Nader El-Jindaoui vom Berliner AK - Der Internet-Star aus der Regionalliga

Fr 20.08.21 | 17:59 Uhr
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Nader El-Jindaoui (imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Er ist an 60 Prozent aller bisherigen Saison-Tore des Berliner AK beteiligt und hat mehr als doppelt so viele Instagram-Follower wie Max Kruse. Eigentlich hat das eine mit dem andere nichts zu tun. Und dann irgendwie doch. Von Ilja Behnisch

Das Telefonat mit Nader El-Jindaoui beginnt so wie er Fußball spielt: überraschend. "Läuft das Interview schon", fragt er, dribbelt er, um dann den Haken zu setzen: "Sag’ doch erstmal wie es Dir geht, wie geht’s der Familie?"

Eine Million Abonnenten hat Nader Jindaoui auf Instagram. Max Kruse kommt auf 394 Tausend. Dem Youtube-Kanal "Jindaouis", den Nader zusammen mit seiner Frau Louisa betreibt, auf dem die beiden ihr Leben teilen, folgen 823.000 Menschen. Vor allem aber ist Nader El-Jindaoui Fußballer. Flügelstürmer beim Berliner Ak, Regionalliga Nordost. Sechs Spiele, fünf Tore, eine Torvorlage. Ein 24-jähriger Ehemann, Internet-Star und baldiger Vater. Der als Junge aus Berlin-Wedding immer nur einen Traum hatte: Profi-Fußballer.

Der Weg dorthin beginnt beim SV Nord Wedding. Dann folgen die Füchse, Tennis Borussia Berlin und schließlich ein Platz im Internat von Energie Cottbus. U17-Bundesliga. Energie ist da, 2013, noch Zweitligist, träumt von der Rückkehr in die Bundesliga. Nader El-Jindaoui hingegen setzt auf Gewissheit: "Ich dachte, ich werde safe Profi. Weißt doch, wie wir Berliner sind. Keiner träumt davon, mit Cottbus in der Zweiten Liga zu spielen. Jeder Junge träumt erstmal ganz groß."

El-Jindaou plant seine Karriere selbst

Bald jedoch kommen die Verletzungen. Von Cottbus geht es 2015 in die U19 des Chemnitzer FC. Ein Jahr später ist er vereinslos. Babelsberg 03 nimmt ihn auf, zwei Jahre und 32 Spiele in der Regionalliga Nordost später zieht es ihn nach Bayern. "Ich hatte einige Angebote, aber alles abgelehnt. Weil ich die Idee hatte, wenn ich in der zweiten Mannschaft einer Bundesliga-Mannschaft spiele, und mich dort zeige, kann ich Profi werden."

Er packt seine Tasche, fährt zum Probetraining der SpVgg Greuter Fürth und ergattert einen Vertrag für die zweite Mannschaft. Dann schaut er, wer das Sagen hat im Klub, zeigt ihm seine besten Szenen, die er eigenhändig auf einen USB-Stick gepackt hatte. Kurz darauf trainierte er bei den Profis unter Trainer Damir Buric. Übermäßigen, womöglich hemmenden Respekt vor den Profis der ersten Mannschaft hatte er nicht: "Genau hier gehöre ich hin, war so mein Gefühl."

Acht Zähne weniger

El-Jindaoui fährt mit ins Wintertrainingslager in der Türkei. Und verletzt sich. Mal wieder. Ein Zahnarzt aus Düsseldorf wusste schon früh Rat, sagt, dass Probleme mit den Wurzelkanälen ursächlich sein sollen für den anfälligen Körper. Im Laufe der Jahre werden Nader deshalb acht Zähne gezogen. Hätte man ihm gesagt, es läge an der Haut, "hätte ich auch die Haut behandeln lassen. Mir egal. Ich wollte unbedingt Profi werden." Erstmal aber muss er wieder pausieren. Dann wechselt er zur zweiten Mannschaft von Fortuna Düsseldorf. Was beim Zweitligisten in Fürth geklappt hat, sollte doch auch beim Erstligisten funktionieren, so der Plan.

El-Jindouai lässt los - und startet durch

Doch auch für die Fortuna spielt El-Jindaoui "nur" Regionalliga. Dieses Mal hält zwar der Körper, doch der Geist leidet. Als Spieler der zweiten Mannschaft verdient man wenig Geld. "Ich hatte kaum Kohle. Bei Fürth habe ich ungefähr 900 Euro verdient. Bei 450 Euro Miete. Jeder Cent wird umgedreht. Aber dann dreht man ihn halt zweimal um. Ist mir egal. Man kommt schon über die Runden. Gab schlimmere Zeiten. Ich bin im Wedding aufgewachsen."

Man kommt über die Runden. Doch wenn man sich in Düsseldorf, einer der teuersten Städte des Landes, nur oberhalb einer Diskothek ein Zimmer leisten kann und deshalb der Schlaf leidet, leidet auch die Leistung auf dem Rasen. Dann noch Corona, kein Fußball mehr und Naders Ahnung: "Fußball will mich nicht." Dann lässt er los. Er geht zurück nach Berlin, zurück in die Heimat, zurück zu seiner Liebe. "Ich habe versucht aufzuholen, was ich durch den Fußball verloren habe", sagt Nader. "Und dann habe ich Louisa geheiratet."

Der Verein wächst mit - und umgekehrt

Sie beginnen zu vloggen, ihr Leben in den sozialen Netzwerken zu teilen. Und werden zu Stars. Der Berliner AK gibt ihm eine sportliche Heimat. Probleme durch die Nebenbeschäftigung? Keine. Im Gegenteil: "Als ich beim BAK angefangen habe, war ich bei 200.000 Abonnenten. Wir sind zusammen gewachsen." Heute kommen schon mal 2.000 Nader-Fans zu den Heimspielen ins Poststadion. Dort sehen sie den besten Fußballer Nader El-Jindaoui, der er je war. Sehen seine Übersteiger und Tunnel, die inzwischen aber immer "eine Lösung" sind, wie er sagt. Das war nicht immer so. Jetzt sagt er: "Ich mag es nicht, wenn man es sinnlos macht. Ich jage Tore. Ich bin besessen davon."

Der Traum vom Profi lebt

Derzeit liegt der Berliner AK auf Rang drei der Regionalliga Nordost. Er gilt als Titelkandidat. Und Nader El-Jindaoui? Ist an 60 Prozent aller Treffer beteiligt. Ist der Traum vom Profi noch drin? "Auf jeden Fall." Am liebsten mit dem BAK. Aber auch sonst: "Ich weiß, was ich kann. Ich habe ja schon oben geschnuppert. Und da war ich noch nicht so weit, wie ich es jetzt bin."

Die Vlogs wolle er auch dann fortführen, so Nader. Auch wenn er halb im Scherz sagt: "Ein Videoschnitt ist gefühlt zehnmal anstrengender als 90 Minuten um Dein Leben rennen." Und dann endet das Telefonat so, wie Nader El-Jindaoui Videos macht: "Ich versuche so echt wie möglich zu sein und Liebe zu geben."

Sendung: rbb24, 20.08.2021, 22 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Hey, super, gefällt mir! Viel Erfolg und NATÜRLICH einen Profi-Vertrag wünsche ich!

    Und ja, genau: alles Gute für's erste Baby :-))))

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