Der Giraffatitan im Berliner Naturkundemuseum (Quelle: Jürgen Ritter/Imago Images)
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Video: rbb|24 | 16.02.2020 | Bild: Jürgen Ritter/Imago Images

Museen und ihr koloniales Erbe - Der Knochenberg

Das größte Dinosaurierskelett der Welt steht in Berlin. In Tausenden Arbeitsstunden wurde es vor Jahrzehnten im Naturkundemuseum montiert. Ausgegraben wurden die Einzelstücke in Tansania während der Kolonialzeit. Sollte es zurückgegeben werden? Von Oliver Noffke

Die Geschichte des größten rekonstruierten Dinosaurierskeletts der Welt beginnt mit einem Zufall. Auf seinem Weg zu einem Bergwerk im Süden des heutigen Tansanias fallen dem Ingenieur und Kaufmann Bernhard Wilhelm Sattler enorme Knochen auf, die am Fuße eines Hügels aus dem Grund ragen. Es ist das Jahr 1906 und das Land Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Wind und Wetter nagen an den Knochen, zersetzen sie zu Staub. Sattler bricht einige Stücke heraus und nimmt sie mit nach Deutschland. In der Heimat wird der Fund zu einer Sensation.

Drei Jahre später bricht ein junger Paläontologe aus Herzberg an der Elster auf, um sich den Berg genauer anzusehen, den die Einheimischen Tendaguru nennen: Steiler Hügel. Werner Janensch wird in den folgenden Jahren die bis heute erfolgreichste Ausgrabung von Dinosaurierknochen anleiten. 225 Tonnen an Fossilien werden nach Berlin verschifft.

"Es ist in Tansania nie ein Dinosaurier ausgegraben worden"

Sein Hals reicht fast bis zur gläsernen Decke der imposanten Halle des Naturkundemuseums in Berlin. Fast 14 Meter ist der Giraffatitan brancai hoch. Um ihn herum sind die Überreste weiterer Dinosaurier aufgestellt. Anderswo auf der Welt wäre jede Installation für sich eine Sensation. In Berlin stehen sie im Schatten eines Riesen. Über Jahrzehnte war dieser so etwas wie das Kronjuwel des Hauses. Dann kamen die Massen, um Tristan zu sehen. Nun, da der Tyrannosaurus rex in Dutzende Kisten verpackt und nach Kopenhagen gesandt wurde, ist der langhalsige Pflanzenfresser wieder der Herr im Haus.

"Die Besonderheit an diesen Objekten ist, dass in den letzten 110 Jahren über 200 wissenschaftliche Arbeiten von Forscherinnen und Forschern in diesem Haus, aber auch aus der ganzen Welt heraus, geschrieben wurden", sagt Professor Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums. Ihn ärgert, dass sein spektakulärstes Ausstellungsstück immer wieder in den Mittelpunkt von Debatten über die Rückgabe von kolonialem Erbe gerückt wird. Denn im Gegensatz zu Kulturgütern gebe es in diesem Fall einen bedeutenden Unterschied: Die kulturelle Leistung wurde in Berlin erbracht, so Vogel.

"Ego beim Eintragen ins Fundbuch", schreibt der Brandenburger Paläontologe und Geologe Werner Janesch etwa 1910 neben ein Bild von sich am Hügel Tendaguru im heutigen Tansania (Quelle: Museum für Naturkunde Berlin)
Bild: Museum für Naturkunde Berlin

"Es ist in Tansania nie ein Dinosaurier ausgegraben worden", sagt er. "Sondern es sind Gesteinsfragmente mit Fossilien ausgegraben worden, aus denen man dann hier einen Dinosaurier zusammengebaut hat." Tausende von Stunden hätten Techniker im Haus daran gearbeitet, aus Einzelfragmenten Knochen zusammenzusetzen, die dann zu einem Skelett wurden. Was fehlte, wurde rekonstruiert. Selbst das Aufstellen in seiner heutigen Weise sei nicht selbstverständlich, sagt Vogel. Denn die ersten Generationen an europäischen Paläontologen hatten sich noch nicht vorstellen können, dass Dinosaurierbeine Baumstämmen gleich in den Himmel ragten. Man sei anfangs eher davon ausgegangen, sie krochen wie Krokodile und so habe man sie auch drapiert.

