Verschuldung in Berlin und Brandenburg - "Mehr Sparen geht nicht"

So 13.03.22 | 11:33 Uhr
Eine Frau mit einer Einkaufstüte geht am verkaufsoffenen Sonntag durch die Innenstadt auf einem Gehweg, auf den rotes Licht aus einem Schaufenster fällt (Quelle: dpa / Daniel Bockwoldt) .
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Video: rbb|24 | 13.03.2022 | Autoren: Sebastian Schneider und Stefan Oberwalleney | Bild: dpa / Daniel Bockwoldt

Die finanziellen Folgen der Pandemie bekommen viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erst noch zu spüren, sagen Experten. Dazu kommen drastisch gestiegenen Energiekosten. Hier erzählen Betroffene, wie es sich anfühlt, Schulden zu haben.

Steffi, Brandenburg:

Ich komme sehr schlecht zurecht. Mir wurde die Miete erhöht, Lebensmittel werden auch immer teurer. Ich arbeite als Medizinische Fachangestellte in einer Arztpraxis. Ich bin täglich auf mein Auto angewiesen, um auf Arbeit zu kommen. Durch die extrem gestiegenen Spritpreise ist es mittlerweile so, dass es sich kaum noch lohnt, überhaupt arbeiten zu gehen. Alles wird teurer, aber die Löhne steigen nicht genug. Inzwischen habe ich dasselbe Geld zum Leben wie ein Hartz-IV-Empfänger - ohne das zu verurteilen.

Dass mir bewusst wurde, dass man alleinstehend kaum noch finanziell über die Runden kommt, war letzten Sommer, würde ich sagen. Da habe ich gemerkt, dass ohne einen Dispo-Kredit kaum noch was geht. Die Rücklagen waren aufgebraucht. Und wenn dann spontane Kosten kommen wie eine Autoreparatur, geht es gar nicht mehr ohne.

Getränke kaufe ich nur selten - gibt ja Tee oder Leitungswasser.

Steffi

Momentan bleibt nichts mehr übrig am Monatsende, ich bin knapp 1.000 Euro im Dispo. Ich habe Versicherungen und meinen Mietvertrag für einen Dauerparkplatz gekündigt, laufe weiter zur Arbeit. Außerdem versuche ich an Nahrungsmitteln zu sparen. Obst lasse ich weg, Kinderschokolade, die ich so sehr liebe, leiste ich mir nur noch sehr selten. Ansonsten achtet man halt drauf, welches Brot grad im Angebot ist. Getränke kaufe ich nur selten - gibt ja Tee oder Leitungswasser. Aber ansonsten habe ich alle Sparmöglichkeiten ausgeschöpft, es gibt keine Abos oder Verträge mehr, die ich noch kündigen könnte.

Teilweise schäme ich mich. Dann ärgere ich mich, dass ich einen Job im Gesundheitswesen habe. In der Privatwirtschaft ist man halt immer, um es auf Deutsch zu sagen, am Arsch. Für kleine Firmen oder auch Arztpraxen gibt es einfach keine Gewerkschaft, die für dich einsteht. Oder wo Tarifverträge was zählen. Und ein weiteres großes Ärgernis ist nach 30 Jahren immer noch der große Verdienstunterschied zwischen Ost- und Westdeutschland.

Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich eine neue Küche kaufen. Die ist schon sehr in die Jahre gekommen. Oder mal in den Urlaub fahren. Das wäre ein Traum. Aber Land in Sicht sehe ich leider nicht. Solange sich in der Politik nichts ändert, wird es so bleiben.

Manchmal mache ich mir große Vorwürfe, dass ich eine schlechte Mutter bin.

