Start für 2025 geplant - E-Akte in Berlin steht nach massiver Kritik auf der Kippe

Mi 19.07.23 | 16:33 Uhr | Von Boris Hermel und Jan Menzel
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Symbolbild:Eine Bibliothekarin sitzt in der Bibliothek des Bezirksamts Mitte in der Müllerstraße vor einem Computer.(Quelle:picture alliance/dpa/J.Carstensen)
Video: rbb|24 | 19.07.2023 | Material: rbb24 Abendschau | Bild: picture alliance/dpa/J.Carstensen

Ab 2025 sollte die Berliner Verwaltung digitaler werden, um die Mitarbeiter zu entlasten. Nach ersten schlechten Erfahrungen mit der E-Akte ist der Zeitplan ins Wanken geraten. Ein Bezirk hat die Arbeit mit der Software nun untersagt. Von Boris Hermel und Jan Menzel

In Mitte haben sie allmählich die Faxen dicke. Der Bezirk ist eigentlich stolzer Vorreiter bei der Verwaltungsmodernisierung. Doch ausgerechnet die E-Akte, das Herzstück der Digitalisierung, hat sich im Praxistest als großer Reinfall entpuppt. Schnittstellen zu anderen zentralen Programmen der Verwaltung funktionieren nicht. Entlastung und Vereinfachung, wie von vielen Beschäftigen erhofft: Fehlanzeige. Das System, mit dem der Bezirk arbeitet, ist so dysfunktional, dass Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (B’90/Die Grünen) die Reißleine gezogen hat.

"Im Moment ist es tatsächlich ein so großer Mehraufwand, dass ich im Einvernehmen mit meinen Ämtern gesagt habe, dass sie das nicht benutzen dürfen", sagt die Rathauschefin. Als größten Schwachpunkt haben sie und die Mitarbeiter die Scanner identifiziert. Sie müssten eigentlich mit einer Software laufen, die eingehende Dokumente erkennen und sortieren kann. Das tut sie aber nicht. "Unsere Scan-Software ist leider ein bisschen dumm", stellt Remlinger ganz nüchtern fest. Sie könne nur das Eingangsdatum der Verwaltung lesen, mehr nicht.

Elf Mitarbeiter nur zum Scannen

Weil die Funktionen der Software so eingeschränkt sind, bräuchte sie elf Mitarbeiter, die sich nur um das Einscannen und das Verteilen der Dokumente an die vielen verschiedenen Abteilungen und Ämter kümmern. Dieses Personal habe sie aber nicht, sagt Remlinger. Denn was die Beschäftigten im Bezirksamt zu verarbeiten haben, sind wahre Massen an Formularen, Bescheiden und Postsendungen. 20.000 Blatt, 14.000 Finanzanweisungen – das sind die Dimensionen, mit denen ihr Amt jeden Tag konfrontiert sei, rechnet Remlinger vor.

"Da heißt jeden zusätzlichen Klick, den man machen muss, muss ich 14.000 Mal klicken oder 20.000 Mal einen Vorgang händisch machen", sagt sie. "Und das ist ja nicht nur ein Klick. Das sind jeweils mehrere Klicks." Wie miserabel es bislang mit der Einführung der E-Akte auf Bezirksebene läuft, haben auch die Bürgermeister anderer Bezirke kürzlich im Abgeordnetenhaus deutlich gemacht. Die Kritik kam dabei aus allen Ecken der Stadt, unabhängig von der Parteizugehörigkeit der Bezirksbürgermeister.

Die elektronische Akte ist das absolute Basissystem für die Verwaltungsdigitalisierung

Tobias Schulze, Die Linke, Abgeordneter im Berliner Parlament

Nachweisbare Mängel an der Software

Für die neue Verwaltungsstaatssekretärin Martina Klement sind das verheerenden Signale, nur wenige Wochen nach ihrem Amtsantritt. Sie steht vor einem Scherbenhaufen, den ihre Vorgänger ihr hinterlassen haben. "Nach einer ersten Bewertung gibt es bei der von meinen Vorgängern eingekauften Digitalen Akte eine hohe Unzufriedenheit und auch nachweisbare Mängel am Produkt", erklärte Klement gegenüber dem rbb.

