23.06.2019, Berlin: Der Berliner Fernsehturm spiegelt sich in der Fassade des Park Inn Hotels am Alexanderplatz. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bild: Audio: Inforadio | 13.07.2020 | Rebecca Barth

Neuer Ideenwettbewerb für Berlin - Wie die DDR Berlin wirken lassen wollte

In dieser Woche wird das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs für städtebauliche Visionen in Berlin vorgestellt. Kühne Ideen gab es schon viele. So war es etwa der jungen DDR-Führung wichtig, ihre Idee des real existierenden Sozialismus sichtbar zu machen. Von Rebecca Barth

Im Abendlicht entfaltet die Berliner Karl-Marx-Allee ihre ganze raue Pracht: die erste sozialistische Straße auf deutschem Boden, gebaut in den 1950er Jahren. Wer von Friedrichshain zum Alexanderplatz läuft, kommt vorbei an ehemaligen Arbeiterpalästen, Plattenbauten, Springbrunnen und Turmbauten.

Geschichtsträchtige Gebäude voller Symbolik, Städtebau und Architektur sollten die Utopie einer neuen Gesellschaft in Beton gießen. Nichts sei dabei dem Zufall überlassen worden, sagt der wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums, Stefan Wolle. "Das sollte eine Stadt auch für den neuen Menschen seien, für den neuen Werktätigen. Da sollte symbolisch alles Alte, Reaktionäre und Rückständige in diesen Städten überwunden sein. Und sie schufen in der Tat eine gewisse Gleichheit."

Bauten an der Karl-Marx-Allee (früher Stalin-Allee) in Ostberlin. (dpa/Rauchwetter)
Straßenszene auf der Ostberliner Karl Marx Allee in den siebziger Jahren.Bild: dpa/Rauchwetter

Eine Allee als Zeichen der Weiträumigkeit

In den 1960er Jahren lebten hier Arbeiter, Künstler und Professoren nebeneinander. 90 Meter macht sich die Karl-Marx-Allee breit, sie ist perfekt für Aufmärsche und Paraden. Die Weiträumigkeit der sozialistischen Stadt sollte den Fortschritt symbolisieren und auch die vermeintliche Überlegenheit des Systems. Die politische Führung, so Stefan Wolle, legte damals großen Wert darauf zu zeigen, dass die DDR ein fortschrittlicher und weltoffener Staat sei. "Eine erfolgreiche neue Gesellschaft, die bald schon den Kapitalismus in den Schatten stellen wird."

Maßgeblich beteiligt an der Gestaltung dieser "Utopien" war das Kollektiv um den Architekten Hermann Henselmann. Neben der Gestaltung der Bauten am Strausberger Platz, Frankfurter Tor und Haus des Lehrers zeichnete Henselmann schon in den 1950er Jahren die ersten Entwürfe für den Berliner Fernsehturm in Kugelform.

Angekommen am Alexanderplatz zeigt ein Wandmosaik noch heute, wie sich die DDR-Führung die Idealgesellschaft vorstellte: Bauern in der Morgensonne, Arbeiter und Künstler im Austausch - Wissenschaftler, Ingenieure und Ärzte voller Tatendrang. Das harmonische Nebeneinander verschiedener Berufsgruppen symbolisiert eine klassenlose Gesellschaft. 54 Meter ragt das Haus des Lehrers in die Höhe. Das Mosaik "Unser Leben" windet sich schwungvoll um die karge Fassade. Zusammengesetzt aus rund 800.000 Einzelsteinen, erstreckt es sich über zwei Geschosse. Walter Womacka entwarf das Mosaik zwischen 1962 und 1964 in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern.

Rueckseite Haus des Lehrers, Otto-Braun-Strasse, Mitte, Berlin (Quelle: dpa/Schoening)Szene aus dem Wandfries von Walther Womacka am Haus des Lehrers.

Platz für ein repräsentatives Zentrum

Vom Haus des Lehrers sind es nur wenige Schritte auf den Alexanderplatz. Der ganze Platz wurde in den 1960er Jahren umgestaltet, 1971 war er fertig. Das architektonische Erbe, das nach den Zerstörungen des Krieges noch übrig war, musste weichen und Platz schaffen für den Fernsehturm, das Zentrum-Warenhaus - heute Galeria Kaufhof -, ein Hotel, das Haus des Reisens, der Statistik und der Elektroindustrie. Der Alexanderplatz wurde zum repräsentativen Zentrum der einstigen DDR-Hauptstadt. Und zu einem Paradebeispiel für Ostmoderne. Visionär wirkt der Platz heute nicht mehr, auch wenn sich die Menschen noch heute am Brunnen der Völkerfreundschaft treffen, einem Überbleibsel der sozialistischen Utopie.

