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Regionalliga Nordost in der Corona-Krise - Zu verkaufen: Ein virtueller "Nazis raus"-Ruf für 25 Euro

Die Regionalliga Nordost pausiert bis auf Weiteres. Die Vereine - oft an der Grenze zwischen Profi- und Amateursport - trifft das hart. Wie gehen die Klubs aus der Region damit um? Teil 1 unserer Serie: Zwischen Spendenaufrufen und Kurzarbeit. Von Till Oppermann

Was Sie jetzt wissen müssen

Ende März bekräftigte Erwin Bugar, Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), noch seine Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Am Freitag kündigte sein Verband dann doch an, den Spielbetrieb vorerst komplett einzustellen [nofv-online.de]. Zuvor hatten sich alle Präsidenten der Regional- und Landesverbände im DFB in einer Videokonferenz abgestimmt. Die Vereine der Regionalliga Nordost stehen nun ohne Gewissheit da - und haben mit ganz unterschiedlichen Problemen zu kämpfen. Zehn Klubs aus Berlin und Brandenburg sind betroffen. In einer zweiteiligen Serie beleuchten wir ihre Situation.

Energie Cottbus

Laut Stefan Scharfenberg-Hecht, Pressesprecher des Aufstiegsaspiranten, würde Energie Cottbus die Saison gerne beenden - am liebsten mit Zuschauern. Geisterspiele bedrohten für die Lausitzer die Existenz. "Normalerweise kann man pro Spiel mit 70.000 Euro Ticketeinnahmen kalkulieren." Die Einnahmen aus verbleibenden fünf Heimspielen, beispielweise dem attraktiven Derby gegen Babelsberg, sind im Etat fest eingeplant. "Wir als Verein sind auf die Spieltagseinnahmen angewiesen", sagt Scharfenberg-Hecht. Sollten Geisterspiele angesetzt werden, müsse man überlegen, wo finanzielle Ausgleichszahlungen herkommen könnten.

Um sich aus eigener Kraft gegen die Folgen der Corona-Krise abzusichern, setzt Energie auf eine kreative Spendenaktion. "Wir wollen den Verein gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen immun machen." Deshalb können Unterstützer auf der Homepage sogenannte "Antikörper für Energie" kaufen. "Wir sind schon fast im vierstelligen Bereich und das läuft stetig weiter", berichtet Scharfenberg-Hecht. "Ein sehr beachtlicher Betrag, auf den wir alle stolz sind."

Zudem hat der Verein Kurzarbeit angezeigt, um Kosten zu sparen. Die Entscheidung der Bundesagentur für Arbeit stehe noch aus. Wie die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle, berichtet Scharfenberg-Hecht, befänden sich derzeit ja auch die Spieler im Home-Office. "Die sind jetzt zu Hause in Bayern, Kassel, Berlin, überall, und machen jetzt ihre Übungen."

Dabei tragen sie spezielle Uhren, die über Apps seitens des Trainerstabs ausgewertet werden. "Taktisch kann man jetzt nichts besprechen, es geht darum fit zu bleiben, bis wir wieder trainieren können", sagt Scharfenberg-Hecht. Sein Wunsch: Lasse es die Lage im Land zu, wolle man so schnell wie möglich wieder Fußball spielen.

Berliner AK

"Für mich geht die Gesundheit hundertprozentig vor - danach sollte entschieden werden", sagt Mehmet Ali Han, der Präsident des Berliner AK. Trotzdem wünscht er sich schnelle Gewissheit über ein mögliches Saisonende. "Wir können keine Kaderplanung machen, bis der DFB und der NOFV entschieden haben." Erstmal sei man darauf angewiesen, viele Spieler von einem Verbleib zu überzeugen. "Wir können aber nicht mehr zahlen als bisher."

Zwei oder drei Millionen weniger werden den Proficlubs nicht so extrem wehtun, aber für kleine Vereine sind 50.000 bis 100.000 Euro viel Geld.

Mehmet Ali Han, Präsident des Berliner AK

Denn die Corona-Krise wirkt sich für Fußballvereine auch auf Sponsoren aus. "Derzeit können wir Sponsoren nichts anbieten", bedauert Han. Ist es deshalb schwer, neue Sponsoren zu finden und alte zu halten? "Absolut." Der Verein schaut trotzdem in die Zukunft. Erst am 25. März stellte der BAK mehrere neue Mitglieder im Funktionsteam vor. Auf der Vereins-Homepage heißt es, man wolle sich strukturell und finanziell auf den überregionalen Fußball vorbereiten.

