Datenauswertung - So alt sind die Menschen in den Berliner Kiezen

Di 25.01.22 | 07:38 Uhr | Von Götz Gringmuth-Dallmer
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Datenrecherche zum Alter der Berliner Bevölkerung, hier Menschen im Februar 2021 in Kreuzberg. (Quelle: rbb|24/dpa/Global Travel Images)
Video: Abendschau | 25.01.2022 | T. Rosteck | Bild: rbb|24/dpa/Global Travel Images

Wo sind die Menschen in Berlin besonders alt - und wo besonders jung? Darauf gibt es klare Antworten, wie eine Datenauswertung von rbb|24 zeigt. Außerdem ändert sich vieles sehr schnell, was die Statistik auf den ersten Blick allerdings nicht hergibt.

Das Durchschnittsalter in Berlin ist erstaunlich stabil - gegen den allgemeinen Trend, dass die Gesellschaft altert. Es betrug am 30.06.2021 in der Hauptstadt 42,9 Jahre, nur unwesentlich mehr als 2010 - da waren es 42,8 Jahre. Das zeigen Daten aus der Einwohnerregisterstatistik vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.

Grund ist der starke Zuzug jüngerer Menschen der vergangenen Jahre, erklärt Stadtforscher Sigmar Gude, Geschäftsführer vom Asum Büro für angewandte Stadtforschung und Mieterberatung: "Diese Zuwanderung setzt sich vor allem aus Personen zusammen, die hier ein Studium beginnen oder einen Job anfangen." Seit 2001 ziehen mehr Menschen nach Berlin als von dort weg - richtig Fahrt nahm die Zuwanderung ab 2011 auf.

Jüngster Kiez am Südkreuz

Besonders in den Kiezen zeigen sich Veränderungen: Zum Beispiel in der Gegend zwischen dem Bahnhof Südkreuz und dem S-Bahnhof Schöneberg.

Noch vor wenigen Jahren war das Gebiet vor allem für den Euref-Campus, ein Möbelhaus und einen BSR-Hof bekannt. Der BSR-Hof ist zum Leidwesen derer, die ihn häufig genutzt haben, inzwischen Geschichte. Dafür wurden auf der sogenannten Schöneberger Linse Wohnungen und Büros errichtet, der Energiekonzern Vattenfall baut hier zum Beispiel seine neue Zentrale.

2010 lebten hier gerade einmal 435 Menschen, das Durchschnittsalter betrug 36,7 Jahre. Aktuell sind es etwa 1.500 (Stand 30.06.2021), und inzwischen ist das Stadtquartier "Schöneberger Linse" mit einem Durchschnittsalter von 31 Jahren der jüngste Berliner Kiez.

Ältester Kiez im Westend

Der Kiez mit den im Durchschnitt ältesten Einwohner:innen ist die Gegend um die Angerburger Allee in Charlottenburg-Wilmersdorf. Hier lebten zum Stichtag 2.799 Menschen, die im Schnitt 54,8 Jahre alt waren. Auch in diesem Kiez hat Zuzug das Durchschnittsaltter gesenkt: 2010 lebten hier noch fast 250 Menschen weniger - nämlich 2.550 - die im Schnitt 58,8 Jahre alt waren.

Stadtforscher sieht Wellenbewegungen

Stadtforscher Sigmar Gude spricht von Wellenbewegungen, was die Altersstruktur von Kiezen in der Stadt angeht. "In Neubaugebiete ziehen erst einmal viele junge Leute, die haben bald viele kleine Kinder" sagt Gude. "Nach 20 Jahren fängt es an, dass die junge Bevölkerung auszieht und wir nur noch wenige kleine Kinder und mehr Alte haben. Dort gibt es dann eine sehr geringe Fluktuation. Irgendwann gibt es einen Umbruch, wenn viele Menschen ins Altersheim ziehen, dann kommen wieder junge Leute nach", so Gude. Und: "Diese Wellenbewegung ist aber für eine kontinuierliche Stadtentwicklung sehr ungünstig, weil die Nachfrage nach Infrastrukturleitungen wie Schulen und Kitas oder Alteneinrichtungen so großen Schwankungen unterliegt."

So wie bei den Kiezen gibt es bei auch zwischen den Bezirken Unterschiede - wenn diese auch nicht ganz so groß sind. Jüngster Bezirk ist demnach Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Durchschnittsalter von 38,6 Jahren, ältester nach dem Durchschnittsalter ist Steglitz-Zehlendorf mit 46,5 Jahren.

Viele junge Menschen in Mitte

Der Planungsraum Brunnenstraße ist im Gesamtberliner Vergleich der Kiez, in dem die Anzahl der Menschen unter 25 am größten ist. Von 14.193 registrierten Bewohner:innen gehörten 4.534 zu dieser Altersgruppe, ein Anteil von 31,9 Prozent. Als eine Erklärung dafür, dass in den Altbaugebieten der Innenstadt eher junge Leute lebten, nennt Gude die Gentrifizierung.

