Interview | #abgasalarm auf Leipziger Straße - "Da ist Stop-and-Go und da bleibt Stop-and-go"

Di 12.06.18 | 06:00 Uhr
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Passivsammler zur Messung der Stickstoffoxidwerte (Bild: rbb24/Robin Avram)
Audio: Radio Berlin 88,8 | 12.06.2018 | Miriam Keuter | Bild: rbb24/Robin Avram

Durch Tempo 30 sind die Stickstoffdioxid-Werte an der Leipziger Straße kaum gesunken - das zeigen Messungen von rbb|24 und Technischer Universität. TU-Experte Wolfgang Frenzel könnte sich vorstellen, dass am Ende des Experiments doch Fahrverbote stehen.

rbb|24: Herr Frenzel, überraschen Sie unsere Messergebnisse in der Leipziger Straße?

Wolfgang Frenzel: Nein, sie überraschen mich nicht. Die Werte sind deutlich über dem Grenzwert, wenn man das hochrechnet auf den Jahresmittelwert. Mit all den Einschränkungen, die es mit sich bringt, von einem Monat auf ein ganzes Jahr zu rechnen.

Die Senatsverwaltung kritisiert, dass unsere Messungen nicht nach ihren Kriterien erfolgt sind. Sind unsere Messungen aussagekräftig?

Ja, ich denke die Messungen sind aussagekräftig. Grundsätzlich wird dieses Messverfahren - das wir nutzen, das der Senat nutzt und das auch weltweit in vielen ähnlichen Messkampagnen genutzt wird - immer geringfügig modifiziert. Interne Vergleichskampagnen zeigen, dass die erzielten Messwerte vergleichbar sind mit den Messungen, die im offiziellen Umfeld gemacht werden.

Welchen Unsicherheitsrahmen hat die Messmethode von rbb und TU Berlin mit Passivsammlern?

Bei der Passivprobennahme muss man, wenn keine zusätzlichen Fehler gemacht werden, mit maximal 15 bis 20 Prozent Messunsicherheit im Vergleich zum gesetzlich vorgeschriebenen Verfahren auf der Basis von Chemolumineszenz rechnen. Das ist auch das Ergebnis, das wir immer wieder erhalten, indem wir an den gleichen Messorten sowohl mit diesen Chemolumineszenz-Monitoren als auch mit Passivprobenahme messen. Im Ausnahmefall ist es möglich, dass ein Wert auch mal deutlich darüber oder darunter liegt, weil eben doch ein Fehler passiert ist. Aus diesem Grund messen wir mit mehreren Sammlern an einer Messstelle und haben ein relativ dichtes Messstellenetz, so dass wir nicht einen einzelnen Wert herauspicken. Wenn ein Wert auffällig in die eine oder die andere Richtung abweicht, dann ist im Nachhinein auch nicht feststellbar, was da vielleicht der Fehler gewesen sein könnte - ob zum Beispiel eine Baumaschine kurzzeitig ganz dicht neben einem Sammlern betrieben wurde. Das kann so einen Wochenmittelwert drastisch nach oben anheben.

Passivsammler in der Friedrichstraße (Bild: rbb24/Robin Avram)
Bild: rbb24/Robin Avram

rbb|24 und TU Berlin haben mit acht Passivsammlern auf der Leipziger Straße gemessen. Wie erklären Sie sich die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Messstellen?

Das ist etwas, das wir in Zukunft im Rahmen einer kleinen, hoch ortsaufgelösten NO2-Messkampagne weiter untersuchen werden. Es gibt eine Messkampagne in München in der Landshuter Allee, die gezeigt hat, dass Baulücken, Kreuzungen oder kleine Parkanlagen zu ganz erheblichen Veränderungen der mittleren NO2-Konzentration führen können. Wenn ich beispielsweise in einer Straße an zwei Orten messe – und am einen Messpunkt biegt eine kleine Straße ein, am anderen gibt es beidseitige gleichförmige Bebauung: Da können an dieser Einmündung durchaus lediglich 80, 60 oder gar 50 % Prozent weniger Stickoxide auftreten – auf Grund der Verdünnung der Luft. Die Modellierung von der Berliner Senatsverwaltung, die man im Fis-Broker im Internet [Geodatenkatalog des Berliner Senats] finden kann, spiegelt das auch wieder.

Können Sie beurteilen, was Tempo 30 in der Leipziger Straße bringt?

Nein, dazu fehlen mir zu viele Daten, was die Verkehrssituation in der Leipziger Straße angeht. Ich kann nur ein paar Dinge grob intuitiv nennen: Die Senatsverwaltung hat früher eine Auswertung beim Wechsel von Tempo 50 auf Tempo 30 in der Silbersteinstraße, in der Schildhornstraße und in der Beusselstraße vorgenommen. Das hat eine Minderung um circa sechs Mikrogramm und teilweise mehr ergeben. Aber ich denke, die Leipziger Straße ist nicht ohne weiteres vergleichbar mit der Verkehrsführung in der Schildhornstraße, der Silbersteinstraße und der Beusselstraße. Weil zum einen das Verkehrsaufkommen, glaube ich, noch höher ist, und es sehr viele Einmündungen und Ampeln gibt.

