Rechercheprojekt "Geld.Macht.Katar" - Katars Geld für Berliner Moscheevereine

Do 22.09.22 | 07:23 Uhr | Von Sascha Adamek und Pune Djalilevand
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Audio: rbb24 Inforadio | 22.09.22 | Sammy Khamis | Bild: rbb

Ein brisantes Video aus Katar sowie Dokumente von katarischen Wohltätigkeitsorganisationen deuten darauf hin, dass aus Katar Millionen Euro an Berliner Moscheevereine geflossen sein könnten. Von Sascha Adamek und Pune Djalilevand

Der Moscheeverein "Neuköllner Begegnungsstätte" (NBS) – auch bekannt als "Dar-as-Salam-Moschee" ist bestens vernetzt mit der Berliner Landespolitik. Der Imam Mohamed Taha Sabri gehört zu den bedeutendsten muslimischen Persönlichkeiten der Hauptstadt. Aus den Händen des früheren SPD-Regierenden Michael Müller erhielt er 2015 den Landesverdienstorden Berlins.

Ein öffentliches Foto zeigt die heutige grüne Senatorin Bettina Jarasch 2019 bei einer Umarmung mit Sabri. Bereits 2017 fragten wir in einem Interview der Abendschau Imam Sabri, ob die Neuköllner Begegnungsstätte von Spenden aus dem Ausland profitiere. Die Frage, ob es Quellen von ausländischen Geldgebern gebe, verneinte er eindeutig: "Nein, haben wir nicht."

"Diese Moschee ... wurde ... durch Menschen aus Katar gekauft"

Ein bislang hierzulande unbekanntes Video klingt hingegen ganz anders. Es handelt sich um ein Video in arabischer Sprache, produziert von der Qatar Charity – selbst deutschen Sicherheitsexperten soll es bislang unbekannt sein. Zu sehen ist Sheikh Ahmed Hammadi, ein Vertreter der Qatar Charity zu Besuch bei Imam Sabri in der Neuköllner Begegnungsstätte. Sabri bedankt sich darin herzlich bei den Spendern: "Diese Moschee wurde im Jahr 2007 Gott sei Dank mit der Hilfe und der Übernahme des Großteils der Kosten durch Menschen aus Katar gekauft. Möge Gott ihnen für Ihre Taten danken."

Für ein Interview zum Thema Finanzierung stand uns Imam Sabri nicht zur Verfügung. Eine Pressesprecherin verwies fernmündlich darauf, dass man früheren Aussagen nichts hinzuzufügen habe. Auch "Qatar-Charity" ließ unsere Anfrage unbeantwortet.

Zum ersten Mal hat ein Investigativ-Team der ARD-Politikmagazine Kontraste und report München sowie der Wochenzeitung "Die Zeit" bislang unbekannte Dokumente zweier katarischer Wohltätigkeitsorganisationen im Hinblick auf Bezüge nach Deutschland ausgewertet. Darunter finden sich Zahlungspläne, Bitt- und Dankschreiben zwischen den Vereinen und den Wohltätigkeitsorganisationen mit Sitz in Doha.

"Qatar Charity" soll Geldströme für religiöse Zwecke in alle Welt lenken

Die Wohltätigkeitsorganisationen, eine davon heißt "Qatar Charity", werden von Mitgliedern der Herrscherfamilie kontrolliert und sollen dafür sorgen, Geldströme sicher für caritative und religiöse Zwecke in alle Welt zu lenken. In den Dokumenten finden sich Hinweise auf Moscheevereine in Hamburg, Bielefeld, Bonn, Essen, Frankfurt (Main), Offenbach, Heidelberg, Ulm und München. Bei allen Vereinen bleibt allerdings unklar, ob am Ende auch tatsächlich Geld aus Katar geflossen ist. Laut den Dokumenten könnte das in Berlin-Wedding ansässige "Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung", abgekürzt IZDB möglicherweise der größte Nutznießer in Deutschland gewesen sein: Das IZDB könnte demnach mit umgerechnet rund sechs Millionen Euro bedacht worden sein.

Unter den Dokumenten findet sich ein Brief von Qatar Charity, adressiert an das IZDB. Er enthält als Anhang einen Überweisungsplan für das Jahr 2012. Laut diesem Plan sollte das IZDB im Jahr 2012 anscheinend über eine Million Euro erhalten, in den Jahren 2013 bis 2016 fünf Millionen Euro. Ob das Geld jedoch tatsächlich floss, beweisen die Dokumente nicht. Eine Anfrage hierzu ließ das IZDB unbeantwortet.

"European Trust" ist der Muslimbruderschaft zuzuordnen

Auch Qatar Charity reagierte nicht. In Doha residiert der wichtigste Gelehrte der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi. Auch von hier aus wird das weltweite Netzwerk der Muslimbruderschaft koordiniert – der wohl größten global aktiven islamistischen Organisation. Da die Muslimbruderschaft aber eine international agierende Geheimgesellschaft ist, findet sich in Deutschland kaum jemand, der sich zu ihr bekennt. Doch zuweilen finden sich bei manchen Vereinen Berührungspunkte mit der Ideenwelt der Muslimbruderschaft. So gehören das Gelände und die Immobilie des "Interkulturellen Zentrums für Dialog und Bildung" (IZDB) in Berlin-Wedding dem britischen "Europe Trust".