Den mit 35,7 Prozent größten Anteil der unter 25-Jährigen gibt es in der Gegend der Maulbeerallee in Spandau. Zum Stichtag waren hier 11.456 Menschen gemeldet, davon gehörten 4.095 zu dieser Altersgruppe.

Viele Ältere in Springpfuhl

ln Springpfuhl in Marzahn leben im Gesamtberliner Vergleich die meisten über 65-Jährigen. Von den 14.860 Menschen gehörten hier am Stichtag 4.457 zu dieser Altersgruppe, ein Anteil von 30 Prozent.

Den höchsten Anteil der über 65jährigen gibt es in der oben bereits erwähnten Angerburger Allee. 43,8 Prozent waren hier in dieser Altersgruppe (2.799 Menschen).

In 223 Kiezen ist das Durchschnittsalter zwischen 2010 und Juni 2021 gesunken, in 135 davon um mindestens ein Jahr. 13 Stadtquartiere haben ihren Altersdurchschnitt gehalten, der Rest ist älter geworden.

Die größte Verjüngungskur hat der neue Planungsraum Wista (Wissenschaftsstadt Adlershof) in Treptow-Köpenick gemacht. Von einen Altersschnitt im Jahr 2010 von 51,5 sank das Durchschnittsalter hier auf 33,3 Jahre im Juni 2021. Vor elf Jahren zählte die Statistik in diesem Gebiet allerdings auch nur 247 Menschen, im vergangenen Sommer waren es dann schon 3.100.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Altersstruktur nicht nur durch Geburten oder Todesfälle bestimmt wird, sondern vor allem durch Zu- beziehungsweise Wegzug. "Je kleiner die Räume werden, umso stärker können sich einzelne Veränderungen wie der Bau neuer Wohnungen auf den Gesamtdurchschnitt auswirken", sagt Stadtforscher Gude.

Viele Neugeborene im Weitlingkiez

Die meisten Kinder, die noch keinen ersten Geburtstag gefeiert haben, gab es zum Stichtag im Weitlingkiez in Lichtenberg (211), ein Anteil von 1,3 Prozent. Hier beobachtet Gude eine beginnende Gentrifizierung.

Und Berlin ist auch andernorts im steten Wandel: Mit der Entstehung vieler Neubaugebiete ändern sich Einwohnerzahl und Altersstruktur in vielen Berliner Kiezen derzeit rasend schnell, oder es entstehen völlig neue Kieze, so wie es auch bei der Schöneberger Linse der Fall ist.

Im Blankenburger Süden zum Beispiel lebten zum Stichtag ganze 51 Menschen, nämlich Dauerbewohner in einer ehemaligen Kleingartenanlage. Und die werden demnächste viele Nachbarn bekommen: Die ersten neuen Wohnungen sollen im Blankenburger Süden nach Angaben des Senats im Jahr 2030 bezugsfertig sein. In etwa zehn Jahren liegt der jüngste Kiez Berlins dann womöglich im Nordosten Berlins.

Die Daten

rbbI24 hat die Daten der sogenannten "lebensweltlich orientierten Räume" (LOR) ausgewertet, hier Kiez genannt.

Diese "lebensweltlich orientierten Räume" (LOR) beziehungsweise Planungsräume bilden seit 2006 die "räumliche Grundlage für Planung, Prognose und Beobachtung demografischer und sozialer Entwicklungen in Berlin".

2006 gab es 447 Planungsräume. Diese werden regelmäßig verändert und an die sich verändernde Stadt angepasst. Seit dem 01.01.2021 gibt es 542 dieser Planungseinheiten.

Fünf davon sind nicht in unsere Auswertung über den jüngsten und ältesten Kiez mit eingeflossen, weil dort so wenige Menschen leben, dass die Daten statistisch nicht aussagekräftig sind: Pankow Tor, Landweg (Steglitz-Zehlendorf), Gartenfeld (Spandau), der Güterbahnhof Grunewald sowie der Blankenburger Süden.

Das Amt für Statistik hat die Daten auf die aktuell gültigen Planungsräume ausgerechnet. Wista in Adlershof gab es 2010 zum Beispiel noch nicht als Planungseinheit.

Bei der Definition und Abgrenzung der Räume stehen homogene Binnenstrukturen im Vordergrund, heißt es in einem Papier der zuständigen Senatsverwaltung aus dem Jahr 2020.



Sendung: Abendschau, 25. Januar 2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Götz Gringmuth-Dallmer

19 Kommentare

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  1. 19.

    Lieber User.
    Das ist eine fabelhafte Idee - die wir ehrlicherweise auch hatten. Aber: Die Programmierung dieses zusätzlichen Stadtplans hätte einen erheblichen Mehraufwand bedeutet. Und uns geht es auch gar nicht um straßen- und hausnummerngenaue Abgrenzung, sondern um ein Kiezgefühl, das wir (hoffentlich) durch die Nennung in den Overlays leisten konnten. Und auch “Kieze”, so unser Gefühl, lassen sich nicht immer exakt lokalisieren.
    Vielleicht macht es ja so auch etwas Spaß, die Stadt nochmal neu zu entdecken?
    Liebe Grüße aus der Masurenallee 7-14 ;-)

  2. 18.

