Konsequenzen aus Pannen-Wahl 2021 - Experten fordern schnelle Änderung des Landeswahlgesetzes

Mi 07.02.24 | 06:16 Uhr | Von Sabine Müller
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Archivbild: Eine Mitarbeiterin im Wahlamt bereitet in einem Wahllokal im Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf am ersten Tag der Briefwahl die Wahlunterlagen für die Wähler vor. (Quelle: dpa/Fischer)
Video: rbb24 Abendschau | 06.02.2024 | Viktoria Kleber | Bild: dpa/Fischer

Knapp zweieinhalb Jahre nach dem verkorksten Superwahltag ist Berlin immer noch im "Reparaturmodus". Wichtige Weichenstellungen für eine bessere Wahlorganisation stehen noch aus und Experten haben Sorge, dass die versprochene Reform versandet. Von Sabine Müller

Noch steht auf dem Schild an Raum 4419 im vierten Stock der Innenverwaltung "Landeswahlleitung Berlin, Geschäftsstelle", aber bald soll es dort heißen: "Landeswahlamt".

Nachdem der Start der neuen Behörde mehrfach verschoben worden war, unter anderem weil die Teilwiederholung der Bundestagswahl am 11. Februar viele Kräfte bindet, soll es nun Anfang März so weit sein. Mit einem Landeswahlamt wäre ein weiterer Schritt gemacht, um Wahlvorbereitungen in Berlin in Zukunft besser zu koordinieren und funktionierende Wahlen sicherzustellen.

Robert Vehrkamp, der Teil der Expertenkommission war, die nach der verkorksten Wahl vor knapp zweieinhalb Jahren Empfehlungen für notwendige Reformen gab, wartet sehnsüchtig darauf, dass die neue Behörde startet. Zwar habe sich schon manches getan seit der Pannenwahl im September 2021, aber aktuell sei der Berliner Landeswahlleiter Stephan Bröchler immer noch ein "König ohne Land", sagt Vehrkamp. Einer ohne personell gut ausgestattetes Landeswahlamt und vor allem ohne die Kompetenz, Wahlvorbereitungen für die gesamte Stadt zu steuern und den Bezirken im Notfall auch klare Vorgaben zu machen, damit alles läuft. "Das ist ganz zentral für die Umsetzung des gesamten Reformkonzeptes, das wir in der Kommission erarbeitet haben", mahnt Vehrkamp.

"Das ist ein schwieriges Kapitel"

Aus den Bezirken, wo gerade eigene ständige Wahlämter aufgebaut werden, kommen beim Stichwort "Weisungsbefugnisse für den Landeswahlleiter" allerdings zurückhaltende Töne. "Das ist ein schwieriges Kapitel", sagt Rolfdieter Bohm, Bezirkswahlleiter von Friedrichshain-Kreuzberg. Denn es sei gute Tradition, dass die Wahlorganisation dezentral ablaufe und es keine Weisungsverhältnisse gebe. "Das sichert die Freiheit der Wahl ab und macht Manipulationen im Prinzip unmöglich", betont Bohm. Er räumt aber ein, der Pannenwahltag habe gezeigt, dass es einheitliche Standards bei den Abläufen brauche, hier müsse man jetzt eine Balance finden.

Pannen-Wahl 2021

Am 26. September 2021 wurden in Berlin Bundestag, Abgeordnetenhaus und Bezirksverordnetenversammlungen gewählt, zudem stand ein Volksentscheid an. In vielen Wahllokalen verlief der Wahltag chaotisch: Menschen mussten lange warten, Stimmzettel waren falsch oder fehlten ganz. Vorübergehend mussten Wahllokale schließen oder blieben bis weit nach 18 Uhr geöffnet - dem Zeitpunkt, an dem die Stimmabgabe eigentlich vorbei sein sollte.

Die Abgeordnetenhauswahl wurde wegen der Pannen am 12. Februar 2023 wiederholt, die teilweise Wiederholung der Bundestagswahl steht am 11. Februar 2024 in 455 Wahlbezirken an.

Wenn Bohm über Standards spricht, denkt er zum Beispiel daran, wie ein Wahllokal ausgestattet sein muss, wie der Transport von Wahlunterlagen gewährleistet wird oder wie Mindestanforderungen an Schulungen für Wahlvorstände aussehen. Für Landeswahlleiter Stephan Bröchler hat er diesen Hinweis: "Es erhöht die Akzeptanz unglaublich, wenn die bezirklichen Wahlämter und Wahlleitungen mitreden können und an Entwicklung von Standards beteiligt sind." Zentrale, verbindliche Vorgaben von oben sieht Bohm allenfalls in Streitfällen.

