Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen - "Ich habe Grenzen überschritten, die nicht zu überschreiten sind"

Fr 25.11.22 | 10:50 Uhr | Von Wolf Siebert
  6
Symbolbild: Gewalt gegen Frauen, aufgenommen am 02.04.2020. (Quelle: dpa/Frank May)
dpa/Frank May
Audio: Antenne Brandenburg | 25.11.2022 | Oliver Meurers | Bild: dpa/Frank May

Die Zahlen von häuslicher Gewalt sind noch immer erschreckend hoch. Insgesamt sieben Beratungsstellen in Berlin bieten Hilfe - nicht nur für die betroffenen Frauen, sondern teilweise auch für die Täter. Wolf Siebert hat zwei davon besucht.

"Schubsen, an den Haaren ziehen, schlagen, sexualisierte Gewalt und auch Vergewaltigung" – die Liste der Taten von häuslicher Gewalt, die Ev von Schönhueb aufführt, ist lang. Sie arbeitet seit zehn Jahren in der Beratungsstelle "Frauenraum" in Berlin-Mitte. Und erlebt, dass viele Frauen auch unter der psychischen Gewalt, die sie mit ihrem Partner erleben, leiden: "Tägliche Erniedrigungen und Demütigungen zum Beispiel. Manche Männer drohen auch: 'Wenn Du gehst, nehme ich Dir die Kinder weg, oder: Du verlierst Deinen Aufenthaltstitel'".

"Partnerschaftliche oder innerfamiliäre Gewalt" – so heißt dieser Tatbestand in der Kriminalstatistik. Zwar sind die Zahlen im vergangenen Jahr in Berlin (- 4,3 Prozent) und in Brandenburg -3,1 Prozent) leicht zurückgegangen. Dennoch sind sie noch immer erschreckend hoch: 10.693 Betroffene häuslicher Gewalt wurden im vergangenen Jahr in Berlin aktenkundig, 5.073 waren es in Brandenburg. In rund 70 Prozent der Fälle waren die Betroffenen weiblich. In Deutschland wird nach Angaben des Bundesfamilienministeriums jede vierte Frau in ihrem Leben mindestens einmal Opfer von Gewalt durch ihren aktuellen oder ehemaligen Lebenspartner.

Ratsuchende Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft

Neben einer Telefon-Hotline, die fast rund um die Uhr besetzt ist, gibt es in Berlin insgesamt fünf Fachberatungsstellen für Betroffene von häuslicher Gewalt. "Frauenraum" ist eine von ihnen.

Die Frauen, die hier Rat suchen, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, die meisten sind zwischen 30 und 49 Jahren alt, sagt Ev von Schönhueb. Für rund 600 Frauen pro Jahr ist der "Frauenraum" die Erstanlaufstelle. Hier können sie ihre Situation schildern, bekommen juristischen Rat und Hilfe bei der Suche nach einem neuen Zuhause. "Wir geben auch Informationen zu "Paar-Beratungen" und vermitteln die Männer, die Gewalt ausüben, in Anti-Gewalt-Kurse", erzählt Ev von Schönhueb.

Infos im netz

Sie betont, es sei besser, nicht von "Opfern" häuslicher Gewalt zu sprechen, sondern von "Betroffenen". Denn: "Der 'Opfer'-Status ist wie eine Stigmatisierung. Nachdem sich die Frauen aus der gewalttätigen Beziehung gelöst haben, fühlen sie sich auch nicht mehr als Opfer. Und wir wollen ihnen helfen, nach vorne zu schauen."

Kooperation mit Täter-Beratung

Ev von Schönhueb hat oft erlebt, dass seelische und körperliche Gewalt das Selbstwertgefühl der Frauen massiv beeinflussen. Viele schämen sich, andere haben Angst vor ihren Partnern – und wollen deshalb nicht öffentlich, auch nicht anonym, über ihre Geschichten sprechen. Das hat sich auch bei dieser Recherche gezeigt.

Der "Frauenraum" kooperiert mit der Täterberatung "Berliner Zentrum für Gewaltprävention". Dadurch können in manchen Fällen die betroffene Frau und ihr Partner gleichzeitig in den Blick genommen werden, die Beraterinnen können beurteilen, ob die Täter eine Entwicklung durchleben.

Täter-Beratungen im "Berliner Zentrum für Gewaltprävention"

Stefan [Name von der Redaktion geändert] bespielsweise besucht regelmäßig die Täter-Beratung "Berliner Zentrum für Gewaltprävention". Eigentlich heißt er anders, aber er möchte anonym bleiben. Doch er will er reden über das, was er seiner Frau angetan hat.

