Klima-Aktivisten besetzen Hörsaal - Entsteht an der HU eine neue Studentenbewegung?

Fr 05.05.23 | 19:36 Uhr | Von Philip Barnstorf
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Klima-Aktivisten besetzen Hörsaal: Entsteht an der HU eine neue Studentenbewegung? (Quelle: rbb/Philip Barnstorf)
Bild: rbb/Philip Barnstorf

Seit Tagen besetzen Studierende einen Berliner Hörsaal. Viele engagieren sich bei "End Fossil: Occupy!". Das Bündnis will in diesem Monat europaweit Unis besetzen. Wieso gerade jetzt und wie groß könnte die Bewegung werden? Von Philip Barnstorf

Vor dem Emil-Fischer-Hörsaal der Berliner Humboldt-Universität (HU) stehen am Donnerstag Kaffeekannen, Plastikbehälter mit Trauben, ein paar Tüten mit Keksen und große Brotlaibe in Supermarkttüten. Drinnen hält eine Aktivistin einen Vortrag über "revolutionären Klimaschutz". Rund 30 Menschen hören zu. Immer wieder kommen und gehen einige. Am Rand des Raums liegt eine Luftmatraze. Organisiert wird die Besetzung von dem Bündnis "End Fossil: Occupy!" (EFO).

Laut ihrer Internetseite wollen die Aktivisten die gesamte Energieproduktion in Deutschland vergesellschaften und sie fordern einen Schuldenschnitt für den globalen Süden. "Wir weigern uns, die Zerstörungswut des fossilen Kapitalismus nicht anzuerkennen", sagt Rina Kern von EFO Berlin.

Weitere Forderungen richten sich spezifisch an die HU. So solle die Uni mehr studentische Räume einrichten und nicht mehr für militärische Zwecke forschen. Aber wie groß ist die EFO-Bewegung? Und wieso entsteht sie ausgerechnet jetzt?

Studierendenproteste in ganz Deutschland?

Zunächst zur Größe: Laut Rina Kern von EFO übernachten in dem besetzten Hörsaal jede Nacht rund 30 Menschen. Als am Mittwoch Mitglieder des HU-Präsidiums mit den Aktivisten diskutierten, hätten rund 150 Menschen zugehört. Der Telegram-Kanal, auf dem die Besetzer über ihre Veranstaltungen, wie Vorträge oder Theaterabende, informieren, hat sogar knapp 700 Mitglieder. Bis Samstag wollen die Aktivisten den Hörsaal noch besetzt halten.

EFO ist außerdem nicht nur an der HU aktiv. Laut seiner Internetseite hat das Bündnis inzwischen Ortsgruppen in 37 deutschen Städten und im europäischen Ausland, etwa in Barcelona und Wien. Seit dem vergangenen Jahr besetzen EFO-Aktivisten immer wieder Uni-Hörsääle und Schulen. Laut Rina Kern waren es im vergangenen Jahr in Deutschland circa 20, wobei einige Räume nur für einen Tag besetzt worden seien.

Aktuell sind etwa Auditorien in Regensburg und München besetzt. In Berlin haben außerdem am Dienstag Schüler einen Raum ihrer Schule in Hellersdorf übernommen, allerdings nur für einen Tag.

"Dieses Potenzial war seit vielen Jahren nicht da"

In diesem Monat sollen weitere Aktionen dazukommen. "Auf unserem internationalen Kongress in Bern haben wir vor drei Monaten entschieden, dass wir im Mai besetzen wollen", sagt Rina Kern. Sie zeigt sich zuversichtlich, dass der Protest noch größer wird.

Wie realistisch das ist, vermögen Wissenschaftler, die politisches Engagement unter Studierenden erforschen, bisher nicht zu sagen. Dafür ist die Bewegung noch zu jung. Immerhin: Roland Bloch, der an der Universität Halle zu Hochschulen forscht, findet es "faszinierend, dass die Besetzungen dezentral in der gleichen Form passieren".