Bezüglich der Beantragung von Kurzarbeit halten sich die Moabiter noch zurück. "Wir warten noch bis Ostern und dann entscheiden wir", sagt Han. Das Training der Spieler wird derweil individuell gestaltet, wie bei Cottbus mit Uhren überwacht und durch die Trainer ausgewertet. Han fordert wirtschaftliche Förderung für die Amateure. "Von der FIFA gibt es über zwei Milliarden für die Profivereine." Dass die Amateurvereine leer ausgehen, sei traurig. "Zwei oder drei Millionen weniger werden den Proficlubs nicht so extrem wehtun, aber für kleine Vereine sind 50.000 bis 100.000 Euro viel Geld." Andernfalls sei die Krise nicht nur für den Berliner Athletik Klub existenzbedrohlich.

Lichtenberg 47

"Geisterspiele sind total schwachsinnig", sagt Benjamin Plötz, der Sportliche Leiter von Lichtenberg 47. "Im Profifußball wird ein Geisterspiel trotzdem durch Fernsehgelder finanziert." Nicht so im Amateurbereich. Die Vereine leben von Einnahmen durch Merchandising, Catering und Ticketverkäufe. Ausgaben hätten die Vereine trotzdem, etwa für Schiedsrichter und Auswärtsfahrten. "Für mich wäre das eine absolute Unlogik, denn am Ende schadet man den Amateurvereinen", sagt Plötz.

Deshalb fordert er für diesen Fall Unterstützung von DFL und DFB. "Wenigstens die Fixkosten müssen gedeckt werden, um den Spielbetrieb hochzuhalten." Instrumente wie Kurzarbeit helfen Vereinen wie Lichtenberg 47 nicht. "Wir haben keine hauptamtlich Angestellten", sagt Plötz. Die Minijobber des Vereins fallen nicht unter diese Regelung. "Wir müssen also diesen Kostenblock weiter stemmen."

Der Arbeit von Plötz verdankt es Lichtenberg, dass der Kader gut für die nächste Saison gerüstet ist. In der Regionalliga haben viele Spieler jeweils nur Verträge für ein Jahr. Bei Lichtenberg sind schon jetzt elf Spieler mindestens bis 2021 gebunden. "Das haben wir immer so gehandhabt. Wenn wir wissen, was wir an den Jungs haben, müssen wir nicht lange warten." Damit noch nicht genug: In der nächsten Woche soll es in Zusammenarbeit mit dem Trainerteam einen "zweiten Aufschlag" geben.

Externe Verpflichtungen gestalten sich derweil schwieriger: "Bei dem einen oder anderen Spieler hätten wir gerne noch ein paar Spiele mehr gesehen." Die Kaderplanung gehe trotzdem weiter, denn: "Der Juni kommt auf jeden Fall." Bis es soweit ist, werben die Lichtenberger auch bei ihren Fans um Unterstützung. Virtuelle Tickets und neue Fanartikel helfen, werden aber nicht die Lösung der Probleme sein. "Die Fans haben jetzt auch andere Sorgen."

Union Fürstenwalde

"Unser Verein wird die Krise trotz der Einbußen gut überstehen", sagt Mathias Maucksch. Er ist Cheftrainer in Fürstenwalde und sieht die Krise als Chance für den Fußball: "Bestimmte Vereine, die über ihrem Limit gelebt haben, müssen sich auch mit bescheideneren Mitteln zurechtfinden." Das könne der gesamten sportlichen Situation helfen.

Die Planung ist im vollen Gange. Ich bin guter Dinge, dass wir für die kommende Saison gut gerüstet sein werden.

Matthias Maucksch, Trainer Union Fürstenwalde

Um die eigene Zahlungsfähigkeit trotz ausbleibender Zuschauerausnahmen zu sichern, hat der Verein eine Spendenaktion im Internet gestartet. Jede Hilfe ist willkommen. "Für uns zählt jeder Euro, vielleicht noch mehr als bei größeren Vereinen", sagt Maucksch.

Geisterspiele sieht der Trainer differenziert: "Vor Publikum mach es natürlich immer mehr Spaß." Sowieso könne es sie nur geben, wenn sie noch einen sportlichen Wert haben. Der ist Maucksch allgemein wichtig. Es müsse Auf- und Absteiger geben, denn: "Genauso wie es Verlierer gibt, gibt es Gewinner."

Bis es soweit ist, trainieren die Spieler individuell. "Ich bin guter Dinge, dass jeder das erfüllt." Der Verein arbeitet derweil weiter am Kader für die nächste Spielzeit. "Die Planung ist im vollen Gange", sagt Maucksch. "Ich bin guter Dinge, dass wir für die kommende Saison gut gerüstet sein werden." In der Zwischenzeit wünscht sich Mathias Maucksch etwas anderes: "Wichtig ist vor allem die Gesundheit und die Rückbesinnung auf die wichtigen Dinge im Leben."

