”Ankerspill” (1942) aus dem großen Sendesaal im Berliner Haus des Rundfunks (Bild: Deutsches Rundfunkarchiv)
Audio: Inforadio | 22.10.2013 | Beitrag von Markus Streim

Radio im Nationalsozialismus - Millionen Menschen sterben - im Radio läuft Musik

Nur zehn Jahre nach Beginn des regelmäßigen Sendebetriebes wurde das junge Medium in Deutschland durch die Nationalsozialisten missbraucht. Die unrühmlichste Epoche des Rundfunks begann. Von Markus Streim

Der erste Volksempfänger erscheint im Sommer 1933. Sein Name "VE 301" steht aber für den 30. Januar, den Tag der Machtübernahme. Die SA zieht mit Fackeln durchs Brandenburger Tor, die Reporter berichten live: "...dass wir einen geschichtlichen Moment, über dessen Bedeutung wir uns vielleicht heute noch gar nicht klar sind, in diesem Augenblick durch den Rundfunk miterleben."

Mehr als vier Millionen Haushalte sind schon auf Empfang, als Adolf Hitler am Folgetag seine erste Hörfunkansprache hält: "Die Aufgabe, die wir lösen müssen, ist die schwerste, die seit Menschengedenken deutschen Staatsmännern gestellt wurde."

Joseph Goebbels und Eugen Hadamovsky, Direktor der Reich-Rundfunk-Gesellschaft (Bild: DRA)
Reichsminister Goebbels nutzte das Radio von Anfang an für NS-Propaganda.

Diese Stimmen tönt von nun an regelmäßig und deutlich aggressiver. Was sonst noch gesendet wird, bestimmt Reichsminister Joseph Goebbels: "Auch der Rundfunk hat sich ein- und unterzuordnen."

In den Sendeanstalten werden Mitarbeiter entlassen oder verhaftet. Noch im März 1933 beginnt der Propagandafunk, Goebbels will mithilfe preisgünstiger Volksempfänger jedes deutsche Haus erreichen: "Denn es hatte sich gezeigt, dass vor allen Dingen die Ärmsten unseres Volkes vom Rundfunk ausgeschlossen blieben."

Volksempfänger wird hundertausendfach verkauft

Bis 1936 verdoppeln sich die Hörerzahlen. Zu den olympischen Spielen erscheint sogar das erste Kofferradio: "Sie müssen zu denen gehören, die ihren Olympiakoffer mit zum Boot nehmen, herausfahren und Rundfunk hören", so lockt die Werbung.

Aus Berlin berichtet nun der Olympia-Weltsender. Die fliegende Redaktion holt die Stars vors Mikrofon. Ein Ausschnitt aus der Berichterstattung von den Olympischen Spielen in Berlin:

Reporter: "Mr. Owens, how many gold medals do you hope to win?"
Jesse Owens: "I hope to emerge with three victories."
Reporter: "Drei bescheidene Goldmedaillen will Herr Owens mitnehmen."


Am Ende gewinnt Jesse Owens sogar vier Mal Gold. Aber kaum ist der olympische Rausch vorbei, schallt das Radio wieder national. "Goebbels Schnauze" wird der neue Volksempfänger genannt. Er wird hundertausendfach verkauft und transportiert auch Hitlers Lüge aus dem Reichstag, am 1. September 1939: "Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen." 

Deutschland zieht in den Krieg. Wer jetzt noch ausländische Sender hört, gilt als Rundfunkverbrecher. Juden müssen ihre Geräte abgeben.

Goebbels nutzt Radio zur Massenmobilisierung

Das Radio gaukelt die heile Welt vor, berichtet allein von Erfolgen. Selbst die verlorene Schlacht um Stalingrad soll triumphal klingen: "Der Kampf um Stalingrad ist zu Ende." 

Im Februar 1943 folgt die Wende im Krieg. Doch Goebbels beschwört noch einmal die Massen: "Insbesondere aber vor unseren Feinden, die uns in dieser Stunde auch hier im Rundfunk zuhören." Die Sportpalast-Rede ist aufgezeichnet und dröhnt kurz danach in die Welt: "Wollt ihr den totalen Krieg", brüllt Goebbels ins Mikrofon.

Das millionenfache Sterben geht weiter und der Rundfunk sendet Unterhaltungsmusik. Am 20. Juli 1944 folgt der Anschlag auf Hitler. "Die Bombe detonierte zwei Meter an meiner rechten Seite. Ich selbst bin völlig unverletzt", ist ein Augenzeuge im Radio zu hören.

In den letzten Kriegsmonaten dient das Radio dem Überlebenskampf. Immer mehr Reichssender fallen aus, Wehrmachtsmeldungen kommen aus einem Bunker. Doch gelogen wird noch immer: "...dass unser Führer bis zum letzten Atemzuge kämpfend gefallen ist."

Am 9. Mai 1945 verkündet der letzte Reichssender Flensburg die Kapitulation: "Damit ist das fast sechsjährige heldenhafte Ringen zu Ende." Danach: Funkstille.

Vom freien Medium zum Propaganda-Instrument

Korrektur: In einer früheren Version dieses Beitrags stand, der Anschlag auf Hitler sei am 20. Juli 1994 statt 1944 erfolgt. Wir haben den Fehler korrigiert.

Beitrag von Markus Streim

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