Seitdem haben Wissenschaftler in Berlin so einige Entdeckungen an den Funden aus Tendaguru gemacht. So gelang der zeitweise älteste Nachweis der Pagetkrankheit bei dem langhalsigen Tier; einer Krankheit, bei der Knochen verdicken und die auch heute noch Wirbeltiere befällt. Für die Weltraummedizin war das Skelett bereits von Interesse, da es sich um ein extremes Lebewesen handelte, bei dem das Herz Blut quasi in den vierten Stock pumpen musste. Schließlich wurde an der Berliner Konstruktion festgestellt, dass es sich eben nicht um einen Brachiosaurus handelte, sondern um eine eigene Art: den Giraffatitan. Eine Rückgabe stünde aus diesen Gründen überhaupt nicht zur Debatte, findet Vogel. Eine offizielle Rückforderung gibt es bislang tatsächlich nicht.

Es fehlt an Wissen und Gerätschaften für eigenen Entdeckungen

Ähnlich wie Vogel sieht das Charles Saanane. Der Professor für Archäologie unterrichtet an der Universität von Daressalam und beschäftigt sich bereits sein gesamtes Berufsleben mit Tendaguru. Den Giraffatitan hat er sich zum ersten Mal vor 25 Jahren ansehen können. "Mir war bewusst, wie viele Berufsbilder notwendig sind, um solche Überreste so zu rekonstruieren", sagt er heute. "Ich habe angefangen, von einer Kollaboration zu träumen. Das wäre das Beste für Tansania. Die Originale sollten in Berlin bleiben." Allerdings müsse dringend über Kompensation geredet werden, sagt Saanane. "Wir sollten Gespräche mit Deutschland über eine Rückgabe nicht überstürzen", sagt er. "Für uns ist es wichtiger, Wissen zu erlangen und Zugang zu guten Gerätschaften zu erhalten, damit wir selbst neue Fossilien ausgraben können." Hilfe zur Selbsthilfe, sozusagen. Die deutsche Seite wolle demnächst Abdrücke herstellen, die in Tansania gezeigt werden sollen.

Im Dezember haben die Universität von Daressalam und das Berliner Naturkundemuseum ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Lange gehegte Absichten für eine Zusammenarbeit sollten damit offiziell gemacht werden. Dabei soll fachübergreifend gearbeitet werden, sagt Saanane. Zoologen, Geologen, Botaniker sowie Mikro- und Molekularbiologen aus beiden Ländern sollen in Tansania das Leben der Dinosaurier sowie die menschliche Evolution erforschen. Die deutsche Regierung wird das Projekt bezahlen. Nur der genaue Umfang ist noch nicht beschlossen. "Bisher läuft alles ganz gut", sagt Saanane. Er hofft, dass Ende des Jahres eine Expedition nach Tendaguru stattfinden kann.

Wie ist bezahlte Arbeit in einem Unrechtssystem zu bewerten

Nicht jeder sieht das Thema so pragmatisch wie der Naturwissenschaftler. Eine mögliche Überführung der Dinosaurier nach Tansania hat vor Kurzem erst der Botschafter des Landes in Deutschland in verschiedenen Interviews wieder ins Gespräch gebracht. Die Grabungen von Werner Janensch seien nur möglich gewesen, weil das Deutsche Kaiserreich als Kolonialmacht die Gewalt über das Land hatte, sagt auch Flower Manase, Kuratorin am Nationalmuseum Tansanias. "Ich frage mich wirklich, warum wir zwischen kulturellen Objekten und Sammlungen in Naturkundemuseen unterscheiden", sagt sie. "Die Sammlungen entstanden zur selben Zeit und aus den gleichen Motiven."

Für die Ausgrabung hatte Janensch Männer aus der Umgebung angeheuert. "Es haben dort bis zu 500 Menschen aus Afrika gearbeitet und zwei Paläontologen aus Berlin", sagt Johannes Vogel. "Das heißt, die Frage von Gewalt und Blut kann sich hier gar nicht stellen. Zwei Leute können nicht 500 Menschen unterdrücken." Im Rahmen der asymmetrischen Machtverhältnisse innerhalb der Kolonie scheine es in diesem Fall zu einer Art Co-Produktion gekommen zu sein, sagt er. Einen Hinweis dazu, dass die Ausgrabung während der Kolonialzeit stattfand, fehlt im Naturkundemuseum allerdings bis heute. Man sei dazu aber derzeit in Gesprächen mit Experten aus Tansania, um das in diesem Jahr nachzuholen, sagt Vogel. "Wir müssen miteinander reden, sonst würden wir ja mögliche Fehler wiederholen."

