Interview mit Insektenexpertin - Milde Temperaturen wecken auch die Lebensgeister von Mücken und Zecken

Di 20.02.24 | 18:07 Uhr
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Eine Mücke saugt Blut aus dem Arm eines Mannes. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 20.02.2024 | Sarah Schiwy | Bild: dpa/Patrick Pleul

In Brandenburg sind bereits die ersten Mücken und Zecken gesichtet worden. Im Interview erklärt Insektenexpertin Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung, was die immer milderen Winter für Folgen haben - und räumt mit einem weit verbreiteten Irrtum auf.

rbb|24: Frau Werner, uns haben dieser Tage Berichte erreicht, dass die Mücken schon in Brandenburg unterwegs sind – und das Mitte Februar. Können Sie das bestätigen?

Doreen Werner: Da muss man differenzieren. Wir haben in Deutschland 28 verschiedene Mücken-Familien. Nur eine dieser Familien sind die Stechmücken. Im Winter sind die sogenannten Wintermücken aktiv. Und wie der Name schon sagte, haben die ihr Entwicklungs-Maximum im Winter. Die Mücken tanzen dann oft über geschützten Bereichen, wie Komposthaufen oder unter Ästen im Garten hoch und runter. Sie sehen den Stechmücken außerdem sehr ähnlich. Das kann zum einen zu Verwechslungen führen.

Dr. Doreen Werner

Doreen Werner © Jarno Müller/ ZALF
Jarno Müller/ ZALF

Werner hat an der Humboldt-Universität Berlin Biologie studiert und hat hier auch promoviert. Seit 2011 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung in Müncheberg (Märkisch-Oderland).

Ihr Fachgebiet ist unter anderem die medizinische Entomologie. Diese beschäftigt sich mit Insekten und Milben inklusive Zecken und der Einordnung blutsaugender Diptera (Zweiflügler-Insekten). Sie ist unter anderem am Aufbau einer Datenbank zur Sammlung Mücken-relevanter Daten für Deutschland beteiligt.

Andererseits ist es so, dass die Temperaturen jetzt tatsächlich schon sehr mild sind und wir zum Beispiel am letzten Wochenende 15 Grad hatten. Das erweckt nicht nur unsere Lebensgeister, sondern auch die der Mücken. Wir haben einige Arten unter den 52 in Deutschland, die als flugfähige Mücke - also als erwachsenes Mückentierchen – über den Winter kommen. Die fühlen natürlich diese ansteigenden Temperaturen und sind jetzt aktiv.

Das heißt, wenn die im Herbst nicht genug Blut-Mahlzeit aufgenommen haben, dann tanken die jetzt nochmal nach. Das Wichtigste für sie ist, die Eier reifen lassen zu können, um die dann, sobald die Wassertemperaturen annehmbar sind, auch abzulegen und die neuen Populationen in Gang zu bringen.

Es ist also schon möglich, dass Mücken aus dem Winterschlaf aufgewacht und zum Stechen unterwegs sind?

Genau. Das ist nicht die Regel, dass Stechmücken jetzt in den Wintermonaten wirklich intensiv stechen. Aber es kann natürlich passieren, dass auch zwischen Dezember und Februar so ein Stechmücken-Weibchen aufgrund der vorherrschenden Temperaturen nochmal aktiv wird. Wir können zum Beispiel auch mit Spaltholz für den Kamin, Mücken, die dort zur Ruhe kommen, mit in den Wohnbereich tragen. Die fühlen dann die Wärme, werden aktiv und denken: Oh, ich brauche normal eine Blutmahlzeit. Das sind dann auch die Mücken, die jetzt stechen.

Wetter, das uns Menschen guttut, tut auch der Mücke gut?

Genau. Denn mit den anteigenden Temperaturen erwachen nicht nur unsere, sondern auch die Lebensgeister der Insekten. Es sind beispielsweise auch Fliegen, die uns unangenehm und lästig sein können. Die haben überwintert, werden aktiv, kommen jetzt aus den Ritzen raus und können in manchen Wohnräumen auch zur Plage werden. Und auch die Zecken. Die sind bei diesen milden Temperaturen auch schon wieder aktiv. Der ein oder andere Haustierbesitzer kann sich schon über Besuch bei seinen vierbeinigen Freunden freuen.

Also lieber schon jetzt intensiver auf Zecken kontrollieren?

Ja. Die Zeckenvorsorge, je nachdem welches Mittel man da vielleicht im Kopf hat - also absammeln, einen Spot-on [flüssige Tier-Arzneimittel, Anmerk. d. Red.] oder sonstiges - sollte jetzt schon begonnen werden, weil die Blutsauger jetzt schon unterwegs sind.

