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Quelle: imago images/Matthias Koch

Fußball-Bundesliga

Wieso Union und Hertha am selben Wochenende im Ruhrgebiet spielen können

Dass Union- und Hertha-Fans in einer Stadt unterwegs sind, ist in Berlin naturgemäß Alltag. Dass sie sich nun auch auswärts nahe kommen, ist hingegen eine seltene Ausnahme. Von Ilja Behnisch

Die nackten Zahlen lesen sich wie die Zutatenliste für ein Schreckensszenario. Denn geht man davon aus, dass die Anhänger von Fußball-Bundesligist Union Berlin beim kommenden Auswärtsspiel in Dortmund den Gästeblock voll machen werden, zieht es mindestens 8.000 "Eiserne" ins Ruhrgebiet.

Geht man weiterhin davon aus, dass auch die Anhänger von Hertha BSC den Gästeblock auf Schalke in Gänze füllen werden an diesem Wochenende, kommen nochmals 6.000 Berliner Fußball-Fans obendrauf. Das macht 14.000 Menschen zweier rivalisierender Vereine in und um zwei Stadien, die Luftlinie gerade einmal 27,52 Kilometer voneinander entfernt sind.

Geht man weiterhin davon aus, dass zumindest unter den sogenannten organisierten Fans auch solche sind, denen Gewaltbereitschaft attestiert wird, stellt sich die Frage: Wie kommen Spielansetzungen eigentlich zustande? Und mit welchen Maßnahmen begegnen die Sicherheitsdienste den möglichen Konfliktpotentialen?

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Die Vereine sind unbesorgt

Nun ist nicht jedes Schreckensszenario zugleich auch ein realistisches. So lässt sich in diesem Fall durch den Hinweis auf eine weitere, die sehr schnöde Zahl eins prompte Entwarnung geben. Ein Tag liegt zwischen Dortmund - Union (Samstag, 07. Oktober, 15:30 Uhr) und Schalke - Hertha (Sonntag, 08. Oktober, 13:30 Uhr). Ein Tag, der allein den Unterschied ums Ganze macht.

"Aus sicherheitsrechtlichen Gesichtspunkten ist das für uns eine Auswärtsfahrt wie jede andere. Unsere Fan-Szene reist am Sonntag mit einem Sonderzug an und kehrt damit nach dem Spiel auch wieder zurück nach Berlin", schreibt Vera Krings, Pressesprecherin von Zweitligist Hertha BSC auf Anfrage von rbb|24. Unions Christian Arbeit, Stadionsprecher und Geschäftsführer Kommunikation, sieht das prinzipiell genauso, einzige Einschränkung: "Bei uns gibt es keinen Sonderzug."

Wenn etwas passiert, dann meist aus Zufall

Auch Fan-Forscher Harald Lange von der Universität Würzburg sieht in der um einen Tag versetzten Spielansetzung einen entscheidenden Faktor. "Das macht das Aufeinandertreffen zweier Fan-Lager sehr unwahrscheinlich. Allgemein reisen sie am selben Tag an und auch wieder zurück." Es müsste schon etwas Außergewöhnliches dazwischenkommen, so Lange.

Ausfallende Züge etwa. An der Stelle mag man sich die obligatorischen Scherze auf Kosten der Deutschen Bahn bitte selbst hinzudenken. Sehr wahrscheinlich ist ein komplettes Schienen-Chaos, das ausgerechnet gewaltbereite Union- mit gewaltbereiten Union-Fans zusammenführt, allerdings nicht.

Zumal Lange darauf verweist, dass Gewalt rund um den Bundesliga-Fußball ohnehin kaum noch eine Rolle spielt. "Die Fan-Arbeit der letzten 20 Jahre trägt da wirklich Früchte", so Lange, "in Deutschland ist das Gewaltproblem im Vergleich zu anderen europäischen Ligen überschaubar". Passiert dennoch etwas, dann zumeist unvorhergesehen: "Häufig treffen Fangruppen zufällig auf Autobahnraststätten aufeinander, ohne das die Polizei dabei ist."

