Jugendliche in Märkisch-Oderland - "Auf dem Land gibt es positive und negative Dinge, aber bei mir überwiegen die positiven"

Do 05.10.23 | 16:53 Uhr
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Symbolbild: Männer machen zum Vatertag eine Ausfahrt auf alten Mopeds und Motorrädern aus DDR-Zeiten nahe dem Spreewalddorf Raddusch. (Quelle: dpa-Zentralbild/Patrick Pleul)
Audio: Inforadio | 05.10.2023 | Marie Stumpf | Bild: dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Busse fahren nur selten, der nächste Supermarkt ist weit entfernt und zum Telefonieren geht es aufs Dach. Dafür gibt es Ruhe, Gemeinschaft und kulante Polizisten. Der Alltag von Jugendlichen im Oderland ist zugleich Herausforderung und Erfüllung.

Steigende Mieten, Lärm oder überlasteter Verkehr: die Gründe warum immer mehr Großstädter in die ländlichen Regionen ziehen, sind vielfältig. Für Familien und besonders für die heranwachsenden Kinder bedeutet das Leben auf dem Land aber auch, mit anderen Gegebenheiten und Perspektiven zurechtzukommen. Das zeigen auch Beispiele im Kreis Märkisch-Oderland. Von dort berichten Jugendliche dem rbb für eine Reportage aus ihrem Alltag und der Realität im viel beschworenen Idyll.

Für die Grillfeier mit dem Rad zwölf Kilometer zum Supermarkt

Linus ist 15 Jahre als und wohnt im - wie er es nennt - "wunderschönen Golzow". Das Dorf hat knapp 826 Einwohner und ist von Wiesen und Feldern umgeben. Die nächstgrößere Stadt Seelow liegt etwa zwölf Kilometer entfernt. Linus holt sein Fahrrad. Er möchte mit seinen Freunden grillen und braucht dafür Fleisch. Allerdings kann das schon schwierig werden. Denn einen Supermarkt gibt es in Golzow nicht. "Der nächste wäre so in sechs Kilometer", sagt der Jugendliche. "Aber ich fahre meistens die zwölf bis nach Seelow, weil es da einfach mehr Auswahl gibt." Deshalb tritt er, wie fast täglich, in die Pedale.

Von jedem Ort in der Umgebung wisse er, wie viele Kilometer dieser entfernt ist und wie lange er mit dem Rad dahin braucht. Das Fahrrad bedeutet Unabhängigkeit. Doch zimperlich sein darf man dabei nicht. "Ich war auf dem Oderbruchtag in Letschin. Gegen 0:30 Uhr war mir das zu viel, ich habe das Fahrrad genommen und bin nach Hause. Das sind so 20 bis 25 Kilometer." Sorgen aufgrund der Dunkelheit mache er sich keine: "Ich habe ja Licht und kenne die Strecken, was mir Sicherheit und Vertrauen gibt." Außerdem gehöre eine kurze Nachricht zum Verbleib an Freunde zum guten Ton.

Auf dem Weg zum Geschäft, um das Grillfleisch zu kaufen, kommt der 15-Jährige an einer Bushaltestelle vorbei. Von einem Bus selbst ist aber weit und breit nichts zu sehen. Für Linus ist das der Normalzustand und der Nahverkehr daher keine Option. "Jeder Öffi - ob Bus oder Bahn - fährt so alle zwei Stunden, aber nur bis 16 oder 20 Uhr."

Ellbogenfreiheit und die Qual der Wahl beim Fest am Wochenende

Trotz aller Widrigkeiten beim Einkauf, wird der Grill am Nachmittag pünktlich angefeuert. Mit dabei sind Bruno, Lennox und Moritz - alle im Alter zwischen 15 und 16 Jahren und bekannt seit der Grundschule. Mit ihren Mopeds sind sie aus den umliegenden Dörfern nach Golzow angereist. Die Stimmung ist gut. Bei lauter Musik mit stampfenden Beats wird gequatscht, gelacht und angestoßen. Die kleinen Feiern sind ein regelmäßiges Ritual.