Mandy

Mandy, Potsdam:

Ich bin alleinerziehend, meine Söhne sind 16 und 13 Jahre alt. Ich gehe zwar Vollzeit als Briefträgerin arbeiten, bekomme aber keinen Unterhalt für die Kinder. Nur das Geld vom Jugendamt. Netto habe ich etwa knapp 1.800 Euro zur Verfügung. Beide Kinder verbrauchen natürlich auch viel Strom, weil so lange Zeit Home-Schooling war. Ich wurde auf 80 Euro pro Monat hochgestuft, selbst das Essen ist teurer geworden. Ein Liter Milch kostet mittlerweile 80 Cent, das ist Wahnsinn. Ich muss für eine Woche Urlaub an der Ostsee ein Jahr lang sparen, das ist doch nicht normal. Selbst die Miete wurde erhöht auf 930 Euro. Wie soll man da noch was bezahlen können?

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Ich bin schwerbehindert und brauche lebenswichtige Medikamente, die ich auch noch zuzahlen muss. Wenn ich meinen besten Freund nicht hätte, der mir manchmal aushilft, dann hätte ich mir manchmal keine Medikamente kaufen können. Dann hätte ich gehungert. Außerdem schlafe ich auf der Couch, damit meine Jungs ein eigenes Zimmer haben, weil ich mir eine größere Wohnung gar nicht leisten kann. Zuerst habe ich am Weggehen gespart, Kino, Essen gehen, Sportvereine für die Jungs. Essen in der Schule ist auch nicht drin, das kostet auch 50 Euro im Monat.

Man schämt sich, dass man 40 Stunden die Woche arbeiten geht, und dann fast gar nichts zum Leben hat. Da stimmt was nicht. Die Kinder sehen mich wirklich nur zum Abendbrot. Dann bist du total fertig und gehst ins Bett. Manchmal mache ich mir große Vorwürfe, dass ich eine schlechte Mutter bin. Ich kann Mütter verstehen, die gar nicht arbeiten gehen. Die Kinder kriegen dann beispielsweise Essensgeld bezahlt. Wenn ich einen Antrag darauf stelle, lehnt man den ab, weil ich ja arbeite.

Nur wenn man redet, kann man helfen.

Philipp

Philipp, Brandenburg an der Havel:

Meine Mutter arbeitet im Hotel, die bekanntermaßen ja fast am stärksten von Corona-Einschränkungen betroffene Branche. Sie hat über sechs Monate hinweg nur knapp 750 Euro Lohn bekommen, von normal 1.400 Euro. Davon bezahlen wir aber schon 550 Euro Miete. Um Lebensmittel zu kaufen, haben wir zwei bis drei Mal keine Miete überwiesen und Daueraufträge zurückgestellt. Das läppert sich dann so. Allein die Mietschulden waren ca. bei 1.300 Euro, da gab es bislang noch keine Einigung. Dazu Stromschulden von knapp 250 Euro, die Hälfte haben wir inzwischen abbezahlt. Der Vermieter hatte kein Verständnis.

Wir sind im Oktober nach Brandenburg an der Havel gezogen. Einerseits wohnen meine Großeltern und Eltern meiner Mutter dort. Andererseits sparen wir knapp 150 Euro an Miet- und Stromkosten pro Monat. Wir prüfen mit Hilfe einer Schuldnerberatung gerade unsere angefallenen Schulden, zum Teil haben wir uns auch schon außergerichtlich geeinigt. Sie haben uns als Erstes dazu geraten, alle Papiere zu sortieren, damit wir wirklich einen haargenauen Überblick haben.

Ich habe sehr viele meiner Abos gekündigt. Netflix, Spotify und so. Meine Mutter hat bei den Lebensmitteln angefangen und ein paar andere Marken und Supermärkte genutzt. Sie ist Raucherin und auch da hat sie ihren Konsum deutlich reduziert. Sie kann inzwischen wieder voll arbeiten.

Die Geldsorgen hat sich meine Mutter kaum anmerken lassen. Ich finde es toll, dass sie immer optimistisch geblieben ist. Ich denke, die ganze Situation hat uns zusammengeschweißt. Mittlerweile habe ich einen 450-Euro-Job angenommen, um meiner Mutter unter die Arme zu greifen. Im Herbst beginne ich eine Ausbildung, davon erhoffe ich mir, dass es dann besser für uns beide wird.