Seit mehr als 25 Jahren gibt es Pläne, den Berliner Alexanderplatz mit Hochhäusern zu bebauen. Ende 2020 soll die neue Ära beginnen.

Sendung:Inforadio, 13.07.2020, 08:50 Uhr

Beitrag von Rebecca Barth

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28 Kommentare

  1. 28.

    #Hugo Wolf, ich kenne den Ales noch als großen Kreisvekehr mit sternförmigen Straßeneinmündungen und Strassenbahnen. Das "architektonische" Erbe bestand aus mehreren Ruinen und geräumten Flächen. Der Kaufhauskomplex und das Polizeipräsidium wurden "gerettet".
    Durch die Neugestaltung wurde zumindest der Verkehr entwirrt und einfacher gestaltet. Der Rest entsprach dem Zeitgeist. Dies war im Westen von Berlin kaum anders. Auch hier diskutiert man über die baulichen Sünden.
    Hinterher ist man vorher schlauer.

  2. 27.

    Das Bild mit dem Kalaschnikov Schützen ist zur prominentesten Platzseite positioniert und wird nun auch deswegen im RBB Beitrag gezeigt.

    Damit wurde optisch der Sachverhalt der DDR Bevölkerung deutlich gemacht. "Grenzverletzer sind festzunehmen oder zu vernichten"
    Der Schießbefehl war der entscheidende Eckpfeiler des DDR-Grenzregimes. Nur so war eine abschreckende Wirkung zu erzielen, um die massenhafte Flucht der Bevölkerung zu unterbinden.

    Eigentlich traurig, dass man diese Selbstverständlichkeit wiederholen muss.

  3. 26.

    Sie können es ruhig ausschreiben, Karl-Heinz. Vietnamesen, die in der DDR (Bevölkerung)"immerhin" noch besser als Afrikaner angesehen waren, wurden als "Fidschies" bezeichnet. Und das war kein Begriff, der nur in bestimmten Kreisen zirkulierte, sondern wurde weitestgehend allgemein verwendet. Die vielbeschworene Völkerfreundschaft war tatsächlich eher in Büchern und wohlfeilen Reden, aber kaum in realen Leben zu finden.

  4. 25.

    Naja, diese roten Grilletta-Imbissbuden und dieses seltsame Steh-Restaurant mit Selbstbedienung (nahe Cubix) waren schon ziemlich fies.

  5. 24.

    Rostock-Lichtenhagen, „Fid...“ für Vietnamesen etc. So integriert, wie Sie uns das weismachten möchten, wären Ausländer nur in meinem Staatsbürgerkundebuch

  6. 23.

    Hallo Hr. Krüger bin in Ostberlin aufgewachsen und habe dort bis jetzt gelebt, aber ein Militärparade auf dem Alex habe ich noch nie in der Zeit "zujubeln" dürfen, weil schlicht keine dort stattgefunden hat.
    Ich bin eher der Meinung, dass die "Westplaner" den Alex durch die Verlegung der Strassenbahn mittendurch in zwei Teile zerschnitten haben. Die Strassenbahnlösung über die Karl-Liebknecht-Str. hätte vollkommen gerecht, um den Alex anzubinden. Wundere mich sowieso, dass die Karl-Liebknecht-Str. noch nicht in den Umbenennungssog geraten ist.

  7. 22.

    Sie hätten nach "(Botschaftskinder)" einen Absatz machen, und erklären können, dass Sie alles folgende nur annehmen, aber nicht selbst erlebt haben, David.

    Ausländische Produktionsarbeiter bewegten sich eben nicht "so denn sie wollten, genau so wie heute in der Gesellschaft." Sie waren überall wenig willkommen, ausser natürlich als zumeist Hilfkräfte in der Produktion.

  8. 21.

    Ihnen ist doch hoffentlich bewusst, dass die aufgeführten Beispiele eher seltene Einzelfälle waren, Friedrich?! Im Bereich der Austauschstudenten mag es teilw. so gewesen sein - aber der Großteil der Vertragsarbeiter lebte nahezu "abgeschottet" in Wohnheimen, mit kaum privatem Kontakt zur Bevölkerung. Diese sog. "Volkerfreundschaft" gab es fast auschließlich am Arbeitsplatz, und da waren die Ausländer häufig auch nicht wirklich integriert.

