Schüler betreten am 10.08.2020 mit Mundschutz den Eingang zum Rheingau Gymnasium in Berlin. (Bild: dpa/Kay Nietfeld)
Bild: dpa/Kay Nietfeld

Corona-Regeln an Berliner Schulen - "Man hätte nicht zum Regelbetrieb zurückkehren dürfen"

Der Unterricht läuft in Berlin seit drei Wochen wieder regulär. Doch die Corona-Regeln lassen sich oft nur schwer durchsetzen: Zum Beispiel gilt die Maskenpflicht auf dem Schulflur, nicht aber im Hort. Ein Blick auf einen Schulalltag voller Widersprüche. Von Markus Pohl, Silvio Duwe, Susett Kleine und Jenny Barke

Schulbeginn an der Bruno H. Bürgel Grundschule in Berlin-Lichtenrade. Bereits beim Einlass werden die Klassen separiert. Über unterschiedliche Eingänge kommen die Schüler ins Gebäude. Der elfjährige Yannis und seine Klassenkameraden nehmen den Hintereingang. Yannis hat seine Maske zu Hause vergessen. Wie ihm geht es einigen Schülern, deshalb lagert die Schule einen kleinen Vorrat an Einwegmasken, die die Lehrer allmorgendlich verteilen.

Denn der Berliner Musterhygieneplan sieht eine Maskenpflicht auf den Gängen der Schulen vor, ebenso wie auf den Toiletten. Im Klassenraum der 6c angekommen, darf Yannis die Maske wieder absetzen. Wann die Pflicht gilt und wann nicht, kann sich der Elfjährige nicht so recht merken. "Wenn man auf die Hofpause muss und man es vergisst, wird man angemeckert. Das ist auch nicht cool, weil ohne ist es einfach entspannter", sagt Yannis.

"Theorie und Praxis sind weit auseinander"

Den Klassenraum teilt sich Yannis mit 23 Kindern, die dicht nebeneinander sitzen, sowie zwei Lehrern - ohne Masken. Damit sich möglicherweise gefährliche Aerosole nicht so gut verbreiten können, muss nach Vorgaben des Senats ein kompletter Luftaustausch ermöglicht werden. Fenster auf, heißt es. Doch selbst in der Bruno H. Bürgel Grundschule mit vergleichsweise guten Lüftungsmöglichkeiten lässt sich das für Klassenlehrererin Bianca Pohler nicht einfach umsetzen: "Ich habe nur ein geöffnetes Fenster, weil für die anderen keine Fenstergriffe vorhanden sind. Die fehlen, weil sie irgendwann aus Sicherheitsgründen abmontiert wurden", sagt Pohler.

Stattdessen steht nun immer die Tür offen, um die Luftzirkulation zu ermöglichen. Wie sich das der Senat vorgestellt habe, sei vielleicht eine gute Idee gewesen, sagt die Grundschullehrerin. "Aber das klappt in der Praxis einfach nicht. Da sind Theorie und Praxis weit auseinander."

"Maske auf" im Schulgang, "Maske ab" auf dem Schulhof

Weil der Musterhygieneplan an der Schulausstattung scheitert, hat sich Bianca Pohler schon jetzt für einen freiwilligen Coronatest in einer und in vier Wochen angemeldet. Sie hofft, dass die Ergebnisse nicht nur etwas über ihre Gesundheit, sondern auch über die der Schüler aussagen: "Ich vermute, dass es bald zu irgendwelchen Fällen kommt, ob es in meiner Klasse ist oder im Kollegium oder in den anderen Klassen. Dass wir jetzt noch so weiter unterrichten, kann ich mir nicht vorstellen, dass es so lange hält."

Nach dem Unterricht mit seiner Klassenlehrerin geht es für Yannis in die große Pause. Auf dem Weg zum Schulhof gilt die Maskenpflicht. Dort angekommen darf sie wieder abgenommen werden. Hier kann Yannis ohne Einschränkung mit anderen Schülern spielen, auch aus anderen Klassen und Stufen, Abstand muss nicht eingehalten werden. "Am Anfang habe ich ein bisschen drauf geachtet", so der Sechstklässler. Doch inzwischen würde er lockerer damit umgehend, weil in der Schule kaum einer auf den Abstand achte.