Wenn ich einen Tipp hätte, den man aus unserer Situation vielleicht ziehen kann: Man sollte soziale Kontakte haben, mit denen man sich aussprechen und um Rat bitten kann. Das ist das Wichtigste. Nur wenn man redet, kann man helfen.

Wir schlafen schlecht und streiten ohne Grund, weil die Situation total belastend ist.

Meryem*

Meryem*, aus Berlin

Mein Mann ist selbstständiger Kleinunternehmer. Wir haben zwei Kinder, acht und zwölf Jahre alt. Am Anfang der Pandemie hat es uns total erwischt. Mein Mann hatte kein Einkommen mehr gehabt. Und ich habe nur eine 20-Stunden-Stelle im sozialen Bereich. Mein Gehalt reicht gerade für die Miete. Wir hatten auch vorher nicht viel Geld, aber uns ging es finanziell gut. Zum Glück kam die erste Soforthilfe, dadurch konnte mein Mann seine Kosten decken wie etwa die Autorate. Aber ich habe meinen kompletten Schmuck verkauft, den ich eigentlich meinen beiden Kindern vererben wollte. Das haben wir beide bis jetzt nicht verkraftet. Dann haben wir beide unseren Dispo bis zum Limit überzogen. Und einen kleinen Kredit musste ich auch nehmen, da mein Mann schwer einen Kredit bekommt, wegen seiner Selbstständigkeit.

Wir sind jetzt verschuldet mit etwa 5.000 Euro. Richtigen Urlaub haben wir seit Beginn der Pandemie nicht mehr gehabt. Zur Zeit ist daran gar nicht zu denken, obwohl wir ihn alle dringend brauchen. Es geht uns beiden schlecht. Wir schlafen schlecht und streiten ohne Grund, weil die Situation total belastend ist. Die Arbeit läuft zwar wieder jetzt besser, aber es reicht gerade so zum Leben, da alles teurer wird und wir ja auch unsere Schulden noch abbezahlen müssen. Mehr Sparen geht nicht. Unsere Hoffnung ist der Sommer. Dann ist das Auto meines Mannes abbezahlt, und ich kann meine Arbeitsstunden erhöhen.

Wir haben gelernt, unsere Zeit als Familie besser zu schätzen. Und dass Selbständigkeit - auch wenn es zeitlich für die Familie von Vorteil war, weil mein Mann sich seine Zeit einteilen kann - eine finanzielle Katastrophe werden kann.

Aber vor allem habe ich gelernt, dass wir in Deutschland soziale Ungerechtigkeit haben. Ich kenne Leute, die konnten sich Häuser kaufen während der Pandemie. Und dann gibt es Menschen wie uns. Ich würde daran einiges ändern. Erstmal, dass die Leute im sozialen Bereich genauso gut verdienen wie in der freien Wirtschaft. Ich würde Kleinunternehmer:innen, die ihre Familie davon ernähren, niedrigere Steuern zahlen lassen. Und einführen, dass es Zuschüsse für Schulsachen auch für Normalverdiener gibt.

Im Februar hatte ich schon mehr als eine Woche vor Monatsende nichts mehr übrig. Das ist in den letzten sieben, acht Tagen meistens so.

Nadine

Nadine aus Berlin:

Ich arbeite im Bereich Marketing und Kommunikation und verdiene 2.200 Euro brutto. Die Sozialabgaben sind sehr hoch, da ich alleinstehend bin. Ich habe eine Dyskalkulie und bin schlecht mit Zahlen. Ich versuche aber so gut es geht, immer ein bisschen Geld auf mein Sparkonto einzuzahlen. Ich habe unter anderem Asthma, mehrere Allergien und ein Rückenleiden.

