Deutsche Erfolge, Pfiffe gegen Scholz und Färöer-Party - Was von der Vorrunde der Handball-Europameisterschaft in Berlin bleibt

Mi 17.01.24 | 06:29 Uhr
Archivbild: Abschlussjubel nach dem 26:26 Ausgleich durch Elias Ellefsen a Skipagotu Färöer. (Quelle: imago images/Koch)
Audio: rbb24 Inforadio | 17.01.2024 | Daniel Neuhaus | Bild: imago images/Koch

Für die deutsche Handball-Nationalmannschaft geht die Heim-EM gerade erst so richtig los, für Berlin ist das Turnier als Austragungsort allerdings vorbei. Was bleibt, sind deutsche Glücksmomente, die Färöer-Invasion und Pfiffe gegen Kanzler Scholz.

Und damit endet die Heim-Europameisterschaft im Handball auch wieder – aber nur in Berlin. Die deutsche Hauptstadt diente vom 11. bis 16. Januar als Austragungsort, insgesamt zehn EM-Vorrundenspiele der Gruppen A und D wurden in der Mercedes-Benz Arena ausgetragen.

Die Woche gab sehr viel her, sowohl auf der Platte als auch auf den Rängen. Besonders fünf Aspekte werden in Erinnerung bleiben.

1. Die Spiele der deutschen Mannschaft

Am Ende reichte es nicht ganz - und doch: Berlin war auch im zweiten Spiel die Kulisse einer sehr starken Leistung der deutschen Handballer. Die "Adler" verloren ihr letztes Gruppenspiel gegen Frankreich zwar mit 30:33, präsentierten sich aber einmal mehr leidenschaftlich und mutig.

In der ersten Partie in der Arena am Ostbahnhof besiegten die Deutschen Nordmazedonien souverän mit 34:25 und qualifizierten sich damit frühzeitig für die für die Hauptrunde der Heim-EM. Schon am Sonntag präsentierte sich die mit 13.571 Zuschauern prall gefüllte Halle in Bestform und das Publikum peitschte die deutsche Mannschaft nach vorne. Woche für Woche zeigen die Füchse Berlin, wie Handball-begeistert Berlin ist - das stellte die Stadt auch gegen Nordmazedonien und Frankreich unter Beweis.

"Es ist Wahnsinn, was Handball-Deutschland hier abreißt, erst in Düsseldorf, jetzt Berlin, das sind Emotionen", sagte der Nationalspieler Jannik Kohlbacher im ZDF. In der deutschen Hauptstadt war ein junges, hungriges Nationalteam zu sehen, das in vielen Dingen bereits an der Weltklasse kratzt, aber noch konstanter werden muss. Zum Auftakt der zweiten Turnierphase trifft die DHB-Auswahl am Donnerstag in Köln auf Island. Die ersten Zwei der Sechsergruppe qualifizieren sich für die Vorschlussrunde.

2. Die Färöer Inseln nehmen Berlin ein

Am Ende war Elias Ellefsen a Skipagötu natürlich auch ein "bisschen enttäuscht". Für den Spielmacher vom THW Kiel und seine Färinger endete die wilde EM-Party am Montagabend gegen Polen (28:32) - doch der Turnier-Neuling verabschiedete sich mit lautstarker Unterstützung und erhobenen Hauptes.

5.000 euphorische Fans, ein Zehntel der heimischen Bevölkerung, fast alle in blau-weißen Trikots, verwandelten die Berliner Mercedes-Benz Arena ein letztes Mal in einen Hexenkessel und feierten ihre Mannschaft, die beim 26:26 gegen Norwegen am Samstag völlig überraschend den ersten Punkt der EM-Geschichte geholt hatte. "Wir sind stolz auf sie", sagte a Skipagötu.

"Das Turnier war überragend", sagte Rechtsaußen West av Teigum. "Das war unsere Premiere, aber hoffentlich erst der Anfang. Die Fans sind den langen Weg her nach Berlin gekommen, sie sind Teil des Erfolgs. Ich habe keine Worte dafür." Zeitweise machte es den Anschein, als würde die 5.000 mitgereisten Fans Berlin nahezu einnehmen.

Der historische erste Punktgewinn bei einem EM-Turnier, ausgerechnet gegen Nachbarland Norwegen, war der Startschuss für eine andauernde Party. Der Verband hatte nahe der Arena ein großes Areal zum Feiern gemietet, das mit 1.000 Menschen überaus gut besucht war. Sportlich wie auch atmosphärisch waren die Färöer Inseln als Debütant also ein großer Gewinn für die EM.