Nur bestimmte Klassen dürfen zusammen essen

In der großen Pause geht Yannis in die Kantine. Hier trifft er wieder mit Maske auf seine Mitschüler, die er ohne Maske auf dem Hof gesehen hat. Nur bestimmte Klassen dürfen momentan zusammen essen, um eine Verbreitung von Corona zurückverfolgen zu können. Doch Bestimmungen wie diese reichten nicht, erklären die Sechstklässler.

Noah Maximilian war zu Schulbeginn zum Beispiel auf eine sehr strenge Maskenpflicht vorbereitet, auch im Unterricht und auf dem Hof. "Aber wie ich jetzt sehe, wie es so ist, finde ich schon, dass die Maßnahmen strenger gemacht werden sollten", sagt Noah Maximilian. Auch der elfjährige Jacob Leonardo ist skeptisch: "Als ich erfahren habe, dass die Schule wieder losgeht, habe ich zu meinem Vater gesagt, nach zwei Wochen ist die Schule wieder zu", sagt er, während er nach dem Mittagessen den Kantinentisch abwischt.

Schulleiter: "Im Grunde genommen bräuchten wir eine Putzkolonne"

Um einer Schulschließung vorzubeugen, sollen eigentlich alle Oberflächen professionell gereinigt werden, so der Senat. Nach jedem Essensdurchgang sollen die Tische gewischt werden. Vorgaben, die allerdings absolut undurchdacht sind, denn es gibt nur eine einzige Reinigungskraft für die ganze Schule, erzählt Schulleiter Jens Otte. Hier müssen sogar die Kinder mithelfen. "Im Grunde genommen bräuchten wir eine Putzkolonne, die das hier macht zur Mittagszeit und vorher und nachher die Toiletten und Waschräume reinigt. Denn eine Kraft kann das bei einer so großen, weitläufigen Schule gar nicht alleine schaffen."

Yannis hat Schulschluss und kann nach Hause fahren. Doch andere Schüler bleiben noch für ein paar Stunden im Hort. Und hier wird es erst recht widersprüchlich: Das mühsame Separieren der Klassen während der Schulzeit wird hier aufgehoben. Und eine Maskenpflicht gilt ebenfalls nicht mehr. "Wir haben gar keine Möglichkeit, die Klassen zu separieren, weil wir dafür gar nicht das Personal haben. Im Grunde hätte man nicht zum Regelbetrieb zurückkehren dürfen", sagt die koordinierende Horterzieherin Angela Zimmerer. Die Klassen, die am Vormittag noch durch getrennte Eingänge die Grundschule betreten haben, treffen somit im Hort wieder zusammen. Das gut gemeinten Pandemie-Konzept wird damit ad absurdum geführt.

Sendung: Das Erste, 27.08.2020, 22:05 Uhr

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41 Kommentare

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  1. 40.

    Die verschiedenen vorgenannten Einflüsse und deren Kombinationsmöglichkeiten machen die Komplexität einer Risiko-Einschätzung deutlich. Daher ist eine generelle Festlegung zur Einstufung in eine Risikogruppe nicht möglich. Vielmehr erfordert dies eine individuelle Risikofaktoren-Bewertung, im Sinne einer (arbeits-)medizinischen Begutachtung.

    https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Risikogruppen.html

    Das zum Thema der pauschalen Generalisierung irgendwelcher Risikogruppen.

  2. 39.

    Ich glaube im allgemeinen wird sowohl von Schulleitungen, als auch Eltern und Medien vergessen, dass man unter den Bedingungen der sogenannten Corona-Hygieneregeln nicht von Regelbetrieb sprechen kann. Wir dürfen nie vergessen, dass wir uns immernoch und auf bisher unbestimmte Zeit in einem Ausnahmezustand befinden und deshalb all diese Massnahmen fahren, Massnahmen, die mit Maskentragen, Bewegungssteuerung und -einschränkung, Separierung von Gruppen, Abstandsempfehlungen und und und niemals als Normalität angesehen werden dürfen.

  3. 38.

    "Man hätte nicht zum Regelbetrieb zurückkehren dürfen."

    Wer sagt das? Wieso auch nicht? Wann hören die Medien endlich auf, nach noch strengeren Maßnahmen zu rufen? Wann fragen Sie, ob die Einschränkungen zu weit gehen? Wann hinterfragen Sie endlich einmal?

