Berliner S-Bahn - Wieso die Beusselstraße mitunter zur "Endhaltestelle" der Ringbahn wird

Do 28.03.24 | 19:16 Uhr | Von Olga Patlan und Georg-Stefan Russew
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Der S-Bahnhof Beusselstraße. (Foto: Olga Patlan/rbb)
Olga Patlan/rbb
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Sie fährt im Kreis und sollte so eigentlich keinen Start- und Endpunkt haben. Doch regelmäßig werden Fahrgäste der Ringbahn S41/S42 von der Durchsage aufgeschreckt, dass auf dem S-Bahnhof Beusselstraße die Fahrt endet. Von O. Patlan und G.-S. Russew

S-Bahn-Fahrgäste in Berlin und Brandenburg sind so einiges an Verspätungen, Störungen oder Zugausfällen gewohnt. Das Phänomen, das Passagiere an der Ringbahn-Haltestelle Beusselstraße immer wieder erleben müssen, sucht aber seinesgleichen.

Denn egal in welche Fahrtrichtung, ob mit Uhrzeigersinn (S41) oder gegen den Uhrzeigersinn (S42), gibt es in unregelmäßigen Abständen die Anzeige inklusive Durchsage, dass an der Beusselstraße Schluss sei und alle Fahrgäste aussteigen sollen - Endhaltestelle.

Ausgestiegene Fahrgäste beklagen sich über die S-Bahn

rbb|24 ist mitgefahren und beobachtet, dass Ortsunkundige den offiziellen Instruktionen folgen und daraufhin die Bahnen verlassen. Auch Berlinerinnen und Berliner, die das Phänomen noch nicht kennen, wundern sich, murmeln: "Wie kann das sein? Das ist eine Ringbahn. Die fährt doch ständig im Kreis. Wo kann es da einen Anfang oder ein Ende geben?" Schließlich verlassen auch sie folgsam die S-Bahnzüge.

Doch dann ertönt ein Warnsignal, die S-Bahntüren schließen und die Züge tuckern entweder in Richtung Jungfernheide oder Westhafen weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Sie setzen ihren Weg auf dem Ring wie gewohnt fort.

Zurück bleiben verdutzte Fahrgäste mit ganz großen Augen. Sie echauffieren sich, fühlen sich regelrecht auf den Arm genommen. "Wollen die mich verarschen? Das glaube ich nicht", ruft ein ausgestiegener Fahrgast.

"Man wundert sich heutzutage über gar nichts mehr"

Doch nicht alle S-Bahn-Fahrgäste werden im metaphorischen Sinne am S-Bahnhof Beusselstraße im Regen stehen gelassen. So berichtet Ramadan rbb|24: "Da stand 'in der Beusselstraße aussteigen' dran und viele Menschen sind dann auch ausgestiegen. Ich auch. Und dann meinte der Zugführer per Durchsage: 'Bitte wieder alle einsteigen'."

Veronika ergänzt gegenüber rbb|24, dass sie das auch schon ein paarmal so erlebt habe. Aber "man wundert sich heutzutage über gar nichts mehr", sagt sie.

"Jott eenen juten Mann sein lassen"

Natürlich gibt es auch die "alten Hasen" auf Fahrgastseite, die das "Schauspiel" schon ein paar mal mitgemacht haben und bei der Durchsage ganz ruhig auf ihren Plätzen bleiben und der Dinge harren, die da kommen. Also nichts: Die Bahnen fahren der Ankündigung zum Trotz wie gewohnt auf ihrem Weg auf dem S-Bahn-Ring weiter. Einige, die vom Zug aus auf den Bahnsteig schauen und in die verdutzten Gesichter der Ausgestiegenen sehen, können sich manchmal ein Grinsen nicht verkneifen.

Jedoch gibt es auch die freundlichen "Artgenossen", die beruhigend auf die anderen Fahrgäste einwirken und ihnen sagen, dass die Ankündigung einer Endhaltestelle Beusselstraße nur eine Ente ist. Doch manche trauen der ungewohnten Berliner Freundlichkeit nicht - und steigen aus.

Manchmal ist es auch so, dass sich kurz vor der Beusselstraße ein freundlicher Triebwagenführer per Lautsprecheranlage meldet und mit feinster Berliner Zunge verkündet, das "dit ne Ente is" und alle können "Jott eenen juten Mann sein lassen", denn man fahre wie gewohnt weiter.

