Interview | Organisator CSD Prignitz - "Auf dem Berliner CSD ist mir der politische Teil zu kurz gekommen"

Sa 17.06.23 | 07:55 Uhr
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Menschen laufen mit Regenbogenfahnen durch Wittenberge (Prignitz). (Bild: rbb)
Audio: Fritz | 15.06.2023 | Interview mit Jeremie Tille | Bild: rbb

Nach großem Zulauf bei dem ersten Christopher Street Day (CSD) in der Prignitz 2022 soll es in diesem Jahr einen nächsten geben. Die Organisatoren veranstalten am 17. Juni in Wittenberge eine große Kundgebung mit Demo-Zug durch die Stadt.

rbb: Letztes Jahr haben etwa 1.000 Leute gemeinsam beim Christopher Street Day in der Prignitz gefeiert. Was geht in diesem Jahr in Wittenberge?

Jeremie Tille: Ich freue mich wahnsinnig, dass es auch in diesem Jahr wieder einen CSD in der Prignitz geben wird. Eigentlich ist alles ähnlich wie im letzten Jahr. Dennoch, finde ich, haben wir uns in diesem Jahr noch ein bisschen mehr selbst übertroffen. Wir haben einen riesengroßen Paradetag in diesem Jahr – und wir haben noch mehr Künstler auf unserer Showbühne.

Zur Person

Jeremie Tille lebt offen homosexuell in Pritzwalk (Quelle: rbb)
rbb

CSD Prignitz - Jeremie Tille

Jeremie Tille (22) aus Pritzwalk lebt offen homosexuell. Er organisiert den Christopher Street Day (CSD) in Wittenberge in der Prignitz.

Welche Künstler werden erwartet?

Wir dürfen uns freuen auf Micaela Schäfer, Julian FM Stöckel, Lars Tönsfeuerborn und Davin Herbrüggen und noch viele, viele mehr aus Berlin und sogar international. Es kommen auch Künstler aus Mallorca. Ich freue mich richtig drauf.

Gehen Sie selbst auch auf den Berliner Christopher Street Day?

Ich war tatsächlich da, muss aber sagen, dass ich ein wenig enttäuscht war. Auf dem Berliner CSD ist mir der politische Teil zu kurz gekommen. Das hat mir einfach gefehlt. Ich weiß nicht, ob ich in den nächsten Jahren noch dabei sein werde.

Was unterscheidet Ihren CSD von dem in Berlin?

Ich glaube, es ist der politische Teil, der in Berlin oft untergeht. Für mich ist Berlin eine riesengroße Party - und das ist der CSD in der Prignitz eben nicht. Er ist auch eine Party – klar, feiern wir auch unsere Erfolge und uns und sind stolz. Aber wir haben eben auch einen großen Teil an politischen Reden, an Statements, an Interviews.

Kooperieren die CSDs in Brandenburg - also beispielsweise Sie, Potsdam und Cottbus - miteinander?

Wir haben regelmäßige Treffen organisiert vom CSD Deutschland e. V. Da treffen wir alle aufeinander. Aber ich würde sagen, wir kooperieren wenig mit den anderen. Ich finde das aber nicht weiter schlimm.

Er ist auch eine Party – klar, feiern wir auch unsere Erfolge und uns und sind stolz. Aber wir haben eben auch einen großen Teil an politischen Reden, an Statements, an Interviews

Jeremie Tille

Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit Kommunen?

Die Organisation beispielsweise mit der Stadt Wittenberge und auch mit dem Landkreis Prignitz funktioniert einwandfrei. Und wir sind da sehr, sehr dankbar, dass wir dort so gute Rückendeckung bekommen und die Stadt auch hinter uns steht.

Es ist ja immer wieder zu hören, dass es in Berlin nicht immer leicht ist als queere Personen auf den Straßen. Wie ist es in der Prignitz?

Ich glaube, dass es in der Prignitz noch zehnmal schwerer ist als in Berlin. Ich glaube schon, dass ich in Berlin mit einen Pelzmantel durch die City laufen kann - in der Prignitz eben nicht. Hier findet Diskriminierung oft an Schulen statt, am Arbeitsplatz, aber auch eben auf offener Straße. Da reicht es, einfach in der Öffentlichkeit zu stehen, so wie ich. Da werden einem Sachen hinterhergerufen, das reicht dann oft schon aus.

Sie haben gerade gesagt, dass queer sein in einer Großstadt ein bisschen "normaler" ist und nicht so sehr für Aufmerksamkeit sorgt. Ist das vielleicht auch ein Grund, warum viele Richtung Stadt ziehen wollen?

Ich glaube schon, dass es – wie gesagt – in Großstätdten einfacher ist. Ich verlasse zum Beispiel in diesem Jahr auch die Prignitz und ziehe in eine größere Stadt. Ich glaube, das hat auch tatsächlich etwas mit der Partnersuche hier in einer ländlichen Region zu tun. Es ist natürlich für homosexuelle Menschen schwieriger, Partner zu finden.

