Protestforscher zu Radikalisierung - "Es besteht die Gefahr, dass der Staat immer mehr an Autorität verliert"

Mi 10.01.24 | 10:17 Uhr
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Symbolbilder: Letzte Generation, Bahnstreik der GDL, Bauern-Proteste (Quelle: dpa/Riedl/AP/Schreiber/dpa/Pleul)
Audio: rbb24 Kulturradio | 09.01.2024 | A. v. Lucke | Bild: dpa/Riedl/AP/Schreiber/dpa/Pleul

Die Bauern wollen den Autoverkehr lahmlegen, die Gewerkschaft der Lokführer am Mittwoch den Zugverkehr. Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke sieht eine Radikalisierung der Protestkultur - und das nicht erst seit heute.

rbb|24: Herr von Lucke, Bahnstreiks hat es früher schon gegeben, Bauern-Demos auch. Sind die Proteste heute radikaler als früher? Oder erscheint uns das nur so, weil sich das so häuft in dieser Woche?

Albrecht von Lucke: Es gibt in der Tat eine Häufung, also dass immer schnellere, getaktete Auftreten. Es ist kein Zufall, dass die Bauern, die ja gerade schon Erfolge erzielt haben – der Großteil der Maßnahmen ist zurückgenommen worden – jetzt noch einmal eine ausgesprochene Verschärfung ankündigen, um auch den Rest der beschlossenen Maßnahmen zu beseitigen.

Und das vielleicht noch Dramatischere dabei, es gibt immer wieder Auswüchse bei diesen Demonstrationen. Zum Beispiel bei der Blockade der Fähre, die Klima- und Wirtschaftsminister Habeck erlebte, wo er sogar wieder ablegen musste. Oder aber auch die massiven Beleidigungen, die Bundeskanzler Scholz und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Haseloff, gerade in der Flut erlebten. Das Neue daran, es sind viele Gruppierungen, die auf diese Proteste aufsatteln und sie versuchen zu instrumentalisieren - bis hin zu rechtsradikalen Akteuren.

Es gibt brutale Symbole, zum Beispiel der Galgen bei einem Bauernprotest, an dem eine Ampel aufgehängt ist. Können Sie erklären oder nachvollziehen, wie es zu dieser Brutalisierung der Protestformen kommt?

Man kann das sogar sehr genau taxieren und einordnen. Das erste Mal, dass Galgen - und nicht ganz selten - mitgeführt wurden und durchaus sogar noch deutlicher mit Personen konnotiert waren, das war im Jahr 2015. Ich glaube, der große Durchbruch der Radikalisierung der Proteste ist mit diesem Jahr zu verbinden. Die Fluchtbewegung nach Deutschland hat eine enorme Radikalisierung herbeigeführt. Das lag damals schon auch an der Zerstrittenheit innerhalb der Union.

Der große Streit zwischen Seehofer und Merkel, die Tatsache, dass sich Horst Seehofer bei aller Kritik, die er hätte üben können, nicht geschlossen an die Seite von Angela Merkel gestellt hat, hat auch dem Protest zugespielt. Sodass Alexander Gauland damals sogar sagte, die Flucht ist ein Wunder, ist ein Geschenk Gottes gewissermaßen für die AfD, die ja dann zur Partei der Wutbürger wurde. Es ist kein Zufall, dass wir heute ein Stück weit in den Klientelprotesten auf der Straße und in den nicht fahrenden Zügen und an anderer Stelle die Zerrissenheit auch der jetzigen zerstrittenen Regierung widergespiegelt sehen.

Zur Person

Albrecht von Lucke, Jurist, Politikwissenschaftler und politischer Publizist.(Quelle: dpa/Jens Krick)
dpa/Jens Krick

Albrecht von Lucke ist Politikwissenschaftler, Jurist und Publizist. Der 56-Jährige analysiert Tendenzen aktueller politischer Ereignisse und ordnet das politische Tagesgeschehen in größeren zeitgeschichtlichen Zusammenhängen ein.

