rbb|24-Adventskalender | Hochgestochen, tiefgestapelt - 13. Tür: Der Überweg der Fleischfabrik

Mi 13.12.23 | 06:00 Uhr | Von Stefan Ruwoldt
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Der ehemalige Zentralviehhof an der Landsberger Allee (Quelle: rbb/M. Behrendt)
Bild: rbb/M. Behrendt

Diesmal: besonders schweinisch. Städte präsentieren gern Bauwerke, die mit Bestwerten glänzen und groß auf Vergleichsgrafiken prangen. Berlin hatte solch ein Teil, das europaweit in seiner Kategorie führte. Aber es roch irgendwie und kam dann weg.

24 Geschichten mit Höhen und Tiefen aus Berlin und Brandenburg. Was ist besonders hoch oder tief, ist nur besonders speziell zu erreichen oder irgendwie anders besonders. Alle Türchen auf einen Blick finden Sie hier.

Sonntags gibt's Fleisch! - Kaum ein Herz springt bei dieser Ankündigung heute noch höher. Sonntags gab es früher ganz oft Fleisch, weil Fleisch ordentlich satt machte und teuer war und es für diesen besonderen Tag aufgehoben wurde. Das meiste Fleisch auf den Berliner Tischen kam im 20. Jahrhundert vom Zentralviehhof an der Landsberger Allee - eine frühe Einrichtung zentralisierter Lebensmittelversorgung in der wachsenden Stadt Berlin.

1.100 Schlächter und 110.000 Tonnen Fleisch

Geplant zur Mitte des 19. Jahrhunderts sollte der Zentralviehhof vor den Toren der Stadt liegen - mitbetrieben und tiermedizinisch kontrolliert von den Behörden der Stadt, so die Forderung des Mediziners, Hygienepioniers und damaligen Stadtverordneten Rudolf Virchow. Private und unüberwachte Schlachtereien waren schon lange ein Hygienerisiko für die Stadt. 1881 startete am Rand von Berlins Nachbarstadt Lichtenberg der Betrieb auf einem vom Magistrat gekauften Gelände.

Illustrator Embe - Marcus Behrendt (Quelle: rbb/Marcus Behrendt)
rbb/Marcus Behrendt

Illustrator und Comiczeichner "EMBE", bekannt auch als Marcus Behrendt, hat für den Adventskalender eine neue Farbe erfunden: das röteste Weihnachtsrot außerhalb von Vatikanstadt. Er ist auch Pädagoge und zeichnet schneller als ein Weihnachtsschlitten im Sturzflug. Stets mit den besten Utensilien ausgestattet, kritzelt er sich durch alle Medien. In der Weihnachtszeit liest er gerne einen guten Comic und genießt die schärfsten Soßen der Welt.

Redakteur Stefan Ruwoldt (rbb/M. Behrendt)
rbb/Marcus Behrendt

Redakteur Stefan Ruwoldt hat diesen Weihnachtskalender auf dem Kopf stehend mit nur einer Hand geschrieben, und das Ganze an nur einem einzigen Tag und mit einer Feder, die Friedrich der Große einst aus Frankreich importiert hatte und dann in Pankow irgendwie vergaß. Rekord. Natürlich. Nach dem 24sten aber sitzt dieser Redakteur wieder an einem ganz normalen Schreibtisch und freut sich auf seine Feierabende ohne Bestwerte.

Die Betriebszahlen rund zwanzig Jahre später weisen den Umfang dieses Schlachtimperiums aus: 1.100 Schlächter schnitten jährlich dort hundertausende Tonnen Fleisch aus den Leibern von rund 187.000 Rindern, 857.000 Schweinen, 164.000 Kälbern und 447.000 Schafen (Stand: 1900).