Austoben als Jugendlicher auf dem Land ist kein Problem, sagen sie und zählen auf: Oktoberfest in Platkow, Sonnenblumenfest oder Simsontreff in Letschin. "Wenn wir wollen, können wir eigentlich jedes Wochenende feiern gehen. Hier ist überall etwas los", heißt es aus der Runde. Sehnsucht nach der Metropole Berlin hätten sie nicht. "Ich bin da sechs Jahre lang groß geworden und will da nicht mehr hin", sagt Moritz. "Ist zu voll, stressig und zu viel Polizei. Auf dem Dorf wird nicht so viel kontrolliert und die Polizisten sind entspannter." Klar werde auf falsch getunte Mopeds hingewiesen und eine Strafe ausgesprochen, aber auch mal ein Auge zugedrückt.

Kein Netz und nur wenige Läden

Doch es gibt auch Dinge, die den Jungs beim Landleben fehlen. "Manchmal ist es das Netz zum Telefonieren", sagt Moritz. "Also Friedrichsaue ist ein einziges Funkloch. Dann muss ich auch schon mal aufs Dach steigen, um einen Balken Netz zu haben." Zustimmendes Brummeln von seinen Kumpels. Und auch Moritz kommt auf die mangelhaften Einkaufsmöglichkeiten zu sprechen. "Bis vor acht oder neun Jahren gab es den Dorfladen in Golzow noch. Dann haben sie ihn irgendwann dichtgemacht. In Friedrichsaue gabs einen, in Zechin gab es einen, und das fehlt einfach noch." Trotzdem wollen die Freunde alle auf dem Land wohnen bleiben.

Langeweile? Keine Zeit!

Vom Für und Wider in der Brandenburgischen Provinz kann auch Emilia berichten. Sie ist 16 Jahre alt und kommt aus Neutrebbin. Auch sie schwört auf ihr Moped. Denn ohne das wäre sie in Sachen Mobilität deutlich eingeschränkter. Sie wohnt fast fünf Kilometer vom Ortskern der 1.450 Einwohner zählenden Gemeinde entfernt. Von dort aus sind es noch gut 20 Kilometer bis zur polnischen Grenze.

Vor gut eineinhalb Jahren hat Emilia den Führerschein gemacht, nun ist sie ständig auf Achse. "Montag fängt es meistens an mit Fahrschule. Da mache ich gerade den Auto-Führerschein. Dann kommt Dienstag der Reitunterricht, Mittwoch wieder Fahrschule, donnerstags versuche ich Oma und Opa zu besuchen, Freitag dann noch Tanztraining und am Wochenende meistens Dorffeste. Da geht man dann mit Freunden hin."

Emilia: Dorf ohne Vereine ist undenkbar

Einmal in der Woche steht zudem Fitness auf dem Programm. Vor vier Jahren hat der "KSC Sportverein Neutrebbin" eröffnet. Der Klub boomt und zählt fast 200 Mitglieder. 15 Euro kostet der Beitrag im Monat. Der Vorteil: im Gegensatz zu anderen Studios im Umkreis haben die Neutrebbiner auch nach 22 Uhr geöffnet. Besonders von den Jugendlichen werde das Rund-um-die-Uhr-Angebot gerne angenommen, heißt es vom Betreiber. So auch von Emilia. Ein Dorf ohne Vereine sei für sie undenkbar. "Für mich wäre das ziemlich schlimm, weil man eigentlich seine ganze Freizeit dort verbringt. Das ist wie eine zweite Familie, und ohne Vereine würde ziemlich viel den Bach runtergehen."