Die Geschichte, die er erzählt, ist schwer auszuhalten: eine Geschichte über Unachtsamkeit, Sprachlosigkeit und einen Mangel an Empfindungsfähigkeit – und auch eine Geschichte von sexueller Gewalt. Über mehrere Ehejahre ging das so: "Wir waren zwei verletzte Seelen, die nicht über ihre Gefühle und wahren Bedürfnisse sprechen konnten."

Infos im netz

Mit Gewalt Machtverhältnisse wiederherstellen

Fehlende Kommunikation sei bei häuslicher Gewalt ein häufiges Problem, sagt Beraterin Isabella Spiesberger. "Oft gibt es in Beziehungen etwas zu klären. Die eine Person zieht sich aber zurück. Der andere respektiert das nicht, und dann eskaliert die Situation, es kommt zu Gewalt, manchmal sogar durch beide." Doch nicht immer gehe es um einen Konflikt, der gelöst werden müsste. "Die Gewalt dient dann vielmehr dazu, die Machtverhältnisse in einer Beziehung wiederherzustellen oder aufrechtzuerhalten", erzählt die Beraterin.

Dynamiken, die in Partnerschaften zu gewalttätigem Verhalten führen können

Dass Stefan heute über seine eigenen Defizite sprechen kann, verdankt er der Täter-Beratung und einer Therapie. Er hat gelernt, dass er sich gefühlsmäßig immer dann von seiner Frau isoliert hat, wenn es Eheprobleme gab. Brauchte er Nähe, suchte er sie im Sex. Und spürte nicht, wenn seine Frau mit ihm keinen Sex haben wollte. Bis zu dem Tag, an dem er sie vergewaltigte: "Ich will nicht verschweigen, dass es in einer Situation auch ein klares NEIN gab. Ich habe aber darauf nicht reagiert und habe dann Grenzen überschritten, die ganz eindeutig nicht zu überschreiten sind." Eine Weile waren Stefan und seine Frau dann noch zusammen, inzwischen sind sie getrennt. Mittlerweile hat seine Frau den Kontakt abgebrochen.

In der Täter-Beratung hat Stefan viel über sein Verhalten in der Ehe und über die Dynamiken, die in Partnerschaften zu gewalttätigem Verhalten führen können, gelernt. In den Gruppensitzungen musste er sich auch mit seinen Taten konfrontieren. Und akzeptieren, dass er ein Gewalttäter ist: "Dieses Feedback bedeutete: 'Schau, was hast Du gemacht? Das ist Gewalt, damit musst Du Dich auseinandersetzen.' Es ist verdammt hart, aber es ist absolut notwendig", sagt er.

Isabella Spiesberger (Quelle: rbb/Marcel Trocoli Castro)Beraterin Isabella Spiesberger im Gespräch

Gewalt gegen Mütter ist auch immer Gewalt gegen Kinder

Neun Monate war er in der Täter-Beratung, und noch ein anderer Satz hat sich ihm dort eingeprägt: "Gewalt gegen Mütter ist auch immer Gewalt gegen Kinder." Das bestätigt auch Beraterin Isabella Spiesberger: "Ob seelische oder körperliche Gewalt: Kinder haben ganz feine Antennen, selbst wenn die Eltern glauben, dass ihre Kinder das gar nicht mitbekommen haben. Die Anspannung in der Familie und die Angst, die spüren sie sehr deutlich. Und dann beziehen sie das Erlebte auf sich und fühlen sich schuldig.“

Im "Berliner Zentrum für Gewaltprävention" wird deshalb auch mit den Kindern gearbeitet. "Wir sprechen mit ihnen über ihre Gefühle und wollen sie von dieser Schuld befreien, sie entlasten. Wir sagen ihnen, dass die Eltern die Verantwortung für ihr Handeln tragen."

Nicht immer gelingt das. Manche Kinder kopieren die Verhaltensmuster, die sie bei den Eltern erlebt und erlernt haben.

Stefan sagt, er habe in der "Täter-Beratung" gelernt, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. "Es hat mir sehr geholfen, achtsamer zu werden, Beziehungen anders zu führen." Und die Gewalt? "Momentan gelingt es mir gut, aber mein Weg ist nicht zu Ende."

Was fehlt?

