weiterentwicklung in hochauflösendem 3D gibt: Es wäre schön, auch durch Straßen und Gebäude schlendern zu können, die es (so) nicht mehr gibt.

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