Ausstellung | Ein Klavier, eine Puppe, ein Stück Stoff - Stumme Zeugen des Holocaust, die auf ihre Art berühren

Mi 25.01.23 | 11:55 Uhr | Von Corinne Orlowski
  10
Der Chanukka-Leuchter von Rabbiner Arthur Posner und seiner Frau Rosi ist bei der Eröffnung der Ausstellung «Sechzehn Objekte – Siebzig Jahre Yad Vashem» am 24.01.2023 zu sehen.(Quelle:dpa/C.Soeder)
Audio: rbb24 Inforadio | 25.01.2023 | Corinne Orlowski | Bild: dpa/C.Soeder

Für drei Wochen wird der Deutsche Bundestag zum Ausstellungsort - für eine Ausstellung von Alltagsgegenständen, die an den Holocaust erinnern. Zur Eröffnung gibt Bundesfinanzminister Christian Lindner ein Versprechen. Von Corinne Orlowski

"Nimm das Leben leicht und deine Pflichten ernst", schreibt der Vater 1937 ins Poesiealbum seiner Tochter Lilo aus Saarbrücken. Sie wurde in Auschwitz ermordet, aber das Album hat die Zeit überdauert. Wie auch die Miniatur-Keramikküche von Anneliese Dreifuss aus Stuttgart oder das Handtuch samt Weihnachtsgruß der Familie Laufmann in Wolmirstedt. Die Gegenstände wurden dem Museum Yad Vashem in Jerusalem übergeben, der bedeutendsten Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert.

Sechzehn persönliche Gegenstände von Menschen, die Deutschland einst verlassen mussten, kehren nun erstmals wieder zurück. Jedes Objekt kommt aus einem anderen Bundesland. Jedes einzelne ist aus dem alltäglichen Leben und ganz verschieden: groß wie ein Klavier, intim wie ein Tagebuch, wertvoll wie ein silberner Aufsatz für die Thorarolle, schlicht wie ein Stück Papier.

"Diese Objekte bezeugen einen menschlichen und kulturellen Reichtum, den Deutsche systematisch vernichtet haben", sagt Bundestagpräsidentin Bärbel Bas bei der Eröffnung der Ausstellung. Sie symbolisieren den unwiederbringlichen Verlust, den das Menschheitsverbrechen des Holocaust verursacht hat und stehen für Lücken, die sich nicht schließen lassen.

"Sieht ja aus wie bei der Oma"

Es hätte wohl kaum einen besseren Ort geben können als das Zentrum der parlamentarischen Demokratie, den Deutschen Bundestag. Darüber freut sich auch die Kuratorin der Ausstellung und Geschäftsführerin des Freundeskreises Yad Vashem, Ruth Ur. Ihr Ziel ist es, dass jede Person, ob Politiker, Reinigungspersonal oder Hausgast, plötzlich bemerkt: "Das Klavier sieht ja aus wie das bei der Oma, die Puppe wie eine vom Flohmarkt. Jeder wird diese Objekte erkennen."

Wie die Puppe "Inge" von Lore Mayerfeld, geborene Stern. Achtzig Jahre war sie nicht in Deutschland. Sie ist extra aus Israel angereist. Mittlerweile hat sie 29 Urenkelkinder. Die Puppe hat den Schlafanzug an, den die kaum zweijährige Lore Stern einst in der Nacht des Novemberpogroms in Kassel trug. "Es ist eine Puppe, die zerbrechlich ist", sagt Mayerfeld, "und meine Kinder haben nie mit dieser Puppe gespielt, nur angesehen. Wir haben alle gedacht, der beste Platz für diese Puppe ist Yad Yashem, wo jeder kommen und die Geschichte der Puppe sehen kann."

Die Ausstellung «Sechzehn Objekte – Siebzig Jahre Yad Vashem» anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages am 24.01.2023.(Quelle:dpa/C.Soeder)
Die Ausstellung im Paul-Löbe-Haus kann noch bis zum 17. Februar besucht werden. | Bild: dpa/C.Soeder

Idealer Ort in unpassender Atmosphäre

Nun sitzt die Puppe Inge auf einem Sockel hinter Glas, in der 200 Meter langen, lichtdurchfluteten Halle des Paul-Löbe-Hauses. Es wirkt ein bisschen wie auf einem Bahnhof – eher eine unpassende Atmosphäre für solch eine Schau mit emotionalen Erinnerungsstücken. Links und rechts türmen sich die achtgeschossigen Zylinder aus Glas und Beton. Am Eingang ein "Fahrplan" des Tages, 14 Uhr Sportausschuss, EU-Ausschuss, Ältestenrat. An den halbrunden Pappaufstellern kommt man aber nicht vorbei. Sie separieren die einzelnen Objekte, an denen seitlich ein beiger Vorhang drapiert ist, um zu zeigen, sie hatten alle ein Zuhause.

"Wir wollen die Leute nicht durchs Lesen erreichen, eher durch die Augen und durch das Herz - und dann soll man Lust haben zu lesen," sagt Ur zur Gestaltung. Besonders berührend ist ein vergilbter Stofffetzen, das Fragment einer Fahne des Jugendbundes "Maccabi Hatzair" aus Ahrensdorf in Brandenburg. Anneliese Borinski war dort Ausbilderin auf einem Hachschara-Hof. Als die Gestapo die Kontrolle übernahm, zerschnitten die Jugendlichen und ihre Ausbilder als Symbol ihrer Gemeinschaft ihre Fahne in zwölf Stücke und versprachen einander, sie nach dem Krieg in Israel wieder zusammenzusetzen. Es überlebten nur drei von ihnen den Holocaust. So erzählt ein Stück Stoff vom Schicksal ihrer Besitzerin.