  4. 37.

    Ja bei uns in der Schule ist es auch so... der hygieneplan kann vorne und hinten nicht durchgesetzt werden. Auch die sozusagenen Kinder der Risikogruppen können nicht zuhause bleiben da es keine Lehrkräfte gibt die sie unterstützend beschulen können. Also gehrn auch diese Kinder dicht an dicht mit den anderen Kindern zur Schule.. unsere Frau Bildungssenatorin sagt dazu nichts....es wird alles nur beschönigt...es geht hier eben nicht mehr um den Schutz und die Gesundheit der Kinder und Eltern sondern nur noch um Wirtschaft.
    Und zu SuperSpread: 2 bestätigte Fälle sind eine Dunkelziffer...diese Kinder wurden zufällig privat getestet..denn ansonsten wird kein Kind getestet... alle meine Freundschaften haben Fälle in den Schulen, es wird bloß nicht an die grosse Glocke gehangen... an diesen Kinderm hängen Klassenkameraden, Familienangehörige... der Weg zur Verbreitung ist frei.

  5. 36.

    Wann der elfjährige die Maske aufsetzen muß, kann er sich nicht merken.
    Qualifikation Gymnasium würde ich meinen...

  6. 35.

    Oh zwei "bestätigte" Corona-Fälle. - Das heißt rein garnichts,
    außer das zig Schüler nicht zur Schule gehen dürfen, was widerum Stress
    für deren Eltern bedeutet und diese dann auch nicht arbeiten können.
    Von den psychischen Langzeitschäden für insbesondere die jüngeren Schüler
    ganz zu schweigen. Durch Masken- und Distanzwahn.
    Wir werden hier vorgeführt wie Hunde, hauptsache wir zerfleischen uns schön gegenseitig
    in der Diskussion, wie sinnvoll Masken oder Luftzirkulationen in Innenräumen sind.

  7. 34.

    Der ganze Hygieneplan hinkt hinten und vorne. Wir haben bereits zwei bestätigte Coronafälle an der Schule und das ist vermutlich erst die Spitze des Eisbergs, denn viele Testergebnisse stehen noch aus. Die Hälfte des Kollegiums ist in Quarantäne, ebenso die Klassen 2-4. Die Klasse fünf muss wegen fehlender Lehrer Zuhause bleiben. Und von den Geschwisterkindern der betroffenen Klassen, die weiter in die Schule gehen dürfen, will ich gar nicht erst anfangen. Der Schulbetrieb kann so nicht funktionieren und die Kinder stecken sich aufgrund der nicht sicheren Bestimmungen gegenseitig an.

  8. 33.

    Ja...besonders wenn man die Scheeres damit konfrontiert kommt keine Antwort...Stillschweigen ist Ihre devise.

  9. 32.

    Das größte Menschenexperiment findet momentan in den Schulen statt, während Frau Scheeres mit mehr als 1,5 m Abstand vom Rathaus aus zusieht. Wo bleibt die Fürsorge Lehrer* innen und Schüler *innen gegenüber?

  10. 31.

    Vielen Dank für das Aufgreifen des Themas. Das ganze Konzept ist nur Schein, so auch meine Erfahrung. Allerdings neben einem Kind auf einer Schule, wo es auch ziemlich genauso abläuft, kann ich beim anderen Kind nur sagen: Wenn Schulleitung und Lehrer es ernst meinen mit dem Schutz der Kinder, finden sich auch Regeln, die sinnvoll über die wenig durchdachten Minimalvorgaben des Senats hinausgehen.

  11. 30.

    Es ist einfacher, sich an vorgegebene Regeln zu halten, als gemeinsam mit dem Lehrerkollegium und den Eltern eigene Schritte zu gehen. Das liegt daran, dass man versäumt hat, die praktische Ebene mit einzubeziehen, sondern die Vorgaben fast ausschließlich von Theoretikern ausgearbeitet wurden.

  12. 29.

    Die Schulen sollten sich verpflichten, strenge Trennungen einzelner Lerngruppen auch im Nachmittagsbereich durchzusetzen, um die Durchmischung der Schüler möglichst gering zu halten. Das ist schon kaum realisierbar, völlig absurd ist hierbei jedoch die bestehende und "von oben" verordnete Schwimmpflicht, bei der sich nicht nur Lerngruppen, sondern verschiedene Schulen in Umkleidekabinen und unter den Duschen begegnen... das soll mal einer unter Hygienegesichtspunkten erläutern.