Ich habe zu Beginn des Jahres einen Kredit aufnehmen müssen, um unter anderem die Betriebskosten zu zahlen. Lebensmittel kaufe ich für maximal 30 Euro in der Woche. Den Kredit zahle ich nun in fünf Jahren ab. Ich bin es eigentlich gewohnt, mit wenig Geld auskommen zu müssen, seit ich im Berufsleben stehe. Tatsächlich kaufe ich seit Beginn des Jahres allerdings weniger Obst und Gemüse. Und ich schaue mehr nach Angeboten und Rabatten. Der einzige Luxus ist meine Dauerkarte bei Union Berlin. Ich boxe mich irgendwie durchs Leben.

Ich mache mir allerdings jeden Tag Sorgen, der Kredit ist nämlich fast aufgebraucht. Immerhin wurde mein Arbeitsvertrag entfristet, das gibt ein wenig Plansicherheit. Aber die extrem steigenden Preise machen mir Angst. Ich lege sogar Vorräte an. Im Februar hatte ich schon gut eine Woche vor Monatsende nichts mehr übrig. Das ist in den letzten sieben, acht Tagen meistens so. Ich taue dann zum Beispiel eingefrorenes Brot auf.

Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich als erstes eine neue Couch kaufen oder mir ein schönes Wochenende im Spreewald machen. Wenn ich entscheiden dürfte, würde ich die Steuerabgaben für Alleinstehende im Vergleich zu Paaren und Familien nicht so hoch ansetzen. Nicht jeder ist freiwillig allein oder unverheiratet. Und ich würde tatsächlich Reiche steuerlich mehr belasten.

Dass es mehr als das Existenzminimum ist, haben wir nur unserem Chef zu verdanken.

Roman

Roman aus Berlin:

Ich habe gerade mehr als 1.000 Euro Kreditkartenschulden, unerwartete Kosten machen mir große Angst. Ich bekomme es mit meinen laufenden Einnahmen einfach nicht mehr hin, diese Schulden und meinen Lebensunterhalt gleichzeitig zu decken.

Viele medizinische notwendige aber nicht verschreibungspflichtige Produkte kann ich mir nicht leisten. Ich fahre meistens nur mit dem Fahrrad überall hin, um zu sparen. Wenn ich normal einkaufe und koche, ist das Geld immer zu knapp und ich bin oft gezwungen, etwas weniger gesundes zu essen. Dabei verdiene ich in meinem Job in einer sozialen Beratungsstelle schon besser als manche Kollegen und Kolleginnen woanders.

Für mich ist vor allem schwierig, wie in Deutschland die Nebenkosten für Strom, Wasser und Gas angerechnet werden. In Amerika, wo ich 20 Jahre lang gelebt habe, bekommt man jeden Monat eine Rechnung, das ist übersichtlicher und verursacht keinen Schlag einmal im Jahr. Ich muss aber auch sagen: In Amerika könnte ich es mir nicht leisten, alleine zu leben, die Lebenshaltungskosten sind viel höher. Hier habe ich eine eigene Wohnung, die ich als ein Privileg wahrnehme. Trotzdem muss ich über jeden einzelnen Euro nachdenken.

Man stopft immer nur Löcher und reißt damit andere auf. Nie darf etwas Außerplanmäßiges passieren.

Cynthia

Cynthia, Berlin:

Ich vermute, dass es vielen Menschen in meinem Alter, die aus Familien kommen, in denen es kein Vermögen gibt, so geht wie mir. Man gewöhnt sich irgendwann daran, immer mal wieder in den Dispo zu rutschen. Aber unterbewusst begleitet und belastet es einen ununterbrochen, man schaltet davon nie wirklich ab. Ich bin noch nicht einmal 30 und zahle schon zum dritten Mal einen Kredit ab, den ich nehmen musste, um meinen Dispo irgendwann mal auszugleichen oder auch beispielsweise, um bei einem Umzug, die Kaution und andere anfallende Kosten zu begleichen. Man stopft immer nur Löcher und reißt damit andere auf. Nie darf etwas Außerplanmäßiges passieren. Dieses Gefühl wird zu einem Dauerzustand.

Gesprächsprotokolle: Sebastian Schneider, rbb|24

*Namen auf Wunsch der Betroffenen geändert.

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