Babelsberg 03

"Wir erwarten, dass die Saison nicht zu Ende gespielt wird", sagt Thoralf Höntze, der Marketingdirektor der abstiegsbedrohten Potsdamer. Der Verein gehe davon aus, dass die Spiele nicht mehr nachzuholen seien, wenn bis Mitte Mai keines ausgetragen werde. "Es sollte zumindest keinen Absteiger geben", so Höntze. "Die Ligen müsste man dann aufstocken." Das sei aus Babelsbergs Sicht die fairste Variante.

Auch in Babelsberg gestaltet sich die Planung der neuen Spielzeit schwierig. "Die meisten Sponsoren wollen ihre Verträge in dieser Situation erstmal noch nicht verlängern." Das sei aber kein Grund für Panik. Die Verlängerungen würden in der Regel erst Ende April, Anfang Mai stattfinden. "Natürlich haben wir Verständnis für Sponsoren, die jetzt erstmal selbst schauen, wie sie klarkommen."

Ähnlich schwierig sei es, am zukünftigen Kader zu arbeiten. Die Spieler befinden sich in Kurzarbeit. Mit einigen solle es trotzdem Gespräche über neue Arbeitspapiere geben. Anders sieht es bei Neuzugängen aus. "Ich glaube, das wird für alle Vereine ein ganz schöner Ritt, total schwierig", meint Höntze. Für ihn sei eine Verlängerung des Transferfensters über den August hinaus denkbar.

Trotz der abgesagten Spiele müssen die Fans nicht auf Fußball verzichten. Bei den "Retrospieltagen" übertragen die Babelsberger zu den abgesagten Ansetzungen wichtige Spiele aus der Vergangenheit des Clubs. Etwa den 3:2-Sieg in der zweiten Bundesliga gegen den 1. FC Union aus der Saison 2001/2002. Außerdem verkauft der Verein Solitickets, die Fans können Schals vorbestellen und es gibt virtuelle Bratwurst - aus Fleisch oder vegan. "Die speziellen Angebote sind Babelsberg-like", sagt Höntze. Man könne sogar den Ruf "Nazis raus" kaufen, wegen dem es einst Zoff mit dem NOFV gab [babelsberg03.de]. Die Aktionen seien gut angelaufen, man könne sich nicht beklagen. Deshalb hofft Höntze: "Dass die Fans zu uns stehen und uns weiter unterstützen."

Beitrag von Till Oppermann

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4 Kommentare

  1. 4.

    Muss man auch erstmal bringen: Sich einen Nazi reinholen (beziehungsweise einen, der in der Vergangenheit kein Problem damit hatte, mit Hardcore-Nazis abhängen und sich durch sie feiern zu lassen, trotz mehrfacher Ansage), und gleichzeitig mit "Nazis raus" Kasse machen, als wäre nichts gewesen. Zumindest in Sachen Bigotterie ist man unschlagbar am Filmpark.

    Hätte man die jetzige Situation vorausgeahnt, hätte man sich die peinliche Aktion, die man auf noch peinlichere Weise schöngeredet hat ("zweite Chance", Unbedenklichkeitserklärung durch "linke" Aufsichtrsrätin etc.), sparen können. Anstelle von Frahn hält nun vermutlich Corona Babelsberg die Klasse. Beide nicht gerade sympathisch, aber die Chemiker haben es ja auf den Punkt gebracht: Im Abstiegskampf sind alle Mittel recht(s).

    Andere Vereine hätten sich nicht getraut, den Typen zu holen. Beim SVB hatte man da weniger Skrupel. Und hat jetzt ebenso wenig welche, die alte Marketingschiene weiterzufahren. Dreist kommt weiter.

  2. 3.

    Saisonabbruch, alles andere wäre ungerecht gegenüber den kleinen Vereinen. Wo der zwölfte Mann („... und sind es auch nur sieben oder acht, die Fans sind eine Macht“!) fehlt, werden die Spieler auch nicht an ihr Limit und darüberhinaus gehen. Jeder Volkssportler kennt die Gänsehaut die einen überfällt, wenn man von der Bülowstrasse auf die Potsdamer einbiegt. KM 37, das ist pures Doping. Wie gesagt, keine Zuschauer, keine Stimmung, keine überdurchschnittliche Leistung, damit wertlos. Abbruch sofort in Liga 3 und 4 !

  3. 2.

    Lieber RBB, super, dass ihr wieder mal nicht alle Regionalliga-Vereine auflistet. Auch der FSV Optik Rathenow oder BFC haben Stellung bezogen...

  4. 1.

    Fürstenwalde erscheinen mir die einzig vernünftigen aus diesem Chor.

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