Amazon-Serie: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" - Stylische Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten

Filmstill: Bild aus der Amazon-Serie <<Wir Kinder vom Bahnhof Zoo>>, Staffel 1, Episode 3. (Quelle: amazon/Mike Kraus/Soap Images)
Bild: amazon/Mike Kraus/Soap Images

Die Geschichte von Christiane F. wurde 1978 zum ersten Mal erzählt, seitdem hat "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" traurigen Kultstatus. Mehr als 40 Jahre später veröffentlicht Amazon den Strudel aus Drogen, Prostitution und Gewalt als Mini-Serie. Von Steven Meyer

"Keine Angst, wir stürzen nicht ab", sagt Christiane F. zu einem Mann, der wohl David Bowie darstellen soll. Beide sind in einem Flugzeug, das in eine dunkle, bedrohliche Wolkenfront steuert. Die anderen Passagierinnen und Passagiere feiern, rauchen und trinken, wie es heute auf keinem Flug mehr möglich wäre. Es wackelt, David Bowie beruhigt sich aber. Die Frau lehnt sich zurück und zieht an ihrer Zigarette: "Ich bin unsterblich."

So rätselhaft startet die neue Serienadaption "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", genau 40 Jahre nachdem das Original von Uli Edel in die deutschen Kinos kam. David Bowie und seine Musik spielen, wie in der ersten Sequenz bereits klar wird, auch in der Neuauflage eine wichtige Rolle. Die Serie spielt in den 1970er-Jahren in West-Berlin. Im Mittelpunkt der Handlung steht die 15-jährige Christiane F. - gespielt von der 22 Jahre alten Jana McKinnon - die in einem Plattenbau in Berlin-Gropiusstadt aufwächst.

Filmstill: Der Freundeskreis aus der Amazon-Miniserie <<Wir Kinder vom Bahnhof Zoo>> sitzt gesellig an einem Wohnzimmertisch und konsumiert Drogen. (Quelle: amazon/Mike Kraus/Soap Images)
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Feiern, um Probleme zu vergessen

Christiane lernt rund um den Bahnhof Zoo eine Gruppe Jugendlicher kennen, darunter Stella, Babsi und Benno. Was die Teenager verbindet: Sie stecken alle in einer Krise. Während sich Christianes Eltern trennen, kämpft Stellas Mutter mit einer Alkoholsucht und Babsi trauert nach dem Tod ihres Vaters.

Gemeinsam gehen sie feiern, nehmen zum ersten Mal Drogen und vergessen ihre Probleme, zumindest für einen Augenblick. So endet die erste Folge damit, dass die Jugendlichen über der Tanzfläche des legendären Berliner Clubs "Sound" schweben.

Zu sauber und zu poliert

Die Amazon-Version orientiert sich dabei an der Lebensgeschichte von Christiane Felscherinow, die von den beiden Stern-Autoren Kai Hermann und Horst Rieck 1978 aufgeschrieben wurde. Christiane war bereits in jungem Alter heroinabhängig und prostituierte sich für Drogen auf Berlins Kinderstrich. In der Serie begleitet wird das turbulente Leben von Christiane und ihren Freundinnen und Freunden in verschiedenen Phasen ihres Lebens – vor der Sucht, während der Sucht, bei Entzugsversuchen, in einer Jugendstrafanstalt und während eines Gerichtsprozesses. Da einzelne Geschichten und Personen in der Serie fiktionalisiert sind, findet auch ein kleiner Handlungsstrang über eine queere Beziehung Platz in der Neuinterpretation.

Dabei wird gleich deutlich, dass die Amazon-Serie anders vorgeht als die Low-Budget-Filmproduktion von 1981. Diese setzte auf abschreckende Bilder, zeigte Christiane und ihren Partner, wie sie sich beim kalten Entzug im Bett übereinander erbrechen. Der Neuauflage, die von Oliver Berben und Sophie von Uslar produziert wurde und bei der Philipp Kadelbach Regie führte, verzichtet weitgehend auf abschreckende Szenen und zeigt stattdessen stylische Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten. Die Drehbuchautorin Annette Hess beschreibt in einem Zeitungs-Interview das Spannungsfeld, dass die Serie erzeugen wolle, als gegensätzlich. Das Publikum solle sich danach so fühlen, als wolle es drogensüchtig werden und gleichzeitig auf keinen Fall. Die Folgen einer Heroinsucht werden dabei jedoch fast schon ästhetisiert und wirken in jedem Fall zu sauber, zu aufpoliert.

Partyszenen statt Schockbilder

Die Schauspielerinnen und Schauspieler, allen voran die Darstellerinnen und Darsteller der Teenager, überzeugen in der Serie. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Charaktere eher flach daherkommen. Neben der schauspielerischen Leistung sticht die Amazon-Produktion auch mit einem grandiosen Soundtrack hervor, der von David Bowie inspiriert wurde.

