Günter Kupetz mit seinem Meisterwerk: die Perlenflasche (Quelle: dpa/Carsten Rehder).
Bild: dpa

50 Jahre Mineralwasserflasche - Seine Perle

Vor 50 Jahren wurde die Einführung der sogenannten Normbrunnenflasche beschlossen. Fast jeder Durstige in Deutschland hat schon einmal Wasser aus dieser Glaspulle mit den Perlen getrunken - erfunden hat sie ein Mann aus Rüdersdorf. Von Sebastian Schneider

 

Günter Kupetz war Maurer, Bildhauer, Professor und vor allem Produktdesigner - als noch niemand den Begriff überhaupt kannte. Was er nicht war: ein weitsichtiger, ausreichend skrupelloser Geschäftemacher. Sonst hätte er sehr reich werden können. Aber hinterher wussten sie es ja eh alle besser.

28. August 1969, ein verregneter Donnerstag im Bonner Regierungsviertel: In einem verglasten, weißen Quaderbau kommen die Herren der "Genossenschaft Deutscher Brunnen" (GDB) zusammen, um über Kupetz‘ Werk zu befinden. Es geht um ihre Zukunft: Die 142 Unternehmer verdienen ihr Geld mit Mineralwasser - und dieses Geld wird immer weniger. Ihr Produkt hat kein schlechtes, sondern gar kein Image.

Eine sogenannte Normbrunnenflasche, aufgenommen am 17.07.19 in Berlin. Die Flaschenart wird am 8. August 50 Jahre alt (Quelle: rbb|24 / Schneider).
Sieht aus wie ein dickes kleines Gespenst: Das Logo der "Genossenschaft Deutscher Brunnen" (GDB) ist auf jeder Perlenflasche eingeprägt. | Bild: rbb|24 / Schneider

300 verschiedene Flaschen mit Keramikverschluss

Jeder Betrieb hat sein eigenes Abfüllsystem, es gibt mehr als 300 Flaschentypen. Die Keramikdeckel müssen von Hand auf die Flaschen gehebelt werden. Oft zerbrechen die Drahtbügelverschlüsse - ebenso wie die klapprigen Holzkisten. Das Ganze lohnt sich nicht mehr. Seit kurzem drängt der Coca-Cola-Konzern auf den deutschen Markt und mit ihm eine Innovation aus den USA: eine Anlage, die Flaschen blitzschnell auffüllen und mit einem Schraubdeckel verschließen kann. Die Maschinen hat die Genossenschaft schon gekauft - der 44-jährige Kupetz soll die richtige Flasche dazu erfinden. Eine, die auf den ersten Blick was hermacht. Eine für alle.  

Kupetz, ein hagerer Mann mit dunklen, wachen Augen, hat gegenüber seinen Konkurrenten einen Vorteil: Er beherrscht die feine Linie, aber vor allem kann er mit seinen Händen umgehen. Er ist, das sagt sein Sohn heute, ein großer Gipser. "Seine Herangehensweise war immer sehr spielerisch, aber mit hoher handwerklicher Kompetenz. Er hat viel gezeichnet, hatte Spaß am Herumprobieren. Formfindung hat ihn am meisten fasziniert", erzählt Andrej Kupetz, selbst Industriedesigner.

Skeptiker sprechen vom "Kremlturm"

Bevor die Mineralbrunnen-Mogule in dem verrauchten Viereck beraten, gipst Kupitz senior wochenlang wie ein Weltmeister. Der gebürtige Rüdersdorfer (Märkisch-Oderland) kritzelt, radiert, modelliert, immer wieder telefoniert er mit den Technikern in den Glashütten und bessert dann nochmal nach. Kupetz‘ ersten Entwurf verspotten Skeptiker noch als "Kremlturm". Kurz darauf lacht keiner mehr: Seine vollendete Schöpfung hat einen elegant geschwungenen Körper und eine schlanke Taille, ihr goldener Schnitt schmeichelt dem Auge. Sie trägt Glasperlen, exakt 230 Stück. Die stehen für die emporsteigenden Bläschen der Kohlensäure. Gleichzeitig machen sie die Flasche griffig.

Nach mehr als drei Stunden Palaver beschließen die Unternehmer in Bonn die Einführung der "0,7-Liter-Brunneneinheitsflasche als Formflasche mit einem Außenschraubgewinde". Perlenflasche klingt zärtlicher.

Ihr Volumen hat der Erfinder exakt berechnet: Genau so viel ist mindestens nötig, damit das Wasser bei einer durchschnittlichen Zahl von Flaschenöffnungen nicht die ganze Kohlensäure verliert. Der letzte Schluck soll immer noch ein bisschen bizzeln. Die ersten Kisten, die ab 1969 vom Fließband rollen, sind übrigens immer noch aus Holz - deswegen entscheidet man sich später bei den Plastik-Wasserkästen für die Farbe braun.