Sie führe daher Gespräche mit dem Vertragspartner, mit dessen Hilfe das Land die Digitalisierung stemmen wollte. "Diese Gespräche werden zeigen, ob unser aktuelles Produkt entsprechend nachgebessert werden kann und wie im Zweifelsfall der weitere Fahrplan hin zu einer funktionierenden E-Akte aussehen kann."

Im Abgeordnetenhaus wachsen – auch nach einer Anhörung mehrerer Bezirksbürgermeister – die Zweifel, dass das Prestigeprojekt "E-Akte", so wie es aufgesetzt wurde, noch eine Zukunft hat. "Die elektronische Akte ist das absolute Basissystem für die Verwaltungsdigitalisierung", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Links-Fraktion im Abgeordnetenhaus Tobias Schulze und spricht sich für einen Neustart aus: "Wenn das Basissystem nicht funktioniert, dann muss man die Reißleine ziehen und muss neu ausschreiben."

E-Akte soll Chefsache werden

Lars Rauchfuß, in der SPD-Fraktion für die Bezirke zuständig, will sich noch nicht festlegen, ob bei der E-Akte alles wieder von vorne beginnen muss. Immerhin sind für das Projekt bis 2025 rund 135 Millionen Euro ausgegeben beziehungsweise eingeplant worden. Für Rauchfuß ist aber umso klarer, wer jetzt das Ruder rumreißen muss. "Kai Wegner hat im Parlament angekündigt, bis Ende der Sommerpause will er sich auf den neuesten Stand bringen, will sozusagen den Überblick haben. Dann muss gehandelt werden, dann muss das auch Chefsache werden", verlangt er.

Ein konkreten Tipp, wo der Regierende Bürgermeister eine E-Akte besichtigen kann, die wirklich funktioniert, hat Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger parat. Sie war unlängst im Jobcenter Mitte zu Besuch, wo die E-Akte längst Einzug gehalten hat. Dort gebe es auch eine intelligente Scan-Software, die all das könne, was sie sich für die E-Akte in ihrem Bezirk wünschen würde. "Das heißt: Die haben ungefähr 20 Zwischenschritte weniger als wir", sagt Remlinger.

Sendung: rbb24 Abendschau, 19.07.23, 19:30 Uhr

Beitrag von Boris Hermel und Jan Menzel

69 Kommentare

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  1. 69.

    ... durfte ich Erfahrungen mit Bundesbehörden sammeln und sehe in einer vom Bund gesteuerten Lösung mit großen Zweifeln entgegen. Es gibt ausreichend Beispiele wo dies nicht funktioniert.
    Aber reden sollte man auf alle Fälle!

  2. 68.

    Bundesagentur für Arbeit läuft auch sehr gut, leider mit dem großen Defizit das Krankmeldungen immer noch in Papierform eingereicht werden müssen.

  3. 67.

    "Neue Ausschreibungen, neue Produkte … ? Lernt von anderen Behörden, tauscht euch aus!!"

    Das wird diejenigen Anbieter, die auf diesem Feld agieren und sich dann "draußen vor" gehalten fühlen, nicht unbedingt davon abhalten, eine Klage zu führen.

    Das Problem sehe ich mithin

    1. im Wettbewerbsrecht und
    2. im Umstand, dass Jede/r, wer sich für wichtig hält, meint, auch bei der Digitalisierung genauso eine "Duftmarke" setzen zu müssen, wie es weiland bei der (nirgends erprobten) unterirdischen Entrauchungsanlage beim B E R der Fall war.

    Kein Problem von Parteien, wie ich es empfinde, sondern der Spätfolgen der immer noch wirkenden Frontstadt-Mentalitäten in beiden Berlins.

    ;-

  4. 66.