Bahn: Fahrzeug-IT löst bei Fahrplanabweichungen automatisch aus

Das Phänomen sei der Berliner S-Bahn bekannt, bestätigt ein Sprecher rbb|24. "Der Grund dafür liegt in der IT und der deutschlandweit einmaligen Besonderheit, dass eine Fahrt auf der Berliner Ringbahn direkt in die nächste übergeht", so der Sprecher. Und dieser Übergang finde formal am Bahnhof Beusselstraße statt.

"Bei Fahrplanabweichungen muss die S-Bahn-Leitstelle händisch eingreifen, um den Verkehr zu stabilisieren und Verspätungen abzubauen. Dabei kann die automatische Verknüpfung von zwei Ringfahrten verloren gehen." Das habe zur Folge, dass die Fahrzeug-IT automatisch die nicht korrekte Ansage zum Fahrtende an der Beusselstraße auslöst, so der Bahn-Sprecher. Nur in Ausnahmefällen könne es zu der nicht korrekten Durchsage in den Ringzügen am Bahnhof Beusselstraße kommen. Man arbeite daran.

"Die Berlinerinnen und Berliner können sich aber darauf verlassen, dass außer bei Baustellen oder Streckensperrungen keine Ringzüge im Bahnhof Beusselstraße enden."

Fahrgastverband fordert von Bahn schnelle Lösung

Der Berliner Fahrgastverband IGEB verlangt in diesem Kontext von der Bahn ein schnelles Eingreifen. Wenn sich die Automatik der Fahrzeug-IT nicht alsbald in den Griff bekommen lasse, müssten Triebwagenführer zum Mikrofon greifen und erklären, dass die Züge weiterfahren, so ein IGEB-Sprecher gegenüber rbb|24.

So wie es einige freundliche Kolleginnen und Kollegen schon handhaben. Oder eben erfahrene Fahrgäste.

Beitrag von Olga Patlan und Georg-Stefan Russew

27 Kommentare

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  1. 27.

    Ja, diese Durchsage kenne ich auch. Habe dadurch schon mal einen Sitzplatz bekommen :-)

  2. 26.

    In dem Text fehlt übrigens der Hinweis, das es nur die neuen Züge betrifft. Während der Triebfahrzeugführer früher Linie und Ziel per Hand in sein Gerät eingeben musste, nimmt sich die neue Baureihe die Daten direkt aus dem Internet anhand der Zugnummer. Dabei kommt es bei außerplanmäßigen Zugnummerwechseln, wegen Verspätung, zu Problemen, wodurch der Zug dort "endet".

  3. 25.

    Laut aktuellem Kursbuch der DB führt die Strecke der S 41 bzw. S 42 von Beusselstraße (Start) nach Beusselstraße (Ziel/Ende).
    Früher war Beginn und Ende Papestraße, später Südkreuz, nur wurde zu dieser Zeit nie die Endstation angegeben.

  4. 24.

    Sie übersehen, dass sowohl S-Bahn als auch BVG im wesentlichen vom jeweiligen Personalrat regiert werden. Bspw. wird bei der BVG auch mal eine längst nicht mehr notwendige Umleitung noch ein paar Wochen beibehalten, weil der Personalrat findet, dass die Dienstpläne nicht so oft geändert werden sollten.

    Das verstehen die Gewerkschaften dann unter der von ihnen so gern bemühten "Solidarität": Die Fahrgäste dürfen mal ein bisschen solidarisch sein und Nachteile in Kauf nehmen, damit das Personal nicht flexibel zu sein braucht (schließlich sind bekanntlich auch die Fahrgäste fürs Personal da, und ohne sie würde der Laden sowieso viel besser laufen).

  5. 23.

    Genau. Die Ringbahn heißt so, weil sie "im Ring" fährt. Egal, wo man zusteigt: Man kann für jeden Halt entweder die S41 oder S42 nutzen und kommt trotzdem an, ohne zwischendurch aussteigen zu müssen. Kopf benutzen oder Mitfahrende fragen, ist heute leider nicht mehr angesagt.

  6. 22.

    "Wenn sich die Automatik der Fahrzeug-IT nicht alsbald in den Griff bekommen lasse, müssten Triebwagenführer zum Mikrofon greifen und erklären, dass die Züge weiterfahren, so ein IGEB-Sprecher gegenüber rbb|24."

    Für diese hohe Fachkenntnisse beweisende Expertise sollte die IGEB der DB AG ein Beraterhonorar in Rechnung stellen (natürlich ein saftiges).

    Früher, als die Bahn noch eine Behörde war, wäre man dort selbst auf solch eine Maßnahme gekommen und hätte sie womöglich per Dienstanweisung verfügt. Aber da besaß man bei der Bahn auch noch Flexibilität und Kreativität (heute nur noch, wenn es nicht darum geht, die Beförderungsfälle zu schikanieren). Und da gab es auch noch keine IT, die sich selbständig machte und vermutlich erst nach europaweiter Ausschreibung korrigiert werden kann.