Rina Kern sagt: "Wie groß das Ausmaß der Bewegung ist, wird sich über den Mai zeigen." Gerade auch mit Schulbesetzungen könne man die Themen in den Alltag von vielen Menschen tragen. "Dieses Potenzial war seit vielen Jahren nicht da."

Avantgarde sind die Studierenden diesmal nicht

Roland Bloch, Bildungsforscher

Studierende heute arbeitsmarktorientierter

Aber wieso entsteht diese Bewegung in den Unis gerade jetzt? Noch in den 1960er und 1970er Jahren hatten vor allem Studentinnen und Studenten eine breite gesellschaftliche Liberalisierung angestoßen. Heute bestimmt der Klimawandel schon seit Jahren die Debatte, aber spezifisch studentisches Engagement ist dazu bisher nicht prominent entstanden.

"Avantgarde sind die Studierenden diesmal nicht", sagt Bildungsforscher Roland Bloch. Dabei ist der Anteil der Studierenden an der Gesamtbevölkerung seit den Protesten der 68er sogar gewachsen. Das führe aber nicht unbedingt zu mehr politischem Engagement, sagt Bloch. Denn dadurch werde die Studierendenschaft auch heterogener. "Gerade Studierende aus nichtakademischen Elternhäusern müssen sich für ihr Studium häufiger rechtfertigen. Sie tendieren daher dazu, nutzenorientiert in Bezug auf die berufliche Verwertbarkeit zu studieren", so Bloch weiter.

Aber auch in der Breite der Studierendenschaft werde heute stark auf die eigene Qualifizierung für den Arbeitsmarkt geachtet. “"Dabei stehen politische Themen nicht so hoch auf der Agenda."

Klimaprotest vor allem durch Fridays-For-Future

Sowohl Bildungsforscher Bloch als auch Rina Kern zeigen sich allerdings sicher, dass schon bei den Fridays-For-Future Demos auch viele Studierende dabei waren. "Es gab vor drei oder vier Jahren das Gefühl, mit dieser Aktionsform können wir alles erreichen", sagt Kern, "Durch die Pandemie wurde diese Dynamik gebrochen. Jetzt kommen neue Aktionsformen dazu. Es ist wichtig, dass es alle gibt: Demos, Straßenblockaden, Besetzung von Kohlebaggern, Unibesetzungen."

Beitrag von Philip Barnstorf

49 Kommentare

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  1. 49.

    Generation ist kein homogener Block, nur damit Sie sich als konstruierter homogener Block des Widerstands FÜHLEN können.
    Offenbar begreifen Sie nicht- spreche nicht über moralinsaure "Entbehrungen" Spreche über die Wurzeln von Widerstand, ohne den die folgende Generation des Widerstandes nichts wäre. In meiner Generation - ich bin 61 geboren - interessierten wir uns nicht nur dafür, dass eine ganze Generation mehrheitlich Krieg, Mord und Totschlag in jeder Hinsicht angezettelt hatte. Wir interessierten uns dafür wer dagegen womit Widerstand geleistet hatte UM FÜR UNSEREN ETWAS ZU LERNEN. Ihre Überheblichkeit, Ihr Desinteresse WARUM Widerstand vor 40 Jahren scheiterte, dokumentiert nur Ihre Unfähigkeit herauszufinden, wie er nicht scheitert. Exemplarische Aktion ist wichtig. Ersetzt aber nicht den PROZESS, die MOBILISIERUNG, die PRAXIS mit der er mehr als nur exemplarisch wird.
    Melden Sie sich, wenn Sie mehr als exemplarische MORAL wollen. Mehr als sich selbst darstellen.

  2. 48.

    Bitte erklären Sie mir den menschengemachten Klimawandel, bitte, jetzt will ich es aber wissen.

  3. 47.

    Viele durchgreifende Veränderungen, Aufbrechen von verkrusteten Strukturen ging von Studentenbewegungen aus.
    Mich ängstigte eher wie ruhig und angepasst die jüngere Generation die letzten Jahrzehnte war, als ginge sie ihre eigene Zukunft nichts mehr an, und es freut mich, dass die jüngere Generation offenbar aus ihrem Dornröschenschlaf endlich erwacht. Das ist wichtig, denn es heißt nicht umsonst:
    „Neue Besen kehren gut. Aber die Alten wissen wo der Dreck liegt!“

  4. 46.