Die Prignitz schmeißt nun den zweiten CSD in Wittenberge. Am Samstag um 12 Uhr geht es los mit der Demo. Wer die queere Community in der Prignitz unterstützen will: auf nach Wittenberge. Warum sollten alle kommen?

Damit wir zusammen einen wunderbaren CSD feiern können. Damit alle die prominenten Persönlichkeiten hautnah erleben können - und damit wir auch klar ein Statement setzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führten Tolga Akar und Laura Fliegenschmidt, Fritz

Sendung: Antenne Brandenburg, 17.06.2023, 08:30 Uhr

15 Kommentare

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  1. 15.

    Es gibt eine Menge Minderheiten in diesem Land, die aus unterschiedlichen Gründen diskriminiert werden.
    Würde man diese Minderheiten zusammenzählen, würde es mich nicht wundern, wenn sie in Summe eine Mehrheit ergeben.
    Anstatt immer wieder andere Menschen, die nun mal anders sind, auszugrenzen und zu marginalisieren, wäre es schön, wenn die "Normalen" die Diversität in unserer pluralistischen Gesellschaft anerkennen würden!
    (Zu viel Konjunktiv! Ich wünsche mir mehr Imperativ!)

  2. 14.

    Da hat dein "verwehren" offenbar nicht viel gebracht, denn da sind momentan 4 Regenbogenflaggen auf dem Reichstag ;)

  3. 13.

    Der CSD ist gut und wichtig. Reicht natürlich aber nicht

  4. 12.

    Na, na, na: Pelzmantel in Berlin??? Das lass mal nicht die Tierrechte Organisation lesen. Das könnte Ärger geben.

  5. 11.

    Mein Gott, was da so alles im Paradies bei Adam und Eva los war. Echtes Gedränge um einen Apfel.
    Glaube kaum das es fast 10% sind

  6. 9.

    Zitat: "Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich nicht die Bohne. Extremes Minderheitenthema."

    Ihr Nichtinteresse war Ihnen immerhin einen Kommentar wert. Und laut einer rel. aktuellen Umfrage/Studie geben 8% der Befragten an, homo-, bisexuell oder "anders" zu sein. Was auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet einen (nicht geringen) Millionenwert ergeben würde. Also ein ganz so "Extremes Minderheitenthema", wie sie vermuten, ist es dann doch nicht.

    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1177268/umfrage/umfrage-in-deutschland-zu-sexueller-orientierung/

  7. 8.

    "politischer Teil" - kann man jetzt csd wählen?

  8. 7.

    Ihr Username ist Programm. Solange noch queere Menschen angefeindet und angegriffen werden ist es wichtig diese mehr sichtbar zu machen.

  9. 6.

    Ich denke jede/r sollte und kann so leben wie er/sie will ohne es anderen immer aufs Auge drücken zu müssen wie die persönliche, sexuelle Veranlagung ist. Ich brauche dafür weder Party noch Demo, noch Politik

  10. 5.

    Jeden Tag Aufbaus hen dieses Themas. Betrifft absolute Minderheit, lenkt aber gut von wichtigen innerdeutschen Problemen ab. Ich verwehre mich gegen das Hissen der Regenbogenfahne auf dem Bundestag mit aller Schärfe. Persönlich habe ich nichts gg diese Menschen, hab selber in Familie 3 Schwulen. Die wollen diesen ganzen Rummel nicht, brauchen auch kein 3.Klo!!!!

  11. 4.

    „ Auf dem Berliner CSD ist mir der politische Teil zu kurz gekommen.“
    Der war gut, wen interessiert der politische Teil auf einem CSD …

  12. 3.

    Denken dürfen Sie grundsätzlich was Sie wollen und wenn in den kommenden Tagen sich niemand bei Ihnen meldet, dürfen Sie diese Gedanken offensichtlich auch äußern.
    Können Sie aber ganz beruhigt sein, da kommt nix.

  13. 2.

    Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich nicht die Bohne. Extremes Minderheitenthema.

  14. 1.

    Ich bin froh, wenn auf dem CSD möglichst wenig Politik verbreitet wird.
    Ich gehe dort hauptsächlich zum Feiern hin.
    Bzw. zum Sehen und Gesehen werden.
    Gute Laune, Bratwurst, Bühnenprogramm, Kostümbeschau, Smalltalk, Wiedersehen und mehr.
    Beim Motzstraßenfest bin ich früher noch an den Politikständen angehalten.
    Heute gehe ich lieber daran vorbei.
    Warum soll ich mich mir die ideologische Programmbeschallung, die man schon das ganze Jahr bekommt, auch noch an diesen zwei Sommer-Wochenenenden im Jahr antun?
    Mir geht es um Sonne, Spaß und nette Männer.
    Darf man so denken?

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