Damit rennt er beim Landeswahlleiter offene Türen ein. "Meine Instrumente sind, gute Argumente zu bringen und zu überzeugen", sagt Stephan Bröchler. Er lege in der Kommunikation viel Wert darauf, konsensual und auf Augenhöhe zu arbeiten. Die Weisungsrechte, die er per geändertem Landeswahlrecht bekommen soll, hätten "eher die Funktion der Rute im Fenster", versichert Bröchler.

Druck machen für die "Rute"

Doch selbst wenn die Rute meist im Fenster stehen bleiben sollte, braucht es sie und zwar schnell, fordert Reform-Experte Robert Vehrkamp. Er sieht ein Zeitfenster von "sechs bis acht Wochen", um die notwendige Änderung des Landeswahlrechts noch vor der Europawahl Anfang Juni umzusetzen. "Der richtige Zeitpunkt dafür wäre jetzt", mahnt Vehrkamp in Richtung Abgeordnetenhaus, wo sich die AG Wahlen mit dem Thema beschäftigt.

Deren Mitglieder wollen sich allerdings nicht unter Zeitdruck setzen lassen. "Wir wollen gründlich und nicht auf Schnelligkeit gesetzt die notwendigen Schritte unternehmen", sagt der CDU-Innenexperte Alexander Hermann.

Nicht nur Robert Vehrkamp, auch Landeswahlleiter Stephan Bröchler ist bei allem Respekt vor parlamentarischen Abläufen eine gewisse Ungeduld anzuhören. "Als Reformmanager geht es mir natürlich immer zu langsam", sagt er. Im rbb24 Inforadio forderte er vom Berliner Abgeordnetenhaus mehr Tempo bei der versprochenen Wahlrechtsreform. "Da muss auch drinstehen, es gibt den 'König ohne Land' nicht mehr."

Berlin ist weiterhin im "Reparaturmodus"

Beide Männer teilen die Sorge, dass der Reformdruck versiegen könnte, falls nach der Komplettwiederholung der Abgeordnetenhauswahl auch die Teilwiederholung der Bundestagswahl und die Europawahl ohne Probleme über die Bühne gehen sollten. "Scheitern am Erfolg" nennt Bröchler die Gefahr, dass dann die Frage aufkomme, warum es überhaupt noch strukturelle Reformen brauche.

Robert Vehrkamp entgegnet dem, Berlin sei bisher keineswegs perfekt gerüstet für zukünftige Wahlen. Die Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus habe vor allem deshalb gut funktioniert, weil deutlich mehr Geld als üblich in Organisation und Wahlhelfende gesteckt worden sei. In der damaligen Situation sei dies richtig gewesen, sagt Vehrkamp. "Es ist aber kein Rezept für die Zukunft", denn das könne sich Berlin nicht jedes Mal leisten.

Außerdem sei es im Februar 2023 nur um eine einzige Wahl gegangen. Für einen Superwahltag wie am 26. September 2021, als Bundestag, Abgeordnetenhaus und Bezirksverordnetenversammlungen gewählt wurden sowie ein Volksentscheid anstand, sei Berlin ohne strukturelle Reformen weiterhin nicht ordentlich aufgestellt, ist sich Vehrkamp sicher. Auch deshalb mahnt Stephan Bröchler eindringlich, die Reformen seien "kein Selbstläufer" und Berlin sei weiterhin im "Reparaturmodus".

Sendung: rbb24 Inforadio, 07.02.2024, 4:58 Uhr

Beitrag von Sabine Müller

14 Kommentare

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  1. 14.

    Warum Änderung? Vielleicht sollte man sich erstmal an bestehende halten. Das Wahldesaster ist ja nicht dadurch entstanden, dass man sich an die Gesetze gehalten hat, sondern weil man es nicht tat.
    Ich verstehe die Personaldiskussion nicht. Es gab nicht zu wenig Wahlhelfer sondern zu wenig und falsche Wahlunterlagen.
    Ablenkungsmanöver, Nebelkerze... warum?

  2. 13.

    Ich meinte, früher wurde Personal der öffentlichen Verwaltung zwangsverpflichtet. Die wurden von den Verwaltungen als Freiwillige gemeldet, aber intern einfach bestimmt. Das war lange vor Corona.

  3. 12.

    Es haben sich unheimlich viele freiwillige Helfer gemeldet weil ihnen versprochen wurde priosiert geimpft zu werden.

    Impfung abgeholt und abgesprungen.