Während der Original-Spielfilm sein Publikum fassungslos zurückließ, zeigt die Neuauflage aufwändig inszenierte Partyszenen, die mit Popsongs unterlegt sind. Die Serie möchte dabei keinen schockierenden oder realistischen Einblick in die Westberliner Drogenszene der 1970er- Jahre bieten. Vielmehr greift sie die tragische Geschichte mit atmosphärischen Aufnahmen auf und versucht sie damit wohl für eine neue Generation greifbar zu machen.

Beitrag von Steven Meyer

9 Kommentare

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  1. 9.

    Immer wieder die alte Platte: mit Kiffen fängt es an. Nee, da hängen schon verdammt viel andere Faktoren miteinander zusammen. Fängt im gemeinsamen Elternhaus an, wo Mama u.der Fremde Mann sich vor den Kinder besaufen, diese schlagen oder schlimmeres. Oder Mama läßt ihre Pillen offen rumliegen. Zu allem gibt es zumeist eine Vorgeschichte, bevor Jugendliche zu harten Drogen greifen. Kinder sind von Natur aus neugierig. Klar, da gibt es auch die falsche Clique oder die oder der falsche Freund. Aber da kann ich immernoch laut Nein sagen und die Freunde wechseln. Jetzt kommt’s ganz dicke. Und wenn selbst das nicht möglich ist, weil im Dorf lebend z.B.? Dann verschwindet man in die Ferne und taucht unter in der Großstadt. Ich fing damals mit Speed an. War frei verkäuflich i.d.Apotheke. Alkohol kannste dann trinken bis ins Koma. Habe ich alles schnell wieder aufgegeben. Ich konnte das. Andere nicht.

  2. 8.

    Früher wurden Drogen in Berlin noch von düsteren Gestalten in irgendwelchen verrauchten Klubs und Kneipen verkauft. Heute kommt das Koks-Taxi per Handy direkt bis vor die Haustüre. Das Drogenproblem ist aktuell wie selten zuvor. Auch speziell bei jugendlichen Einsteigern, die vielleicht mit Kiffen anfangen. Im gleichen Alter wie Christiane F. damals.

  3. 7.

    Lieber Markus.
    Habe erst gestern noch auf Radio Eins einen Mitschnitt mithören dürfen. Ich halte mich mit Kritik eher zurück. Müßte ich mir anschauen. Doch ich bezweifle das es mir, der ja mitgespielt hatte im Originalfilm gefallen wird. Viel lieber würde ich dazu hier sehr gerne mal ein Statement von Christiane F. selber hören/lesen. Denn sie wohnt ja in Berlin Treptow. RBB bleibt dran und macht nicht bloß Werbung um diese Serie. Das Thema Heroin ist immer noch heftigst mitten unter uns. Besonders Jugendliche kommen schnell damit in Berührung. Deshalb sehe ich diese Serie mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Das Original war schon sehr heftig und sollte es auch sein. Wie ich schon hier geschrieben hatte,sollten ursprünglich echte Fixer im Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mitwirken. Doch da hat die Eichinger Produktion und der Berliner Senat nicht mitgemacht. Man MUß die Jugend ganz heftigst damit konfrontieren. Sonst ist diese Serie eine weitere Aufforderung es mal zu probieren.

  4. 6.

    Guter Einwand, doch ich bin der Ansicht, dass Teenager bereits eine Vielzahl unterschiedlicher jugendlicher Menschen bezeichnet ganz gleich welchen Geschlechts. Problematisch ist doch eher das "er" in Teenager, gegendert müßte es dann Teenag-"sie" heißen, so wie in Füllfedsiehaltsie ;-)
    Inhaltlich bin ich auf der Linie vom Kommentar 2 und vermute wegen Quote und weil U.S.-Konzern will amazon vielleicht dann doch eher eine schillernd bunte "istjagarnichtganzsoschlimm" Drogenszene.

  5. 5.

    Also wenn schon dann bitte auch noch gleich „Teenager und Teenagerinnen“ ....

  6. 4.

    Zum Glück schreibt Ihr "Passagierinnen und Passagiere". Nachher hätte sich noch jemand gefragt, ob im Flugzeug nur Männer gesessen haben...

  7. 3.

    Danke für Ihren Artikel..wirklich!

  8. 2.

    Auf hip gebügelter Abklatsch. Damals waren die Zahl der Drogentoten fester Bestandteil der der Nachrichten. Die Bundesrepublik hatte ein handfestes Problem. Die konsumierenden Jugendlichen waren mit dem Slogan "mach kaputt, was dich kaputt macht" auf Kriegsfuß mit der Gesellschaft, und merkten nicht, dass sie nur eins kaputt machten, sich selbst. Der Film war hart aber ehrlich. Und vor allem nicht fiktive Unterhaltung. Für jeden Westberliner war die Szene, ausser man mied den Bereich Zoo bis Potsdamer, gegenwärtig.

  9. 1.

    Lothar, ich warte auf Dich! ;))

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