Wasser-Untersuchungen - Salzgehalt in der Oder unvermindert hoch

Di 13.12.22 | 20:10 Uhr
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Die Fischereibiologen Christian Wolter (r-l), Lutz Wende und Jan Hallermann vom Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) sammeln mit Hilfe von Elektroangel und Kescher Fische aus dem Fluss Oder bei Reitwein. (Foto: Frank Hammerschmidt/dpa)
Bild: Frank Hammerschmidt/dpa

Messwerte in der Oder zeigen weiter einen hohen Salzeintrag an. Der Verursacher ist noch unbekannt. Ein Gewässerökologe warnt vor einer neuen Umweltkatastrophe - und sieht eine Verbindung zum Oder-Ausbau.

Die Oder führt unvermindert sehr viel Salz im Flusswasser mit sich. Das haben neue Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ergeben.

Den Daten zufolge wurden in der unteren Oder über 1.400 Mikrosiemens je Zentimeter gemessen. Dort sei das Wasser allerdings durch den Fluss Warthe verdünnt, berichtete Gewässerökologe Christian Wolter am Dienstag. Bei Frankfurt (Oder) lägen die Werte aktuell sogar regelmäßig über der Messbereichsgrenze von 2.000 Mikrosiemens je Zentimeter.

Hintergrund - Mikrosiemens

gibt die elektrische Leitfähigkeit des Wassers an. Normalerweise leitet reines Wasser keinen Strom. Erst im Wasser gelöste Stoffe - wie Chloride oder Sulfate - machen es leitfähig. Somit kann man sagen: Je verschmutzer das Wasser ist, desto höher ist der Leitwert.

Als Inbegriff eines reinen Wassers gilt Quellwasser. Es hat einen Leitwert von 80 bis 130 Mikrosiemens. Gesundes Trinkwasser sollte nach wissenschaftlichen Studien einen Leitwert von höchstens 160 Mikrosiemens aufweisen.

Bei einem höheren Leitwert steigt die Krankheitsrate der Bevölkerung signifikant an. Nun ist Flusswasser kein Trinkwasser, aber dennoch gelten Werte von mehr als 1.000 Mikrosiemens als hoch, 1.900 und darüber hinaus wie am Pegel Frankfurt (Oder) schon als extrem hoch.

Salzgehalt war Mitursache für Fischsterben

Eine Umweltkatastrophe hatte im August in der Oder zu einem großen Fischsterben geführt. Auf deutscher und polnischer Seite verendeten nach Angaben des Bundesumweltministeriums schätzungsweise mindestens 350 Tonnen Fische. Experten gehen davon aus, dass ein hoher Salzgehalt im Fluss ein wesentlicher Grund ist, verbunden mit Niedrigwasser, hohen Temperaturen und einer giftigen Algenart. Hunderte chemische Substanzen können nach Ministeriumsangaben als Mitverursacher der Umweltkatastrophe in Frage kommen.

Gewässerökologe Wolter nannte mit der Durchflussgeschwindigkeit noch eine andere Komponente, die sich negativ auswirken kann. Der Durchfluss in der Oder liegt Wolter zufolge aktuell bei 130 Kubikmetern pro Sekunde, zur Zeit der Umweltkatastrophe im August dieses Jahres waren es nur 85 Kubikmeter je Sekunde. "Da geht also weiterhin massiv Salz in die Oder", schätzte Wolter ein.

Es sei dringend notwendig, bis zum kommenden April die Einleitgenehmigungen von zulässigen Frachten umzustellen und die Leitfähigkeit bei maximal 1.400 Mikrosiemens je Zentimeter zu begrenzen. Das müsste von polnischer Seite aus geschehen. "Andernfalls haben wir die Katastrophe im kommenden Jahr wieder." Momentan sehe er keine Anstrengungen in diese Richtung, so der Experte.

Experte stellt sich gegen Oder-Ausbau

Das Fischsterben hatte zu Verstimmungen im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen geführt. Polen pocht zudem weiter auf einen Ausbau der Oder, Deutschland will einen Stopp. Das Land Brandenburg klagt vor dem Verwaltungsgericht Warschau gegen den Ausbau, weil bei aktuellen Maßnahmen zum Flussausbau Auswirkungen auf die Umwelt und vor allem die angrenzenden Auen in der grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfung nicht ausreichend dargelegt sind.

Forscher Wolter stellt sich noch einmal klar gegen den Ausbau der Oder. Betrachte man die mittelbaren Ursachen der Oder-Katastrophe, dann begünstigten Niedrigwasser und höhere Verweilzeiten des Wassers Algenblüten, stellte er dar. Der Ausbau werde das Einsetzen und die Dauer von Niedrigwasserperioden fördern, weil er das Wasser im Frühjahr schneller ins Meer ableite, schätzte Wolter ein. Das führe auch zu einer Tiefenerosion. Zudem sinken bei geringeren Durchflüssen die Wasserspiegel weiter ab und die Landschaft werde entwässert.

Bundesumweltministerin: keine "kleine Reparatur"

Bei einem Besuch im Nationalpark Unteres Odertal am Montag hatte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) gesagt, sie sei zum Thema Ausbau der Oder mit Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) im Gespräch. Es gehe beim Ausbau in Polen nicht um eine "kleine Reparatur" sondern um eine tiefgreifende Veränderung des Ökosystems - auch für die Fischbestände.

Sendung: Antenne Brandenburg, 13.12.2022, 17:30 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    „Messwerte in der Oder zeigen weiter einen hohen Salzeintrag an. Der Verursacher ist noch unbekannt.“

    So, so, der Verursacher ist also noch unbekannt. Und ich dachte immer man müsse bei „völliger Unkenntnis“ die Leitwertmessung entsprechend nur solange sukzessive stromaufwärts wiederholen bis man die Stelle gefunden hat?

    Wir reden hier von NaCl und nicht von schwer detektierbaren Toxinen.

  2. 1.

    Der "Informationskasten" ist gut und erklärt einiges! Das bitte auch in die polnische Seite 'einfiltern'! So kann sich jeder selber einen Reim machen, was die Werte so bedeuten. Wir sind von einem ökologisch g u t e n Zustand eines Fließgewässers aber wirklich noch ziemlich weit entfernt. Was es bedeutet, den Fluss dazu noch technisch auszubauen, wird auch gleich erläutert. Also, wenn nicht an den Ursachen der Überfrachtungen gearbeitet wird, dann kann man sich jedes Jahr auf tote Fisch- Suche begeben, was dann immer spärlicher ausfallen wird, denn welches Fischlein will denn solche Brühe "trinken"?- oder exakter durch seinen Körper lassen? Tja, man kann sich Fransen an die Gusche reden: Gedankenexperiment, würdest du das Oderwasser trinken? Ist sehr drastisch, klar. -Anderes Wasser is nich! - Ankleben geht auch nicht!

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