  13. 28.

    Ist ja schön wie die Regeln hier beschrieben werden. Ich schildere den Vorgang auf unserer Schule... keine Extra Eingang oder Ausgang... Kinder werden nicht aufgefordert Hände zu waschen... Kinder sitzen dicht an dicht 32 Schüler zusammen in ei Raum... Fenster werden nur geöffnet wenn die Lieben Kleinen nicht frieren, denn manche Eltern finden es schlimm bei 25 Grad das Fenster zu öffnen... Schulleitung wollte wegen beengten Verhältnissen Maskenpflicht auch im Unterricht, wurde dann aber von der Schulrätin angemahnt das er dies nicht dürfte... also obliegt das auch nicht an der Schulleitung der seine Schule am besten kennt... die Klassenräume werden von mehreren Klassen benutzt....
    Ich finde die Verhältnisse furchtbar und bin für strengere Regeln... es werden doch in den Nachrichten nur die Musterschulen gezeigt...die realität in Berlin sieht anders aus!

  14. 27.

    genauso sieht es aus.
    Außerdem finde ich es erschreckend wie "hörig" alle sind. Nicht falsch verstehen !!! Ich bin absolut AHA und halte mich an alle Regeln.
    Aber sind Schulleiter und Lehrer nicht in der Lage, nach dem Gedanken, dass der Musterhygenieplan in der Praxis nicht umsetzbar ist, einen oder mehrere weitere Gedanken hinzuzufügen - Was könnte an unserer Schule funktionieren ? Es macht keinen Sinn, die Kinder in der Klasse zu trennen, aber im Hort und auf dem Hof nicht - also ändern wird die Hof- und Hortregeln. Warum sollte der Lehrer nicht hinter eine Scheibe sitzen ? Machen wir getrennte Pausenzeiten? Wie machen es andere Schulen ? - oder was auch immer, aber ich habe das Gefühl, dass Meckern geht, aber weiterdenken klappt irgendwie nicht, weil es gibt ja keinen Plan für alle.

  15. 26.

    Die ganzen Regelungen sind nicht bis zu Ende gedacht, ob in der Schule oder anderswo. Teilweise lassen sie sich in der Praxis nicht umsetzen, egal wo (ob Gaststätte, Schule...). Die Reinigung an Schulen ließ meist schon früher zu wünschen übrig. Jede Schule macht ihr Ding, keiner macht es wirklich richtig. In anderen Bereichen ist es nicht anders.

    Wir "fahren auf Sicht" aber "Sicht" hat keiner mehr. Jedes Land, jeder Kreis, jede Stadt andere Regelungen und dann noch alle paar Wochen anders. Da braucht sich auch keiner Wundern, dass die Regeln nicht eingehalten werden, nicht eingehalten werden können. Wir sind Menschen und keine Computer...

  16. 24.

    "Wir haben gar keine Möglichkeit, die Klassen zu separieren, weil wir dafür gar nicht das Personal haben. Im Grunde hätte man nicht zum Regelbetrieb zurückkehren dürfen"

    Wieso "im Grunde"? Wenn die vorgesehenen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können, dann ist ein Regelbetrieb an dieser Schule nicht möglich. Punkt. Das liegt dann aber in der Verantwortung des Schulleiters, nicht des Senates. Mir ist schleierhaft, wieso die Schulleiter vor dem Senat so kuschen. Haben die Angst um ihren Job? Ich denke, daß da einige Schulleiter bereits mit einem Bein im Knast stehen.

  17. 23.

    Wahrheit tut manchmal weh. Auch die Berufsbildenden Schulen haben Probleme. An einer renomierten berufsbegleitenden Schule für Erzieherinnen nimmt an durch fehlenden Mundschutz und Mindesabstand im Unterricht billigend in Kauf, dass im Falle einer Ansteckung mit Corona, andere Einrichtungen durch Ansteckung mit einbezogen werden.Anweisung des Senats. Ohne Worte.

  18. 22.

    Das ist doch leicht zu finden .... wenn man es will
    https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2020-08/corona-sonderweg-schweden-schulen-offen-virusuebertragung-kinder

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