Langeweile kennt die Schülerin aufgrund ihres vollen Zeitplans nicht. Doch bei einigen ihrer Freundinnen sehe das schon anders aus. Emilia wisse die gelegentliche Ruhe hingegen, etwa bei einem Abendspaziergang durch Neutrebbin, zu schätzen. "Ich liebe das Landleben und man kennt sich untereinander. Wenn ich an Berlin denke und man geht durch die Stadt, dann grüßt keiner. Hier grüßt jeder. Der Zusammenhalt fehlt in Berlin."

Rückkehr nach der Ausbildung

Allerdings plant die 16-Jährige, ihre Gemeinde bald hinter sich zu lassen - jedenfalls vorübergehend: Nach der Schule will sie nach Eberswalde (Barnim), um Hebamme zu werden. Später wolle sie aber auf jeden Fall nach Neutrebbin zurückkommen. "Für mich persönlich gibt es auf dem Land positive und negative Dinge, aber bei mir überwiegen die positiven Dinge."

Sendung: Antenne Brandenburg, 05.10.2033, 15:10 Uhr

Mit Material von Marie Stumpf

9 Kommentare

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  1. 8.

    Was ein Beispiel ist weiß jeder durchschnittliche Sechstklässler. Ersetzen Sie ICE- Werk gern durch Autowerk, Batteriewerk oder auch Wohnungen für Berliner, Hauptsache viel Beton, maximale Zerstörung der Natur und höchstmögliche Mißachtung der betroffenen Bevölkerung durch Politik und/oder Wirtschaft.

  2. 7.

    Das soll ja flächendeckend geplant sein-also jede Milchkanne soll ein ICE-Instandsetzungswerk bekommen.
    Landesweit.

  3. 6.

    Genießt es, bis eure Landesregierung euch zum Beispiel mit einem ICE-Instandsetzungswerk "beglückt"!

  4. 5.

    Ja, finde ich auch, toller Bericht. Als älteres Landkind habe ich mich wiedergefunden. Insbesondere die Mobilität mit Rad und Moped kenne ich gut. Nur bei der Nutzungsbereitschaft des ÖPNV hapert es. Bei meinen vielen Landtouren ärgert es mich, dass er nicht häufiger genutzt wird. Bin oft der einzige Fahrgast. Takterhöhung würde aber bedeuten, dass im gemeinsamen VBB auch Berlin sich finanziell beteiligen muss. Wäre für mich sinnvoller, als das 29€ Ticket.

  5. 4.

    Aufgewachsen in einem Dorf im Berliner Umland , mit 20 nach Berlin gezogen,Partyleben ausreichend genossen , mit 30 wieder raus und der Stadt , alles richtig gemacht !

  6. 3.

    Ein sehr schöner Bericht. Ich kann es voll nachempfinden. Stroh an den Füßen wird man oftmals nie los.

  7. 2.

    Das kann ich nur bestätigen. Wir sind vor ein paar Jahren ins Oderbruch gezogen. Wir wollen nie wieder weg! Man hat viel Ruhe, aber es gibt auch viel zu feiern. Oft fallen die Feste auf ein Wochenende, da muss man sich schon überlegen, wo man hingeht. Jetzt gerade die Erntedankfeste. Wirklich toll! Solange wir noch mit dem Auto fahren können, ist das alles kein Problem. Danach werden die Kinder es tun, die richten sich gerade ein auf eine Zukunft in einem Dorf. Bewusst hier!! Wunderschön!

  8. 1.

    Guter Bericht, der die Vor-und Nachteile des Landlebens gut herausgearbeitet hat. Und immer wieder stößt man bei diesem Thema auf ein zentrales Problem: der ÖPNV. Unerklärlich, warum wir es nicht gebacken bekommen, einen attraktiven ÖPNV anzubieten. Dann muss man halt mehr Gelder in die Hand nehmen und ja, dann fährt der eine oder andere Bus leer durch die Gegend. Mein Gott, es muss sich nicht immer alles rechnen lassen. Für jeden Mist sind Steuergelder da.....

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