Werden die Tiere denn tatsächlich immer früher aktiv oder ist das schon immer so gewesen?

Wir fühlen bei den Blutsaugern natürlich schon den Klimawandel. Wir haben immer mildere Winter. Selbst wenn wir jetzt nochmal einen Kälteeinbruch bekommen würden, würden die Insekten, wie zum Beispiel die Zecken, sich wieder in geschützte Bereiche zurückziehen. Es würde ihnen gar nichts ausmachen und sie würden mit der nächsten Wärmewelle wieder auftreten.

Es ist also für die Insektenpopulationen unwichtig, ob der Winter hart oder mild ist?

Im Volksmund hält sich ganz hartnäckig der Irrglaube, dass je kälter der Winter ist, desto weniger Insekten werden wir im Folgejahr haben. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Insekten, die überwintern, haben ein eingebautes Frostschutzmittel. Das heißt, sie kommen ganz geschützt durch diese kälteren Temperaturen. Was für die Insekten viel fataler ist, ist, wenn es immer so um den Nullpunkt dümpelt. Dann frieren sie ein, tauen wieder auf. Dieser Prozess verbraucht sehr viel Energie. Und wenn diese Energien nicht im ausreichenden Maß zur Verfügung stehen, dann haben sie es schwer.

Es gibt auch noch einen anderen Faktor. Bei milden Temperaturen sind Pilzhyphen sehr aktiv -also so um die null Grad. Und die überwuchern dann die überwinternden Insekten und töten sie ab. Das heißt, milde Winter führen eher dazu, dass wir weniger Insekten haben, die über den Winter kommen, und die starken Temperatureinbrüche machen den Insekten nichts aus.

Wie war und ist der aktuelle Winter dann für die Tiere?

Ich denke schon, dass alle Acht- und Sechsbeiner gut über den Winter gekommen sind. Wie sich jetzt die Populationen entwickeln, hängt natürlich von den klimatischen Bedingungen ab, die wir in den kommenden Wochen und Monaten erwarten werden. Schauen wir in ein trockenes Frühjahr, sieht es für die Stechmücken eher schlecht aus, weil sie nicht optimal in die Startlöcher kommen. Sollten wir aber ausgedehnte Regengüsse haben und sich die Wald-Pfützen oder die Vertiefungen in den Feldern füllen können, schauen wir einem Mücken-reichen Sommer entgegen.

Sie hatten im Vorgespräch noch eine Bitte?

Wir haben in Deutschland 52 verschiedene Stechmücken-Arten, und nach wie vor wissen wir nicht genau, wann und unter welchen Bedingungen diese aktiv werden. Wir freuen uns weiter über jede Mücke, die an das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg eingeschickt wird. Jede Mücke hilft, unsere Forschungsfragen zu vertiefen und dann auch Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung geben zu können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Interview führte Martina Rolke für Antenne Brandenburg

Sendung: Antenne Brandenburg, 20.02.2024, 14:10 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    „Wir haben in Deutschland 52 verschiedene Stechmücken-Arten ....wissen nicht genau, wann und unter welchen Bedingungen diese aktiv werden“?

    Was würde die Forschung an Handlungsempfehlungen geben, wenn uns der Klimawandel, Reisende auch die schlimme Malaria /Mücken mal ins Land bringen sollte? Prophylaxe empfehlen, lange Hosen, Hemden und Blusen tragen, besonders helle Kleidung um die Mücke zu sehen? Es sind alles gute Möglichkeiten die Stiche verhindern können.
    Trotzdem leiden Menschen in Tropenländer noch schwer darunter, weil sie entweder keine Prophylaxe bekommen,
    Touristen sie nicht nehmen, nicht vertragen. (wie ich auch)
    Die Forschung darüber ist vorhanden, jedoch zum wirksamen Ergebnis kommt sie nicht, dass Menschen wegen der Malaria -Mücke und andere gefährliche Mücken leiden bzw. sterben müssen im Ausland.
    Ein Rat gegen Mücken ab der Dunkelheit bei offenen Fenster, warum schläft Deutschland bei der Mückenplage nicht unter einen Mückennetz über dem Bett?

  2. 2.

    Echt jetzt? Handlungsempfehlungen? Ist denn so ein Luxus finanzierbar?

  3. 1.

    Die Informationen in dem Interview sind nicht ganz richtig. Zecken sind nicht SCHON wieder aktiv, sie waren es den ganzen Winter. Außer an den wenigen wirklich kalten Tagen. Hunde brauchen einen ganzjährigen wirksamen Zeckenschutz!

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