Erneut Proteste gegen Lieferdienst in Berlin - Gorillas-Fahrer: "Seht uns nicht als Nummern oder Maschinen"

In Berlin haben Fahrer des populären Lieferdienstes Gorillas erneut gegen schlechte Arbeitsbedingungen gestreikt. Die MitarbeiterInnen stellten vor einer Gorillas-Filiale ihre Fahrräder aus Protest auf den Kopf. (Quelle: Twitter / Gorillas Workers Collective)
Audio: Inforadio | 04.10.2021 | | Bild: Twitter / Gorillas Workers Collective

Fahrer des Lieferdienstes Gorillas streiken in Berlin erneut gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Im Bergmannkiez wurde ein Warenhaus am Montag geschlossen. Die Mitarbeiter fordern mehr Geld - aber auch einen besseren Umgang. Von Hasan Gökkaya

Zwei Bananen, ein paar Flaschen Bier und vielleicht noch ein Shampoo oder Nahrung für die Katze: Nur wenige Klicks sind nötig und keine 15 Minuten später klingelt es an der Tür. In Berlin tragen Fahrer des Schnell-Lieferdienstes Gorillas Lebensmittel und viele andere Produkte in einer Rekordzeit auf Fahrrädern aus.

Das Unternehmen ist eines der spannendsten und umstrittensten Start-ups in Deutschland - und dass es nicht zur Ruhe kommt, zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in Berlin. Erst am Montagmorgen wurde wieder ein Warenhaus des Lieferdienstes in Tempelhof kurzerhand für zwei Tage geschlossen. Das teilte das "Gorillas Workers Collective" (GWC), das sich nach eigenen Angaben für die Rechte von Gorillas-Mitarbeitern einsetzt, rbb|24 am Montag mit.

Für die in der Umgebung ansässigen Berlinerinnen und Berliner bedeutet das: Selbst zum Einkaufen fahren oder auf die Konkurrenz umsatteln. Der Schließung im Bergmannkiez waren drei Tage zuvor Proteste mehrere Gorillas-Fahrer, sogenannter "Rider", vorausgegangen. Symbolisch kippten die Mitarbeiter ihre Fahrräder vor dem Lager am Kaiserkorso 154 um und protestierten für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Zeitgleich wurde auch in der Schöneberger Filiale in der Martin-Luther-Straße 12 gestreikt.

"Seht uns nicht als Nummern oder Maschinen"

Am Montagmittag setzte sich der Arbeitskampf fort: Gorillas-Mitarbeiter protestierten vor dem Warenhaus in der Schwedenstraße 14 in Gesundbrunnen. Die Forderungen der Rider sind vielfältig: Zwölf Euro Stundenlohn, schnelle Instandhaltung der Fahrräder, bessere Zuweisung der Schichtdienste, Zwischenpausen und Angaben darüber, wie schwer die mit Lebensmitteln gefüllten Taschen eigentlich sind.

Auch eine gesellschaftskritische Relevanz hatten die an die Unternehmensführung gerichteten Forderungen: "Stoppt Sexismus und Rassismus im Management", "Stoppt ungerechte Kündigungen" und "Seht uns nicht als Nummern/Maschinen", heißt es auf einem Plakat, welches das Kollektiv GWC auf Twitter veröffentlichte.

"Gorillas Workes Collective" gegen Gorillas

Gorillas könnte nach Medienberichten bald einen Unternehmenswert von mehreren Milliarden Euro haben. Der Schnell-Lieferdienst wird durch Investorengelder finanziert und ist auf Expansionskurs. Da kommen die seit Monaten andauernden Proteste gegen das Management von Gorillas zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das "Gorillas Workers Collective" organisiert die Proteste.

Die Gruppe meidet in der Regel Interviews mit Journalisten, nutzt aber soziale Medien wie Twitter verstärkt aus, um Fahrerinnen und Fahrer zusammenzubringen und Gorillas in der Öffentlichkeit an den Pranger zu stellen. Das Kollektiv versucht sich zu professionalisieren - inzwischen hat es sogar einen Fond eingerichtet und nach eigenen Angaben aktuell 7.300 Euro in der Kasse. Das Geld werde gebraucht, um juristische Kosten zu decken und die Community zu strukturieren. Außerdem sei streiken teuer: Allein die am vergangenen Freitag durchgeführten Streiks hätten Kosten in Höhe von 1.400 Euro verursacht - dazu zählt das Kollektiv etwa auch den Wegfall von Trinkgeld für die streikenden Fahrer.