Auf der anderen Seite gibt es die Protestformen von Klimaaktivisten, die Straßen blockieren oder gegen Kunstwerke vorgehen. Ist das nicht eine ähnliche Radikalisierung?

Ja, das sehe ich durchaus so bei aller Sympathie für das Anliegen. Das Anliegen muss man deutlich unterscheiden. Das Anliegen, nämlich die Bewahrung der Schöpfung, ein gesamtgesellschaftliches Interesse, ist ein anderes als oftmals das Klientelinteresse beispielsweise einer Bauernschaft, die durchaus in den letzten Jahren gut gefahren ist, gute Gewinne gemacht hat.

Das Grundproblem auch bei den Klimaaktivisten ist, dass sie ein Stück weit die staatlichen Institutionen infrage stellen, dass sie auch gegen einen erheblichen Teil der Bevölkerung vorgehen. Und es besteht die Gefahr, in den Bauernprotesten zeigt es sich, dass der Staat immer mehr an Autorität verliert, dass die Anerkennung von Institution, aber auch von Recht und Ordnung immer mehr verloren geht und das vor diesem Hintergrund dann irgendwann die Demokratie nicht nur in Mitleidenschaft gerät, sondern regelrecht waidwund geschossen wird.

Sehen Sie einen Weg zurück von solchen radikalisierten Protestformen zu mehr Dialog?

Ja, unbedingt, denn ich glaube das, was eigentlich auch gerade jetzt die Bauernschaft gefragt wäre zu haben, ist größere Kompromissbereitschaft. Wenn Herr Rukwied an der Spitze des Bauernverbandes sagt, wir sind zu keinen Kompromissen bereit, wir wollen die absolute Rücknahme, dann ist das verheerend. Wir müssen doch in einer solchen Krisenzeit, in der wir uns gegenwärtig befinden, an alle gesellschaftlichen Teilnehmer appellieren, dass sie bereit sind, gewisse Einschränkungen in kauf zu nehmen.

Denn die ganz großen Aufgaben, die im nächsten Jahr auf uns zukommen - möglicherweise eine weit intensivere Unterstützung der Ukraine, wieder große Schäden, Hitze - das sind alles Dimensionen, die wir noch gar nicht im Blick haben. Und die verlangen von der Gesellschaft insgesamt solidarischer zu sein. Jede Teilgruppe muss kompromissbereit sein, Kompromissbereitschaft ist in jeder Hinsicht gefordert. Dann könnte es wieder vom Protest hin auch zum Dialog zurückgehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Frank Meyer für rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

 

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77 Kommentare

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  1. 77.

    Boash ey, der Mob kotzt sich aus - widerlich! Wo kann ich meine Staatsbürgerschaft abgeben??

  2. 76.

    Das Versammlungsrecht ist meiner Meinung nach kein Recht auf Nötigung der Bevölkerung. Eine Demonstration, die den vornehmlichen Zweck hat, die Bevölkerung zu behindern oder Macht über sie auszuüben, die kann nicht vom GG Art 8 Abs 1 gedeckt sein. Wer zu so einer Aktion aufruft oder daran teilnimmt, der gehört meines Erachtens bestraft. Da sollten nötigenfalls die Bundesgesetze geändert werden. Wer seinen Traktor als eine Art Waffe einsetzt, der verliert in meinen Augen jetzt schon das Demonstrationsrecht laut GG. Warum können die Bauern nicht zu Fuß demonstrieren, wie andere auch?

  3. 75.

    streit ist die essenz der demokratie!

  4. 74.

    Wie wäre es denn mal mit direkter Demokratie wie in der Schweiz? Dann können die Menschen mal dazwischengrätschen, wenn die da oben es zu doll treiben. Und die Eliten müssen sich überlegen, ob dass was sie tun überhaupt mehrheitsfähig ist. Stattdessen schwärzt man lieber die Bauern und andere von oben herab an.