    Sie wurden hautsächlich ins Land geholt um fehlende Kapazitäten in der Produktion zu kompensieren, Kontakte waren nicht wirklich erwünscht. Liebesverhältnisse bspw. waren untersagt und wurden von der Bevölkerung auch sehr argwöhnisch betrachtet. Diese nachträgliche Romantisierung des Verhältnisses, zwischen Ausländern und DDR Bürgern, ist weitab jeder damals gelebten Realität.

  9. 20.

    .. von der Abschottung "erst nach der Einheit gehört". Die vietnamesischen "Vertragsarbeiter" blieben zum großen Teil unter sich, waren in separaten Wohnheimen untergebracht sind und hatten nicht viel Kontakt zur Bevölkerung.

  10. 19.

    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Das Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt der Ostseite. Daneben gibt es noch Nord, Süd und West. Bitte informieren sie sich, was ein Ausschnitt ist und was man unter den Begriffen "selektiv", "tendenziös" und "Tunnelblick" versteht. Warum Sie glauben, anhand eines kleinen Ausschnittes "das Wichtigste" erkennen zu können, bleibt Ihr Geheimnis.

  11. 18.

    Woher stammt denn diese Weisheit? Also in meiner Schulklasse waren Kinder aus Polen, Bulgarien Ungarn und der UdSSR (Botschaftskinder). In den Betrieben arbeiteten Vietnanesen, Mosambikaner, Cubaner u.a. Also die Ausländer bewegten sich, so denn sie wollten, genau so wie heute in der Gesellschaft. Mir ist jedenfalls nicht bekannt das es Ghettos für Ausländer zwecks Abschottung gegeben hat.

  12. 17.

    Der Text ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Er referiert nur den offiziellen Standpunkt, sollte doch aber auch wenigstens zum Schluß hinter die Kulisse schauen.

    http://www.gerhildkomander.de/strassen/193-berliner-strassen-stalinallee.html

  13. 16.

    Man siehts deutlich, die Knarre war das Wichtigste.

  14. 15.

    Sie müssen nicht alles glauben, was Ihnen heute von interessierter Seite erzählt wird. Es gab zwar nicht viele Ausländer, aber eine angebliche "Abschottung" habe ich nicht erlebt. Von der habe ich merkwürdigerweise erst nach der Einheit gehört. Mein Vater hatte z.B. Chilenen als Kollegen - mit deren Kinder sind wir ins Ferienlager gefahren. Da war nichts abgeschottet. Die dänischen Arbeiter, die bei uns ein Werk errichteten, haben für Jahre ganz normal zwischen den Einheimischen gewohnt. Beim Studium hatten wir einen Kambodschaner, der war voll integriert und geachtet. usw. usw.

  15. 14.

    Was soll denn dieser Unfug. Was ist mit den Vietnamesen, Lybiern und Angolanern die in der DDR gearbeitet haben?? Was ist mit den vielen Studenten vom Herderinstitut? Ein bisschen sollten wir schon bei der Realität bleiben.

  16. 13.

    Der Alexanderplatz als sozialistisches Vorzeigeviertel hat sich schon längst in seiner Komplettheit erledigt. Die Relikte des DDR-Schick wirken heute fast schon deplaziert an diesem Ort des Immobilienbooms. Die waren auch mal für ein ganz anderes Konzept geplant und gebaut. Urbanität nach heutigen Maßstäben gab es seinerzeit noch gar nicht als Konzept. So richtig nett zum Flanieren war eigentlich nur das Areal um den Fernsehturm. Zu DDR Zeiten bin ich lieber unten durch den Alex gegangen als oben drüber. Aber ist schon wichtig, dass Einzelbauten aus dieser Zeit auch erhalten bleiben. Oder gleich ganze "Planstädte" wie Eisenhüttenstadt. Das sind auch Zeugen der deutschen Geschichte.

  17. 12.

    'Die Völkerfreundschaft stand aber nur auf dem Papier; Ausländer wurden von den Ostdeutschen abgeschottet.' - Zum Glück ist das heute in der vereinigten Bundesrepublik in Ost und West ganz anders.

  18. 11.

    ... wer ist "uns" und was wurde "genommen"? Aber in der Tat, der Alexanderplatz in den Grenzen von 1971 war schon beispielhaft für den real existierenden DDR-Sozialismus. Als Flächendenkmal hätte er durchaus erhalten werden können.

  19. 10.

    Nicht von den Ostdeutschen, sondern von der Führungsriege und auch von den entsprechenden Ländern war das so verordnet.
    Haben Sie zu dieser Zeit in der DDR gelebt, dass Sie das so selbstbewusst in den Raum werfen?

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