Parlamentswahlen und Referendum - Polen im Ausland bangen um ihre Stimmen

Sa 14.10.23 | 11:19 Uhr | Von Agnieszka Hreczuk
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Teilnehmende des "Marsch der Millionen Herzen" angeführt von Donald Tusk.(Quelle:picture alliance/NurPhoto/P.Lapinski)
Audio: rbb24 Inforadio | 14.10.2023 | Team Kowalski & Stefan Kunze | Bild: picture alliance/NurPhoto/P.Lapinski

Am Sonntag finden in Polen zugleich Parlamentswahlen und ein Referendum statt. Polen im Ausland können auch in Berlin abstimmen. Da die Stimmen aber schnell ausgezählt sein müssen, befürchten viele Auslandspolen Probleme. Von Agnieszka Hreczuk

Andrzej weiß genau, was er am Sonntag macht: "Einen kleinen Ausflug nach Słubice", sagt der 35-Jährige und lächelt. Für viele Berliner und Brandenburger ist eine Fahrt in die Kleinstadt direkt an der Grenze, nur 80 Kilometer von Berlin entfernt, nichts Ungewöhnliches. Doch statt dort einzukaufen und zu tanken, werden Andrzej und sein Kumpel in Słubice ihre Stimmzettel abgeben. "Nur so kann ich sicher sein, dass meine Stimme zählt", sagt Andrzej.

Viele Wähler, wenig Zeit, neue Hürden

Andrzej lebt seit zehn Jahren in Berlin und hat hier eine Familie gegründet. Er ist einer von 54.000 Polen, die in Berlin leben. Hinzu kommen über 57.000 Menschen mit polnischen Wurzeln. Viele von ihnen besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft und sind in Polen wahlberechtigt. Über 28.000 Polinnen und Polen leben in Brandenburg. Sie alle sind aufgerufen, am Sonntag das polnische Parlament, also Sejm und Senat neu zu wählen.

Gleichzeitig mit den Parlamentswahlen findet ein Referendum statt. Die Bürger werden gefragt, ob sie die Rente mit 67 wieder einführen wollen, ob sie den Zaun an der Ostgrenze abbauen wollen, ob sie zulassen wollen, dass Polen das Migrationspaket der "EU-Bürokratie" aufgezwungen wird und ob sie für den Ausverkauf des Staatsvermögens an ausländische Unternehmen sind. Die Fragen klingen absurd, aber das Referendum kann die Stimmen der Auslandspolen - auch in Deutschland - gefährden.

Ziemek vor einem Lebensmittelgeschäft in Berlin Moabit. (Quelle: Agnieszka Hreczuk)
Ziemek steht vor einem Lebensmittelgeschäft in Berlin-Moabit. | Bild: Agnieszka Hreczuk

Zusätzlicher Aufwand durch Referendum

Denn die staatliche Wahlkommission interpretiert die Wahlverordnung aktuell so, dass alle im Ausland abgegebenen Stimmen - sowohl Wahl- als auch Referendumsstimmen - innerhalb von 24 Stunden ausgezählt und nach Warschau übermittelt werden müssen. Andernfalls sind sie ungültig. Die 24 Stunden-Regelung ist nicht neu. Aber bisher mussten in dieser Zeit nicht auch noch die Stimmen eines Referendums ausgezählt werden. Dazu kommt eine Regelung, die die Regierungspartei PiS Anfang des Jahres durchgesetzt hat: jeder Stimmzettel muss von jedem Wahlhelfer eigenhändig geprüft werden. Bisher durften die Wahlhelfer die Stimmzettel bei der Auszählung unter sich in Gruppen aufteilen. Die Auszählung wird dadurch aufwendiger und die Zeit noch knapper.

"Es war alles so durcheinander in diesem Jahr", erzählt Ziemek, der Donuts in einem polnischen Lebensmittelladen in Moabit holt. "Erst wussten wir lange nicht, wann die Wahlen stattfinden. Dann wussten wir nicht, ob wir überhaupt im Ausland wählen dürfen, ob man dafür einen Pass braucht. Und dann haben wir erfahren, dass unsere Stimmen verfallen, wenn sie nicht schnell genug ausgezählt werden - das war mir zu viel.“ Also holte er sich eine Wahlzulassung in der Botschaft und kaufte ein Ticket nach Wrocław. In Polen gilt die 24-Stunden-Regel nicht. "Es ist wohl die wichtigste Wahl seit langem. Sie können uns nicht ausschalten", betont er.

Berliner Polen denken links-liberal

Viele Polen sehen die neuen Regeln als Schikane der Regierungspartei PiS. Denn wenn die Auslandspolen in Europa allein das Parlament wählen würden, hätte die PiS keine Chance. 2019 gewann die Bürgerkoalition (KO) von Donald Tusk in Deutschland mit 42,98 Prozent, die PiS kam mit 24,11 Prozent auf den zweiten Platz. In Berlin fielen die Ergebnisse noch deutlicher aus: Die KO gewann mit 44,27 Prozent, gefolgt von der Linkspartei mit 30,81 Prozent. Die PiS landete mit 15 Prozent nur auf dem dritten Platz.