Die Pril-Flasche stammt ebenfalls aus der Feder von Günter Kupetz (Quelle: imago images/Manfred Segerer).
Die Pril-Flasche stammt ebenfalls aus der Feder von Günter Kupetz. | Bild: imago images/Manfred Segerer

Perlenflasche wurde nie verändert

"Sie wurde genau so angenommen, wie sie war und wurde nie verändert. Es gibt auch keinen Grund dafür", sagt der GDB-Sprecher Georg Staudt heute. Man erreicht die Genossenschaft noch immer im Zentrum der alten Bundesrepublik. An der Kennedyallee sieht es aus wie in einer Derrick-Kulisse: Von hier steuert der Zusammenschluss aus knapp 200 Abfüllern das bis heute größte Mehrwegsystem Europas.

Die Perlenflasche erweist sich nicht nur als Rettung der Branche, sondern hat auch eine brauchbare Ökobilanz - selbst der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ist erklärter Fan. Man kann sie praktisch überall zurückgeben, dann wird sie zum nächstgelegenen Mineralbrunnen transportiert und wieder vollgemacht. Bis zu 50 Mal geschieht das bei der Glasflasche – je breiter die weißen, rauhen Ringe unterhalb der Taille sind, desto öfter ist sie befüllt worden. Eine PET-Flasche kann das nur halb so oft.

Günter Kupetz selbst übrigens hätte nie aus so einer schnöden Plastikpulle getrunken: "Wasser schmeckt nur aus Glas", hat er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einmal gesagt. Und es erzürne ihn, dass die Mineralwasserfirmen auch Stilles in der Noppenflasche verkaufen.

Also ist der Designer in erster Linie der Anwalt des Verbrauchers und Gebrauchers."

Günter Kupetz 1973 bei seiner Antrittsvorlesung an der Hochschule der Künste

"Man kann sie gar nicht besser machen"

Kupetz wird einer der erfolgreichsten Industriedesigner der Bundesrepublik. Im Laufe seiner Karriere entwirft er mehr als 1.000 Gebrauchsgegenstände, darunter ein AEG-Tischtelefon, einen Hähnchengrill für Wienerwald-Restaurants und eine Pril-Spülmittelflasche. Sein Whisky-Set aus Bleiglas nennt Louis Armstrong "das schönste der Welt". Aber die Perlenflasche begreift Kupetz als den Höhepunkt seiner Kunst. Näher wird er der Perfektion nie kommen. "Man kann sie gar nicht besser machen", sagt er noch viele Jahre später in einem Interview über die Flasche seines Lebens. Er stirbt im März 2018 im Alter von 92 Jahren. Sein Grab liegt in Birkenwerder.

Heute verbinden 97 Prozent der Deutschen die von ihm erdachte Form mit Mineralwasser, hat eine Umfrage ergeben. Durstige kaufen Kupetz‘ Erfindung immer und immer wieder, finden sie praktisch, vielleicht sogar schön. Kaum einer wird sich darüber Gedanken machen, wer sich dieses Ding überhaupt ausgedacht hat. Als wäre es halt schon immer dagewesen. Kann Industriedesign mehr erreichen? "Wenn man etwas erschafft, das die Bedürfnisse der Menschen in jeder Situation optimal erfüllt, so dass sie dieses Produkt nicht wahrnehmen, nicht hinterfragen - dann ist das schon außergewöhnlich", sagt Kupetz‘ Sohn Andrej.

Mit der GDB hat Günter Kupetz 1969 keine Gewinnbeteiligung aushandeln können. Nach außen hat er nie damit gehadert. Er bekam ein Honorar für seinen Siegerentwurf und dann noch eines für die Nutzungsrechte. Gutes Geld sei das gewesen, aber reich sei sein Vater mit der Perlenflasche nicht geworden, berichtet der Sohn: "Er dachte, nach zehn Jahren kommen die auf ihn zu und wollen ein neues Design. Dann könnte er wieder was verlangen. Aber dass sein Entwurf so dermaßen erfolgreich werden würde - das konnte er nicht absehen." Bis heute sind in Deutschland mehr als 5,5 Milliarden Perlenflaschen hergestellt worden. Umgerechnet 300.000 pro Tag.

Gut in Form

Wenn Ihnen die Bildergalerie mobil nicht mit Text angezeigt wird, klicken Sie bitte hier.

Sendung: Radioeins, 28.08.2019, 17:10 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

11 Kommentare

  1. 11.

    Da ich immer "Medium" trinke, ist meine Flasche grün und ohne Perlen... :( ;) Ich fand den Artikel auch sehr interessant. Und es stimmt, aus der Glasflasche schmeckt es immer besser (wie auch das Bier...).

  2. 10.

    Auch ich schließe mich dem an, danke für diesen wunderbaren Artikel. Unsere geliebte Perlenflasche...

