Interview | Michel Friedman - "Die unsäglichen 'Ja-aber-Debatten' ertrage ich nicht mehr"

Mo 27.11.23 | 06:11 Uhr
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Moderator Michel Friedman am 20.10.2023 auf der Frankfurter Buchmesse. (Quelle: Dwi Anoraganingrum/Panama Pictures)
Dwi Anoraganingrum/Panama Pictures
Video: rbbKultur | 25.11.2023 | Hadnet Tesfai | Bild: Dwi Anoraganingrum/Panama Pictures

Unter dem Motto "Gegen das Schweigen" findet am Montag ein Solidaritätskonzert im Berliner Ensemble statt. Ein Zeichen gegen den sich ausbreitenden Antisemitismus - es geht aber auch um die Haltung der Kulturszene. Ein Gespräch mit Mitinitiator Michel Friedman.

rbb: Herr Friedman, der Pianist Igor Levit hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass er sich derzeit sehr einsam fühlt als Jude in Deutschland. Wie geht es Ihnen?  

Michel Friedman: Machen wir uns nichts vor: Dieses laute Schweigen der Gesamtgesellschaft ist schon sehr auffällig. Wenn ich überlege, wie viel Empathie man in Deutschland hatte für die Frauen in Iran, die so mutig für ihre Emanzipation kämpften oder für die Ukraine, die völkerrechtswidrig angegriffen wurde.

Für jeden ist - zurecht - Empathie dagewesen. Für jeden ist diese spontane Reaktion dagewesen: Wir gehen auf die Straße, wir hängen Flaggen auf. Aber wenn es um Juden geht, war es relativ still in diesem Land und das ist beunruhigend.

Zur Person

Michel Friedman ist Jurist, Politiker, Publizist und TV-Moderator. Er wurde 1956 in Paris geboren und stammt aus einer polnisch-jüdischen Familie, die durch den Holocaust des NS-Regimes unter Adolf Hitler nahezu ausgelöscht wurde.

 

Denn hier geht es ja um eine ganz klare Aussage. Vergessen wir mal den Nahen Osten. In Berlin und anderen Städten wurde geschrien "Tod den Juden". Das heißt auch Tod der Demokratie. Aber wenn das Wort Jude fällt, ist die Mauer, die Hemmung anscheinend größer als alles andere.  

Welche Emotion verbinden Sie mit dem 7. Oktober?

Trauer. Es sind tausende Menschen auf eine Art und Weise umgebracht worden, wo man gemerkt hat, das Menschsein spielte keine Rolle mehr. Es ging um den Juden, den man umbringen wollte. Die Entmenschlichung dieser Todesmaschinerie ist eindeutig sichtbar, der Sadismus, vielleicht sogar die Gleichgültigkeit der Mörder gegenüber den Ermordeten.

Das Allerschlimmste aber folgt: Der Stolz darauf, in den sozialen Medien Babys ohne Kopf zu zeigen, verbrannte Menschen zu zeigen. Also mit einer inneren Freude, mit Stolz, öffentlich zu zeigen: Hier! Schaut euch diese Babyköpfe an! Und wir haben sie getötet! Das ist die Geschichte, die in den sozialen Medien erzählt wurde. 

Menschen wurden umgebracht, in Berlin wurde 'Tod den Juden' skandiert. Wie kann dann irgendein 'aber' überhaupt noch möglich sein? Eindeutiger wer der Täter und wer die Opfer waren, kann es doch gar nicht sein.

Michel Friedman

Wie gehen Sie mit dieser Grausamkeit um?  

Trauer dauert. Der Schock ist da. Die Menschen, die unmittelbar betroffen waren, die Angehörigen in Israel brauchten viel Zeit. Aber selbst ich als Jude in Deutschland brauchte viel Zeit. Denn der Angriff der Hamas war ein Angriff auf alle Juden. Die Symbolik dieser Art von Tötung sollte eine Erinnerung an die Entmenschlichung des Juden darstellen - das, was ja übrigens auch die Nazis getan haben, als sie sie ermordeten. Sie entmenschlichten sie, sie gaben ihnen Nummern, und sie verloren ihre Namensidentität. 

Für diese Trauer braucht man Zeit. Diese Zeit wurde schnell, sehr schnell weggenommen. Ersetzt wurde sie dann durch unendliche und unsägliche "Ja, aber"-Debatten.

