Cameron Carpenter, Organist, spielt auf einer auf einem Lkw montierten elektronischen Orgel vor einem Seniorenheim in Berlin-Spandau. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
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Audio: Inforadio | 29.04.2020 | Jakob Bauer | Bild: dpa/Christoph Soeder

Kurzkonzerte in der Corona-Krise - Orgelstar Cameron Carpenter spielt live vor Hilfseinrichtungen

Cameron Carpenter ist einer der bekanntesten Organisten der Welt. Das Publikum, vor dem er zurzeit auftritt, muss allerdings keine teuren Eintrittskarten lösen: Der Wahl-Berliner spielt bis zum Samstag für Senioren, Kranke und Obdachlose. Live vor Ort. Von Jakob Bauer

Johannesstift, Berlin-Spandau - tief im Wald liegt dieses kleine idyllische Quasi-Dorf, mit Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Behinderung und Senioren, mit Kitas und Schulen. Ein Ort der Begegnung, an dem jetzt gerade Begegnungen vermieden werden müssen. Es ist ruhig auf dem Gelände, als um kurz vor 10 Uhr ein LKW vor das Seniorenzentrum Caroline Bertheau rollt.  

In der "alten Welt" hätte er in der Philharmonie gespielt

Auf dem LKW steht eine digitale Orgel. Das Bedienfeld ist ungefähr so groß wie bei einer normalen Orgel, nur eben ohne die riesigen Pfeifen. Und ein kleines Soundsystem, wie man es eher von Rockfestivals als von klassischen Konzerten kennt. Bis zu 500 Menschen könne man damit beschallen, erklärt Star-Organist Cameron Carpenter.

Der 39-jährige Posterboy der Orgelwelt - schick in Schwarz mit grüner Sonnenbrille, obwohl es zu tröpfeln anfängt - erklärt, was ihn bei diesem Projekt reizt. In der "alten Welt", wie er es nennt, hätte er an so einem Abend eigentlich in der Berliner Philharmonie gespielt. Stattdessen für die Bedürftigen und Benachteiligten zu spielen, vor allem für die Menschen, die so oder so nicht zu kulturellen Veranstaltungen könnten, diese Idee ist ihm ans Herz gewachsen. "Einige der Menschen, für die ich spiele, würden es auch nicht in die Philharmonie schaffen, wenn die Gesellschaft gerade normal wäre", sagt Cameron Carpenter.

Diese Menschen, das sind beim ersten Konzert dieses Projekts die Bewohner des Seniorenzentrums Caroline Bertheau. Pflegekräfte rücken Stühle auf den Balkonen zurecht, packen die Bewohner in warme Decken. Und dann geht es ziemlich unvermittelt los. Es gibt keine Ansagen, keinen Blick ins Publikum, keine großen Gesten des Pathos, kein Brimborium- der sonst so extrovertierte Carpenter konzentriert sich nur auf sein Spiel.

Cameron Carpenter, Organist, lächelt vor einem Konzert vor einem Seniorenheim in Berlin-Spandau. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
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"Diese Musik kann Dinge mit dir anstellen"

Ein paar Mutige haben sich auch in den Hof gewagt – eine Frau im Rollstuhl hat die Augen geschlossen, wiegt sich, drückt die Hand eines alten Mannes, ganz fest. Auf einem der Balkone klatscht eine mit, ihre Nachbarin trommelt den Takt auf dem Geländer. 25 bis 30 Senioren sind es wohl insgesamt, die hier auf den Balkonen thronen und genießen. Bachs Goldberg-Variationen, Präludien und Fugen spielt Carpenter.

"Ich wollte Musik von Bach spielen, die Dur geschrieben ist - seine aufmunternden Werke", sagt Carpenter. Die Stücke, die er spielt, sind für ihn "logisch, durchdacht, wohl proportioniert, und trotzdem einfach nur so schön - wie aus einer anderen Welt. Diese Sorte Musik kann Dinge mit Dir anstellen, zumindest war das bei mir so. Sie kann dich beruhigen oder Ordnung in deinen Verstand bringen, eine kurze Atempause gönnen von den seelischen oder vielleicht sogar den physischen Schmerzen - jeder reagiert anders, aber immer positiv denke ich."

Und dann ist es so plötzlich vorbei, wie es begonnen hat. Ein kurzer Gruß ins Publikum, ein Handkuss, und weiter geht es zum nächsten Haus. 20 Minuten dauert jedes Konzert. Die Frau, die vorhin mitgeklatscht hat, ist glücklich. Sie strahlt. Das war doch fantastisch jetzt hier, schöner geht’s doch gar nicht, sagt sie. Ihr ginge es immer gut, wenn sie gute Musik höre, aber leider höre sie die gar nicht so oft. Früher sei sie immer nach Berlin gefahren, "aus Spandau", aber das ginge jetzt eben nicht mehr. Noch einmal betont sie, dass sie eine echte Spandauerin ist, keine Berlinerin, sie ist hier geboren und sie wird auch hier sterben, sagt sie - mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Und auch ein Mann vom benachbarten Wohnheim ist gekommen, er hat das Ganze gefilmt. 
Die Orgel hat er von seinem Balkon aus gehört, dann hat er gleich seine Kamera gepackt und ist hergekommen. Sehr eindrücklich findet er das, auch wenn er sonst eigentlich keine Orgelmusik hört. Aber mal eine Abwechslung zu haben, in diesen Zeiten, und dass das dann mit so einer gewaltigen Orgel - das findet er schon sehr schön.

Rund 40 Kurzauftritte sind geplant

Währenddessen rollt der Truck mit der Orgel drauf schon weiter – zur nächsten Station  auf dem Johannesstift-Gelände, dann geht es nach Alt Wittenau. Zwischen 30 und 40 Kurzauftritte sind - Stand jetzt - bis Samstag geplant, organisiert ist das ganze von der Bürgerstiftung Berlin, die Idee kommt vom Kulturmanager Christian Reichart. Wo Carpenter noch überall spielt, bleibt allerdings ein Geheimnis. Damit diese Musik auch wirklich ein Geschenk für diejenigen bleibt, für die sie, vor allem in diesen Zeiten, gedacht ist.

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Beitrag von Jakob Bauer

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3 Kommentare

  1. 3.

    Einfach nur stark.

  2. 2.

    Super Aktion und Wahnsinns gute Musik!!!!!

    Habt ihr eine PayPal E-Mail des Künstlers? Ich finde, so viel Einsatz des Künstlers muss honoriert werden!

    Gruß
    Michael

  3. 1.

    Ich kenne den Mann zwar nicht und die Musik ist auch nicht unbedingt mein Fall. Aber: Ich finde, dass das eine großartige Aktion ist!

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