  5. 73.

    "Wo man sich schon angesichts von 16 Jahren hätte fragen müssen, wie gesund solche Regierungszeiträume im Kontrast zu den immer notwendigen Entwicklungen von Gesellschaften sind."
    Das haben sich genug Menschen gefragt und dies Thema immer wieder aufs Podest gestellt.
    Aber eine Änderung auf 2 Legislaturperioden wurde und wird bis heute leider von der Politik abgelehnt.

  6. 72.

    Ich empfehle den Artikel des MDR--15.Juli 2021--"Magdeburger Modell" und "Kenia-Koalition"--Sachsen Anhalt als politischer Vorreiter.

    Man sollte anderen nie verbieten, "nie" zu sagen--wenn man es selbst nicht tut.

  7. 71.

    Wenn Sie Ihr Leben stattdessen so leben wollen, dass Sie immer andere dafür verantwortlich machen, Ihnen was weggenommen zu haben, was Ihnen vermeintlich zusteht - dann wirkt diese Vorstellung auf mich traurig und bitter. Jeden Tag aufstehen und Wut und vielleicht sogar Hass auf jemand verspüren, immer innerlich zu beklagen, was die gemeine Welt einem vorenthalten hat. Aber interessant, dass Sie es nicht nachvollziehen können, dass jemand nicht so denkt, sondern zufrieden ist.

  8. 69.

    Ich bin ganz Ihrer Meinung.
    Super zusammengefasst!

    Als Otto-Normal-Bürger fragt man sich wirklich, inwieweit unsere Regierung ihre Beschlüsse - im Vorfeld - "durchdenkt" oder sollte dieser Hick-Hack evtl. "geplant" sein?
    Ob in die eine oder die andere Richtung - beides zeugt nicht von vertrauenswürdigen Volksvertretern.

  9. 68.

    Vor allem fordern die Bauern keine Taschenspielertricks. Erst eine Maximalerhöhung raushauen und dann einen kleinen Teil zurücknehmen und den restlichen Teil lediglich auf zwei Jahre zu strecken, ist nichts anderes, als den Bauern zu sagen "Du stirbst trotzdem, jetzt halt nur langsamer!". Was soll das denn für eine Verhandlungsbasis sein? Genau so sieht aber die aktuelle Ampelpolitik aus. Erst mal was raushauen, dann schauen, wie groß der Widerstand ist. Dann ein klein wenig davon zurücknehmen und den Großteil trotzdem beschließen. Dann stellt man sich ernsthaft noch hin, dass man ja auf die Kritik eingegangen sei. War beim Heizungsgesetz doch auch nicht anders. Wollte man jetzt wieder so durchziehen. Aber der Bauer ist eben nicht doof. Heutzutage können die sehr gut rechnen und durchschauen die Gutsherrenart.

  10. 67.

    Die Ampel spart nicht, sie erhöht massiv Steuern und Abgaben. Wenn Agrardiesel bislang, wie EU-weit üblich, steuerbefreit war, dann sind die Steuerpläne eine Steuererhöhung. Wenn die Maut für LKW mal eben verdoppelt und zudem jetzt auch noch auf Kleintransporter Anwendung findet, dann ist das kein Sparen sondern eine massive Erhöhung der Abgaben. Am Ende wird sich das alles auf die Preise auswirken. Das ist der Ampel aber auch ganz Recht, weil da kommt ja dann auch wieder Mehrwertsteuer drauf. Wir haben Rekordsteuereinnahmen und trotzdem reicht das Geld nie und es wird ständig geschaut, wo man mit möglichst wenig Gegenwehr noch ein bisschen mehr rausquetschen kann. Dafür haben wir aber schöne Radwege in Peru finanziert - ist meines Wissens ungefähr so teuer gewesen wie das, was man jetzt von den Bauern wieder reinholen will.