Ich glaube, dass in der Leipziger Straße Tempo 30 in der Rush Hour nicht wirklich einzuhalten ist. Ich behaupte nicht, dass die Leute schneller fahren - ich denke, man kann nicht mal Tempo 30 fahren. Da ist Stop-and-Go und da bleibt Stop-and-Go. Ich glaube, das war nicht der beste Ort, um die Minderungsmöglichkeiten zu demonstrieren. Aber ich bin sehr zuversichtlich für die drei anderen Straßenzüge Potsdamer Straße, Tempelhofer Damm und Kantstraße, die auch auf Tempo 30 gesetzt wurden bzw. werden sollen.

Passivsammler zur Messung von Stickstoffoxid-Werten (Bild: rbb24/Robin Avram)
Bild: rbb24/Robin Avram

Die Leipziger Straße ist sowohl in der Modellierung als auch in den Messungen der Hotspot mit der höchsten Belastung. 2017 wurden dort im Jahresmittel 63 Mikrogramm Stickstoffdioxid gemessen. Mit allen möglichen Maßnahmen, die der Senat schon in Planung hat oder auch schon umsetzt - Stichwort Umrüstung von BVG-Bussen, Taxis und so weiter: Reichen diese Maßnahmen aus, um auf der Leipziger Straße unter den Grenzwert von 40 Mikrogramm zu kommen?

Wenn das Verkehrsaufkommen gleich bleibt und die Leute sich nicht andere Umwege suchen, glaube ich nicht, dass man auf unter 40 µg/m3 kommen wird. Das anzunehmen, ist nicht realistisch. Unter Kollegen gibt es das Gerücht, dass über weitere Maßnahmen nachgedacht wird: bedingte partielle Sperrungen für Autos, die die Euro-6-Norm real nicht erfüllen. Das, was jetzt Hamburg gemacht hat in dem kleinen Straßenabschnitt - das wird in Berlin womöglich auch gemacht werden müssen, um dann vielleicht die Grenzwerte wirklich einzuhalten.

Längerfristig kommt es durch die übliche Flottenerneuerung mit Euro 6 aber sowieso zu einer mittelfristigen Minderung der NOx-Emissionen. Die Prognose für 2020 bzw. 2022 ist durchaus positiv, aber eine berlinweite vollständige Grenzwerteinhaltung auch dann noch nicht realistisch.

Das Interview führte Dominik Wurnig

Infografik Stickstoffdioxid-Messung in der Leipziger Straße
Bild: Martina Springmann, Zorika Gaeta

Sendung: Abendschau, 12.06.2018, 19.30 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Nur, dass du bei deiner Überlegung eine Sache übersiehst: Der Flugverkehr stößt zwar Tonnen von CO2 aus, aber kaum Stickoxide.

  2. 4.

    also erstmal umstellung auf elektroautos oder brennstoffzelle hat den größten effekt weil keine abgase entstehen.statt diesel nachrüstung gleich den diesel mit einem elektrofahrzeug austauschen .ansonsten fahrverbot durch stinker denn es geht einfach nich dass jährlich über 10 000 an abgasen sterben.tempolimit kontrollieren sonst wird trotzdem 50 gefahren und das erzeugt stop and go(bin taxifahrer in berlin).längere linksabbiegerspuren oder teilweise nur geradeaus.

  3. 3.

    " permanentes Anhalten und Anfahren erzeugen beim Verbrennungsmotor die meisten Schadstoffe .... "
    das ist vollkommen richtig und deshalb ist es unlogisch Elektrofahrzeugen Vorfahrt bzw. Priorität zu gewähren, denn die erzeugen ja beim Stop & Go eben keine Schadstoffe
    Ansonsten halte ich alle bisherigen Maßnahmen für dilettantisch u. populistisch , die Masse an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren emittiert nun mal massenhaft Abgase, hinzu kommt der enorme Flugverkehr. Entscheidend ist der Standort der Meßstationen : auf hoher See wird es prima Werte ergeben, trotz der massenhaften Zahl der Schiffe u. auf dem Hochhaus in der Stadt stimmen die Meßwerte auch. Ergo: Ursache ist allein die schiere Menge von Verbrennungsmotoren

  4. 2.

    Ist doch ganz klar, in Berlin gibt es Flughäfen,ein Ferienflieger stößt die zehntausendfache Stickoxidmenge eines Diesel-PKW aus, diese Gase verteilen sich überall. Wenn die Luft sauberer werden soll, muß als erstes der Flugverkehr reduziert werden,damit können dann alle wieder fahren !

  5. 1.

    Eine erhebliche Reduzierung von Schadstoffen erreicht man nur mit fließendem Verkehr. Kurzstreckenverkehr sowie permanentes Anhalten und Anfahren erzeugen beim Verbrennungsmotor die meisten Schadstoffe bzw. viel Abrieb. Dazu muss dass Verkehrsaufkommen etwas reduziert werden.
    Die "grüne Welle" muss umgesetzt werden.
    Was ist mit Tempo 40?
    Vorfahrt für Elektroautos und Hybridfahrzeuge die im Innenstadtbereich rein elektrisch fahren!
    S- und U-Bahnen endlich konsequent sauber und sicher machen.

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