Senatorin sieht Handlungsbedarf - Erneut Straftäter wegen Platzmangels aus Maßregelvollzug entlassen

Di 14.02.23 | 18:34 Uhr
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Passanten gehen an der Klinik des Maßregelvollzugs vorbei (Archivbild; Quelle: dpa/imageBroker)
Audio: rbb 88.8 | 14.02.2023 | Nachrichten | Bild: dpa/imageBroker

Der Fall hat für Aufmerksamkeit gesorgt: Ein bekanntes Clan-Mitglied ist wegen Platzmangel aus der Haft entlassen worden. Nun gibt es einen weiteren Fall. Justizsenatorin Kreck sieht angesichts der "Missstände" dringend Handlungsbedarf.

Erneut ist ein verurteilter Straftäter in Berlin wegen Platzmangels im Maßregelvollzug aus der Haft entlassen worden. Das gab Justizsenatorin Lena Kreck (Linke) am Dienstag bekannt. Der wegen Drogenhandels zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilte Mann kam demnach am 10. Februar frei.

Erst wenige Tage zuvor war ein Clan-Mitglied, das wegen eines Geldtransporter-Überfalls verurteilt worden war, aus demselben Grund vorzeitig entlassen worden. Es drohen weitere derartige Fälle: Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft warten derzeit 16 verurteilte Männer darauf, in den Maßregelvollzug zu kommen. Einige sitzen schon seit Monaten in regulärer Haft und haben deshalb bald Anspruch auf Freilassung. Zuvor hatte der "Tagesspiegel" berichtet.

"Produktiver Austausch" mit Gesundheitssenatorin

Kreck sieht angesichts der "Missstände" dringend Handlungsbedarf. Da der Maßregelvollzug der Senatsgesundheitsverwaltung untersteht, soll nun gemeinsam an einer Lösung für die seit Monaten angespannte Situation gefunden werden. Sie stehe im "produktiven Austausch" mit Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne), sagte sie.

In der kommenden Woche solle ein Fahrplan für das weitere Vorgehen vereinbart werden, sagte ein Sprecher Gotes. Um das über viele Jahre entstandene Problem zu lösen, brauche es eine "gemeinsame Kraftanstrengung".

Etwa 600 Patienten im Maßregelvollzug

In den Maßregelvollzug kommen Straftäter, wenn ein Gericht diese als psychiatrisch auffällig oder suchtkrank einstuft. Die Ärztekammer Berlin hatte im Januar "unhaltbare Zustände" im Krankenhaus des Maßregelvollzugs in Berlin kritisiert. Laut Gesundheitsverwaltung sind dort derzeit rund 600 Patientinnen und Patienten untergebracht, genehmigt sind nur 541 Betten.

Zahl Unterzubringender stark gestiegen

Es handelt sich nicht um ein reines Berliner Problem. Auch in anderen Bundesländern gibt es Kapazitätsprobleme im Maßregelvollzug. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung ist die Zahl der Straftäterinnen und Straftäter, die bundesweit in einer Entziehungsanstalt untergebracht sind, deutlich gestiegen und lag 2019 bei rund 4.300. Im Jahr 1995 seien knapp 1.400 Menschen im Maßregelvollzug gewesen.

Die Kliniken beklagen zunehmend, dass aufgrund von Gerichtsurteilen bei ihnen Straftäter landen, die dort nicht richtig aufgehoben sind. Teils würden sie sogar die Therapie wirklich behandlungsbedürftiger Menschen behindern. Mit einer Gesetzesänderung soll dies eingeschränkt werden.

In Berlin führte dies jedoch zuletzt dazu, dass der Staatsanwaltschaft im Fall des Clan-Mitglieds regelmäßig mitgeteilt wurde, es gebe keine Kapazitäten. Da bis Mitte Januar 2023 eine Aufnahme in den Maßregelvollzug nicht absehbar war, habe man den Mann nicht länger in Haft halten können, so die Behörde. Die restliche Strafe des Verurteilten verfalle durch die Freilassung aber nicht, hieß es. Er werde zu gegebener Zeit wieder vorgeladen.

Sendung: Radioeins, 14.02.2023, 18:30 Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    Wenn Täter wieder richtig verurteilt werden und nicht immer einfach als psychisch krank eingeordnet werden, dann würde man nicht so viele Klinikbetten benötigen. Mittlerweile werden Straftäter in Berlin lieber als krank hingestellt. Danach wäre aber jeder Täter durch Abweichung von der Norm einfach nur krank. Kann ja wohl nicht sein.

  2. 18.

    Berlin hat keine überzogenen Anforderungen an den Richternachwuchs. Wir wollen nur die wirklich Besten. Das war schon immer so und ist in keinem anderen Bundesland anders.

    Außerdem bestehen viele Richter die Probezeit nicht. Das liegt nur an ihren Leistungen

    Etwas mehr Kenntnis täte Ihnen gut.

    Wer seine Probezeit besteht, die erforderlichen Kenntnisse nachweist und Leistung zeigt. besteht auch die Probezeit.

    Außerdem werden Richter gewählt und nicht ernannt wie Beamte

  3. 17.