    @rbb

    Wäre es vlt. möglich für die nicht ganz alt-eingesessenen Berliner der Karte noch eine zweite Ebene mit Stadtplan hinzuzufügen? Teilweise kann man die großen Straßenzüge ja erkennen, aber zumindest mir fällt es schwer zu sagen, an welcher Straße nun genau welcher Planungsraum aufhört/beginnt...

  3. 15.

    Ach was, dafür sind sie doch ("Berliner ? Große Klappe, nichts dahinter ! ") zumindest als Urlauber von Rügen bis Österreich (hie und da persönlich gehört) bekannt.

  4. 14.

    Liegt vielleicht an den Berlinern selbst, weil sie ohne Zugezogene aus Ferne und Umland seit Jahrhunderten selbst nichts auf die Reihe bekommen?

  5. 13.

    Einige Kieze scheinen den falschen Bezirken zugeordnet zu sein. Marzahn West liegt bestimmt nicht in Treptow-Köpenick. Vielleicht gibt es hier noch mehr Durcheinander, ein Kiez Wittenberger Straße ist mir Tr-Kö ebenfalls nicht bekannt.

  6. 12.

    Am Wista Gelände werden und wurden viele Wohnungen gebaut mit überdurchschnittlichen Preisen.

  7. 11.

    Also ich finde, dass man nur Berliner ist, wenn die Familie in einem Altbaugebiet gerade nach Fertigstellung eingezogen war

  8. 10.

    Zum Einwand WISTA und Kiez: „WISTA, das sind (unbewohnte) Insitute(, vielleicht abgesehen von Hausmeistern). Aber: Springpfuhl, in dem Pfuhl wohnt bestimmt niemand.- Also: Beide sind Bezugspunkte, mehr nicht.
    KGA … Märchenland liegt auch in Blankenburg, nicht nur in der StRSi. Malchow (cf. Stadtplan).
    26.02.22, P. H.

  9. 9.

    Das was Sie beschreiben habe ganz früher oft von alten Menschen gehört. Das lag auch daran das sehr viele Berliner in den Zwanziger Jahren aus Schlesien nach Berlin zogen, derArbeit wegen. Ich denke die waren auch sauer darüber das die Eingeborenen in der Minderheit waren. Was natürlich Quatsch war. Und heute ist es wieder so. Ich verstehe das überhaupt nicht. Es ist doch nichts besonderes Berliner oder Hamburger zu sein.

  10. 8.

    § 12 Abs. 1 GemO: "Bürger der Gemeinde ist, wer Deutscher i.S.d. Art. 116 GG oder Unionsbürger ist, das 16. Lebensjahr vollendet hat und seit mindestens drei Monaten in der Gemeinde wohnt, d.h. dort seinen Hauptwohnsitz hat."
    Persönliche (insbesondere selbsterhöhende und ausgrenzende) Befindlichkeiten spielen da (glücklicherweise) keine Rolle.

  11. 7.

    Was ich nicht erst seit heute sage!
    Man schaue sich alleine den Senat an. Auch die Regierende ist nicht aus Berlin. Bei den Grünen, AFD pp. hat man den Eindruck, aus Berlin stammt niemand. Aber alle reden von und über sie. BERLINER. Dieser Tage war von namhaften Persönlichkeiten im FS zu hören... Hamburger bspw. wird man erst, wenn zuvor zwei Generationen dort geboren wurden. In Berlin hingegen ganz einfach. Man sei es sofort. Nun, wenn Berlin von Nicht-Berlinern vereinnahmt wird.

  12. 6.

    Vielen Dank für den Hinweis, das war tatsächlich ein Tippfehler. Wir haben diesen korrigiert.

  13. 5.

    Erster Absatz: "Diese Zuwanderung setzt sich vor allem aus Personen zusammen, die hier ein Studium beginnen oder einen Job anfangen."
    Die Daten hätte ich doch gerne mal gesehen. Also dies kann niemals für ganz Berlin gelten. Gibt es hier eine Statistik?

  14. 4.

    Hallo RBB,
    in Spandau gibt es keine Maulbergallee sondern eine Maulbeerallee.
    Liebe Grüße .

  15. 3.

    Hallo Dirk,

    es gibt tatsächlich auch einen Planungsraum “Märchenland":
    http://sozialraumdaten.kiezatlas.de/seiten/2016/06/?lor=03030716

  16. 2.

    Hallo rbb24-Team,
    die Region, die in der Grafik des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg als Märchenland/Pankow bezeichnet wird, ist offiziell die "Stadtrandsiedlung Malchow". Märchenland ist eine Kleingartenanlage und da dürfte ja eigentlich niemand als Bewohner gemeldet sein.

  17. 1.

    Am Beispiel Wista haben Sie aber doch bemerkt, dass man nur seinen eigenen Statistiken trauen darf? 2010 wohnte dort NIEMAND. Die Wohnungen in denen die 247 Menschen gewohnt haben sollen, sind m.E. in den 50er Jahren erbaut worden und haben mit Wista rein gar nichts zu tun.

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