Verdienst eines Rider pro Stunde liegt bei 10,50 Euro - mit Trinkgeld bei 13 bis 15 Euro

Gorillas-CEO Kagan Sümer in der "FAZ"

CEO Sümer: Rider verdienen 10,50 Euro pro Stunde

Einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse der vergangenen Monate hat Unternehmensgründer Kagan Sümer. Als CEO von Gorillas steht der aus Istanbul stammende Gründer im Zentrum der Vorwürfe. In einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAZ)" [Bezahlschranke] beteuerte er vergangene Woche, dass bei Gorillas niemand ausgebeutet werde. Im Gegenteil: Die Fahrer seien fest angestellt, inklusive Sozialversicherungen. "Damit heben wir uns bewusst von der Konkurrenz ab", so Sümer.

Die Kritik nehme er ernst – doch sie habe "auch viel mit der anstehenden Wahl eines Betriebsrats bei uns zu tun. Da haben manche den Weg an die Öffentlichkeit gesucht."

Was die Bezahlung angeht, sagt Sümer: Der Verdienst eines Rider pro Stunde liege bei 10,50 Euro. Mit Trinkgeld kämen Fahrer auf 13 bis 15 Euro.

Rider: "Das ist alles nur Politik, da machen nicht alle mit"

Was die schweren Taschen und die Gesundheit der Fahrerinnen und Fahrer angeht, sei Besserung in Aussicht. In Deutschland, den Niederlanden und Belgien werde das Unternehmen auf Lastenräder umstellen, "sodass die Rider gar kein Gewicht auf dem Rücken haben", sagte Sümer in dem Interview weiter.

Wie viele Mitarbeiter aktiv hinter den Protesten stehen, ist unklar. Tatsächlich dürfte es nur ein Teil sein, ging der Betrieb in Berlin in den vergangenen Monaten in der Regel weiter. Ein angesprochener Rider nahe des Checkpoint Charlie beteuerte gegenüber rbb|24: "Das ist alles nur Politik, da machen nicht alle mit."

"No pasarán!"

Wie ernst die Lage aber zumindest für Teile der Belegschaft ist, zeigte sich am Montagnachmittag. Weil nach der Schließung der Filiale im Bergmannkiez einige Mitarbeiter Zutritt zu ihrer Arbeitsstätte forderten, habe die Leitung kurzerhand eine Sicherheitsfirma beauftragt. Das "Gorillas Workers Collective" veröffentlichte auf Twitter ein Foto, darauf zu sehen war ein Mann mit blauer Weste - über ihm eine Protestfahne mit der Aufschrift: "No pasarán!", bedeutet: "Sie kommen nicht durch!"

Sendung: Inforadio, 04.10.2021, 7:35 Uhr

Beitrag von Hasan Gökkaya

21 Kommentare

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  1. 21.

    Auch wenn ich schlechte Arbeitsbedingungen verurteile, die Lieferanten auf ihren Mozorrollern oder Lieferwagen verhalten sich im Verkehr nicht akzeptabel und gefährden andere. Also was ich meine nur weil sie schlecht behandelt werden dürfen sie nicht andere Menschen mit ihrem Fahrverhalten bedrohen !

  2. 20.

    Hundertprozentig. Es geht um die Wertschätzung für die eigene, unmittelbare Anschauung vor dem Kauf. Zudem schafft die technisch bedingte Mittelbarkeit ungeahnte Manipulationsmöglichkeiten. Das ist keine Bagatelle.

  3. 19.

    Wenn ich mal von meinem Beitrag sprechen darf, den ich hier einbrachte: Meine Kritik war und ist, dass anders als beim eigenen Einkauf und beim Selber-Kochen die Beschäftigten der Lieferdienste systematisch unter Stress stehen. Das ist bei Privatpersonen, die selber einkaufen und kochen, anders. Da kann es mal so und mal so sein, nichts muss.

    Kurzum: Die Logik der Getriebenheit ist Teil des Geschäftsmodells, haltlose Zeitversprechen abzugeben und von Seiten der Fahrenden gemäß des Mottos "eingesparte Zeit ist pures Geld" zu verfahren. Deshalb wirken sich die Lieferdienste schon von ihrer Grundveranlagung heraus negativ auf das Verkehrsklima aus.

  4. 18.

    Die großmäulige Betonung der eigenen Aggressivität und Nonkonformität in der schwarzgehaltenen Plakatwerbung der Firma Gorillas hat sich leider im täglichen, für mich durchweg unangenehmen Auftreten ihrer Mitarbeiter bestätigt und wohl auch festgesetzt. Dass nach dem Kampfradler und dem E-Rollerfahrer sich nun eine noch gefährlichere Spezies auf dem Gehweg bewegt, macht mein Leben in der Stadt nicht schöner.