Fast 16.000 Fälle von häuslicher Gewalt in Berlin im vergangenen Jahr – und längst nicht jede Tat wird bekannt oder angezeigt. Isabella Spiesberger wünscht sich deshalb mehr Beratungsstellen – für die betroffenen Frauen aber auch für Täter. Und Ev von Schönhueb von "Frauenraum" hofft auf mehr Sensibilität bei Gerichten beim Thema "seelische Gewalt". Die sei vor Gericht schwer nachzuweisen. Seelische Gewalt müsse aber ernst genommen werden, zum Beispiel in Gewaltschutzverfahren oder wenn es um das Umgangsrecht mit den eigenen Kindern gehe.

Natürlich, bilanziert Ev von Schönhueb, brauche es "mehr Plätze in den Frauenhäusern. Allzu oft müssen wir Anfragen ablehnen." Aber noch ein weiterer Aspekt sei wichtig: "ein kontinuierliches Interesse der Gesellschaft am Thema häusliche Gewalt".

Sendung: rbb24 Inforadio, 24.11.2022, 06:55 Uhr

Beitrag von Wolf Siebert

6 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 6.

    Guten Abend.
    Haben Sie mal versucht, einem Mann der in Berlin lebt und häusliche Gewalt von seiner Frau erlebt hat zu beraten. Erstmal gibt es in Berlin keine öffentliche Beratungsstelle für männliche Opfer. Von einer Männerschutzwohnung ganz zu schweigen. Dabei sind nach der Polizeistatistik 20% Männer. Wobei wir ruhig davon ausgehen können, daß die wirkliche Zahl wesentlich höher ist.

  2. 5.

    Traurig, dass wir im Jahr 2022 immer noch diese Probleme haben. Zur Gleichberechtigung ist es noch ein weiter Weg...

  3. 4.

    Sie spüren den Genderkonflikt: Wie soll man Kindern erklären, dass nur positive Eigenschaften dafür verwendet werden und negative nicht (Mörder*innen). Wenn es keine Regel gibt, gibt es auch keine Digitalisierung dafür.
    Deshalb sind sich alle Fachleute einig: Der Plural ist nicht zu schlagen.
    Aber zum Thema: Es fehlt im Artikel das alles Entscheidende. Die Einstellung im Kopf. Man kann an einem Menschen keinen Besitz erlangen.

  4. 3.

    Ich schließe mich Frank S. an. So schwer es mir fällt, als Opfer sexualisierter Gewalt bei dem Wort "Täter" nicht sofort an Männer zu denken, ist auch dieses Wort zu gendern. Denn es geht hier um Gewalt und Opfer dieser. Nicht um Männer und Frauen. Und JA! OPFER, nicht nur Betroffene, denn das sind ganz viele. Ich war ein Opfer. Den Bergriff zu relativieren (Betroffene), geht am Kern vorbei und ich fühle mich nicht gesehen.

  5. 2.

    Das Thema unterschlägt leider, dass Gewalt in vielen Beziehungen immer noch zum Alltag gehört und keineswegs nur Frauen betroffen sind. Frauen sind überproportional oft Opfer körperlicher Gewalt und dabei sehr oft nicht in der Lage, diese vergiftete Partnerschaft zu beenden. Andererseits üben auch nicht unerheblich viele Frauen Gewalt aus, in aller Regel hier aber in Form von psychischer Gewalt,teilweise aber durchaus auch körperlich. Hier gibt es ebenfalls eine hohe Dunkelziffer aufgrund der Scham der Betroffenen Männer. Aber auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen ist Gewalt keine Ausnahme. Die einseitige Konzentration auf Frauen als Opfer löst diese Probleme nicht und die internationale Situation von Frauen einfach auf Deutschland zu übertragen genau so wenig. Es ist wichtig, allen Opfern die Scham zu nehmen und Gewalt damit konsequent zu ahnden und für Gewalttäter keine strafmildetnden Fakten zu suchen, die nur die Täter(innen) schützen.

  6. 1.

    Zitat: "In rund 70 Prozent der Fälle waren die Opfer weiblich." - Und bei den ergo immerhin offenbar rund 30% männlichen und divers-geschlechtlichen Opfern waren also auch ganz überwiegend Männer die Täter? So dass man die furchtbare Problematik physischer und psychischer Gewalt in Paarbeziehungen korrekterweise zu einem Geschlechterproblem erklären kann, bei dem "Täter" explizit nicht gegendert wird?

Nächster Artikel