  3. 9.

    Wirklich mal ein schöner Artikel. Danke, rbb.

  4. 8.

    Lieber Lusches,

    dass Herr Kupetz zuletzt in Malente gelebt hat, lesen Sie in der Bildergalerie am Ende dieses Beitrags. Übrigens ebenso, dass er ab 1946 in West-Berlin studiert und dort und in Kassel später als Hochschullehrer gearbeitet hat. Zum Verständnis der Geschichte seiner Perlenflasche hielt ich diese Details nicht für vordergründig, deshalb sind sie ausgelagert.

    Freundliche Grüße,

    Sebastian Schneider

  5. 7.

    .... und, zuletzt gewohnt hat dieser geniale Mensch in Malente.
    Natürlich darf hier keiner eine einzige Zeile von so einem
    50-jährigen Ereignis erwarten.
    Schade, nicht nur für mich.

  6. 6.

    Und wer weiss, dass 1925, im Geburtsjahr des Hrn Kupetz, noch gar keine DDR existierte, und auch noch nicht 1946, als Hr Kupetz sein Studium begann (vermutlich nicht in Ruedersdorf...), dem scheinen diese Frage eigentlich eher irrelevant.
    - Auch wenn man es heute kaum glauben mag: Es gab eine Welt vor DDR und BRD...

  7. 5.

    Auch meinerseits meine Hochachtung! Schon als Junge, der früh eingekauft hat, empfand ich sowohl die Flasche selbst als auch das System als genial. Das könnte auch heute in anderen Bereichen Schule machen, doch das Marketing, so mein Eindruck, spricht dagegen. Da will jeder Eigenbrötler sein und auch die Getränkeflasche gerät zum bloßen Marketinginstrument. - Ist eine Änderung absehbar, womit Günter Kupetz das beste Andenken gewährt werden könnte?

  8. 4.

    Mein Zimmer ziert eine solche Flasche, die auf einer Seite im unteren Bereich eine sanfte Einbuchtung hat - mit dem Durchmesser einer 2-EUR-Muenze und der Tiefe der oberen Rundum-Einschnürung. Also ein hoechst individueller Fehler. Das muss entstanden sein, als die Flasche frisch aus der Schmelze gezogen wurde, und sie hat es offenbar irgendwie durch die Kontrollen geschafft. Dank Hrn Schneiders interessantem Artikel weiss ich nun, wem ich die Grundform zu verdanken hab, und warum die Pulle genau diese Groesse hat. -- Und tatsaechlich eine prima Sache, dass man diese solide Mehrweg-Flasche ueberall kriegen und wieder loswerden kann! Mit den 0,7- und 1-Liter-Flaschen der deutschen Fruchtsaftidustrie geht das uebrigens auch, und auch mit den braunen Milchflaschen. Schade, dass eher wenige Konsumenten das nutzen. Aber vielleicht fehlen dort ja die 230 Perlen am Dekolleté der Flaschen?

  9. 3.

    Wer weiß, dass Rüdersdorf (Märkisch-Oderland) im Jahre 1969 in der seit 8 Jahren eingemauerten DDR lag, fragt sich beim Lesen des Artikels zwangsläufig, wieso er in Bonn seine Entwürfe präsentieren konnte. Also entweder er war ein "Reisekader" und durfte als einer der wenigen Privilegierten auch für Westfirmen arbeiten oder er war vorher in den Westen geflohen und lebte dort. Aber beides müsste man im Artikel erwähnen, sonst versteht man die Geschichte nicht.

  10. 2.

    Glückwunsch du alte Flasche... und ein Hoch auf den ErfinderI
    Und stimmt, diese Flasche war gefühlt schon immer da wie Sonne, Erde, Mond.
    Dank diesem wirklich gut recherchierten Artikel wissen wir nun auch, wer uns dieses zeitlose Ding erschaffen hat. Irgendwie schaue ich diese Flasche seit heute anders an. Nun hat sie sogar einen Namen und ein Gesicht.

  11. 1.

    Ein dreifaches Prosit auf diesen vergnüglichen, lehrreichen und feinporigen Text. Wer braucht schon Sekt, wenn er Selters aus der Perlenflasche haben kann?

Das könnte Sie auch interessieren

Die amerikanische Band Algiers auf ihrem Konzert in Kopenhagen (Quelle: dpa/Malthe Ivarsson)
dpa/Malthe Ivarsson

Konzertkritik | Algiers im Lido - Kein Platz für Schubladendenken

Die amerikanische Band Algiers hat in Europa noch eine eher kleine Fangemeinde. Dabei ist ihr vielschichtiger Sound aus Soul, Gospel und Postpunk eine echte Entdeckung. Und sie haben etwas zu sagen - gegen Polizeigewalt und Alltagsrassismus. Von Magdalena Bienert