  5. 17.

    Ich sehe nichts grundsätzlich Schlechtes an Lieferdiensten: Wenn die Fahrer* sozialversichert sind, ist das tatsächlich schon mal super. Und wenn die Belastung des Rückens künftig mittels Lastenrädern vermieden wird, ist das auch prima. Alles weitere für die Fahrer* wird ein hoffentlich starker Betriebsrat richten. Dass diese Lieferdienste tatsächlich Läden zerstören, glaube ich nicht: Wie man auch hier sieht gibt es immer noch genug Leute, die "live" einkaufen wollen. Und wenn die riesigen Parkplätze vor Supermärkten etwas kleiner werden können, haben alle was davon. - Die so genannte Faulheit ist doch dieselbe wie bei allen Dienstleistungen und Waren: Bauen jene hier, die die Kunden von Lieferdiensten kritisieren, ihr Essen selber an oder holen sie es zumindest selbst vom Feld? Stricken Sie Ihre ganze Kleidung selber und drehen Sie nur ihre eigenen Filme? - Wir sind nun mal eine arbeitsteilige Gesellschaft, und wichtig ist da vor allem, dass es für alle fair und nachhaltig zugeht.

  6. 16.

    "No pasarán!"

    Ernsthaft?
    Geht es nicht auch einige Nummern kleiner?



  7. 15.

    Ganz ehrlich , wer braucht bitte schön solch ein Quatsch . Kann man nicht für ein paar Kleinigkeiten alleine einkaufen gehen ? Ist der Deutsche schon so faul geworden ?

  8. 14.

    Nutze zwar Gorillas und Co nicht, sondern einen der großen Lieferdienste, die auch einen entsprechend großen 1-2 Wochen Einkauf liefern können, aber das hat bei weiten nichts mit Faulheit zu tun.
    Eher ist mir die Zeit bei einer 40-50h/Woche einfach zu Schade. Die Zeit nutz ich lieber für erbaulichere Tätigkeiten. Unser Warenkorb besteht aus den immer gleichen Basics, so ist ein Einkauf von Wochen in wenigen Minuten erledigt. Dafür zahl ich getne ein paar Cent mehr pro Produkt und steck den Fahrer seinen wohlverdienten Fünfer Trinkgeld in die Tasche.

  9. 13.

    Vor allem wuerden die Geschäfte in den Innenstadt wieder genügend Zulauf erhalten, so dass deren Besteben und deren Mitarbeiter gesichert ist. Jeder Kauf im Internet, aber auch Lieferdienst ist Contraproduktiv für die Laeden und die Umwelt.


  10. 12.

    Hallo, bitte nicht alle über einen Kamm scheren.
    Mir erschließt sich die Notwendigkeit solcher Lieferdienste nicht und ich nutze sie nicht. Desto mehr Leute dies ebenso nicht tun, desto schneller verschwinden sie wieder.
    Als wenn in Berlin nicht genug Supermärkte viele Stunden am Tag offen hätten und es die vielen Späties gibt.
    Und was man nicht daheim hat, kann man dann heute mal nicht konsumieren.
    Die Ryder fahren oft wie sie wollen, Verkehrsregeln gelten nur bedingt. Liegt aber sicher nicht an der Unkenntnis dieser, wohl eher am Zeitdruck, welcher von zwei Seiten erzeugt wird: vom Unternehmen und vom Konsumenten.

  11. 11.

    Mich wundert es nicht, dass bei "Gorilla" gestreikt wird. Wer in der Transport- und Logistikbranche tätig ist, so wie ich früher es auch einmal war, weiß ein Lied vom Stress und den nicht allzu guten Arbeitsbedingungen zu singen. Hilfszeiten, wie Vor- und Nachbereitung der Tour, sicheres Laden der auszuliefernden Erzeugnisse, Anfahrt zum Kunden und Rückfahrt zum Depot, nicht schaffbare Zeitvorgaben, fehlende Abstell- und Parkmöglichkeiten und der normale Wahnsinn des Verkehrs, da wird mächtig getrickst und all das belastet schwer die dafür tätigen Menschen. Hinzu kommen noch die anderen gestressten Menschen insgesamt, bedingt durch den Lieferverkehr. Und wozu??? Damit das einzelne Großstadtindividuum, vorausgesetzt es kann es sich leisten, noch bequemer wird, obwohl der nächste Supermarkt keine 10 Gehminuten entfernt liegt. Für die Anleger als Geldgeber und Finanziers dieser Firmen kommt es noch dicker, weil viele wissen nicht, dass die meisten Lieferdienste gigantische Kapital-und Geldverbrennungsmaschinen sind! Gewinne werden hier nur selten erzielt und diese meist nur von den marktführenden Dienstleistern. Deshalb verschwinden viele Lieferdienste wieder nach ein bis zwei Jahren, weil die Eigentümer merken, es lohnt sich einfach für sie nicht! Aber der normale Verbraucher bemerkt dagegen nur selten, dass er die Lieferung bereits in der Kalkulation des Warenpreises im Rahmen der Bestellung schon mitbezahlt hat...

