Weltklimakonferenz in Dubai - Berlins schwieriger Weg zum 1,5-Grad-Ziel

Do 30.11.23 | 08:44 Uhr | Von Jan Menzel
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Symbolbild: Eingang zum COP Klimagipfel in Dubai. (Quelle: dpa/Dejong)
Audio: rbb24 Inforadio | 30.11.2023 | Jan Menzel | Bild: dpa/Dejong

Vor acht Jahren haben 197 Staaten auf der Weltklimakonferenz in Paris beschlossen, die Erderwärmung zu stoppen. Gelingen kann das nur, wenn die großen Metropolen wie Berlin mitziehen. Doch bis zur Klimaneutralität ist es noch ein gutes Stück. Von Jan Menzel

  • Rund 40 Prozent der CO2-Emmissionen entfallen auf Gebäudesektor
  • Noch immer ist nicht klar, welcher Energieträger künftig zum Einsatz kommen soll
  • Zahl der Autos in Berlin nimmt nicht ab
  • U-Bahn und Tram fahren seit fast zehn Jahren mit Öko-Strom

Berlin war schon mal ganz weit vorne, wenn auch unfreiwillig. Als nach 1990 ganze Industrien im Ostteil der Stadt zusammenbrachen, verbesserte sich mit einem Schlag die CO2-Bilanz der Stadt. Seitdem hat sich beim Energiesparen zwar einiges getan, aber lange nicht genug.

"Wir haben wirklich wahnsinnig viel Zeit verloren. Nach der deutschen Wiedervereinigung hätte man sehr viel mehr machen müssen, gerade was energetische Sanierung angeht. Dann wären wir heute fast durch mit den Zielen", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Experten schätzen, dass in Deutschland rund 40 Prozent der CO2-Emmissionen auf den Gebäudesektor entfallen.

"Fernwärme nach Hause holen"

Dass hier jede Menge zu tun ist, weiß auch Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey. Die SPD-Politikerin betont, dass es nicht nur darauf ankomme, Häuser besser zu isolieren. Giffey will in erster Linie dafür sorgen, dass die Heizungswärme anders erzeugt wird.

"Wir müssen die Wärme klimaneutral machen, damit wir Berlin klimaneutral machen können". Deswegen bemühe sich das Land auch so intensiv darum, das Fernwärmenetz mitsamt der Kraftwerke zurückzukaufen. "Die Fernwärme wieder zurück nach Hause holen", nennt Giffey das.

Trendwende beim Solarausbau

Doch allein ein Rückkauf der Netze und Kraftwerke ist noch kein Garant dafür, dass es beim Klimaschutz Fortschritte gibt. Noch immer ist nicht klar, welcher Energieträger künftig zum Einsatz kommen soll. Wasserstoff, sagen etwa die Manager von Vattenfall. Dem Konzern gehört das Fernwärmesystem, die Schweden verhandeln aber mit Berlin über einen Verkauf. Umweltschützer warnen dagegen: Grüner Wasserstoff sei viel zu teuer und gar nicht ausreichend verfügbar.

Was aber geht, wenn Gesetze geändert werden und Fördergelder fließen, zeigt sich an anderer Stelle, beim Solarausbau. Lange hinkte Berlin hier dem eigenen Anspruch hinterher. Inzwischen zeichnet sich eine Trendwende ab. Von Januar bis Oktober wurden in der Stadt fast 9.500 neue Photovoltaikanlagen angeschlossen. Das sind dreimal so viele wie im Vorjahr. Allerdings muss noch deutlich mehr passieren, bis tatsächlich ein Viertel des städtischen Strombedarfs auf heimischen Dächern erzeugt wird.

Kommt klimafreundlicher Radverkehr unter die Räder?

Diese Vorgabe stammt noch von der rot-grün-roten Vorgängerkoalition. Deshalb ist der grüne Energieexperte Stefan Taschner eigentlich auch ganz zufrieden mit der Entwicklung, die in Gang gekommen ist. An einer Stelle würde er aber gerne nachsteuern. "Wie können wir gerade bei den Balkon-Solarkraftwerken auf unsere landeseigenen Wohnungsunternehmen Einfluss nehmen, damit sie Mieterinnen und Mieter unterstützen, an diese Balkonsolare ranzukommen und ihnen eben keine Steine in den Weg legen?" fragt Taschner und kritisiert, dass es hier noch zu viele Hindernisse gebe.

Neben den Gebäuden ist das andere große Sorgenkind der Verkehr. Die Zahl der Autos in Berlin nimmt nicht ab. Auch wenn kürzlich ein privater Anbieter meldete, dass jede Woche 50 neue Ladepunkte an Laternenmasten dazukommen, bleibt der Anteil von E-Autos auf Berlins Straßen überschaubar. Umweltschützer argwöhnen ohnehin, dass in der schwarz-roten Koalition der klimafreundliche Radverkehr buchstäblich unter die Räder kommt.

