Ausstellung in der Neuen Synagoge - Heiraten unter dem Davidstern in Berlin

Audio: Kulturradio | 15.08.2021 | Sigrid Hoff

In der Neuen Synagoge erzählt ab Montag eine Ausstellung, wie in Berlin in den letzten 150 Jahren jüdische Hochzeiten gefeiert wurden. Zentrales Ausstellungsstück ist ein Baldachin, der die Flammen der Novemberpogrome 1938 überstanden hat. Von Sigrid Hoff

Ein goldbestickter Baldachin ist zwischen den Säulen des Repräsentantensaals in der Neuen Synagoge in Berlin aufgespannt. In hellblauem Samt leuchtet die Unterseite, in der Mitte ist ein Davidstern aufgestickt. Ihn rahmen Girlanden aus Myrten-Zweigen und Blüten und zwei ineinander verschlungene Ringe.

"Dieser Hochzeitsbaldachin in wunderbarem Art Déco-Stil stammt aus dem Jahr 1930 und wurde für die letzte große Synagoge, die in Berlin gebaut wurde, in der Prinzregentenstraße in Wilmersdorf, gefertigt", beschreibt Chanca Schütz das kostbare Exponat. Sie ist Kuratorin der neuen Sonderausstellung "Unter dem Trauhimmel - Heiraten im Jüdischen Berlin" und stellvertretende Direktorin der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum.

Baldachin aus dem Jahr 1930 erinnert an die Zeit vor der Schoa

Der Hochzeitsbaldachin – hebräisch: Chuppa – stammt aus dem Trausaal des einzigen Großsynagogenbaus der Weimarer Republik. 1930 wurde die Synagoge geweiht, wenige Jahre später, am 9. November 1938, während der Reichspogromnacht, stand sie in Flammen. Die Ruine wurde 1958 abgerissen. Wie durch ein Wunder hat das kostbare Textil die Katastrophe überlebt. "Der Baldachin steht für die Zeit vor der Schoa", betont Kuratorin Chana Schütz, "er erinnert zugleich an die weitgehende Zerstörung jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten und den zaghaften Neuanfang nach 1945."

Um den Baldachin herum erzählt die Ausstellung mit zahlreichen Fotos, Dokumenten und weiteren Exponaten, wie in Berlin in den letzten 150 Jahren Hochzeit nach jüdischem Ritus gefeiert wurde am Beispiel der Lebensgeschichten von Hochzeitspaaren. Anlass ist das 350-jährige Jubiläum seit der Gründung der Jüdischen Gemeinde 1671 in Berlin in diesem Jahr sowie das 25-jährige Bestehen der Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum.

Verein unterstützte mittellose Bräute

Zu den zentralen Dokumenten einer jüdischen Hochzeit gehört der Hochzeitsvertrag, die Ketubba. Sie regelt Rechte und Pflichten des Paares und galt insbesondere für die Frau als soziale Absicherung. Als Get wird der Scheidungsbrief bezeichnet, der nur mit Einverständnis beider Partner aufgesetzt werden kann und die Versorgung der Frau nach der Trennung regelt. Chana Schütz weist auf einen Dokumentenfund aus dem Archiv: "In Berlin gab es schon 50 Jahre nach Gründung der Jüdischen Gemeinde 1671 einen Verein zur Unterstützung mittelloser Bräute. In diesem Verein waren nur Männer, sie haben aber dafür gesorgt, dass eine junge Frau heiraten konnte, auch wenn sie nicht das Geld für die notwendige Mitgift hatte."

Eine solche Unterstützung hatte die Tochter von Warenhausbesitzer Oskar Tietz nicht nötig. Ihre prunkvolle Hochzeit fand in der Neuen Synagoge im Jahr 1919 statt. Das belegen Einladung und die Karte für das Hochzeitsmenü im Hotel Adlon, ganz oben steht die traditionelle jüdische Hühnersuppe. Ob das goldgeränderte Porzellanservice aus der Königlich-Preußischen Manufaktur in der Vitrine daneben mit Berliner Bauten als Dekor von der Familie in Auftrag gegeben wurde, ist nicht belegt. Bemerkenswert ist jedoch die Kaffeekanne, die eine Abbildung der Neuen Synagoge ziert.

Einzelschicksale erzählen von der NS-Zeit

Dunkle Wolken verdüsterten den Trauhimmel mit Beginn der NS-Zeit 1933. Ein Foto belegt die vermutlich letzte Hochzeit unter der Chuppa in Berlin im Dezember 1941. Das Hochzeitspaar wurde 1943 deportiert und starb im KZ.

Besonders berührend ist auch das Schicksal der Eheleute Charlotte und Alfred Rosenthal, die 1922 geheiratet hatten. Die Ehefrau war zum jüdischen Glauben übergetreten, galt jedoch in der Rassenterminologie der Nazis ab 1933 weiterhin als "Arierin". Der gemeinsame Sohn musste später als Halbjude den Davidstern tragen und Zwangsarbeit leisten. Alfred Rosenthal emigrierte 1939 allein nach Schanghai. Um sich und den Sohn zu schützen, ließ sich Charlotte scheiden, die Familie überlebte. 1947 kehrte Alfred Rosenthal nach Berlin zurück und das Paar heiratete ein zweites Mal.

Bis zum Beginn neuen jüdischen Lebens in Berlin

Die Ausstellung schlägt den Bogen bis in die Nachkriegszeit und den Beginn neuen jüdischen Lebens in Berlin. Ein traditioneller Hochzeitsring stammt von dem langjährigen Direktor des Centrum Judaicum, Hermann Simon. 1988 wollten er und seine Frau, Deborah Simon, mit einem traditionellen Hochzeitsring verheiratet werden. Die Zeremonie fand im damaligen Ostteil Berlins statt. Kuratorin Chana Schütz: "Das ist ein altes Ritual, das wiederbelebt wurde. Der Kern ist ein Satz, den der Bräutigam der Braut sagt und ihr dabei auf den Zeigefinger einen Ring aufsetzt. Dieser Ring ist ein Zeichen, an die Tradition anzuknüpfen."

Und schließlich belegt das Foto der Hochzeit eines Paares aus dem Jahr 2008, dass die Feier unter dem Trauhimmel nach altem Ritus im jüdischen Berlin bis heute gelebt wird - ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass junge Juden sich mit der Familiengründung zu ihrem Leben in Deutschland bekennen.

Sendung: Inforadio, 14.08.2021, 07:11 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

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