    Ach so, jetzt sind also die damaligen KINDER, die das alles nicht wissen und überblicken konnten, daran schuld, dass die damaligen Erwachsenen, die das wussten und hätten verhindern können, leider nichts dagegen tun wollten/konnten. Ihre Ausreden sind hanebüchen.

  5. 45.

    Alles irrelevant. Was bringen mir moralinsauer vorgetragene Entbehrungen von damaligen Generationen, wenn sich die Welt in eine Gluthölle verwandeln wird, in der wir um Nahrung und Wasser kämpfen müssen? Können Sie mir das erklären? Ihre Generation trägt unabstreitbar eine Verantwortung dafür, was wir jetzt und künftig an Extremwetterereignissen erleben werden, weil wissenschaftliche Erkenntnisse zu Treibhausgasen jahrzehntelang konsequent ignoriert worden sind. Basta!

  6. 44.

    "Ihre Generation hat maßgeblich zur Klimakatastrophe beigetragen"

    Ich gehöre dieser Genration an. Wie wäre es mal mit einer Verallgemeinerung die sagt: Meine Generation hat sich verfolgen, verprügeln, einsperren lassen. Jedenfalls der Teil, der schon vor 40, 50 Jahren klüger war.
    Und sogar so klug, dass sie noch einen Begriff vom sozialen, vom antikolonialen, vom internationalistischen Zusammenhang hatte. Sie waren Minderheit. Wie heute auch. Ist aber die Generation, die Geschichte, auf die Sie heute aufbauen. Zu der aber offenbar keine Verbindung mehr besteht.
    Was die inhaltliche Dürftigkeit, die taktischen uns strategischen Fehler von "Letzte Generation" erklärt.
    Wie der hier von mir angesprochene Helge Peukert zu Recht konstatiert, konstruktiv kritisiert.
    Interessieren Sie sich nicht zu sehr für die sowieso Begriffsstutzigen. Interessieren Sie sich für solidarische Kritik. Jener deren Kämpfe, Bewusstsein, (auch Niederlagen) nicht erst neulich einsetzen.

  7. 43.

    >“ Ihre Generation hat maßgeblich zur Klimakatastrophe beigetragen und hatte die Möglichkeit gehabt,…“
    Nu ist aber genug. Generationen gegeneinander auszuspielen, ist zur Mitnahme dieser Menschen in eine andere Zukunft nicht zielführend. Zumal solche Sätze von einer Generation kommt, die sich mit all dem Komfort und der billigen Produkte seinerzeit behütet wohlfühlte im Aufwachsen.

  8. 42.

    Man man, was für Erfolgsaussichten....

  9. 41.

    Zumal die Worte Klimaschutz, Ozonloch, Klimwandel erst seit den 1970er Jahren im deutschen Wortschatz auftauchten samt deren Bedeutung.

  10. 40.

    Fakten lassen sich nicht leugnen. Klicken Sie auf den Link und lesen Sie. Ihre Generation hat maßgeblich zur Klimakatastrophe beigetragen und hatte die Möglichkeit gehabt, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Doch weil alles höher, schneller und weiter gehen musste und Wohlstand bis zum Exzess zelebriert wurde, indem Wirtschaftswachstum absolute Priorität eingeräumt wurde, stehen wir vor einem klimatischen Scherbenhaufen. Die Folgen dieser Gier, so denn nicht sofort reagiert wird, stehen den eines (Welt-)Krieges in nichts nach.

  11. 39.

    Ist es so schwer, Google zu benutzen? Hat mich keine 5 Sekunden gekostet, diese gut gebündelten Informationen zu finden: https://www.ardalpha.de/wissen/umwelt/klima/klimawandel/klimawandel-klimaforschung-geschichte-historisch-100.html

    Um Ihre Frage zu beantworten: Spätestens 1971 hätte man reagieren müssen. Hat aber keinen gejuckt, weil das Problem immer noch weit weg war. Oder mit anderen Worten: Es war nicht das Problem der damaligen Generation.