  12. 10.

    Nicht nur als Kunde , auch als Fahrer / Rider unterstützt man ein Business welche mE die Lebensqualität im Kiez untergräbt. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Sorry, aber JEDE einzelne Bestellung ist eine , die dem stationären Handel fehlt. Wenn dann die Supermärkte ums Eck schließen ist das Geschrei groß.

  13. 9.

    Ich kann es nicht mehr hören.....die haben doch alle irgendwann mal einen Arbeitsvertrag unterschrieben, die wussten doch zu welchen Konditionen sie arbeiten werden. Ich kann doch nicht einen Vertrag unterschreiben und mich dann hinterher hinstellen und jammern wie schlimm das alles ist.
    Leute, kündigt und sucht euch neue Jobs!

  14. 7.

    Aus welchem Grund arbeiten immer mehr Rider bei einem solchen Unternehmen, wenn die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, wie dies oft medial berichtet wird? Aus Unkenntnis wohl kaum.

  15. 6.

    Ich sehe die Gorillas als Fahrradanarchisten,, die Leute auf dem Gehweg wegklingeln und wer sich beschwert bekommt n Stinkefinger. Deen zeige ich dem Unternehmen nebst seinen Fahrern, indem ich meine Einkäufe selbst erledige und wenn mal was zu spät ist - Pech - dann warte ich bis morgen und werde solchen Firmen kein Geld der Welt hinterherwerfen. Und die Bequemlichkeit des hippen und egoistischen Urbanvolkes ist der Treiber für solch prekären Verhältnisse.

  16. 5.

    Wie faul sind die Leute in Berlin bitte? Schafft es niemand selbst einkaufen zu gehen ?

  17. 4.

    Ich frage mich ernsthaft, wo die Angestellten dieses völlig unnützen und sinnfreien und zudem noch die Abgehobenheit bestimmter Leute fördernden Unternehmens eigentlich leben. Wäre gut, mal vor Unterschrift des Vertrages zu prüfen, an wen man sich da bindet. Protestiert mal alle schön. Der Chef macht sich derweil die Taschen voll. Ich könnt kotzen...

  18. 3.

    Als Mensch, der bislang immer nur selbst zum Einkaufen gefahren und gegangen ist, sehe ich die Angelegenheit so gesehen mit Freude. Jedes Fahrzeug - hier: gleich, ob Auto oder Fahrrad - was nicht aus überflüssigen Gründen die Straßen belegt, ist ein ausgezeichneter Umstand. Wer selbst fährt, kann Souveränität walten lassen. Vor allem Zeitsouveränität und jeglichen Stress vermeidend.

    Diese Möglichkeiten haben die Fahrenden der Lieferdienste nicht. Schon aus ihrer grundlegenden Systematik heraus stehen sie unter Zeitdruck. Je kürzer die Zeitspanne, umso höher der Verdienst. So sieht denn auch - mit Verlaub - die Fahrweise aus.

    Es ist Zeit für eine Ehrlichkeit: Die Fahrkosten der LIeferdienste sind zu niedrig angesetzt, die Anlieferzeiten hemdsärmlig kurz. Andernfalls kämen mehr Menschen wie ich "in Versuchung", selbst einkaufen zu gehen.

  19. 2.

    Schoene neue Einkaufswelt, wie waers mit selber einkaufen, das Rad nehmen und beim Wochenendeinkauf tatsaechlich das Auto.
    Sinnlose Slavenarbeit, nichts anderes sind diese Bringdienste, die nur die Faulheit dieser neuen angeblich yo schnellen Bestellwelt und Benutzer befeuert.
    Der Nachteil immer mehr Transportaktionen die nicht notwendig waeren zum einen mit dem Rad, zum anderen, aber auch motorisiert.
    Arbeitsplaetze für Leute die etwas flexibel sind gibt es auch in Gastro , Hotellerie und Handel die dringend Leute brauchen, da jetut auch wieder aufwärts geht.

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