  11. 66.

    Eine Volksbefragung vor einer noch intensiveren Unterstützung der Ukraine könnte die aufgeheizte Stimmung hierzulande etwas beruhigen.

  12. 65.

    An den Protestforscher: Es gibt keine Radikalisierung und auch keine Kultur des Protestes. Was halten Sie davon: Papst Franziskus ruft Medien und alle zu „respektvoller Kommunikation“ und „sprachlicher Abrüstung“ auf... und Regierung wittert den Umsturz?!
    Es gibt die demokratisch völlig legitimen Proteste, weil ganze Bevölkerungsgruppen vom Regierungspersonal der Ampel übergangen werden. Die Bevölkerung fordert von der Regierung aber problemlösendes Handeln und nicht Arogantes Wegwischen der Anliegen oder ideologisches Durchregieren. Die Proteste werden eine solche Ampelregierung stoppen müssen.

  13. 64.

    Die Proteste bringen gerade nur eines: Wähler für die Randbereiche. Denn die Proteste stoßen auf bockbeinige Grüne, lawierende Rote, raffgierige Gelbe. Was soll da raus kommen? Nix. Bis zur nächsten Wahl jedenfalls....

  14. 63.

    Hofberichterstatter ist der richige Begriff. Das gilt leider für viele Journalisten, besonders für die, die immer neutral berichten und sich nie mit der Sache gemein machen.

  15. 62.

    Unter dieser Regierung laufen wir in Richtung Umverteilungssozialismus. Das hatten wir schon mal. Hat nicht geklappt. Das heist für alle normal denkende mündige Bürger diese Zustände nicht mehr zu tolerieren. Würden die Regierenden der letzten 20 Jahre nicht so glorreich versagt haben gäbe es keine AFD in diesem Land. Da gibt es das Prinzip Ursache und Wirkung. Nehme ich den Menschen die Existenzgrundlage wehrt er sich folgerichtig. Noch haben wir in Deutschland keine französischen Zustände. Wenn eine Regierung 1ne Billion Euro zum ausgeben 2024 hat und nicht klar kommt haben wir ein ganz großes Ausgabeproblem. Geld in alle Welt mit vollen Händen geht nun mal nicht.

  16. 61.

    Wenn Sie wenig verdient haben, dann muss Ihre Rente auch entsprechend ausfallen. Das was Ihnen eigentlich zustehen müsste, wird von anderen, die nicht so schwer oder sogar überhaupt nicht gearbeitet, aufgefressen. Das macht nun tatsächlich innerlich wirklich zufrieden ?

  17. 60.

    In wieweit denken denn die Regierungsparteien nicht ans Geld sparen. Das verstehe ich gerade nicht. Sie prangern das reduzieren von Subventionen an und und behaupten zeitgleich es würde nicht gespart? Das reduzieren von Subventionen, also von Geldgeschenken - ob berechtigt oder nicht stelle ich hier nicht infrage - ist klaren Einsparverhalten.

    Sie widersprechen sich also eklatant selbst und vergessen dabei, dass nicht nur die Ampel-Parteien in den Ausschüssen saßen die die Einsparungen beschlossen haben sondern auch CDU und AfD Politiker*innen. Und die Ausschüsse haben die Vorlagen einstimmig beschlossen.

    Vergleiche:

    https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/wollten-union-und-afd-ende-der-kfz-steuerermaessigung-fuer-bauern,U0mTSpW

  18. 59.

    "Er verlangt Kompromissbereitschaft und Dialog, aber nicht generell sondern nur von der Seite von der er sich selbst distanziert. Und genau dort liegt das Problem: nur die sogenannten "Guten" dürfen alles und die anderen sollen sich beugen und Rücksicht nehmen. Dialog ja, aber nur wenn ihr unserer Meinung seid."

    Wo lesen Sie das denn raus? Er versucht doch nichts weiter, als die bestehende Situation zu analysieren.

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