  4. 11.

    Ja, das Personal wurde zwangsverpflichtet, freiwillig haben das nur wenige gemacht. Da haben sich dann die Personalvertretungen eingeschaltet, seitdem ist eine Zwangsverpflichtung nicht mehr zulässig und man muss sehen, woher man (wirkliche) Freiwillige bekommt.

  5. 10.

    Früher konnte Berlin für die Wahllokale genügend erfahrenes Petsonal aus der Verwaltung aufstellen, die dann dafür einen Freizeitausgleich bekommen haben. Jetzt muss man dafür immer häufiger auf normale Bürger zugreifen, die das nur für Geld machen und nur selten Erfahrung haben.

  6. 9.

    Eigentlich sollte es ja um Bürokratieabbau gehen. Da fragt man sich, weshhalb jetzt noch mehr Ämter/Behörden/Planstellen geschaffen werden müssen, wenn es 31 Jahre reibungslos funktioniert hat.
    Je mehr weisungsberechtigte Posten, je größer die Möglichkeit von Pannen in Vorbereitung und Durchführung.
    Ne kritische Fehkleranalyse hätte gereicht, um es beim nächsten Mal richtig zu machen. Und pandemiebedingte Personalausfälle sollten nun wirklich kein Grund sein, ein sonst bewährtes System über den Haufen zu werfen. An besserer Koordination, Kommunikation und Organisation können die Experten ja trotzdem arbeiten.

  7. 8.

    "Mit einem Landeswahlamt wäre ein weiterer Schritt gemacht, um Wahlvorbereitungen in Berlin in Zukunft besser zu koordinieren und funktionierende Wahlen sicherzustellen." Also Brandenburg hat bei vergleichbarer Bevölkerungszahl auch nur einen Landeswahlleister und kein Landeswahlamt. Ich bezweifle, daß es dran in Berlin gelegen hat und eine vergrößerte Behördenstruktur da Vorteile bringt. Wie machen denn das die anderen Bundesländer?

  8. 7.

    Das Alles hat nichts mit der Ampelregierung, der EU, Putin oder sonstwas zu tun. Das ist reines Berliner Selbstversagen und somit Ausweis der "Qualität" unserer Stadt.

  9. 6.

    "Berlin wählt seit den 90er Jahren gemeinsam !"

    Was heißt denn gemeinsam? Bzw. wie oft gab es denn 3 Parlamentswahlen und ein Volksentscheid gleichzeitig?

  10. 5.

    Das Wahl-Chaos hat mit dem Marathon und den Bundes-, Landes-, Gemeinde- Wahlen nichts zu tun.
    Berlin wählt seit den 90er Jahren gemeinsam !
    Es gab nie "Größeren" Probleme !
    Wer sehen will, wie Personal ohne Wissen-Sicherung aus den Ämtern geschluckt wurde, könnte wissen woran Berlin, D-Land krankt.

  11. 4.

    Klingt irgendwie widersprüchlich. Was kosten denn die neuen Planstellen jährlich? Drei pro Bezirk für die Bezirkswahlämter plus die Anzahl der Planstellen fürs Landeswahlamt? Ist doch klar, dass eine gute Organisation der Wahlen nicht für lau zu haben ist. Soviel wurde bereits gelernt aus den gemachten Fehlern.

  12. 3.

    Ausgerechnet der Bezirkswahlleiter von Friedrichshain-Kreuzberg pocht auf Partikularinteressen der Bezirke. Die Chaoswahl war total vermurkst u.a. weil der Berlin Marathon stattfand und mehrere Wahlen gleichzeitig. Hier wäre ein innerhalb des Stadtstaates aufgebaute zentrale Wahlleitung sinnvoll um auch andere Ereignisse zu koordinieren. Schon im Vorfeld dieser Chaoswahlen war immer wieder auf die Risken, auch aus der Bevölkerung in den Foren der Medien, darauf hingewiesen worden.

  13. 2.

    Wie hat man es geschafft, dass Jahrzehntelang Wahlen funktioniert hatten ? Wenn es nun eine Reform braucht, hatte man wohl nur Glück gehabt. Wie schaffen es die anderen Bundesländer ? Muss Berlin das Rad neu erfinden oder meint man Berlin ist so speziell das Wahlen hier völlig anders ablaufen müssen als im Rest von Deutschland ?

  14. 1.

    Der interessanteste Satz ist: die Wiederholungswahl hat funktioniert weil man mehr Geld ausgegeben hat. Das kann sich Berlin aber nicht jedesmal leisten.

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