Spree-Serie | Tagebau-Altlast im Fluss - Wie der Kampf gegen die braune Spree verstärkt werden soll

Di 08.08.23 | 17:56 Uhr | Von Phillipp Manske
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Video: rbb24 Abendschau | 08.08.2023 | Phillipp Manske | Bild: dpa-Zentralbild

Die Spree steht vor einem Jahrhundertproblem: Auf 100 Kilometer ist der Fluss mit Eisenhydroxid belastet. Besonders betroffen ist Spremberg in der Lausitz an der sächsischen Landesgrenze. Und der Weg zu einer klaren Spree ist lang. Von Phillipp Manske

Die Spree ist der prägende Fluss unserer Region. In ihrem Verlauf weist sie etliche Besonderheiten auf. An manchen Stellen geht es ihr gut, an manchen Abschnitten kränkelt sie. Es gibt Passagen mit Neuigkeiten und Neuentwicklungen. Wie steht es um die Spree?

Wenn Charlotte Mahling und Zoe Millinger mit ihren Sportbooten auf der Spree in Spremberg (Spree-Neiße) trainieren, kommen sie der braunen Brühe besonders nahe. Die beiden Mädchen sind im Kanuverein. Nach dem Training gehört das Putzen der Boote lästigerweise dazu - jedenfalls auf der braunen Spree in Spremberg.

"Es ist schon ein bisschen nervig, aber mittlerweile hat man sich daran gewöhnt", sagt Charlotte. Weiße Klamotten können sie hier, anders als bei Wettbewerben auf anderen Gewässern, nicht tragen. "Das geht sehr schwer oder gar nicht raus", so Zoe.

Zoe Millinger und Charlotte Mahling in Kayaks auf der Spree in Spremberg (Foto: rbb/Screenshot)
Charlotte Mahling und Zoe Millinger | Bild: rbb/Screenshot

Charlotte und Zoe sind 14 Jahre alt. Das heißt, sie kennen die Spree bei Spremberg nur braun. Aber das geht nicht nur den beiden Teenagern so. Auch Vereinsmitglied Göran Winter, 53, kennt den Fluss nur braun - mal mehr, mal weniger. "Ende der 1990er ist es schlechter geworden", sagt er. "Klar kenne ich die Spree eigentlich nur von den älteren Generationen, die gesagt haben, dass sie den Fluss früher als Badegewässer nutzen konnten und Grund gesehen haben. Also diesen Zustand habe ich nie gesehen."

Nicht giftig, aber gefährlich für Natur und Tier

Die Ursache für die Braunfärbung der Spree ist eng verbunden mit Geschichte der Region. Der Bergbau, der in der Lausitz für Industrialisierung, Aufschwung und Wohlstand gesorgt hat, ist verantwortlich für die mokkabraunen Spätfolgen in der Spree. Durch den Wiederanstieg des Grundwassers nach dem Ende der Tagebaue werden Sulfat und Eisen aus dem Boden gewaschen und permanent in den Fluss gespült. Das Eisenocker setzt sich als brauner Schlamm am Grund der Spree ab und verfärbt diese braun.

Klar kenne ich die Spree eigentlich nur von den älteren Generationen, die gesagt haben, dass sie Grund gesehen haben - diesen Zustand habe ich nie gesehen

Göran Winter, 53 Jahre alt, Spremberger

Eine Braunfärbung, die Flecken macht, aber nicht giftig ist. Trotzdem ist die schiere Menge gefährlich für Pflanzen und Tiere, deren Unterwasserlebensraum durch den Schlamm regelrecht verklebt wird. Die Gewässer veröden, Tiere finden keine Nahrung mehr.

Laut Sven Radigk vom Bergbausanierungsunternehmen LMBV sind es gewaltige Mengen, die trotz Gegenmaßnahmen seit Jahren täglich in Spremberg ankommen. "Aus dem Quellgebiet kommen heute etwa 4.000 Kilogramm, an anderen Tagen sind es 3.000 Kilogramm." Das sei immer noch deutlich zu viel, sagt er.

Schwieriger Kampf gegen Eisenbelastung

Sven Radigk soll für die LMBV die braune Spree sanieren. Die Bergbauverwaltungsgesellschaft wird vom Bund und den ostdeutschen Braunkohleländern finanziert. Der ureigenste Gründungszweck der LMBV ist, die Narben zu heilen, die der frühere Bergbau einst in die Landschaft gerissen hat - und dessen Wunden bis heute nachbluten.

Von der braunen Spree ist Spremberg besonders betroffen, weil in der Nähe mehrere ehemalige Tagebaue liegen. Über die Spreewitzer Rinne, einen Grundwasserleiter, gelangt das Eisen in die Spree. An mehreren Stellen tritt es diffus ein. Das macht Abwehrmaßnahmen schwierig.

Mehrere Anlagen im Süden Sprembergs, die vorübergehend im Einsatz sind, filtern das Eisenhydroxid aus dem Fluss und fangen nach Angaben der LMBV etwa die Hälfte des Schlamms ab. Ziel sei es aber, die Belastung auf null zu reduzieren. "Zukünftig werden wir mit 80 Filterbrunnen die gesamte Menge abfangen, damit in der Spree insbesondere bereits an der Landesgrenze ein Wert erreicht wird, der unterhalb der Sichtbarkeitsgrenze liegt", sagt Sven Radigk.