3. Füchse-Eigengewächs Lichtlein betritt die große Bühne

Auch für Nils Lichtlein ist es die erste Europameisterschaft im Männerbereich. Das Eigengewächs der Füchse Berlin betritt in diesen Tagen die ganz große Handballbühne. Lichtlein rückte gegen Nordmazedonien für Kai Häfner in den Kader und erzielte bei seinem EM-Debüt auch gleich sein erstes Tor. Er sei "den ganzen Tag aufgeregt-vorfreudig" gewesen, erzählte der 21-Jährige nach dem Abpfiff. Sein EM-Debüt zu geben, sei "ein einzigartiges Erlebnis und das hier in Berlin vor der Heimkulisse feiern zu können, ist etwas Besonderes."

Häfner - der 2016er-Europameister - war am Freitagabend zum zweiten Mal Vater geworden und zunächst nicht mit nach Berlin gereist. "Er wird definitiv zurückkommen. Und dann wird sich zeigen, welche 16 Spieler wir auf den Spielberichtsbogen eintragen werden. Dass Kai Häfner einer davon sein wird, die Wahrscheinlichkeit ist nicht klein", hatte der DHB-Sportvorstand Axel Kromer schon am Montag angekündigt.

Und tatsächlich: Gegen Frankreich war Häfner zurück im Team und nahm den Kaderplatz wieder ein. Seine ersten Minuten und sein erstes Tor bei einer Europameisterschaft - und das ausgerechnet in Berlin - kann Lichtlein aber niemand mehr nehmen.

4. Das vielleicht bedeutsamste Spiel in Berlin

Am vergangenen Donnerstag fand das vielleicht spektakulärste Spiel dieser Europameisterschaft statt – und das, obwohl kein einziger Handballprofi dabei war. Zwei gemischte Teams der "Freiwurf Hamburg Liga" duellierten sich, um im Rahmen der Handball-Europameisterschaft ein Zeichen für den inklusiven Sport zu setzen. Mit oder ohne geistige oder körperliche Behinderung – alle durften mitspielen. Die Freiwurf Hamburg Liga ist bundesweit die erste offiziell vom Deutschen Handballbund e.V. anerkannte inklusive Handballliga.

Vor den Augen der Gäste von der European Handball Federation (EHF), dem Deutschen Handballbund (DHB), dem Handball-Verband Berlin und dem Berliner Senat maßen sich Handspielerinnen und- Spieler verschiedener Altersklassen in zweimal 15 Minuten. Ein Beweis dafür, dass inklusiver Mannschaftssport möglich ist und Spaß macht. Der Berliner Handballverband plant, eine ähnliche Liga wie in Hamburg zu gründen. "Das Thema hat unfassbar viel Potential, und es ist auch die Aufgabe des Landesverbandes, unsere tolle Sportart für alle Menschen zugänglich zu machen", sagt der Präsident Thomas Ludewig.

Ein wichtiges Zeichen für den inklusiven Sport, das solch Großereignisse wie eine Handball-Europameisterschaft für mehr Sichtbarkeit genutzt werden.

5. Bauernproteste und Pfiffe gegen Kanzler Scholz

Dass Sport gesellschaftspolitisch ist, zeigten aber auch weitere Ereignisse. So zum Beispiel der Umstand, dass der deutsche Handballbund mit einem Alternativprogramm auf die derzeit anhaltenden Bauernproteste reagieren musste. "Wir haben die Trainingseinheit, die wir heute auf dem Programm haben, in eine alternative Halle verlegt, sodass wir einen ganz, ganz kurzen Anreiseweg haben, der uns von sämtlichen Bauernprotesten fernhält", berichtete DHB-Sportvorstand Axel Kromer am Montag. Auch der Medientermin fand diesmal nicht in Präsenz, sondern digital statt.

Nicht auf den Straßen, auch in der Handballhalle ließ sich ein politisches Stimmungsbarometer ausmachen. Bundeskanzler Olaf Scholz gehörte am Sonntagabend beim deutschen Sieg über Nordmazedonien zu den Ehrengästen in der Berliner Mercedes-Benz Arena. Als der SPD-Politiker in der ersten Halbzeit vom Stadionsprecher offiziell begrüßt wurde, reagierten die Zuschauer mit einem lauten, rund zehn Sekunden dauernden Pfeifkonzert.

"Generell ist es für uns überhaupt nicht schön, wenn unsere Gäste ausgepfiffen werden. Die letzten Wochen haben aber gezeigt, dass es eine Grundstimmung in Deutschland zu vernehmen gibt, die diese Pfiffe leider nicht unwahrscheinlich gemacht haben", sagte Sportvorstand Kromer am Montag und ergänzte: "Tut mir leid für Herrn Scholz, dass er ausgepfiffen worden ist. Aber ich glaube, er hat trotzdem ein tolles Spiel erlebt und sich als wahrer Fan des deutschen Handballs präsentiert."

Sendung: Der Tag, 17.01.2024, 18 Uhr

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