Komplette Busflotte mit Öko-Strom bis 2030

Dafür machen aber die Verkehrsbetriebe Fortschritte. U-Bahn und Straßenbahn fahren seit fast zehn Jahren mit Öko-Strom. Inzwischen ist auch fast jeder fünfte Bus elektrisch unterwegs. Das soll aber nur ein Anfang sein, bekräftigt die BVG-Aufsichtsratschefin, Wirtschaftssenatorin Giffey. "Wir haben das Ziel, dass wir bis 2030 die komplette Busflotte mit mehr als 1.550 Bussen umrüsten beziehungsweise neu beschaffen wollen."

Diese Umstellung vom Diesel auf Elektro für sich genommen ist schon eine Riesen-Investition. Um das Stromnetz fit für Wärmewende, tausende neue E-Autos und die Ansiedlung großer Data-Center zu machen, braucht es noch einmal zwei Milliarden Euro. Diese Summen nannten Experten bei einer Anhörung im Parlament. In der gleichen Preisliga spielen auch der Umbau der Fernwärme, die Nutzung von Geothermie und der Bau von Großwärmepumpen.

Weil letztlich so viel am Geld hängt, blickt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung mit großer Sorge auf die aktuelle Diskussion über das geplante Berliner Klima-Sondervermögen. "Wenn das ausgebremst werden sollte, ist das wieder ein herber Rückschlag. Und wir können ja nicht immer noch mehr Zeit verlieren, wir müssen endlich vorwärtskommen."

Sendung: rbb24 Inforadio, 30.11.2023, 6 Uhr

Beitrag von Jan Menzel

158 Kommentare

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  1. 158.

    "Und wenn nicht, ist es ein Wimpernschlag der Erdgeschichte, die Halbwertszeit."
    Jepp. Mutter Erde zwinkert gearde zum zweiten Mal. U238 - 4,468 Mrd. Jahre (Tipp: MOX)

  2. 157.

    Ein Grund ist immer die Anreicherung von spaltfähigen Material für Atomwaffen.
    Gegen Kernspaltung im Vergleich zu direkter Verwertung von Solarenergie spricht eine ganze Menge. Gigantische Kosten, sehr lange Bauphasen, Sicherheits-, Endlager-, Spaltstoff- und Kühlproblem. Vieles muss über Steuern sozialisiert werden.
    Ostdeutscher Kernphysiker Jörg Müller, Eigentümer von Enertrag, glaubte selbst anfangs an die Kernkraft, ist heute mehr denn je von der Notwendigkeit regenerativer Energie überzeugt.

  3. 156.

    "Kernenergie ist einfach nur teuer. Lesen Sie dazu die Expertenmeinungen." Können Sie bitte dazu Publikationen verlinken, die das stützen? Aber bitte keine Experten aus Deutschland, sondern international renomierte Autoren (z.Bsp. aus den USA, Frankreich, UK, Japan, Rußland oder von der IAEA) und peer reviewed Journals.
    Das komische ist halt, wenn es einfach nur eine sehr teuere Energie ist, warum setzen dann weiterhin so viele Länder darauf und wollen sogar massiv ausbauen bzw. überhaupt erst eine Nuklearwirtschaft aufbauen? Es erscheint widersinnig.

  4. 155.

    Erst die Insulinproduktion.
    Dann die Kernernergie.
    Jetzt die Autoindustrie.
    Die Landwirtschaft und das Höfesterben.
    Demnächst alle energieintensiven Bereiche wie Stahl-, Glas- u. Betonherstellung?
    Ahnen Sie es? Was das bedeutet?
    Wollen Sie verstehen, dass man angesichts dieser Entwicklungen eine moralischere und solidarischere Haltung zum Geldverdienen haben kann, die es braucht, damit es funktioniert?

  5. 154.

    Was ist an teurer Kernenergie sinnvoll? Sie betreiben Prinzipienreiterei entgegen de Rat unzähliger Experten und winden sich wie ein Aal.

  6. 153.

    In der Tat ist die Atomenergie "nicht zu fassen" - von ihren Auswirkungen her, von unseren Sinnen her und das nicht in einem übertragenen, sondern in einem direkten Sinne.

    Eingeführt ist sie seinerzeit quasi als Perpetuum Mobile, als Zauberstab, der alle Energieprobleme der Welt auf ewige Zeiten löst. Deshalb auch steht das Atomium in Brüssel. Dabei war es nur die Umkehrung des schlechten Gewissens, mit dem faktischen Zwilling, der Atombombe, so viel Unheil geschaffen zu haben und nun mit gleich großem Aufwand das zu konterkarieren.

    Es sollte von diesem überhöhten Weltbild eines faktischen Zauberstabs gelassen werden. Das war ab den 1970ern der Antrieb für die Anti-AKW-Bewegung und bleibt es bis heute. Vor allem in Ostdeutschland halten Einige noch an den Verheißungen der "Fortentwicklung der Produktivkräfte" fest, so, als wäre nichts gewesen.

  7. 152.

    Ich schrieb ausdrücklich WOFÜR ich bin: Sinnvoller Energiemix.
    Und wieder sagen Sie nicht die Wahrheit.

  8. 151.