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Probleme eher auf internationaler Bühne

Überhaupt tritt Lange auf die Angst-Bremse. Er sagt: "Natürlich ist in den Derbys sehr, sehr viel Emotion, sehr viel Leidenschaft im Spiel. Aber auch da haben wir gesehen, dass die Mehrzahl der Partien doch weitestgehend gewaltfrei über die Bühne gehen."

Gewalt im Fußball findet vornehmlich im Amateurbereich statt. Dort leider auch zunehmend. Im Spitzenfußball ist sie wenn unter Beteiligung deutscher Klubs vornehmlich im Europapokal zu erwarten, dann häufig verbunden mit Solidarisierungs-Gesten befreundeter Fan-Lager. Lange verweist etwa auf das Beispiel des 1. FC Köln, dessen Europapokal-Gastspiel in Nizza 2022 in Gewalt mündete. Kölns Geschäftsführer Christian Keller stellte die Vorgänge im Stadion seinerzeit wie folgt dar: "Mein Informationsstand ist, dass zuerst Hooligans aus Nizza in unseren Fanblock eingedrungen sind. Daraufhin sind Hooligans aus unserem Fanblock, die größtenteils aus Paris kommen sollen und als Kölner verkleidet waren, und natürlich ein paar aus Köln hinterher."

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Der Clou dieser an sich furchtbaren Episode: Das Gros der Köln-Fans im Gästeblock von Nizza stemmte sich vehement gegen den Gewalt-Ausbruch, versuchte gar, den Gewalt-Tätern zur späteren Identifikation die Vermummung von den Gesichtern zu reißen. Das zeige, so Fanforscher Lange, "für Gewalt ist im Selbstverständnis unserer Fankultur kein Platz mehr. Die Zeiten sind vorbei."

Trotzdem stellt sich die Frage, warum sowohl Schalke als auch Dortmund Heimspiele am selben Spieltag haben. Traditionell versucht die Deutsche Fußball Liga (DFL) schließlich, dies zu vermeiden. Um Gewaltpotentiale zu unterdrücken und vor allem, um die Polizei zu entlasten. Allerdings sind bei der Erstellung der Spielpläne derart viele Gesichtspunkte zu beachten, dass Ausnahmen von der Regel kaum zu vermeiden sind. So müssen die Rahmenterminkalender der internationalen Verbände ebenso beachtet werden wie die Einschätzungen der Sicherheitskräfte, andere Großveranstaltungen oder Besonderheiten des Ligensystems. Dortmund etwa hat an den kommenden beiden Spieltagen jeweils Heimrecht. So wie es jedem Bundesligisten im Laufe einer Saison einmal widerfährt. Anders ist das in einer 18er-Liga gar nicht zu organisieren.

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Zitieren lassen möchte sich die DFL zum Thema nicht. Nach rbb|24-Informationen wird der unausweichliche Doppel-Heimspieltag von Schalke und Dortmund jedoch bewusst über die konkreten Ansetzungen entschärft. Soll heißen: Gemeinsame Heimspiele am selben Wochenende sind möglich. Am selben Tag jedoch nicht. Womit wir wieder beim Anfang wären.

Was für die Vereine hinreicht, reicht auch für die Sicherheitsorgane. So schreibt das Polizeipräsidium Gelsenkirchen auf rbb|24-Anfrage, die Konstellation am kommenden Wochenende führe nicht zu besonderen Maßnahmen. Und weiter: "Die unterschiedlichen Anstoßzeiten sowie An- und Abfahrtszeiten sollten ein Aufeinandertreffen im Ruhrgebiet sehr unwahrscheinlich machen. Es wird ausreichend Polizei im Einsatz sein. Zur genauen Kräfteanzahl geben wir grundsätzlich aus einsatztaktischen Gründen keine Auskunft."

Das Berliner Fußball-Herz freut es. Schreckensszenarien gab es zuletzt schließlich schon rein sportlich mehr als genug.

Sendung: rbb24, 07.10.2023, 18 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

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