Am 19. Dezember 2012 bezahlte die Organisation 4 Millionen Euro für das mehrstöckige Fabrikgebäude. Laut einem britischen Parlamentsbericht von 2020 ist der Eigentümer des Fabrikgebäudes der "European Trust" der Muslimbruderschaft zuzuordnen – eine Einschätzung, die deutsche Sicherheitsbehörden teilen. Das allein bedeutet nicht, dass auch das IZDB eine Organisation ist, die zum Netzwerk der MB gehört, doch es gibt Berührungspunkte mit der Ideenwelt der Muslimbruderschaft: Noch im Dezember 2021 lud der Verein wichtige islamische Religionsvertreter zu einem Treffen ein, darunter auch: Ali Al Qaradaghi aus Katar. Er ist der Generalsekretär der "Union Muslimischer Gelehrter", eine globale Organisation, die nach Meinung von Experten den Muslimbrüdern nahesteht.

Vereine dem Verfassungsschutz bekannt

Der Berliner Verfassungsschutz erwähnte von 2014 bis 2016 die Vereine NBS und IZDB in seinem Bericht. Er habe Hinweise, dass sie mit Anhängern der Muslimbruderschaft in Verbindung stünden. Nachdem die NBS erfolgreich gegen die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht klagte, verschwanden ihre namentliche Erwähnung aus dem Bericht – auch die des IZDB. Das Gericht stellte in dem Beschluss zur "Neuköllner Begegnungsstätte" von 2018 allerdings ausdrücklich fest: "Die Beobachtung des Vereins durch den Verfassungsschutz ist dadurch nicht ausgeschlossen."

Die Vereine selbst hingegen legen öffentlich großen Wert auf die Feststellung, auf Dialog bedacht zu sein und das Grundgesetz zu achten und auf Dialog bedacht seien. Aber wie relevant sind – jenseits der beiden Beispiele - die möglichen Geldflüsse aus Katar für die Sicherheit und die Integrationsfähigkeit westlicher Gesellschaften?

Bruderschaft sendet Muslimen Botschaft: "Der Westen hasst euch"

Professor Lorenzo Vidino ist Programmdirektor für Extremismus an der George Washington Universität in Washington DC und erforscht seit langem die Muslimbruderschaft im Westen. Er kritisiert ihre soziale Agenda als für westliche Gesellschaften "äußerst problematisch". Es handele sich um eine identitäre Botschaft, die der von rechtsextremen Gruppen stark ähnele: "Die Bruderschaft sendet den Muslimen die Botschaft: Ihr gehört nicht zum Westen. Der Westen hasst euch, wegen des Islam – integriert euch nicht in die Gesellschaft!"

Der Außenminister Katars wiegelt ab In einem exklusiven Interview mit Kontraste, report München und Die Zeit beschwichtigt der katarische Außenminister, Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani: "Ich habe wirklich keine Ahnung von den Moscheen der Muslimbruderschaft in irgendeinem Land oder irgendeiner Stadt in Europa."

Die Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen Katars unterstützten Projekte "nicht ausgehend von der Ideologie der Menschen in diesen Ländern oder diesen Einrichtungen." Er könne versichern, dass "unsere Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen" in voller Übereinstimmung mit den Regierungen arbeiten" und die Vorschriften in Deutschland respektieren. Damit spielt der Minister den Ball zurück an die deutschen Sicherheitsbehörden und die deutsche Politik.

Recherche-Team: Sammy Khamis, Joseph Röhmel (alle BR), Yassin Musharbash (Die Zeit) Mehr dazu am 22.09.2022 um 21.45 Uhr in Kontraste im Ersten. Eine lange Fassung der Recherche "Geld.Macht.Katar." finden Sie auch in der ARD Audiothek und ab 16 Uhr die gleichnamige Dokumentation.

Sendung: rbb24 Inforadio, 22.09.2022, 10:00 Uhr

Beitrag von Sascha Adamek und Pune Djalilevand

8 Kommentare

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  1. 7.

    Was für ein Kontrastprogramm zu dem, was gerade im Iran passiert. Mahsa Amini fiel nach dem Auftreten der Sittenpolizei ins Koma und starb. Hier in eigentlich Freiheit lebend .... ä-hm, ja...

  2. 6.

    Immer noch besser Gelder aus Katar, als unsere Steuergelder, was bei unserer Regierung auch denkbar wäre!

  3. 5.

    Katar, die Wiege der Demokratie.... :))

  4. 4.

    Geld, Macht, Katar sagt doch schon alles. Und Faeser löst Experten - Gruppe Islamismus als nicht notwendig auf. Das sagt doch schon alles..

  5. 2.

    Da sieht man wieder mal, wie Politiker sich von der Wirklichkeit entfernt haben..
    Ausbaden darf das wieder mal die deutsche Bevölkerung.

  6. 1.

    Wie währe es mit einer Steuer Abgabe
    Wie andere Religionen hier in Deutschland


    Es wird keine Steuer Abgabe bezahlt

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