Dauerhafter Austausch mit Gedenkstätte geplant

Bundesfinanzminister Christian Lindner ist sichtlich gerührt und nimmt die Ausstellung als Anlass für ein Versprechen. Er möchte "vom heutigen Tag an" mit der Gedenkstätte Yad Vashem in einen Austausch eintreten und einen institutionellen, dauerhaften Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Yad Vashem und der Bundesrepublik Deutschland schaffen. "Denn gemeinsam stehen wir vor der Aufgabe, in der ganzen Welt, aber auch in Deutschland, immer daran zu erinnern, dass es ein Menschheitsverbrechen gab, dass aber immer Menschlichkeit möglich ist", so Lindner.

Nun, da bald keine Zeitzeugen mehr da sind, wächst die erzählerische Kraft von Objekten. Sie können sie nicht ersetzen, aber der Geschichte trotzdem einen emotionalen Zugang ermöglichen, denn sie sind stumme Zeugen, die auf ihre Art berühren.

Die Ausstellung "Sechzehn Objekte - Siebzig Jahre Yad Vashem" kann vom 25. Januar 2023 bis zum 17. Februar 2023 im Paul-Löbe-Haus nach vorheriger Anmeldung montags bis freitags in der Zeit von 9 bis 17 Uhr besucht werden. Infos finden Sie unter bundestag.de

Sendung: rbb Inforadio, 25.01.2023, 07:00Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

10 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 10.

    Tja, da scheiden sich die "Geister", ob es der ideale Ort für solche Ausstellung ist,.
    Es zeugt auf jeden Fall von einem tiefen Misstrauen gegenüber der hiesigen Bevölkerung.

  2. 9.

    Ich kann die Beschwerden wegen der Anmeldeprozedur nicht nachvollziehen. Wer den Bundestag oder die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes besichtigen will, nimmt diese Prozedur auch in Kauf. Und natürlich müssen hier ähnliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen und eingehalten werden. Viele geben diese Angaben bei ganz anderen Anbietern im Netz problemlos preis, wo ich mich definitiv zurückhalten würde.
    Diese Ausstellung hingegen werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Aber ich gebe der Kritik an den Zugangsbedingungen in der Hinsicht Recht, dass ggf. genau die Leute vom Besuch der Ausstellung abgehalten werden, die diese Zeugnisse unserer dunklen Geschichte unbedingt sehen sollten. Aber die würden sich das bei einfacherem Zutritt wohl auch nicht ansehen. Dafür hoffe ich, dass viele Schulklassen die Ausstellung besuchen.

  3. 8.

    "Es hätte wohl kaum einen besseren Ort geben können als das Zentrum der parlamentarischen Demokratie, den Deutschen Bundestag."

    Ehrlich gesagt, will ich da von ganzem Herzen widersprechen. Allein die Sicherheitsbestimmungen des Bundestages machen ihn alles andere als einen idealen Ort für diese Ausstellung. Eher sollten sich die Abgeordneten bemühen, sich an andere Orte zu begeben, als dass die Bevölkerung einen recht unpassenden Ausstellungsort aufsuchen sollte.

    Das ist keine Missachtung des Parlaments, nur ein Appell, dass genügend Sensiblität waltet. Soweit Parlamentsabgeordnete nicht genug Zeit aufbringen können: Der Bundestag kann dann in seinem Innern nur für Parlamentarier immer noch das Genannte als Eigenes machen.

  4. 7.

    ...und wieder macht Rheinmetall Milliardengewinne mit Steuergeldern. Nie wieder Krieg von deutschem Boden!

  5. 6.

    auch deshalb: https://www.focus.de/panorama/vorfall-in-berlin-berlin-nach-angriff-auf-rabbiner-fahndet-polizei-nach-diesem-mann_id_184021721.html

  6. 5.

    zu #3 und #4: Warum soll man sich dort nicht absichern angesichts der steigenden Gewalt und Anschläge seitens rechtsradikaler Nazis (siehe Synagoge Halle)??

  7. 4.

    Nicht denen ihr Ernst oder?

    Bei der Anmeldung sind die folgenden Angaben mitzuteilen:
    vollständiger Vor- und Zuname,
    Geburtsdatum,
    Datum und Uhrzeit des gewünschten Besuchs,
    E-Mailadresse und Kontakttelefonnummer.

  8. 3.

    Tolles Anmeldeprocedere! Da wird die Bude ja aus allen Nähten platzen vor lauter interessierten Besuchern. Passzeigen am Eingang reicht wohl nicht mehr aus?

  9. 2.

    @RBB: Warum veröffentlichen Sie unter diesem Artikel nicht den Link zur Anmeldeseite?

  10. 1.

    Ein wirklich starkes Versprechen. Vermutlich werden dann mit der Zeit noch mehr Alltagsgegenstände (in Dtl., USA, Israel) auftauchen und erzählen können.

Nächster Artikel