Das Wasser, das die Brunnen abfangen, soll in eine Anlage im Ortsteil Schwarze Pumpe geleitet, dort gereinigt und wieder zurück in die Spree geschickt werden.

Für 100 Millionen Euro ist außerdem eine riesige Dichtwand geplant, die verhindern soll, dass das Eisen über das Grundwasser nach Norden strömt. Sie soll sieben Kilometer lang werden und 100 Meter in die Tiefe gehen.

Eine Grafik zeigt, wie sich das Eisenhydroxid Richtung Spremberg ausbreitet und wo eine Dichtwand sowie Brunnen als Gegenmaßnahmen geplant sind (Foto: rbb/Screenshot)Die Grafik zeigt, wie sich das Eisenhydroxid Richtung Spremberg ausbreitet und wo eine Dichtwand sowie Brunnen (gelbe Punkte) als Gegenmaßnahmen geplant sind

Die Dichtwand könnte die ultimative Lösung sein, zumindest für Spremberg. Doch dieses Mammut-Bollwerk wird wohl noch zehn Jahre auf sich warten lassen. Ende der 2030er Jahre könnte es stehen, schätzen die Bergbausanierer von der LMBV.

Gerade rechtzeitig also, wenn Deutschland spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen will. Wenn dann nämlich weniger Grubenwasser aus dem Betrieb der Tagebaue in die Spree geleitet wird, würde bei gleichbleibend viel nachdrückender Eisenbrühe die Konzentration zunehmen - mit womöglich katastrophalen Folgen für den Fluss. Dennoch: Bis die Spree bei Spremberg wieder klar und nicht mehr braun ist, wird es wohl noch viele Jahre dauern.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 08.08.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Phillipp Manske

8 Kommentare

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  1. 8.

    Da müssen sie sich schon beim ehemaligen "Großen Bruder" Sowjetunion bedanken. Denn die zog es vor, ab der zweiten Ölkrise und den dadurch steigenden Preisen, das Rohöl lieber gegen harte Dollar auf dem Weltmarkt zu verkaufen, anstatt für wertlose Valutarubel an den kleinen Bruder DDR. Somit war die DDR gezwungen wieder mehr dreckige, heimische Braunkohle abzubauen. Denn vor den Ölkrisen war die DDR voll auf dem etwas saubereren Erdöl. Die einsetzende massive Elektrifizierung der DDR-Reichsbahn ab Anfang der 80er mit Braunkohlestrom war übrigens eine Folge davon. Zuvor setzte die DDR fast ausschliesslich auf Dieselloks.

  2. 7.

    Ohne Kohle keine Industrialisierung. Ohne Industrialisierung keine humane Revolution.
    Herrlich das frühe 18. Jahrhundert hatte für so viele Menschen Vorteile :-)

    Ja! Fossile Energie ist doof! Wissen wir jetzt. Und ja wir steigen aus. Richtig. Und jetzt?? Wird alles besser?
    Das bleibt abzuwarten!

  3. 6.

    Kann man das Zeug nicht als Tee oder Kaffeeersatz nutzen?
    Oder als Schlammbad für Kuren?

  4. 5.

    Tja, wer über Jahrzehnte fossile Rohstoffe ohne Gegenleistung aus der Erde holt und daraus noch Profit schlägt, muss halt auch irgendwann dafür zahlen. Ökonomisches Grundprinzip: Es gibt nichts umsonst.
    Nur leider müssen nun diejenigen dafür zahlen, die dafür nicht verantwortlich sind und das Erbe nicht ausschlagen können.

  5. 4.

    Wem nutzt denn diese ständige Polemik?
    Wenn die Menschheit vor ca. 200 Jahren nicht von Holz auf Kohle umgestellt hätte, hätten wir jetzt gar keine Wälder mehr (siehe Großbritannien und Irland, das waren mal stark bewaldete Inseln).
    Alles hat seine Zeit und seine Preis und der Kapitalismus in seiner Gier setzt dem ganzen die Krone auf.
    Aber den halten die meisten Menschen ja für alternativlos.

  6. 3.

    Und vor allem für die Menschen die für immer ihre Heimat verloren haben.
    Von Seegen ist nichts übrig geblieben, nur noch Fluch und Kosten für Generationen.

  7. 2.

    Muss man einfach mal sagen, der Braunkohleabbau war einfach super fürs Klima und die regionale Natur.

    Man sollte gar nicht damit aufhören. Niemals.

  8. 1.

    Die guten Ewigkeitskosten. Nach ein paar Jahrzehnten ist da mehr Geld zusammen gekommen als man je aus dem Bergbau eingenommen hat. Im Westen dauert es nicht mehr lange bis die Pumpen insgesamt mehr Strom verbraucht haben als man aus der Steinkohle gewonnen hat, aber abschalten darf man sie dann natürlich trotzdem nicht.

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