Menschen wurden umgebracht, in Berlin wurde "Tod den Juden" skandiert. Wie kann dann irgendein "aber" überhaupt noch möglich sein? Eindeutiger wer die Täter und wer die Opfer waren, kann es doch gar nicht sein. Und wenn dann auch noch Brandsätze gegen eine Synagoge geworfen werden, ist klar: Es geht um uns alle, nicht nur um die Juden in Israel. Spätestens dann haben wir auch die Gefahr erkannt, die Angst bekommen und das Alleinsein in dieser Angst gefühlt. Das war schon etwas sehr Traumatisches.  

Vor dem Hintergrund des Klimas, das Sie gerade beschrieben haben: Was kann ein Abend wie der im Berliner Ensemble wirklich ausrichten? 

Wir haben feststellen müssen, dass nicht nur die Breite der Bevölkerung kaum reagiert hat, sondern vor allem die Kunstinstitutionen nicht. Das hat mich ehrlich verärgert und enttäuscht. Gerade in den Kunstinstitutionen, an denen ich auch arbeite und aktiv bin, haben wir enorm viel geleistet bei den Frauen des Irans. Wir haben Veranstaltungen, Solidaritätskonzerte gemacht. Die Theater und andere Kulturhäuser wurden bei der Ukraine-Krise mit der ukrainischen Flagge markiert. Nur beim israelischen Problem, da sind die Theater und andere Kulturinstitutionen nicht in der Lage, eindeutige Signale der Solidarität zu leisten.

In der Kulturszene, in der Elitenszene wurde das "aber" - dieses Wort kann ich eigentlich kaum ertragen - immer größer. Und wenn wir jetzt ein paar Wochen nach dem Angriff reflektieren: Es werden immer noch antisemitische Demonstrationen angemeldet. Immer noch kommen Sprüche wie "Juden sind an allem schuld". Und all diese Demonstrationen sind aus drei Ecken bedient: rechtsextrem, linksextrem und islamistischer Judenhass. Und da können Kulturinstitutionen ihr Gesicht nicht zeigen? Da können sie sich nicht solidarisieren mit der Minderheit? Das ist beschämend. Und was wir mit Igor Levit und Oliver Reese versucht haben zu zeigen: So hilflos und so schweigsam möchten wir nicht bleiben. Und wenn die anderen nichts tun, dann tun wir eben etwas.  

Welche Reaktion gab es auf diese Initiative hin? 

Die Resonanz der Angesprochenen war wunderbar. Es gab Künstler, Schriftstellerinnen, Schauspieler und Musikerinnen, die dann auf uns zugekommen sind, nachdem sie gehört haben, dass wir das machen. Das Theater war sofort bereit eine maximale Leistung zu bringen. Wir machen das alles ehrenamtlich. Und wir haben etwas bemerkt, das uns sehr ermutigt hat.

Die Karten waren nach vier Minuten ausverkauft. Das schaffen normalerweise Popgrößen wie Britney Spears. Der Ertrag des Abends soll an eine Gruppe gehen, die sich mit diesem Rassismus und mit dem Judenhass beschäftigt und mit jungen Menschen arbeitet.* Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Vielleicht spät – aber nie zu spät – kommen dann auch noch andere auf die Idee und machen Initiativen.  

Livestream

Igor Levit (Bild: rbb/Moritz Haase)
rbb Presse & Information

27.11.2023 | 20:00 Uhr - Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus.

Das Solidaritätskonzert mit Igor Levit und Gästen im Berliner Ensemble wird ab 20 Uhr im Livestream bei rbb|24 übertragen. Eine Aufzeichnung des Abends sendet das rbb Fernsehen am 28.11.2023 um 23:00 Uhr.

Wen wollen Sie noch mit diesem Abend erreichen?

Es ist eine Veranstaltung für uns alle. Der Antisemitismus hört nicht auf. Er ist eine kulturelle, strukturelle Problematik in unserer Gesellschaft. Der Rassismus hört auch nicht auf. Beides sind solche Giftquellen. Sie vergiften einerseits die Hassenden, aber sie vergiften auch die Gesellschaft. Denn diese Gesellschaft steht immer noch auf dem Boden von Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Also auch die des jüdischen Menschen, des Schwarzen Menschen, des schwulen Menschen. Es ist der Mensch, der unantastbar ist.