    "Es gibt genügend gute Leute in Deutschland die das erforderliche in kurzer Zeit zusammenklöppeln könnten, mich eingeschlossen......"
    Das haben sie schön beschrieben und das Problem auch gleich erkannt. Die Berliner IT gleicht einem Handarbeitskurs. Sticken, Klöppeln, Flicken; nur fehlen leider die Profis dazu. Auch gibt es gute diskriminierungsfreie Software. Jede eine Perle für sich. Nur wird oft vergessen die Kompatibelität untereinander in einer Testumgebung auf Herz und Nieren zu prüfen. In meiner alten Firma hat dies unsere "Chef-Haeckse" erledigt. Alle waren zufrieden und nur wenige konnten ihr das Wasser reichen. Sie hatte es eben drauf und kein Männeken, egal ob Deutsch oder eben nicht, hat deshalb die Einberufung eines Stuhlkreises gefordert. Eigentlich wollte ich schreiben "Heul' doch" - erschien mir aber zu kurz.

  5. 65.

    Was kann Berlin überhaupt? Nichts.

    Ach nein, falsch. Das Berliner Bußgeldwesen funktioniert wie geschmiert.

  6. 64.

    Man könnte denken, Berlin wäre die erste Stadt auf der Welt, die so etwas einführt...

  7. 63.

    "...wo die E-Akte längst Einzug gehalten hat. Dort gebe es auch eine intelligente Scan-Software, die all das könne, was sie sich für die E-Akte in ihrem Bezirk wünschen würde."
    Und warum hat der Bezirk die dann nicht. Und alle anderen Bezirke? Und die Stadt?
    Der Laie staunt und wundert sich....

  8. 61.

    Das Problem liegt einfach an zu vielen Stellen.
    1. An der Politik in Berlin, die von nix 'ne Ahnung hat.
    2. Die Ausschreibung läuft über die Senatsverwaltung, welche nicht weiß, was in den Bezirken passiert und los ist.
    3. An sich zu wichtig nehmende Datenschutzbeauftragten, die alles verhindern wollen.
    4. Am jahrelangen Kaputtsparen der Bezirke in Hinblick auf IT.
    5. Keine einheitliche Strukturen in allen Bezirksämtern.
    etc etc...

    Als Mitarbeiter eines Berliner Bezirksamtes kann ich sagen, dass die meisten Mitarbeiter sich vernünftige und laufende IT-Verfahren wünschen und herbei sehnen, allein der Glaube fehlt und jahrelange Erfahrung sprechen dagegen.

  9. 60.

    Die Bundesbehörde, in der ich arbeite, arbeitet seit mehreren Jahren erfolgreich mit E-Akten.

    Um flächendeckend in D mit E-Akten arbeiten zu können, müssen Bundes- und Landesbehörden aufhören, jeder für sich das Rad neu erfinden zu wollen.

    In Bundesbehörden technisch erfolgreiche Umsetzungen müssen einheitlich verwendet werden, damit sie verlässlich laufen und damit die Systeme untereinander kommunizieren können.

    Neue Ausschreibungen, neue Produkte … ? Lernt von anderen Behörden, tauscht euch aus!!


  10. 59.

    Wer in einer Stadt leben will wo alle Basics funktionieren, der ist in Berlin fehl am Platz, das ist in ganz Europa bekannt! Also, wir gehen weiter zum Yoga machen dort Entspannungsübungen und fassen uns wie all die Jahrzehnte zuvor weiter in Geduld. Dann kommt das Kindergeld eben erst wenn eingeschult wird. Und der Schwerbehindertenausweis kann dann als Grabschmuck dienen. Wohngeld bekommt man ja auch im Seniorenheim, muss man nur die Mieterhöhung von 870 Euro bekannt geben.

  11. 58.

    Warum steht Deutschland dann weit abgeschlagen hinter Dritt-Staaten bei der Digitalisierung.

  12. 57.

    Ich glaube, dass die SINA schon recht sicher ist, also da sollten Sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Das ist kein Rechner zu hause mit lokalem Windows und einer simplen VPN.... (Zumindest nicht beim Bund)

  13. 56.