    Kernenergie ist einfach nur teuer. Lesen Sie dazu die Expertenmeinungen. Auch hier geht es Ihnen nur um das Dagegen sein.

  9. 150.

    "Weil wenige Stellen besser Be- und Überwacht werden können, als viele Stellen weit über den Globus verteilt."
    Das dachte ich mir, dass das irgendwann als Argument kommen würde. Prinzipiell stimmt es wahrscheinlich sogar, nur dass es an den Stellen dann noch gefährlicher ist. Aber das dann möglichst nicht in unserer Nähe oder? Und welchem Land würden Sie dabei vertrauen? Ich denke, wir sind uns einig darüber, dass es wirklich ein schwieriges Thema ist und vielleicht haben Sie sogar recht und es wäre besser, dabei etwas positiver/optimistischer zu denken. Es hilft ja auch nicht wirklich, zu kritisch zu sein, denn den Atommüll kann man nicht "wegreden". Er ist nun einfach mal vorhanden.

  10. 149.

    Ich kann die Antwort auf meinen Kommentar nicht nachvollziehen, sorry

  11. 148.

    Ja, die Frage war Ernst.
    "Warum sollte unser Atommüll in andere Länder exportiert werden? Das kommt mir vor wie: aus den Augen, aus dem Sinn." Unsere abgebrannten Brennelemente sind z.Bsp. als Rohstoff sehr viel Wert für Länder mit Brüterreaktoren - wir würden als keinen Atommüll verkaufen, sondern Rohstoffe.
    "Wieso sollte man die Gefahr für einen Unfall an wenigen Stellen noch konzentrieren" Weil wenige Stellen besser Be- und Überwacht werden können, als viele Stellen weit über den Globus verteilt.
    "man hat noch keine wirkliche Lösung dafür und das ist für mich unverantwortlich!" Teil 1 ja, aber meine Schlußfolgerung daraus ist einfach positiver/optimistischer.

  12. 147.

    Klimaziele für die Armeen dieser Welt ? Ja bitte unbedingt. Denn deren Beitrag zur Klimakrise dürfte signifikant hoch sein, sodass man ihn nicht vernachlässigen sollte.

  13. 145.

    Und was sagen Sie zu dem Atommülllager in Ihrer Nähe? Das will bestimmt keiner haben und trotzdem wird für die Atomkraft argumentiert. Warum? Können Sie meine Argumente unter 137. nicht nachvollziehen?

  14. 144.

    ???
    Wollen Sie nochmal lesen? Und besser verstehen? Energiemix bedeutet nicht was Sie denken. Innerhalb des Mixes gibt es dann auch Entwicklungen/Verschiebungen, je nach dem wie weit die Technologien gerade sind. Das ist modern, versorgungssicher und langfristig gedacht.

  15. 143.

    Ich befürchte, Sie sehen in erster Linie Ihre Kosten. Ich denke da eher an die gravierenden Folgen für die Zukunft. Schon interessant, dass ein Kostenargument von Ihnen kommt. Kostet sehr schnelles Autofahren (200 kmh oder sogar mehr, wie Sie gestern mitgeteilt haben) Sie denn nicht auch sehr viel? Oder zahlt es da Ihr Arbeitgeber? Es ist eigentlich ein anderes Thema, ich weiß, aber es wundert mich schon.

  16. 142.

    "Die Folge sind hohe Preise."
    Was meinen Sie wohl, wie hoch die Kosten in der Zukunft durch Klimaveränderungen, Extremwetterlagen usw. usw. werden? Wer zahlt das dann wohl? Denken Sie wirklich nur so kurzfristig?

  17. 141.

    "ist es ein Wimpernschlag der Erdgeschichte, die Halbwertszeit."
    Für die Erdgeschichte schon, für die Menschen nicht. Was würden Sie eigentlich dazu sagen, wenn man in Ihrer Nähe ein solches "Atommülllager" bauen wollen würde?
    Das hat für mich nichts mit irgendwelchen Kosten zu tun, denn die Sicherheit der Menschen kennt keinen Preis.

  18. 140.

    Korrektur:
    Lesen Sie dazu die Geschichte der lnsulinherstellung in Deutschland... Kenntnisreiche Wähler sehen so etwas nicht.

  19. 139.

    Ich habe doch den entscheidenden Teil zitiert. Weiter unten finden Sie doch nur die Begründungen für dieses Zitat. Da ist dann von Studien die Rede, deren Zahlen allein auf "Schätzungen" basieren, Sie finden aber auch folgende Aussage: "Laut dem UNSCEAR-Bericht von 2013 wurden bis zu diesem Zeitpunkt keine strahlungsbedingten Todesfälle oder akuten Erkrankungen beobachtet. Die von der Bevölkerung erhaltenen Strahlendosen waren generell gering bis sehr gering, und ein Anstieg von strahlenbedingten Erkrankungen sei nicht erwartbar."
    Ich bevorzuge diese Aussage, da sie auf Beobachtungen basiert, Sie können ja gern die theoretischen "Schätzungen" favorisieren.

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