Tote Riesen

Versteckt in Gestrüpp, unwegsam und voller Löwen

Derzeit ist Tansanias Knochenberg nur unter größten Anstrengungen zu erreichen. Tendaguru liegt versteckt im dichten Gestrüpp. Leute, die vor Ort waren, erzählen von einer anstrengenden, holprigen Fahrt; es dauere Stunden vom nächstgelegenen Dorf dort hinzukommen. Zudem sei bewaffnete Begleitung notwendig, weil es in der Gegend sehr viele Löwen und andere Großkatzen gebe. Professor Saanane hat sich im Oktober dennoch dorthin durchgeschlagen. "Ich habe zwischen 1994 und 1996 dort gearbeitet und konnte mich noch an einige Wege erinnern", sagt er. "Aber es ist momentan wirklich gefährlich." Er und seine Kollegen hätten dabei bereits neue Fossilien bergen können.

Die Universität von Daressalam versucht momentan die Regionalverwaltung von einer Straße zur Ausgrabungsstätte zu überzeugen. "Wir müssen herausfinden, wie groß die Lagerstätten von Tendaguru überhaupt sind und wo wir Fossilien finden können", sagt Charles Saanane. Die Regierung sollte den Ort dann für die Unesco-Welterbeliste vorschlagen, findet er. Tendaguru dokumentiere sowohl das Leben längst ausgestorbener Arten als auch die Wege von Säugetieren, Fischen und vielen Pflanzen, die sich daraus ergeben hätten, sagt er. "Ich hoffe, wir finden mehr deutsche Studenten, die mit unseren diese Geheimnisse aufdecken wollen."

Museen und ihr koloniales Erbe

Lesen Sie außerdem aus dieser Reihe:

Das Verbrechen, erschienen am 2. Februar 2020

"Wir müssen anfangen über Rückgabe zu sprechen", erschienen am 9. Februar 2020

Die Überwindung der Berlinisation, erschienen am 23. Februar 2020

Beitrag von Oliver Noffke

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10 Kommentare

  1. 10.

    Im Grunde scheint mir der von den beiden wissenschaftlichen Institutionen eingeschlagene, recht pragmatische Weg, der Einzige zu sein, der als klassisches Win-Win wirklich sinnvoll ist. Ob eine Rückgabe völkerrechtlich oder anderweitig evtl. richtig, durchsetzbar oder angezeigt wäre, kann ich nicht beurteilen. Aber dass es Tansania so ganz Hand-am-Arm mehr hilft, Unterstützung bei eigener Archäologie zu erhalten erscheint mir einleuchtend. Dass die Umstände seinerzeit bei der Entdeckung, Ausgrabung und Auswertung aufgearbeitet und auch dargestellt gehören, gehört für mich dazu, stellt aber den Status Quo nicht unbedingt in Frage.

  2. 9.

    Es ist den Fundamentalablehnungen und dogmatischen Sichtweisen wie denen Herrn Vogels zu verdanken, dass sich Museen lange nicht um die Herkunft ihrer Ausstellungsstücke gekümmert haben oder sogar aktiv verschwiegen und verleugneten. Das Naturkundemuseum Berlin ist ein Beispiel dafür.

    Aber es ist auch ein Beispiel für eine Möglichkeit, mit Kolonialgeschichte vernünftig umgehen zu können. Wenn von Kopien gesprochen wird, wieso sollen diese dann nicht um die Welt und die Originale an ihren Ursprungsort gehen? Gemeinsame Geschichte zu beleuchten und Tendaguru weiter zu erforschen, international vernetzt, öffentlich, transparent, nicht durch Private finanziert - das sind auch viele gute Gelegenheiten der Annäherung und des Austauschs.

