Hintergrund - Wann man von einer Amoktat spricht

Do 09.06.22 | 14:30 Uhr
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Ein Knopf „Amok-Alarm“ ist im Flur vor einem Unterrichtsraum der Grund- und Oberschule Lorup (Samtgemeinde Werlte) angebracht. (Quelle: dpa/F. Gentsch)
Bild: dpa/F. Gentsch

Noch ist unklar, ob es sich bei der tödlichen Autofahrt vom Mittwoch in Berlin-Charlottenburg gesichert um eine Amoktat handelt. Einiges spreche dafür, aber noch werde ermittelt, so die Polizei. Wann wird der Begriff Amok verwendet?

Bislang ist ungeklärt, ob es sich bei dem tödlichen Vorfall in der Nähe des Breitscheidplatzes in Berlin-Charlottenburg, bei dem ein PKW-Fahrer am Mittwochmorgen auf dem Gehweg mehrere Menschen überfuhr - eine Frau wurde dabei getötet, 32 weitere Passanten verletzt - um eine sogenannte Amoktat handelt.

Polizeisprecher Thilo Cablitz etwa sagte dem rbb am Donnerstag, es gäbe "gewisse Indikatoren, die das nahelegen", es sei aber nur eine von mehreren möglichen Theorien. Dazu werde derzeit intensiv ermittelt.

Ein Amoklauf ist kein eigener Straftatbestand. Deshalb werden Amokläufe nicht in der Kriminalstatistik der Polizei erfasst, sondern unter Straftaten wie Totschlag, Geiselnahme oder Mord verzeichnet.

Definition des Begriffes Amok

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht man unter Amok eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Danach sind Amnesie (Erinnerungslosigkeit) und/oder Erschöpfung keine seltenen Folgeerscheinungen. Häufig auch der Umschlag in selbst-zerstörerisches Verhalten, d.h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid (Selbsttötung).

Die meisten Amok-Ereignisse treten demnach ohne Vorwarnung auf.

Das Wort Amok kommt aus dem Malaiischen und bedeutet "Wut" oder "in blinder Wut angreifen und töten". Meistens spricht man von "Amokläufern".

Wer als Amokläufer bezeichnet wird

Selbst Experten können kein ganz klares Profil für Amokläufer erstellen. Als dominanter Tätertyp des Amokläufers gelten jedoch mehrheitlich zumeist Männer mit ausgeprägten, aggressiven und konfliktgehemmten Persönlichkeitszügen. Die meisten erwachsenen Amokläufer handeln laut WHO als Einzeltäter und selten im Affekt.

Wie die Polizei eine "Amoklage" definiert

Eine Amoklage im polizeitaktischen Sinne liegt laut der Polizeidienstvorschrift dann vor, wenn ein Täter anscheinend wahllos oder gezielt insbesondere mittels Waffen, Sprengmitteln, gefährlichen Werkzeugen oder außergewöhnlicher Gewaltanwendung eine in der Regel zunächst nicht bestimmbare Anzahl von Personen verletzt oder getötet hat bzw. wenn dies zu erwarten ist und er weiter auf Personen einwirken kann.

Eine Amoklage im polizeitaktischen Sinn liegt bereits dann vor, wenn Anhaltspunkte ein solches Täterverhalten unmittelbar erwarten lassen. Eine Amoklage ist, so die Polizeidienstvorschrift, erst dann beendet, wenn der Täter handlungsunfähig ist, alle von ihm verursachten Gefahren beseitigt sind und alle Verletzten oder Gefährdeten gerettet sind.

Ursachen für Amok

Es gibt laut der Bundeszentrale für politische Bildung [bpb.de] verschiedene Erklärungsversuche: Besessenheit, krankhafte Verfolgungsideen, Depression (Niedergeschlagenheit) und andere seelische Erkrankungen gehören dazu. Aber auch wenn Menschen ohne Kontakt zu anderen leben und sehr einsam sind, kann das ein Grund dafür sein, dass sie Amok laufen.

Die Universität Gießen konkretisiert in einer Forschungsarbeit: Die meisten Amoktaten seien durch die Psychopathologie der Täter erklärbar. Es überwiegten bei einer Untersuchung erwachsener Amokläufer der Anteil schizophren erkrankter Täter (ein Drittel). Ein weiteres Drittel habe eine paranoide Persönlichkeitsstörung und auch die anderen erwachsenen Täter seien psychopathologisch auffällig und zeigten häufig narzisstische und paranoide Züge.

Das bedeute, sie seien leicht kränkbar und fühlten sich schlecht behandelt und nicht beachtet. Es fänden sich auch psychopathische Persönlichkeiten ohne Empathie mit sadistischen Anteilen. Auch spiele bei ihnen Alkohol- und Drogenmissbrauch als Verstärker eine Rolle. Kern der Motivlage der Täter sei Hass und Groll auf bestimmte Gruppen oder die Gesellschaft als Ganzes, weshalb sie ihre Taten auch oft als Racheakte verstünden, heißt es in der Forschungsarbeit weiter.

Wie sich ein Amoklauf von Terrorismus abgrenzen lässt

Die Ziele eines Amokläufers sind im Regelfall eher auf persönlicher Ebene zu suchen, während Terroristen meist politische Forderungen platzieren wollen. Die Unterscheidung zwischen Amoktat und Terror ist mitunter schwierig, denn die Übergänge sind fließend. Gemeinsam haben Amokläufe und terroristische Aktionen die Öffentlichkeitswirksamkeit ihrer Tat.

Der klassische Amokläufer beschränkt seine Handlungen auf ein relativ kleines Gebiet. Die Taten erfolgen zudem in relativ engem Zeitrahmen und ohne größere Unterbrechungen.

