Cottbuser Fans brennen Feuerwerkskörper ab. (Quelle: imago/MIS)
Video: Brandenburg aktuell | 09.05.2017 | Andreas Rausch | Bild: imago/MIS

Recherchen von rbb und PNN - Gewalttätige Fan-Szene in Cottbus - Staatsschutz ermittelt

In der Fan-Szene rund um Fußball-Viertligist Energie Cottbus hat sich laut Insidern ein kriminelles Netzwerk etabliert. Der Staatschutz ermittelt. Recherchen zeigen: Vor allem die Gruppierung "Inferno Cottbus" versucht, die Fans mit Gewalt auf Linie zu bringen.

Nicht erst die jüngsten Ausschreitungen am Rande des Brandenburg-Derbys beim SV Babelsberg 03 haben gezeigt: Zahlreiche Fans des Viertligisten Energie Cottbus neigen zu Gewalt und versuchen dabei, auch andere Energie-Anhänger unter Druck zu setzen. Die Drohungen seien derartig kriminell, heißt es in einem internen Fanforum, dass es kein Wunder sei, dass es inzwischen weder Fahnen noch organisierten Support gebe.

Gemeinsame Recherchen der Potsdamer Neuesten Nachrichten und des rbb zeigen nun das gesamte Ausmaß der Lage in Cottbus.

Wegen rechtsextremistischer Kriminalität ermittelt auch der Staatsschutz innerhalb der Fan-Szene von Energie Cottbus. Bereits im Januar sei eine Ermittlungsgruppe eingerichtet worden, teilte die Polizei am Dienstag mit. Der Leiter der Polizeidirektion Süd, Sven Bogacz, sagte, man wisse, dass diese Szene rechtsextremistisch sei.

"Rechte Mafiastruktur"

Auch der Verein selbst sprach in einer Stellungnahme nach dem Auswärtsspiel in Bautzen Mitte März davon, dass "einige Wenige" den Verein "kaputtmachen" und "die Bühne Fußball für ihre kriminellen Machenschaften ausnutzen". Tatsächlich ist das Problem aber größer. Kenner der Szene und die Polizei sprechen von einem festen Kern von ungefähr 50 bis 60 Personen bei der Gruppierung "Inferno Cottbus", darunter Neonazis, Kampfsportler, Rocker und Hooligans. Etwa doppelt so viele gehörten zum erweiterten Umfeld, schätzt die Polizei. Viele der Personen seien bereits polizeibekannt.

Welchen Einfluss sie haben, zeigte sich eindrucksvoll bei den letzten Heimspielen, bei denen Banner und Gesänge auf Anweisung der Gruppe nur vereinzelt zu sehen und zu hören waren. "Hier gehe es eigentlich nicht mehr um Fußball, sondern um eine sich etablierende rechte Mafiastruktur, die sich das Stadion als Bühne und Rekrutierungsfeld gekapert hat – und mit aller Gewalt ihre Vormachtstellung im Stadion aufrechterhalten will", so ein Insider der Cottbuser Fanszene.

Es fehlt an Zeugen – vermutlich aus Angst

Darüber sprechen möchte kaum jemand. Zu groß sei die Angst vor Repressionen durch "Inferno" und dessen Jugendgruppierung, der "Unbequemen Jugend", heißt es immer wieder hinter vorgehaltener Hand. Das spürt auch die Polizei, die die Gruppierung zwar seit Jahren im Blick hat, der es aber an aussagewilligen Zeugen fehlt, die sich – vermutlich aus Angst – nicht äußern wollen. Ein Polizeisprecher rief am Dienstag Betroffene dazu auf, sich zu melden. "Nach einer Anzeige führen wir Gefährderansprachen durch." Das bedeute, die Beschuldigten würden angesprochen und ihnen deutlich gemacht: "Wenn Ihr Zeugen bedroht, gibt es einen Hapftbefehl", so der Sprecher.

Der Verein selbst steht dem Problem bisher nahezu hilflos gegenüber. Beide Organisationen haben ein Auftrittsverbot im Stadion, vor allem bei Auswärtsspielen tauchen sie aber immer wieder auf. So zuletzt auch bei den Ausschreitungen in Babelsberg, wo führende Köpfe von "Inferno" im Gästeblock gesichtet wurden. Es sei das aktuell schwerwiegendste Problem im Brandenburger Fußball, so Ingo Decker vom märkischen Innenministerium.

Das Problem wird dieses Jahr volljährig

Brandenburgs Innenminister Schröter (SPD) sagte dem rbb, die Fangruppe Inferno sei bereits in Berichten des Verfassungsschutzes erwähnt worden, zum letzten Mal im Jahr 2015. Er begrüße es, dass sich die Vereinsführung von Energie Cottbus klar von dieser Gruppe distanziert habe."Ich denke, es muss eine Ächtung geben", betonte er und kündigte an, gegen diese gewaltätigen und rechten Fangruppen vorzugehen.

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Schuster, rief im rbb Betroffene dazu auf, bei der Polizei auszusagen, damit gegen die Rechtsradikalen konsequent vorgegangen werden könne. "Was zuletzt wieder in Babelsberg stattgefunden hat, das hat mit Fußball nichts mehr zu tun", so Schuster. "Solche Menschen gehören nicht mehr ins Stadion."

Besonders gefährlich sei die Lage aber in Cottbus selbst, sagt ein Energiefan, der seit 15 Jahren aktiv in der Fanszene dabei ist. "Cottbus ist überschaubar, eine Bedrohungslage in dieser Stadt deutlich zu spüren." Seinen Namen möchte er deswegen nicht sagen, zu groß ist die Angst vor "Inferno Cottbus" und der "Unbequemen Jugend". Wann immer jemand im Internet auf die Vorfälle aufmerksam mache, "macht er sich persönlich zur Zielscheibe", so der Fan.

Szene-Kenner werfen dem Verein jedoch vor, die Situation zu lange bestenfalls halbherzig behandelt zu haben. Das Problem werde in diesem Jahr volljährig, sagte ein Fan im Internet und ergänzt: "Ich weiß nicht, wie die Karre aus dem braunen Sumpf wieder rauskommen soll."

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Und warum nutzen Sie als Anzeigebild für das Video vom 09.05. ein Bild von Ultras aus Lüttich? Diese positionieren sich antifaschistisch. Selbst auf dem Bild ist eine Fahne mit der Aufschrift "Antifa" zu verorten. Weiteres kann hier eingesehen werden: http://www.ui96.net/Ultra_Inferno_96

  2. 1.

    Mit Fussball hat das wahrlich nichts mehr zu tun.
    Wenn solche polizeilich bekannt sind warum werden dann keine Konsequenzen gezogen und auf der einer Liste die
    Namen vermerkt und die Zuschauer nur noch nach Vorlage des Personalausweises eingelassen??
    Wer auf der Liste steht kommt nicht rein. Basta.

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