    Mag sein, dass natürliche Hinterlassenschaften etwas anderes sind als geraubte Artefakte, Kulturgüter. Nur wird dabei ignoriert, unter welchen Bedingungen die Ausgrabungen stattfanden und: Aus den Knochen wurden Kultur und Buildung gemacht.

  3. 8.

    Wie kommen Sie von einer – für beide Seiten aufwändigen – Rückgabe auf „in Europa Kasse machen“?

    Und der Vergleich mit dem Sudetenland hinkt auf beiden Beinen, oder hat Tansania etwa Deutschland überfallen, sodass Deutschland tansanische Werte als Entschädigung einbehielt und Tansanier aus Deutschland vertrieb? Wenn die Sache für Sie friedlich abgeschlossen ist, dann lassen Sie’s doch einfach. (Meine Mutter stammt übrigens aus Niederschlesien. Die würde Ihnen was husten.)

  4. 7.

    „Sollen wir als Deutsche demnaechst die erbeuteten Kunstgegenstaende, Laendereien und Akten, welche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den Besitz der Alliierten gelangten, auch zurueckholen? “

    Die meisten Kunstgegenstände sind zurückerstattet worden. Und es gibt da einen Unterschied: Die Menschen in Tansania, Kamerun, Samoa usw. haben Deutschland keineswegs mit Krieg überzogen, Millionen Deutsche umgebracht, tausende Städte zerstört und unschätzbare Werte geraubt.

    „Ich finde es langsam beaengstigend, welche Selbstkasteiung in Deutschland inzwischen betrieben wird. Das ist nicht mehr normal und findet so in keinem anderen Land statt.“

    Falsch.

    In Wirklichkeit haben die Diskussionen über Kolonialvergangenheit, Sklavenhandel, Kunstraub usw. anderswo viel früher als in Deutschland begonnen. Aus Großbritannien und Frankreich sind auch schon viele Raubgüter restituiert worden.

  5. 5.

    Ich bin durchaus dafür Gegenstände wie die menschlichen Knochen oder Kulturgüter zurückzugeben. Aber an diesem Punkt und Anderen wird auch klar das einige Aktivisten einfach nur die "White guilt" als opportunistischen Mittel sehen Kasse in Europa zu machen. Weder wurde ein Museum in Tansania ausgeraubt, noch sind irgendwelche kulturellen Riten an diesen Gegenständen anhängig . Wenn so etwas durchgeht dann sollten deutsche Politiker auch erklären, warum meine Großeltern nicht ihr Land und Gehöft im Sudetenland - in dem Ihre Vorfahren 300 Jahre lebten - wieder erhalten können. Für unsere Familie ist die Sache friedlich abgeschlossen.

  6. 4.

    Die Antwort ist ganz klar NEIN. Ich habe diesen Dinosaurier schon als Kind zu DDR-Zeiten besucht und faende es beschaemend, wenn der jetzt einfach weggenommen wuerde.

    Ich finde diese ganzen Rueckholaktionen nach so langer Zeit absurd und unsinnig. Sollen wir als Deutsche demnaechst die erbeuteten Kunstgegenstaende, Laendereien und Akten, welche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den Besitz der Alliierten gelangten, auch zurueckholen?

    Ich finde es langsam beaengstigend, welche Selbstkasteiung in Deutschland inzwischen betrieben wird. Das ist nicht mehr normal und findet so in keinem anderen Land statt. Reissen wir doch Berlin nieder und ersetzen alles durch Plattenbauten, weil es koennte sich ja jemand an historischen Gebaeuden stoeren.

    Wen wundert es bei diesen Tendenzen noch, dass der AfD immer mehr Waehler zurennen?

  7. 3.

    Das Beispiel Dinosaurier ist nun ein schlechtes. Die Zeit der Dinos ist unser aller Vorgeschichte. Das hat mit nationaler Kultur nichts zu tun und kein Land kann da Ansprüche erheben, es sei Teil seiner alleinigen Historie. Dinosaurier sind keine geklauten Kulturgüter, die man zurückgeben kann.

  8. 2.

    Dann sollten wir so langsam die Museen schließen - weltweit - und zurück geben, wo alles hergekommen ist. Am besten wieder eingraben.

  9. 1.

    Das Skelett wurde unter einer Gewaltherrschaft erbeutet also muss es zurück.

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