    Sowas ist ist Stammtischgerede und Quatsch!
    Es muss das wirtschaftlichste Angebot gewählt werden, nicht das billigste
    Entscheidend ist bei Ausschreibungen: wie präzise und realitätsnah sind die Anforderungen beschrieben? Da kann man schnell danebenliegen. Und Vergleichswerte sind bei Auzsvhreibungen wie in Berlin aufgrund Größe, Mengengerüst und komplexer Verwaltungsstruktur kaum gegeben.
    Da betritt man naturgemäß immer Neuland, und das ist nunmal riskant

  14. 55.

    Hallo, Mitleser,
    Menschen machen auch mal Fehler, sonst wären es keine. Selbst die KI ist nicht vollkommen. Die persönliche Kommunikation ist für mich deshalb nach wie vor wichtig. In Gespräch sollte man auch Fehler korrigieren können, vorausgesetzt, es wird ruhig und sachlich geführt.

  15. 54.

    Wenn das so ist, dass die Berliner Ämter überhaupt keine Veränderungen wollen (was ich mir durchaus vorstellen kann), sollte unser neuer Bürgermeister das zur Chefsache erklären und Tacheles reden. Aus eigener Erfahrung während eines Termins im Bürgeramt war die "Motivation" und der "Enthusiasmus" der meisten Mitarbeiter bei der Arbeit für mich auch offensichtlich. Ich wollte an EINEM Termin mehrere Dinge klären/beantragen. Waaas? Das geht nicht, da brauchen sie einen neuen Termin, war die Antwort. Bürgerservice? Ich bekomme Lachkrämpfe, wenn´s nicht so traurig wäre. Also schön so weitermachen bis zur Rente/Pension. Veränderungen sind des Beamten Tod...

  16. 53.

    Der angebliche Schrott kommt aus NRW, ist doch das Bundesland mit den besten IT Professoren, oder? Bis 2025 soll es dann funktionieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung das es bei so einem Softwarepaket immer eine Lehrgangssoftware gibt. Sollte es da nicht der Fall sein, dann ist es wirklich nichts was man sich installieren sollte. Um weiter in dem Tempo zu arbeiten, wie jetzt manuell, benötigt man 11 Mitarbeiter am PC um das Tempo zu halten. Wenn dem so ist dann haben wir bald keine Arbeitslosen mehr in Berlin, sollte die Software nicht geändert werden. Ab nächste Woche gibt dann wieder Maßnahme beim Jobcenter bis zum abwinken, EDV Sachbearbeiter.

  17. 52.

    Die Qualität einer Software hängt nicht unmittelbar mit ihrem Preis zusammen. Die meiste kommerzielle "Standardsoftware" ist nicht aufgrund ihrer hohen Qualität verbreitet sondern aufgrund von künstlich geschaffenen Abhängigkeiten, Lobbyarbeit und geschicktem Marketing. Würde man auf Lösungen setzen die mit offenen Standards arbeiten, wäre vieles einfacher.

  18. 51.

    NSCALE von Ceyonic ist seit Jahren erfolgreich in NRW im Einsatz. Diese Software ist keine Scansoftware. Die gibt es längst und könnte problemlos mit dieser Software kombiniert werden.
    Die Probleme liegen in der Berliner Verwaltung und im Management des Projektes. Es gibt keine Software auf der Welt, welche die organisatorischen Probleme des Landes Berlin automatisch lösen kann. Es braucht MA in Führungsposition, die sich auch für dieses Projekt auch engagieren.

    PS: Als externer Trainer in diesem Projekt kann ich sehr genau sagen wo die Säge klemmt.

  19. 50.

    Ich hoffe dass es letztendlich nicht zur E-Akte kommt. Diese Zwischenlösung ist klimaschädlich ohne Ende und wenn in 30 Jahren alle Ressourcen an seltenen Erden aufgebraucht sind müssen alle Papierakten neu gedruckt werden. Ach ne, Druckertinte ist dann auch alle, also wird dann wieder mit der Hand geschrieben.

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