Probenfoto "Fabian oder der Gang vor die Hunde" (Quelle: Matthias Horn)
Audio: Inforadio | 16.11.2020 | Ute Büsing | Bild: Matthias Horn

Frank Castorfs "Fabian" oder "Der Gang vor die Hunde" - Proben statt Premiere

Zumindest proben dürfen Theater im Corona-Lockdown. Am Berliner Ensemble bekommt gerade Erich Kästners "Fabian oder der Gang vor die Hunde" den letzten Feinschliff. Frank Castorf inszeniert den zugrundeliegenden Urtext unter strengen Hygienebedingungen. Von Ute Büsing

Eine überlebensgroße leicht bekleidete Revuetänzerin mit kreisenden Hüften prangt als Symbol für den Tanz am Abgrund auf der Drehbühne. Fabian (Marc Hosemann) und sein Freund Labude (Andreas Döhler) tänzeln in feinem Zwirn zu Saxophon-Schreien verloren durch das Getümmel der 1920er und 30er Jahre, das sie beide das Leben kosten wird.

Frank Castorf inszeniert eine für seine Verhältnisse textgetreue, im Grundton zutiefst melancholische Adaption des Kästner-Romans mit dem wie füreinander geschaffenen Schauspieler-Duo Hosemann/Döhler im Kraftzentrum – findet der Intendant des Berliner Ensembles (BE), Oliver Reese: "Es hat diese schöne berlinische Stimmung, ohne Babylon-Berlin-haft zu sein."

"Wann dürfen wir denn spielen?"

Vor dem ersten großen kulturellen Corona-Lockdown im März war der "Fabian" schon fast fertig. Jetzt hat das Team für zehn Tage erneute Endproben angesetzt. Eigentlich war im November die Premiere geplant. Dann kam der Lockdown.

Das ständige Verschieben der zehnköpfigen Ensemble-Produktion mit einem Regisseur, der gerade Premieren an der Hamburgischen und der Bayrischen Staatsoper hatte und viel beschäftigten Gästen wie Marc Hosemann und auf Castorf eingespieltem Videoteam ist ein logistischer Kraftakt für das Berliner Ensemble.

Die mehrgeschossige Bühne mit Bars und Clubs von Alexander Denic kann auch nicht von einem Tag auf den anderen neu aufgebaut werden. Immer wieder neu müssen mögliche Termine geblockt werden, was das BE nur deshalb schaffen kann, weil es sich von drei geplanten Herbst- und Winter-Premieren ganz verabschiedet hat. "Man probt also, nachdem man das Ganze sechs Monate hat liegen lassen und weiß noch immer nicht: Wann dürfen wir denn spielen?!", sagt Intendant Reese, "ausgerechnet bei Castorf, bei dem der Druck der Premiere immer auch Teil seines Systems ist und diese Harakiri-hafte Spiellust des Ensembles hervorbringt."

Kontaktminimierung, Maskenpflicht, Schnelltests

Castorf-Inszenierungen sind immer auch sehr körperintensiv. Im Urtext des "Fabian", dem "Gang vor die Hunde", wird oft ins Bordell oder in Sexklubs gegangen. Klar, dass Frank Castorf es sich nicht nehmen lässt, das auszuspielen.

Deshalb unterliegen die Schauspieler wie das gesamte Team besonders strikten Corona-Schutzmaßnahmen. Schnelltests alle zwei Tage gehören dazu, Maskenpflicht hinter der Bühne, Kontaktminimierung außerhalb des Theaters. "Wir leben wie in einer Blase", erzählt Sina Martens, die in verschiedenen weiblichen Rollen auftritt und Kästner-Texte zu seiner Rolle als Moralist vorträgt. Um an dieser gefühlten "Quarantäne-Gruppe" teilnehmen zu können, ist Martens vorübergehend aus ihrer Wohngemeinschaft ausgezogen. Sie spielt bereits in der dritten Castorf-Inszenierung am BE mit.

Kräftig durchlüften nach zwei Stunden

Frank Büttner gehörte schon an der Volksbühne zu den Stammspielern des Regisseurs. Der hat ihn auf ziemlich lange herausgebrüllte Monologe festgelegt, beim "Fabian", um den aufziehenden Faschismus unmissverständlich klarzumachen. Büttner könnte auch anders, aber er ist mit den Kunstgriffen des Regisseurs vertraut und ist gerne dessen Lautsprecher. Diesmal muss er auch eine schwule Sexszene mit Marc Hosemann spielen. "Kein Problem", sagt er.

Unter Corona-Bedingungen darf übrigens auch eine Castorf-Inszenierung keine Überlänge mehr haben. Nach zwei Stunden ist Pause - um kräftig durchzulüften - danach folgen weitere zwei bis maximal zweieinhalb Stunden. Darüber sind sich Regisseur und Intendant einig: Die Hoffnung darauf, dass bald "Fabian"-Premiere sein kann, stirbt zuletzt.

Sendung: Inforadio, 16.11.2020, 14:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

1 Kommentar

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  1. 1.

    Kunst und Kultur gehört zum Leben und gerade in solchen schwierigen Zeiten ist das unverzichtbar, denn es ist Balsam für die Seele. Kunst & Kultur bedeuten Leben, Lebendigkeit, Glück. Schließungen sind echt eine Katastrophe für die Kultur. Es ist schmerzhaft, nicht durchdacht bis hirnlos, trotz strengen Hygienebedingungen. Spielen auf der Bühne vor dem Publikum im Dezember???

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