Und so gesehen geht es um eine Demokratiefrage. Und wer nicht begreift, dass man sich jetzt nicht nur für Juden engagiert, sondern für die Würde des Menschen, die unantastbar bleiben soll, der wird sich wundern, wie schnell diese autoritären und gewaltbereiten Gruppen sich die nächsten Opfer suchen. Eins muss man wissen: Diese Gruppen sind hungrig. Und wenn sie die einen hinter sich gebracht haben, wollen sie die nächsten haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Hadnet Tesfai für rbbKultur - das Magazin. Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung.

*Anmerkung der Redaktion: Die Erlöse des Abends gehen an die Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK e.V. und die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus KIgA e.V.

Sendung: rbb Kultur, 25.11.2023, 18:30 Uhr

76 Kommentare

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  1. 76.

    Friedman war neben einigen deutschen Politikern einer der ersten, die im Oktober 2021 empört aufgeschrien haben, als ein gewisser ofarim die Lüge eines antisemitischen Vorfalls in die Welt setzten. Die Doktrin der deutschen Politik und die Empörung waren groß. Mittlerweile hat sich das als Lüge herausgestellt. Wie gehen wir ehrlich mit so etwas um? Ich verurteile oder hasse niemanden wegen Religion oder Herkunft. Mir fehlt in Deutschland nur die Ehrlichkeit. Es ist mir zu viel verordnetes denken von oben herab, wie wir mit Juden umzugehen haben. Wo bleibt da die Freiheit für den normalen burger? Ich lehne Unterdrückung oder jede Form von Gewalt ab. Ich mochte aber heute nicht noch jedes mal für die Fehler von früher verantwortlich gemacht werden.

  2. 75.

    Den Begriff des christlichen Abendlandes benutzen nur einschlägige Fundamentalisten und eingefleischte Gegner des Islams. Andere, die offener sind, weisen auf christlich geprägte Wurzeln hin und konstatieren die Gemischtheit von Lebensvollzügen - christlich, muslimisch, jüdisch und in Berlin zu mehr als der Hälfte konfessionsungebunden, darunter teilweise atheistisch.

  3. 74.

    Sorry, aber das möchte ich nicht so stehenlassen. Menschen, die hassen wollen, werden immer einen Grund finden, dieses zu tun. Wenn es nicht die Religion sein kann, dann wird es eben etwas anderes werden. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich frei gegen den Hass und für den Respekt vor dem anderen (meist fremden) zu entscheiden. Das ist keine Sache der Religion. Diese wird oft nur als Ausrede oder Vorwand genommen. Wirklich gläubige Menschen, egal welcher Religion, versuchen doch gerade gegen den Hass vorzugehen. Man muss eben dabei zwischen Gläubigen und Fanatikern unterscheiden.

  4. 73.

    Ja sehen sie, der Unterschied ist eben der, dass ich mich hier nicht auf Antisemiten berufe. Sie werden eben hier von mir oder sonst irgendwo keinen Kommentar zu Antisemiten finden. Das ist eben der Unterschied.
    Ich lehne im übrigen auch JEDE Form des Glaubens in Staatsinstitutionen ab. Für mich können vernünftige Staatsformen nur demokratisch, gewaltengeteilt, rechtsstaatlich und säkular sein.

  5. 72.

    Das ist es, bringt es genau auf den Punkt. Alle Weltreligionen abschaffen wäre eine sehr lobenswerte Entscheidung. Noch zählen wir hier in Europa zum christlichen Abendland. Wie lange noch? Nur mal so gefragt.

  6. 71.

    Margot Friedländer reagierte sehr klug, "Wir sind doch alle Menschen, es gibt nur menschliches Blut, nicht jüdisches, christliches, muslimisches." Wir Menschen müssen lernen uns gegenseitig zu achten und lernen zu verstehen, woher der Hass kommt.

  7. 70.

    ....oder was sonst sollte Ihr Kommentar bestenfalls? Hat das noch irgendetwas mit dem Artikel zu tun, zu dem Sie kommentieren?

  8. 69.

    Warum verweisen Sie hier auf einen Menschen, der in seiner Einstellung zu jüdischen Menschen zumindest als sehr kritisch betrachtet werden kann?

  9. 68.

    "Postulate und Praktiken"

    Sie kennen diese auch von Herrn Karl Marx? Wenn nein, sehr lesenswert!

  10. 67.

