Irmtraut Streit (Quelle: rbb/Stefan Ruwoldt)

Irmtraut Streit erinnert sich - "Eine konzentrierte Stille, kein Kreischen, Schreien oder Rufen"

"Ich weiß noch: Er kam nicht durch den Haupteingang." Irmtraut Streit war 21 Jahre alt, als Martin Luther King in die Kirche am Alex kam. Sie und ihre Familie gehörten zur Baptistengemeinde und freuten sich darum auch ganz besonders auf den Baptistenpfarrer aus dem amerikanischen Süden.

"Der amerikanische Staat will nicht, dass er zu den Kommunisten geht." Das hatten wir gehört. Dann aber kam er. Es war zugig in der Kirche. Mein Vater sagte: Es kommen die besonderen Leute. Und alle sagten: "Du? Du auch hier?" Es war wie ein kleines Pfingsten.

Ich weiß noch: Er kam nicht durch den Haupteingang. Und dann: Es war eine konzentrierte Stille, kein Kreischen, Schreien oder Rufen. Ich bin jetzt 71, damals war ich 21. Ich habe die Ausbombung Dresdens erlebt. Unser Mietshaus dort war ausgebombt. Und, ja, dieses "Nie wieder Krieg" war ganz wichtig für uns. Und dann, ja dann ging das in der DDR doch wieder los, dass man dort anfing sich zu bewaffnen und die Kasernierte Volkspolizei einführte.

Und dann also: Martin Luther King. Die Näherin Rosa Parks kannten wir, die Geschichte der Frau, der man den Platz im Bus verwehrte hatte, die Schilder "For Whites Only", all das war uns bekannt. Vor allem aber: sich Durchzusetzen, ohne Gewalt – das war einmalig. Und auch bei uns: Meine Eltern waren so liebevoll, Gewaltlosigkeit war uns Programm, Lebensprogramm.

Was wir dann von dem Besuch erwartet haben? - 'Mensch, der, der kommt jetzt zu uns! Da muss man hin.' Das dachten wir...

Irmtraut Streit

Was wir von dem Besuch erwartet haben? Wir dachten: Mensch, der kommt jetzt zu uns. Da muss man hin. Mein Bruder war damals Jugendlicher. Wir hatten uns in den Jugendstunden mit Kings Leben beschäftigt. Es gab damals das Jungmännerwerk. Die hatten dort einen Diastreifen, den man über Martin Luther King gemacht hatte.

Und mit seinem Besuch hat er uns in der DDR von der großen US-Christenheit grüßen lassen. Martin Luther King - der hatte ja schon so viel erlebt.

Ich war an dem Tag 40 Minuten vorher da, ich musste arbeiten. Dann bewegten wir uns in die Kirche. Die Kirche war für uns Freiraum, man konnte sich dort wichtige Dinge sagen. Auch die alltäglichen Dinge: Ich war gerade verheiratet, war schwanger und wir warteten auf unsere Wohnung. Um so etwas ging es dann.

Also, in der Kirche habe ich dann nicht gesessen. Meinen Platz hatte ich verlassen. Ich konnte auf die Kanzel blicken, konnte alles sehen.

Keiner kann heute mehr sagen, welche Musik es gab, ob überhaupt Musik gespielt wurde oder ob gesungen wurde. Das wichtigste war doch, dass dieser Mensch aus Amerika da war. Für uns als Baptisten war so sichtbar, dass der Weltbund - eben in dem Augenblick – verbunden war.

Es war eine große ausgestrahlte Ruhe, die er verströmte. Das war nicht fröhlich, aber trotzdem schön.

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