Theaterkritik | Brechts Gespenster am Berliner Ensemble - Historische Geisterbeschwörung

Do 22.09.22 | 10:20 Uhr | Von Barbara Behrendt
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Suse Wächter steht am 19.09.2022 bei der Fotoprobe von "Brechts Gespenster" im Berliner Ensemble auf der Bühne. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
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Audio: rbb24 Inforadio | 22.09.2022 | Barbara Behrendt | Bild: dpa/Monika Skolimowska

Niemand baut und spielt Puppen wie Suse Wächter. Mit ihren ikonischen Figuren des 20. Jahrhunderts lässt sie am Berliner Ensemble nun auch Bertolt Brecht wiederauferstehen. Eine zauberhafte Show, inhaltlich allerdings ausbaufähig, findet Barbara Behrendt.

Dass Puppen nicht nur etwas für Kinder sind, wissen wir seit der Muppet Show. Und seit Suse Wächter. Die Puppenbauerin und -spielerin erfindet keine Fantasiewesen, sondern baut die großen Charakterköpfe der Geschichte nach – so realitätsgetreu, dass man meint, Einstein, Hitler und Stalin leibhaftig gegenüberzustehen, wenn auch in Miniatur.

Stoff-Brecht mit charakteristischem Augsburger Einschlag

Ihre erste Arbeit am Berliner Ensemble ist nun als Geisterbeschwörung angelegt. Zunächst tritt der Stoff-Brecht persönlich auf die Bühne, mit Brille, Zigarre und dem charakteristischen Augsburger Einschlag, den Suse Wächter so grandios imitieren kann. Großspurig erklärt er, wir lebten in einer Zeit, in der Geister stets nur ausgetrieben würden. Karl May etwa – dessen Kinderbücher schwer in die Kritik geraten sind. Brecht aber möchte die alten Geister beschwören, sie in einen Kontext stellen, sie anwesend abwesend (Dialektik!) machen. Wie zum Beispiel den Reichsadler in der Stuck-Verzierung des Berliner Ensembles, den Brecht selbst noch durchgestrichen hat – aber eben nicht abgenommen, nicht "gecancelt".

Der Abend will also der Geschichte des Berliner Ensembles nachspüren, der Intendanz Brechts. Dabei kommen einige der 70 Puppen zum Einsatz, die Suse Wächter schon für ihren großen Abend "Helden des 20. Jahrhunderts" vor 20 Jahren gebaut hat.

Man hätte sich vorstellen können, nun Helene Weigel, Margarete Steffin und Benno Besson anzutreffen. Doch nicht Brechts Leben steht im Zentrum, sondern die Glaubenssätze seines Theaters.

Marx, Lenin, Kafka, Pavarotti und Thatcher - Tote erwachen zu Leben

Ein großes Bühnengerüst ist über und über mit Puppen, Geistern, Toten behängt, dahinter ragen Bruchstücke des Bühnenbilds der Dreigroschenoper hervor. Und manche in diesem Gespenster-Himmel erwachen nun zu Leben. Karl Marx tritt auf, als Ebenbild Gottes. Lenin, der von seiner blumengeschmückten Totenbahre einen Brecht-Song als Jazz-Nummer performt. Eine Gruppe kleiner, gesichtsloser Proletarier-Gliederpuppen, die Brechts Lied von der Solidarität anstimmen. Aber auch Kafka und Pavarotti sind mit von der Partie, letzterer schmettert Brechts Kinder-Hymne über die Bühne.

Einen der schönsten Auftritte hat Manfred Wekwerth, Brecht-Schüler und in den 1970er und 1980er Jahren Intendant des Berliner Ensembles. Er steigt gemeinsam mit (ausgerechnet!) Margaret Thatcher als blutiges, knochiges Skelett aus der Gespenstergruft. Während Thatcher als Anti-Brecht die Proletarier-Gang in den fatalen Individualismus treibt, hält Wekwerth, geführt vom Puppenspieler Hans-Jochen Menzel, einen Vortrag über Brechts Verfremdungseffekt: bloß keine psychologische Einfühlung! Mit welcher Emphase aber auch Schrulligkeit Menzel das lebensgroße Wekwerth-Skelett zum Leben erweckt und die Zuschauer erschreckt, wenn er von der Bühne herabsteigt, das ist große Puppenspiel-Kunst.

Ungeheur charmant, aber nicht besonders tiefschürfend

Nur zwei Puppenspieler bestreiten den Abend: Hans-Jochen Menzel und Suse Wächter, plus zwei Live-Musiker, die am Schlagwerk, an der Trompete und mit Synthesizer Gespenstermusik machen und Brecht-Lieder begleiten.

Doch Hauptfiguren sind die Puppen. Mit ihnen ist Suse Wächter unübertroffen. Jede einzelne von ihnen ist handwerklich perfekt. Es sind naturgetreue Porträts der Menschen, die sie verkörpern. Sigmund Freud hat nicht nur Sigmund Freuds Gesichtsausdruck, er spricht auch wie Sigmund Freud. Denn Wächter und Menzel sind hervorragende Stimmen-Imitatoren, Sprecher und Sänger. Wird das Gespenst des Kommunismus beschworen, schwingt ein gruseliger Geist die Schaufel und singt einen sozialkritischen Arbeitersong – magisch.

Beinahe könnte man von einer Musical-Show sprechen. Auch aus dem Publikum wird Verstärkung geholt, um eine der Puppen zu führen. Wie diese Untoten direkt zu den Zuschauer:innen sprechen und man gemeinsam die Geister beschwört, ist ungeheur charmant. Besonders tiefschürfend ist es allerdings nicht.

Suse Wächter und Hans-Jochen Menzel stehen am 19.09.2022 bei der Fotoprobe von "Brechts Gespenster" im Berliner Ensemble auf der Bühne. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)

Putz-Zwerge als "die kleinen Leute"

Man wird den Eindruck nicht los, Suse Wächter sei vom BE zu einem "Abend über Brecht" beauftragt worden, habe dann alle Puppen aus der Kiste geholt und eine halbwegs plausible Geschichte um sie herum gebaut. Auch der Auftritt der drei Putz-Zwerge als "die kleinen Leute", die im System auch heute noch zu leiden haben, wirken wie eine ungelenke Übertragung in die Probleme der Gegenwart.

Diese Brecht-Ikonen-Feier ist also nicht Suse Wächters stärkster Abend. Doch in Berlin hat sie mit ihrem Puppentheater lange gefehlt. Die Sinnlichkeit und Zärtlichkeit, mit der sie arbeitet, gepaart mit Witz und Spielkunst, sieht man heute selten auf der Bühne. Und eben diese besondere Mischung aus Zauberkasten und Geisterbahn macht einen immer wieder kindlich staunen.

Sendung: rbb24 Inforadio, 22.09.2022, 7:55 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

1 Kommentar

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  1. 1.

    Dass das zur Genialität gewordene Mittel zum Zweck, ggf. gar zum Selbstzweck wird, ist weit verbreitet. Sei es nun bei Fotos, beim Umgang mit den Computern oder hier beim perfektionierten Umgang mit Puppen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, auch, ob Inhalte darunter leiden und werde die Gelegenheit ergreifen. Danke, dass Sie mich neugierig gemacht haben!

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