Archivbild: Eine Buchhandlung in Prenzlauer-Berg am 17.11.2016 (Bild: dpa/Robert Schlesinger)
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Berliner Buchverlage und die Frankfurter Buchmesse - Weihnachten fällt dieses Jahr aus

Der Oktober ist im Literaturbetrieb sowas wie Juli oder August im Tourismus: stressig und aufregend - denn dann findet jährlich die Frankfurter Buchmesse statt. Dieses Jahr läuft sie aufgrund von Corona überwiegend digital. Wie sehen das die Berliner Verlage? Von Fanny Steyer

Rainer Nitsche ist traurig. Denn für ihn fällt dieses Jahr sein persönliches zweites Weihnachten aus. Der Verleger des kleinen Berliner Verlags Transit freut sich nämlich sonst das ganze Jahr über auf die Frankfurter Buchmesse: "Es ist so ein bisschen ein Familienfest, wo man alle Kollegen aus der Buchbranche trifft", sagt er seufzend, "es ist eigentlich weniger Stress als fast ein Höhepunkt in der Arbeit eines Verlages im Jahr." Normalerweise würde er diese Woche mit seinem Team viel zu tun haben – den Messestand dekorieren, Bücher auspacken, Termine planen.

Nun findet die Frankfurter Buchmesse dieses Jahr überwiegend online statt. Es gibt keine Messestände vor Ort, dafür können Interessierte virtuelle Messestände betreten. Statt der vielen Bühnen gibt es dieses Jahr nur eine und Lesungen werden online übertragen [buchmesse.de].

Virtuelle Messestände

Bei den Berliner Verlagen stößt diese neue Art von Buchmesse nicht wirklich auf Begeisterung. Annette Wassermann, Pressesprecherin und Lektorin im Verlag Klaus Wagenbach, betont, dass Lesungen online zu übertragen und Videos online zu stellen einen großen Aufwand für die Verlage bedeutet, der ihnen aber nicht unbedingt viele Klicks bringt. "Es guckt sich kein Mensch eine Lesung online an", sagt Wassermann.

Rainer Nitsche vom Transit-Verlag sieht es noch drastischer: "Die Buchmesse findet so einfach nicht statt, das muss man erstmal festhalten. Online-Angebote kompensieren nicht den Verlust des persönlichen Austauschs vor Ort. Jeder, der versucht, es klein zu reden, liegt da falsch", sagt er. Gerade in Bezug auf kleinere Literaturen, die sein Verlag auf der Buchmesse präsentieren wollte, macht er sich Sorgen. "Für diese Bereiche geht es dieses Jahr einfach den Bach runter", sagt Nitsche verbittert.

Buchmesse bleibt als Branchentreff wichtig

Im Aufbau-Verlag gibt man sich etwas positiver. Verlagsleiterin Constanze Neumann hat trotz allem Erwartungen an die diesjährige Buchmesse: "Ich habe die Erwartung, dass wir in irgendeiner Form etwas von dem retten, was die Frankfurter Buchmesse immer gewesen ist, nämlich das wichtigste Zusammentreffen der internationalen Buchbranche. Jetzt müssen wir eben sehen, dass wir die digitalen Angebote, die die Messe zur Verfügung stellt, bestmöglich nutzen können."

Die Corona-Krise hat die Buchbranche zwar durcheinandergebracht, aber auch Positives bewirkt. Das bestätigt Constanze Neumann auf Nachfrage: "Durch Online-Angebote können wir Autoren aus aller Welt zusammenbringen, das ist auf jeden Fall ein Vorteil. Die Verkaufszahlen sind im März zwar zurückgegangen, aber seitdem haben wir uns davon erholt und gesehen, dass in solchen Krisenzeiten Bücher weiterhin eine sehr wichtige Rolle spielen."

Beherbergungsverbot für Menschen aus Berlin

Für die Verlage, die sich an der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt beteiligen, bringen die Corona-Regelungen neue Probleme mit sich: "Wir hatten ja Autoren, die für Lesungen zum Book Fest oder Open Books nach Frankfurt fahren wollten", erzählt Constanze Neumann vom Aufbau-Verlag. "Allerdings wird das wesentlich dadurch erschwert, dass Menschen aus Berlin in Frankfurt vor dem Beherbergungsverbot stehen, sodass wir von Tag zu Tag schauen müssen, was überhaupt geht."

Eine Lösung für die Zukunft?

Eine digitale Buchmesse, mit Messeständen, die man online betreten kann – ist das die Lösung für die Zukunft? Nein, sagt Rainer Nitsche vom Transit-Verlag. Und er macht sich sogar Sorgen um die Zukunft der Frankfurter Buchmesse: "Ich befürchte eher, dass die Betonung, dass das Digitale das Andere einfach ersetzen kann, eher dazu führt, dass die wirkliche Buchmesse dadurch Schaden nimmt, dass Leute sagen: 'Na gut, wenn es gar nicht so wichtig ist, direkt nach Frankfurt zu fahren und dort einen Stand zu haben oder als Buchhändler hinzugehen, dann kann man es einfach anders machen und es ist viel billiger'", erklärt er.

Annette Wassermann vom Verlag Klaus Wagenbach ist dagegen zuversichtlich: "Die Buchmesse wird wiederkommen, aber mit neuen Formaten, sie wird moderner werden", bekräftigt sie.

Viele Online-Termine

Auch Constanze Neumann vom Aufbau-Verlag macht sich keine Sorgen um die Zukunft der Frankfurter Buchmesse. Ihr Terminkalender ist jetzt durch die digitale Messe nicht weniger voll, denn die Termine, die sonst im 30-Minuten-Takt auf der Buchmesse stattfinden, erstrecken sich jetzt über drei Wochen – alle digital. "Ich hatte eigentlich gehofft, dass es etwas entspannter laufen würde als in echten Messe-Zeiten, aber es ist leider nicht so", sagt sie und lacht.

Die nächste große Buchmesse ist die Leipziger Buchmesse, sie wurde von März auf Mai 2021 verschoben. Ob sie vor Ort oder digital stattfinden wird – das bleibt noch offen.

Sendung: rbb kultur, 12.10.2020, 18:00 Uhr

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Beitrag von Fanny Steyer

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