    Dieser Staat kann uns nicht schützen.., Kriminelle werden laufen gelassen...

  4. 16.

    Da sollten Berlin und Brandenburg sehr schnell zusammenarbeiten!

  5. 15.

    Ich erinnere daran, dass die jetztige Senatorin die Ersatzfreiheitsstrafe wegen Öffi Fahren ohne Ticket abschaffen will, welche momentan die JVAs voll hält und deren Abschaffung und Verfolgung als OWI und nicht als Straftat längst überfällig ist.

  6. 14.

    Bei der Vorstellung, dass der jetzige Senat weiter machen will, wird mir schlecht und ich kann keine Nacht mehr richtig schlafen.

  7. 12.

    Bin ich froh in diesem Staat leben zu dürfen. Die Polizei fasst mich, dass Gericht verurteilt mich, mein Anwalt erzählt etwas von Alkohol- und Drogenproblemen und schwups, bin ich wieder frei und mache weiter. Dabei fällt mir ein, demnächst sollen ja einige Drogen frei verkäuflich werden, dann wird’s ja noch einfacher. Bauen wir lieber ein neues Denkmal in Halle, dann haben wir wenigstens keine Kohle um diese in der Justiz zu investieren.

  8. 10.

    Das wäre doch eine gute Alternative

    HAUSARREST MIT FUßFESSEL

    und würde uns viel Steuergeld sparen.

    Noch eine Möglichkeit wäre
    die Knastis innerhalb Deutschlands
    zu verteilen, wenn Berlin davon zu viele hat und anderswo Platz ist.

  9. 9.

    Zu wenige Richter! Das kommt von den überzogenen Berliner Anforderungen an Jungrichter und deren Bezahlung. Denn da konkurriert der Staat mit dem Angebot der Kanzleien. Auch ist die hierarchisch verknöcherte Struktur im Richterwesen nicht gerade attraktiv für junge Juristen die 9 Jahre kreatives Studium und Referendariat hinter sich haben.

    Die schweren Jungs und Mädchen werden frei gelassen damit man Platz hat für sog. unverbesserlichen "Schwarzfahrer*innen" hat. Eine wichtige Erziehungsmaßnahme für die meist ärmsten der Gesellschaft.
    Berliner Justiz by it's best!

  10. 8.

    Anscheinend ist ja das Problem schon länger bekannt. Und nun, wo es prominent öffentlich wird, sieht man Handlungsbedarf. Vorher haben die Verantwortlichen es halt drauf ankommen lassen. Es hieß, das ein Anbau 46 Mio kosten würde und dafür kein Geld im Haushalt wäre. Wenn ich sehe wieviel Geld regelm. ins Klo gespühlt wird, scheinen mir 46 Mio nicht viel für unsere Sicherheit. Mir stellt sich auch die Frage, warum Süchtige erst später in den Maßregelvollzug kommen. Vorher haben die ein Teil ihrer Strafe eh in einer JVA verbüßt - dort waren die doch schon auf Entzug. Macht es andersrum nicht eher Sinn? Zum Schluss noch einen Wunsch an die vierte Gewalt: Ihr überwacht den Staat und könnt mit euren Berichterstattungen Dinge beeinflussen. Berichtet doch bitte auch vorher schon intensiver, bevor es zu spät ist.

  11. 7.

    " Wie geht's denn weiter und wann soll er zur Verantwortung gezogen werden? "

    habe gelesen, er sei in die Türkei geflogen, na dann...

  12. 6.

    Das nützt ja absolut nichts, wenn der 'noch nicht aus dem Schneider' ist. Wie geht's denn weiter und wann soll er zur Verantwortung gezogen werden? Die Situation wird ja leider kurzfristig nicht besser und die Senatorin sieht dringend Handlungsbedarf, Entschuldigung wielange ist sie im Dienst?!!! Wo wird das denn enden?

  13. 5.

    Wenn es im grünen Kreuzberg schon fünf Jahre dauert, einen nicht barrierefreien WC-Container in den Matsch zu stellen, wie lange würde es dann wohl dauern, die Kapazitäten hier zu erweitern?

  14. 4.

    Wenn Sie richtig gelesen hätten, wüssten Sie, dass der Mann deshalb noch lange nicht aus dem Schneider ist …

  15. 3.

    Das ist alles schon schlimm genug (wird in der Zukunft aber vermutlich auch nicht besser werden. Sondern eher im Gegenteil. Es fehlen allein mindestens 1000 Richter in den kommenden Jahren.
    ABER - warum werden gerade Clan Mitglieder entlassen?
    Haben sie inzwischen soviel "Macht" erlangt um die Entlassungen entsprechend steuern zu können?
    Es kann doch nicht sein, dass die immer und immer wieder gewinnen.

  16. 2.

    Ich kann es kaum erwarten, dass RRG mit der professionellen Arbeit weiter macht. "never change a winning team"

  17. 1.

    Und wenn die Gefängnisse voll sind braucht keiner mehr seine Strafe abzusitzen. Dann bekommt er Hausarrest mit Fußfessel.

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