Was ein Amokalarm ist

In vielen Schulen in Berlin gibt es Amokalarm-Knöpfe. Wird ein solcher Alarm ausgelöst, geht die Polizei immer vom Ernstfall aus. Auch, wenn es Fehlalarme gibt.

Eine Amok-Drohung obliegt in Berlin der Verantwortung der jeweiligen Einrichtung (beispielsweise Schule) und der Polizei in Zusammenarbeit mit anderen Helfersystemen, eine Amoktat hingegen ist ein Notfall des so genannten Gefährdungsgrades III, der in unmittelbarer Verantwortung von ausschließlich der Polizei liegt.

Wie verhält man sich bei einem Amoklauf (Beispiel Schule)

Die Senatsverwaltung für Bildung hat gemeinsam mit der Unfallkasse Berlin Richtlinien ("Notfallpläne für Berliner Schulen, Amoktat, Stand 02/2011") herausgegeben, wie man sich bei einem Amoklauf beispielsweise in der Schule verhalten soll:

Niemand darf sich demnach unnötig in Gefahr begeben (Stichwort: Eigensicherung), Täterkontakt und die Provokation des Täters solle vermieden werden, da höchste Lebensgefahr in dessen Einwirkungsbereich bestehe. Wenn eine Lautsprecheranlage vorhanden sei, solle die Schulgemeinschaft unter Verwendung der sogenannten AIDA-Formel gewarnt werden.

AIDA steht für:

A: Aufmerksamkeit (An alle Personen im Schulgebäude, hier spricht die Schulleitung)
I: Information (Wir haben eine ernste Lage im Schulgebäude, bleiben sie in den Räumen oder begeben Sie sich umgehend an einen sicheren Ort)
D: Dringlichkeit (Schließen Sie die Türen ab oder blockieren Sie diese. Meiden Sie Fenster und Türen, suchen Sie Deckung)
A: Ausweg (Die Lage wird erklärt. Verhalten Sie sich ruhig, warten Sie auf neue Anweisungen, die Polizei trifft gleich ein)

Alternativ zum Einsatz der Lautsprecheranlage könnten die Klingelanlage drei Minuten auf Dauerton (Amokalarm) geschaltet werden oder andere (evtl. telefonische) Alarmierungswege genutzt werden. Es wird zudem empfohlen, große, leserliche Zettel am Fenster anzubringen mit Hinweisen auf den Raum, mögliche Erreichbarkeiten, die Personenzahl und die der Verletzten.

Die Polizei, so heißt es weiter, handele bei einem noch agierenden Täter ohne jede zeitliche Verzögerung, man solle sich ihr daher nicht in den Weg stellen, ihren Anweisungen sofort Folge leisten, die Hände zeigen, keine Gegenstände in den Händen halten und etwaige herumliegende Waffen nicht in die Hand nehmen.

Prävention von Amokläufen

Die Berliner Polizei [berlin.de] rät Institutionen, obwohl in Deutschland Amokläufe selten seien, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und präventive Maßnahmen zu planen. Die Zentralstelle für Prävention des LKA Berlin bietet in diesem Zusammenhang eine Beratung an, die sich in erster Linie an Führungskräfte und Sicherheitsbeauftragte von Behörden, Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie Unternehmen mit erhöhtem Publikumsverkehr richtet.

Der Psychologe Jens Hoffmann, das hat der Bayrische Rundfunk berichtet [br.de], leitet ein Projekt, das zum Ziel hat, potenzielle Amokläufer rechtzeitig von ihrem Vorhaben abzubringen. Hoffmann empfiehlt beispielsweise, in dieser Hinsicht verhaltensauffällige Schüler sofort und direkt anzusprechen, wenn sie gewaltbereit sind oder Drohungen aussprechen: "Was hast du getan?" oder "Warum hast du das getan?" Oft ließen sich Probleme dadurch schon lösen. Und in den Fällen, in denen einem Gespräch keine Einsicht folge, müsse man anschließend umso wachsamer sein. Mit einem Team von der Universität Darmstadt hat Jens Hoffmann eine Software entwickelt, die helfen soll, potenzielle Amokläufer im Vorfeld zu erkennen. Doch die Erfahrung zeige, dass die Taten der Amokläufer sehr individuell und komplex sind.

Die Universität Gießen [uni-giessen.de] hat ein niedrigschwelliges Beratungsnetzwerk Amokprävention initiiert, das telefonisch und per Mail erreichbar ist.

Sendung: rbb24 Abendschau, 09.06.2022, 19:30 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Jetzt Frage ich mich gerade was die Polizei Berlin als Handlungsunfähig ansieht bei solchen Lagen.

    Ich hatte da schon viele Diskussionen gehabt was Handlungsunfähig ist und was nicht.

    Handlungsunfähig= Der/Die Täter sind nicht mehr am Leben. Alles andere ist festgesetzt und gesichert.

  2. 2.

    Jetzt Frage ich mich gerade was die Polizei Berlin als Handlungsunfähig ansieht bei solchen Lagen.

    Ich hatte da schon viele Diskussionen gehabt was Handlungsunfähig ist und was nicht.

    Handlungsunfähig= Der/Die Täter sind nicht mehr am Leben. Alles andere ist festgesetzt und gesichert.

  3. 1.

    Was fehlt ist das Verhaltenstraining an den Schulen. Nur was man oft genug getan hat, kann man dann richtig gut.

    P.S. Wenn man Fachleuten so zuhört, hat man als Laie das Gefühl, dass die "Amokläufer*innen" (schön absurd), "einen verzeihlichen/mildernden Grund" hatten. "leicht kränkbar und fühlten sich schlecht behandelt und nicht beachtet" ist aus Laien-Sicht vollzurechnungsfähig. Das muss die Gesellschaft nicht ertragen oder hinnehmen.

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