Allerdings ist der Einfluss der Auslandspolen auf das Wahlergebnis beschränkt. Denn ihre Stimmen werden alle zum Warschauer Wahlbezirk 19 hinzugezählt. Obwohl immer mehr Polen und Polinnen im Ausland leben, bleibt die Zahl der Mandate in diesem Wahlbezirk aber seit Jahren gleich. Kandidaten in anderen Wahlbezirken können mit viel weniger Stimmen ein Parlamentsmandat bekommen.

Andrzej lebt in Berlin und ist am Sonntag zur polnischen Parlamentswahl aufgerufen. (Quelle: Agnieszka Hreczuk)
Andrzej lebt in Berlin und ist am Sonntag zu den Parlamentswahlen in Polen aufgerufen. | Bild: Agnieszka Hreczuk

Für Andrzej und andere polnische Berliner ein Grund mehr, am 15. Oktober zum Wählen nach Polen zu fahren. "In Warschau bekommt die Opposition sowieso genug Stimmen. Ich will, dass ich mit meiner Stimme die Opposition woanders stärke", erklärt Andrzej.

Die meisten Berlinerpolen werden hier wählen. Monika hat sich vor zwei Wochen in Pankow registrieren lassen. Sie kennt niemanden, der diesmal nicht wählen geht: "Es gibt eine große Mobilisierung unter den Auslandspolen. Es gab zu viele Probleme. Die Leute wollen zur Wahl gehen, um etwas zu verändern".

Stundenlangen Warteschlangen zu erwarten

Auf Druck der Auslandspolen wurden in diesem Jahr fast doppelt so viele Wahllokale in Deutschland eingerichtet wie vor vier Jahren. In Berlin sind es sieben, in ganz Deutschland 42 (2019 waren es insgesamt 23, davon 4 in Berlin). Trotzdem bekommen Wähler bei der Registrierung in allen Berliner Wahllokalen einen automatischen Hinweis, dass sich zu viele Wähler registriert hätten und man mit stundenlangen Wartezeiten rechnen müsse. Momentan sind in Berlin bereits rund 35 Prozent mehr Wähler registriert als vor vier Jahren. In Berlin wählen auch Polen aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Ewa ist zu Solidarność-Zeiten als politischer Flüchtling nach Berlin gekommen Seit Jahren ist sie als Wahlhelferin in Berlin dabei. Demokratie zu leben und sie zu schützen ist ihr sehr wichtig. Sie wirkt gelassen, "auch wenn es diesmal schwieriger wird als sonst", wie sie meint.

"Wir werden es rechtzeitig schaffen die Stimmen auszuzählen. Unsere Stimmen werden nicht verloren gehen", da ist sie sich sicher. Weniger sicher ist sie, "dass die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen weiter oben genauso gut laufen wird."

Sendung: team Kowalski, Polen Update, 6.10.2023

Beitrag von Agnieszka Hreczuk

38 Kommentare

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  1. 38.

    Zitat: "Die PIS hat..."

    Und nun dürfen sei drei Mal raten, woher die PiS einen großen Teil der Gelder für diese Sozialleistungen bezogen hat, Bob. Mal auf die Sprünge geholfen: aus dem EU Fördertopf, der für Polen seit dem Amtsantritt der Regierung in 2015 ordentlich aufgestockt wurde. Und auch die Auszahlungen aus dem EU-Corona-Wiederaufbaufonds im Wert von 24 Milliarden Euro an Zuschüssen und 11,5 Milliarden an billigen Krediten im letzen Jahr, dürften es der Regierung relativ leicht gemacht haben, Wähler mittels "Geschenke" auf ihre Seite zu ziehen.

  2. 36.

    Die PiS verteilt Almosen. Opium fürs Volk. Währenddessen sich die Korruption im Land weiter ausbreitet.

  3. 35.

    Die PIS hat:

    1. Kindergeld eingeführt, damit KInder in Polen nicht in Armut leben müssen ( wie es bis 2015 der Fall war und Herr Tusk mit seiner PO an der Regierung allen erzählte, dass dafür kein Geld vorhanden sei und der Staat bei EInführung von Kindegeld pleite gehen wird)
    2. Renten erhöht, damit Altere Menschen menschenwürdiges Laben haben können
    3. Im öffentlichen Sektor Löhne und Gehälter massiv erhöht, bis 2015 gab da Stillstand, Staatsbedienstete lebten oft in Armut.

    Das sind nur ein Paar Punkte, damit Sie wissen warum PIS wahlen in Polen gewonnen hat und wieder gewinnen wird.

  4. 33.

    Werden meine Kommentare heute weiter zensiert weil sie offensichtlich politisch nicht genehm sind?

  5. 32.