    Dann lies diesen Artikel

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2023/11/antisemitismus-judenfeindliche-uebergriffe-beratungsstelle-rias-berlin-neuer-hoechststand.html

  11. 66.

    Das Christentum, vor allem der Katholizismus, hat auch heute noch derbe Seiten...

  12. 65.

    Ich möchte mich ganz herzlich für dieses Solidaritätskonzert bedanken.

    "Heute war für mich ein Schritt nach vorne"
    "Wir können alle was erreichen bzw. bewirken"

    Das waren die Abschlussworte von Igor Levit und es waren sehr gute und weise Worte.

  13. 63.

    „ Unserem Martin Luther sei mal Dank…“

    Sie kennen Luthers Postulate und Praktiken in Bezug auf das Judentum?

  14. 62.

    Ich hoffe, so ein Abend kann mehr als eine Geste sein. Denn oberflächlichen, ritualisierten Mitleidsbekundungen zu Jahrestagen o. Demonstrationen der vermeintlichen Zivilgesellschaft, während sich dort fast nur Hinz und Kunz aus der Politik die Klinke in die Hand drücken, ist nichts Empathisches abzugewinnen. Ein solcher Abend kann ein Weckruf sein. Bei aller Eloquenz Friedmanns ist seine Aussage, Antisemitismus käme von linksextremen wie rechtsextremen Gruppen sowie islamistischen zutrefffend, wenn auch unlogisch. Er äußert gleichzeitig auch den Vorwurf gegenüber der Gesamtgesellschaft und ihr Schweigen, dort trifft er den Kern. Denn die extremistischen Gruppen sind in Anzahl und Reichweite nur sehr begrenzt. Es ist die Mehrheitsgesellschaft, die in der Geschichte mit Gleichgültigkeit Schlimmstes erst ermöglichte und eben diese Mehrheitgesellschaft ist zuallererst zu addressieren. Selektive, polarisierte "Empathie" darf es nicht geben, sondern nur gegenüber allen gleichermaßen.

  15. 61.

    >"Hr. Friedemann hat in seinen Ausführungen mit keinem Wort gegen Muslime gewettert"
    Wo lesen Sie in meinen Kommentaren was von Muslime?
    >"Im übrigen hat zumindest auch das Christentum durchaus derbe Seiten."
    Nicht hat, sondern hatte.... hier bei uns in Europa. Das ist hier spätenstens seit Mitte des 19. Jahrhunderts Geschichte. Unserem Martin Luther sei mal Dank so als Vorreiter. In anderen Erdteilen werden Christen sogar verfolgt, weil andere Religionen sich als absolut herrschend sehen. Das aber eben in solchen Ländern, wo Religion Staatspolitik macht.

  16. 60.

    Hr. Friedemann hat in seinen Ausführungen mit keinem Wort gegen Muslime gewettert, sie ergehen sich zumindest in diesbezüglichen Andeutungen. Im übrigen hat zumindest auch das Christentum durchaus derbe Seiten.

  17. 59.

    Selbst die erklärte "Unfehlbarkeit" des Papstes war nichts als ein bloßer Notnagel. Und zwar deshalb, weil der theologische Streit damals so heftig war, dass die es anders nicht mehr einzufangen wussten. Das offenbart schon, dass es in jeder Religion immer die verschiedensten Interpretationen gibt und genau darin - mit Glück - auch ein Stück gegenseitiger geistiger Befruchtung liegt.

    Der Gipfel der Unfehlbarkeit wurde allerdings im Zuge des Historischen Materialismus verkündet: Die Selbstdefinition, Herr, Anwalt und Geburtshelfer D E R Geschichte zu sein und alles andere als kleinbürgerlich zu definieren, sodass mit denen nicht groß geredet werden braucht. Dagegen sind religiös geprägte Gruppen heutzutage geradezu ein Hort von Diskussions- und Debattenkultur. ;-

  18. 58.

    In der Tat unterscheidet sich die jüdische Religion von anderen Religionen dadurch, dass sie eine Missionierung nicht kennt. Sie konzentriert oder "beschränkt" sich auf die ihr Zugehörigen.

    Das Christentum hat seine hochmissionarische Zeit glücklicherweise weitgehend hinter sich (bis auf die Evangelikalen in Afrika und Lateinamerika), Teile des Islam stecken da noch sehr tief drin.

  19. 57.

    Eines haben die Religionen gemeinsam, sie halten sich alle für die Größten und Besten und sind unfehlbar.

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