Geschätzt 34.000 Waggonladungen erreichten das riesige Gelände jährlich. 110.000 Tonnen von dort produziertem Fleisch und zubereiteter Wurst landeten jährlich auf den Tischen der rund zwei Millionen Berlinerinnen und Berliner. Aus den Zahlen der Illustrierten "Die Woche" im Jahr 1900 lässt sich leicht Stolz und Eindruck lesen, die Folgen der Industrieschlachterei aber beschrieb die Zeitung damals nicht. Noch nicht.

Rüber und weg

Berlin wuchs um den Viehhof herum. Immer tiefer atmete die Stadt die Ausdünstungen dieser Viehfabrik. Es war laut, es stank und man konnte hören, was hier passierte. Also begann man den Schlachthof zu ummauern. Aber um vom damaligen S-Bahnhof Zentralviehhof zur Eldenaer Straße in Friedrichshain zu kommen, musste man mitten über den Blutshof.

Dieser Schlachtgang wurde dann in den 1930ern mit einer riesigen Fußgängertraverse überbrückt: Wer auf die andere Seite wollte, musste drüber laufen, sah nichts mehr, nur riechen ging noch: 420 Meter - ohne Ausblick, denn die Brücke war eine beleuchtete Röhre, Milchglas und Blech versperrten den Blick auf das Fleisch im Hof. Später wurde die Brücke zum Fennpfuhl auf 505 Meter verlängert.

15 Jahre ohne Tiere untendrunter

Einen europäischen Rekord wiesen die Bücher für die Brücke als damals längste Fußgängerbrücke des Kontinents aus. Aber es war keine Brücke zum Stolzsein, nichts, wo man Touristen hinführte und Feierstunden abhielt. Es war ein düsterer Höllentunnel ohne Abzweigungen hunderte Meter über der Schlachtfabrik.

Als der Schlachthof 1991 geschlossen wurde, verlor dieser oberirdische Tunnel seinen Zweck. Es dauerte 15 Jahre, bis auch ein Großteil der Rekordbrücke verschwand - Rudimente von ihr führen noch über die Gleise. Eigentlich hatte sie Denkmalwert. Aber Fans hatte sie nie.

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Beitrag von Stefan Ruwoldt

5 Kommentare

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  1. 5.

    "Was für ein ekelerregender Ort Schlachtfabriken sind."
    Ich will den Appetit ja nicht vermiesen, aber ein Wildschein das gerade zerwirkt wird sieht auch nicht so schön aus. Sieht man der Salami irgendwie nicht an - oder?

  2. 4.

    Die Eldenaer Str. war in den 1960 meine
    " Kinderstube ". Einschulung in der "Grauen Laus" ( Spitzname der Schule in der Rigaer Str. , welche in den 1930 Jahren eine Mädchenschule war - wie mir meine Tante erzählte). Wenn der Wind ungünstig stand drang der " Duft " des Schlachthofes bis in die Wohnung. Aber auch daran gewöhnte man sich. Aber als wir 1965 zum " Boxi" umzogen wurde dies bald vergessen.








  3. 3.

    Eine obererdischer Tunnel, sehr gut, schade, habe ich seinerzeit nicht besucht

    Immerhin steht dort noch eine Gemüsekirche. Wo Fahrräder verkauft werden!

  4. 2.

    Zu Zeiten der späten DDR existierte der Schlachthof noch.
    Manchmal konnte ich im Vorbeifahren mit der S-Bahn die angelandeten Schweine sehen. Sie wurden nach ganz oben befördert und wohl im oberen Teil des Hauptgebäudes geschlachtet. Blut fließt auch nach unten.
    Ich esse kein Schlachtvieh mehr. Maximal gut erlegtes Wildschwein in Salamiform, wenn überhaupt.
    Was für ein ekelerregender Ort Schlachtfabriken sind.

  5. 1.

    Da stimmt was nicht. Um über die Storkower Straße zu kommen muss "der lange Jammer" erklettert werden. Von der Fußgängerbrücke geht es zur S-Bahn, aber auch auf die andere Seite. Auf dem Schlachthofgelände liegen ein Möbelhaus, Kaufdland und andere Läden. Der Weg über die Brücke ist der Kürzeste.

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