    Woher wollen Sie wissen, wer was wählt?
    Jede demokratische Partei hat ihr Profil und ihre Anhänger.
    So funktioniert Demokratie.
    Übrigens ist die EU nicht Europa. Da liegt ein Denkfehler vor, wenn man das gleichsetzt.
    Die EU ist eine mittlerweile ziemlich bürokratische Institution...

  6. 31.

    Die Polen, die antieuropäisch, antideutsch, fremdenfeindlich und homophob sind und die Rechtsextremen wählen, machen etwa ein Drittel der Gesellschaft aus (meist ältere Leute und Leute ohne Bildung). Bitte glauben Sie nicht, dass alle Polen so sind.

  7. 30.

    Nein, es suggeriert nicht, das Polen die Wahl schlecht organisiert. Es zeigt eher die Einflussnahme der PIS auf, ungeliebte Wahlergebnisse so zu beeinflussen, daß sie eigenen Partei nicht schaden können.
    Und eine Berichterstattung darüber ist keine Einmischung, sondern ein Aufzeigen, was Autokraten überall machen, sobald sie an der Macht sind. Siehe Trump, Putin, und und und...
    Und Berlin hat aufgezeigt, dass schlechte Orga in Deutschland nicht geduldet wird, was zu Neuwahlen führte.

  8. 28.

    Haben sie sich schon mal gefragt, warum die Polen nicht aus der EU austreten?

  9. 27.

    Ich stell mir das ziemlich schwierig vor als Journalist oder Richter in Bezug auf Polen oder Ungarn noch 100%ig neutral zu sein. Sind ja auch nur Menschen und Kollegen von den dortigen Journalisten und Richtern.
    Das ist aber alles noch sehr weit weg von dem was den Westdeutschen über die DDR vermittelt wurde.
    Diesen Gedanken haben Sie mit Ihrer Wortwahl hinterlassen.
    Auch wenn der Vergleich heutiges Polen mit DDR natürlich nicht besonders elegant gewählt ist.

  10. 26.

    Es fällt eine parteiische Berichterstattung auf. Warum erfährt der Leser hier nichts über die Gründe, PiS wählen zu wollen? Immerhin wählen nämlich sehr viele Polen diese Partei. Wäre es nicht interessant, deren Beweggründe zu erfahren?
    Diese Einseitigkeit enttäuscht mich.

  11. 25.

    "Wer die rechtsextreme AfD als "konservative Partei" bezeichnet, der ist kein Anhänger der rechtsextremen AfD?" Ja, genauso ist es. Ihre Logikkette funktioniert nicht, nur in Ihrer Phantasie.

  12. 24.

    Gut, Ihre Sicht auf den Artikel ist deutlich, aber wo diese nachvollziehbar herkommen soll um sie in den Stand einer Tatsache zu heben ... keine Antwort Ihrerseits. Daher w weiter meine Tip: Getroffene Hunde bellen. Haben aber nichts wirklich zu sagen.

  13. 23.

    Wer die rechtsextreme AfD als "konservative Partei" bezeichnet, der ist kein Anhänger der rechtsextremen AfD?

    Ganz sicher. Ich ziehe mir morgens auch nicht die Hose mit der Kneifzange an. Oder wie meine Großmutter bei solchen Anlässen immer zu sagen pflegte: "veräppeln kann ick mir ooch alleene".

  14. 22.

    Der Artikel hier suggeriert, dass Polen nicht in der Lage sei, eine Wahl ordentlich zu organisieren.
    Was war letztens da eigentlich in Berlin?
    Und nein, viele werden PIS wählen. Das ist die einzige Partei in Polen, die der immer größer werdenden Einflußnahme der EU die Artikulation von polnischen Interessen gegenüberstellt. Die Mehrheit in Polen (und anderen osteuropäischen Staaten) möchte zudem Einwanderung aus muslimischen Ländern stark einschränken.
    Die Entwicklung in Frankreich und auch Deutschland - muslimische Jubeldemonstrationen über die Morde der Hamas - möchte man dort nicht. Ist das schlimm?

  15. 21.

    Mal als Beispiel ein Beitrag vom Deutschlandfunk:
    https://www.deutschlandfunk.de/historiker-massiver-antisemitismus-im-polen-der-100.html

  16. 20.

    "eines augenscheinlichen AfD Anhängers" Ich kann Ihnen versichern, daß ich kein Anhänger einer Partei in Deutschland bin und vorallem keiner konservativen Partei.

  17. 19.

    "Sie sollten auch noch etwas mehr zur Geschichte lesen."

    Und das aus der Feder eines augenscheinlichen AfD Anhängers, der keine Probleme mit Neonazis, Rechtsextremisten und Faschisten in der AfD hat?

    Sie haben mir gerade ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, danke. Sie müssen sich über meine Geschichtskenntnisse keine Sorgen machen, eher um die eigenen. Da scheint mir erheblicher Nachholbedarf zu bestehen.

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