  12. 38.

    ""Gerade Studierende aus nichtakademischen Elternhäusern müssen sich für ihr Studium häufiger rechtfertigen. Sie tendieren daher dazu, nutzenorientiert in Bezug auf die berufliche Verwertbarkeit zu studieren", so Bloch weiter." Ich würde es anders formulieren. Die können nicht jahrelang auf den Taschen der Eltern liegen, sondern sie müssen im vom Bafög Gesetz vorgesehenen Rahmen der maximalen Studienzeiten mit ihrem Studium fertig werden und sich dann selbst ernähren.

  13. 37.

    "Fragen sie mal die AfD Richterin." Wissen Sie mehr? Erzählen Sie mal. Ich habe seit längerer Zeit nichts mehr davon gehört. Keine Anklageschrift, kein Gerichtstermin, einfach garnichts.

  14. 36.

    Protest die einfallslose und bequeme Art sein Gewissen zu beruhigen, zumal anstatt eine Leistung zu erbringen.

    Studenten waren schon immer gerne dabei, und nach dem Studium, war es vergessen.

  15. 35.

    Da bin ich ganz lhre Meinung, es kann doch nicht sein das wir Alten für alles verantwortlich gemacht werden. Ich bin 1949 geboren, und die Nachkriegszeit war bestimmt kein gute Zeit.
    Wenn man die Jugend nur einen Monat zurück in die Alte Zeit versetzen würde, ja dann würden sie das alles anders sehen!
    Wir habe die Jugend zu sehr verwöhnt es musste immer alles dasein, wir werden uns überlegen müssen, ob unsere Enkelkinder noch bekommen sollten. Die Besetzung von Universitäten hatte wir schon!


  16. 34.

    >“ Nichts geleistet aber putschen wollen auf Kosten anderer“
    Ohne jetzt persönlich Symathien für 20 jährige Klimakleber zu hegen, finde ich solche Aussagen irgendwie fehl in dieser Diskussion. Was kann man mit 18 oder 20 geleistet haben außer super Zensuren in der Schule / Studium und gesellschaftliches Engagement? Arbeit und finanzielle Beiträge zur Sozialgesellschaft könnens in diesem Alter noch nicht sein. Außer Sie meinen mit… geleistet haben… Kinderarbeit? :-)

  17. 33.

    "Nichts geleistet aber putschen wollen auf Kosten anderer "

    Putschen? Ich glaube sie verwechseln da was. Hier wird ein Hörsaal besetzt, putschen wollen andere. Fragen sie mal die AfD Richterin.

  18. 32.

    Mal im Thema lesen. Sachlich.

    (...)den Aktivist:innen gilt meine absolute Hochachtung. Was bleibt anderes übrig, wenn die Bundesregierung anstelle z.B. einer zupackenden Verkehrspolitik lieber die Sektorziele schleift und das einzig Konkrete in 144 Autobahnprojekten besteht. Neben den gut geplanten Aktionen und der professionellen Organisation fehlt nicht nur nach meinem Eindruck nur ein wenig eine inhaltliche Richtungsanzeige. Als Anregung dazu dienen die Vorschläge."

    Sagt Helge Peukert im Interview mit "OXI" Er ist Professor für Staats- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Siegen. Peukert ist Mitglied im Netzwerk Scientist Rebellion, welches für Sofortmaßnahmen, zur Begrenzung der Klimakrise kämpft.
    Link scheint hier unerwünscht. Findet man aber. Steht online.

  19. 31.

    Nichts geleistet aber putschen wollen auf Kosten anderer

  20. 30.

    >“… alten Generationen aufgrund ihrer rücksichtslosen und verschwenderischen Lebensweise…“
    Das ist auch immer so ne pauschale Verurteilung. Können Sie die von Ihnen angesprochenen Gerationen bitte mit Zeitabschnitten eingrenzen?

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