  7. 21.

    Wenn einen das Navi vor der Autofähre auffordert, weiter "über die Brücke zu fahren" hält sich doch auch keiner daran, oder?
    Wie überall gilt: Gehirn einschalten, Situation beobachten, notfalls Mitreisende fragen.
    Egal ob ortsunkundig oder nicht. Das hilft immer.
    Leider ist 'mitdenken' eine Gabe, die - ob aller Apps und KI Unterstützung - immer mehr verkümmert.

  8. 20.

    Mal ehrliches was klappt in Berlin überhaupt noch?

  9. 19.

    Dann wird es bis zur Problemlösung übergangsweise zu seiner Aufgabe gemacht. Wird er ja wohl schaffen.

  10. 18.

    Meine Kontakte mit der Computertechnik begannen beim VEB Steremat vor über 40 Jahren in der damaligen DDR. Da musste man die Machinensprache kennen. Damals prüfte und reparierte ich Baugruppen auch Prozessorbaugruppen für die ZFA 80 (Zonenfloatinganlage für die Siliziumherstellung) auf K1520 Basis.

    Aber wie bereits damals galt, das gilt auch heute: Ein Computer ist maximal nur so schlau, wie der Programmierer der die Software geschrieben hat. Das gilt heute sinngemäß auch für KI Anwendungen.

  11. 17.

    Ein anderes Beispiel: Wenn die jaehrliche 2-3monatige Ausbesserung des S-Bahn-Tunnels ansteht befaehrt die S1 von Oranienburg/Frohnau kommend ab Bahnhof Gesundbrunnen ebenfalls die Ringbahn, das heißt, sie setzt ihre Fahrt über Wedding, Westkreuz, Schöneberg fort. In Gesundbrunnen werden die "Fahrgaeste mit Ziel ICC/Messe Nord" dann stets aufgefordert, den Zug zu verlassen und auf die Ringbahn umzusteigen, obwohl der entsprechende Bahnhof natürlich auch bedient wird.

  12. 15.

    Vielleicht mal das Berufsbild Softwaretechniker suchen und lesen.
    In meiner Fortbildung zum Techniker für Prozessautomatisierung war mehr als Tastatur wechseln und Taster drücken enthalten. Programmieren einer Ampelsteuerung war da noch das einfachste Beispiel. Ist schon ein paar Jahre her. Inzwischen hat sich die IT in der Automatisierung in Form der OT bis in jeden Sensor ausgebreitet. Da läuft schon sehr viel auf Facharbeiterebene.

  13. 14.

    ... da ist mal einer beim rbbb aufgewacht. Richtig, da Problem besteht schon mehr als 10 Jahre.

  14. 13.

    Wenn die dieses IT-Problem schon seit Ewigkeiten nicht geregelt bekommen, wieviele weitere IT-Probleme schlummern da noch unerkannt? Und was lösen die dann aus?

  15. 12.

    Scheint nicht das einzige Problem mit der IT im Schienennetz zu sein. Der Blutdruck nicht Ortskundiger steigt wohl regelmäßig, weil als „nächste Haltestelle“ sowohl bei der U- als auch S-Bahn der letzte Abfahrtbahnhof angezeigt wird. Fachkräftemangel oder Planlosigkeit in der Chefetage?

  16. 11.

    Nicht nur auf der Ringbahn sind die Durchsagen problematisch oder fehlen ganz, es geschieht auch bei der Regionalbahn, oder Fantasietexte erscheinen, in der RE nah Berlin: "nächste Halt Germersheim (bei Karlsruhe)". Oder die Durchsagen werden viel zu schnell gesprochen, oder viel zu leise (selten zu laut!)

    Für mich lustig, für Ortsunkundige sehr verwirrend

    Sehr gut das man weiß das der Bahn ansonsten doch sehr sicher ist, ganz anders als Fernbusreisen oder Straßenverkehr überhaupt

  17. 9.

    Zum Mond ham watt jeschafft , jetz noch dit schwarze Loch im alten Serwer flikken.

  18. 8.

    nett wäre es bestimmt, wenn das geändert wird, aber mich wundert es auch. Aber ich fahre schon mein ganzes Leben Ringbahn. Aber ehrlich gesagt habe ich es noch nie erlebt das massenhaft Leute deshalb aussteigen. und wenn doch mal leute verwirrt sind, sag ich was.

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