Reportage | Hospiz Köpenick - "Es ist etwas ganz Intimes, jemanden auf dem letzten Lebensweg zu begleiten"

So 09.04.23 | 13:24 Uhr | Von Thomas Rautenberg
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Hospiz Köpenick DRK-Kliniken Berlin (Quelle: Uwe Baumann, Hospiz Köpenick)
Audio: rbb24 Inforadio | 06.04.2023 | Thomas Rautenberg | Bild: Uwe Baumann, Hospiz Köpenick

Tod und Sterben gehören auch zum Pflegealltag unweigerlich dazu. Doch der Umgang damit fällt nicht immer leicht. Thomas Rautenberg war mit vier Pflege-Azubis unterwegs im Hospiz der DRK-Klinik in Berlin-Köpenick.

Die Automatiktür zum großen Gemeinschaftsraum im Hospiz Köpenick steht weit offen. Noch zögern Sophie, Alaa, Sharleen und Nina etwas, der Einladung von Sozialarbeiterin Susanne Stein ins Foyer zu folgen. Die vier sind in der Ausbildung zur Pflegefachkraft bei der DRK-Schwesternschaft Berlin. Die Zwischenprüfungen haben sie gerade geschafft und schon steht die nächste Herausforderung an: Wie umgehen mit dem Sterben von Menschen, der zum Pflegealltag dazu gehört?

Sophie, Sharleen, Alaa und Nina mit Sozialarbeiterin Susanne Stein im Hospiz Köpenick. (Quelle: rbb/T. Rautenberg)
Sophie, Sharleen, Alaa und Nina mit Sozialarbeiterin Susanne Stein (von li nach re) | Bild: rbb/T. Rautenberg

Der Gemeinschaftsraum im Köpenicker Hospiz ist vielleicht so groß wie drei Klassenzimmer und in Sonnenlicht getaucht. Warme Farben, viel Holz an den Wänden und kleine Sitzgruppen, die mit modernen Raumteilern abgetrennt sind. In einem der Bereiche sitzt ein Ehepaar mit einer älteren Dame. Sie erzählen, essen Kuchen und schauen gemeinsam Fotos an. Die Frau ist von Krankheit gezeichnet und wirkt sehr schmal in ihrem Sessel. Minuten der Gemeinsamkeit in einem Hospiz, einem Ort, an dem Menschen sterben.

Hospiz Köpenick DRK-Kliniken Berlin (Quelle: Uwe Baumann, Hospiz Köpenick)
Im großen Gemeinschaftsraum | Bild: Uwe Baumann, Hospiz Köpenick

Letzte Wünsche der Menschen erfüllen

Während die Azubis noch etwas verhalten sind, ist das für Susanne Stein der normale Alltag: "Jetzt sind wir im Herzstück des Hauses, das ist unser Aufenthaltsraum, Wohn- und Esszimmer. Da nehmen auch die Gäste, die noch mobil sind, ihre Mahlzeiten zu sich. Es gibt natürlich auch viele Gäste, die gar nicht mehr rauskommen. Und Gäste, die gar nicht mehr essen."

Susanne Stein spricht bewusst von "Gästen" des Hauses, nicht von Patientinnen und Patienten. Die Menschen im Hospiz sind austherapiert. Behandlung im Sinne von Heilung gibt es für sie nicht mehr. Durchschnittlich 24 Tage verweilen die Gäste im Köpenicker Hospiz, sagt Susanne Stein. Nicht viel Zeit, um vielleicht die letzten Wünsche der Sterbenden zu erfüllen. "Ich habe eine junge Frau, die wollte unbedingt noch ihren Lebensgefährten heiraten. Da sind wir prädestiniert dafür, schnell zu organisieren, dass der Standesbeamte hierherkommt. Manche wollen nur nochmal eine Gänseschmalz-Stulle essen. Auch Fußballspiele sind ein Klassiker, noch einmal zu Union."

Zimmer frei für den nächsten Gast im Hospiz Köpenick. (Quelle: rbb/T. Rautenberg)
Zimmer im Hospiz Köpenick | Bild: rbb/T. Rautenberg

Das Thema Tod und Sterben kann eine Herausforderung für Azubis sein

Sophie und Nina haben ihre anfängliche Zögerlichkeit nach ein paar Minuten überwunden. Sie stellen Fragen nach dem Betreuungsschlüssel in einem Hospiz. Sie wollen wissen, ob noch ein Arzt oder allein das Pflegepersonal über die palliative Begleitung eines sterbenden Menschen entscheidet. Sie wissen: Leben und Tod sind nicht voneinander zu trennen, auch wenn sich viele Menschen davor verschließen würden, etwa aus Angst. "Für mich gehört das zum Beruf dazu und ist jetzt auch kein schlimmes Thema", sagen sie. Und dass sie es gutfinden, sich hier nochmals detailliert damit zu beschäftigen.

Ein junger Mann steht mit Maske in einem Baderaum des Hospiz Köpenick. Mit viel Liebe eingerichtet - der Sozialtrakt. (Quelle: rbb/T. Rautenberg)
Alaa in einem Badezimmer der Einrichtung | Bild: rbb/T. Rautenberg

Lehrer Paul Münnich hört aufmerksam zu. Er begleitet die Azubis im Köpenicker Hospiz, hat dort auch selbst als Pfleger gearbeitet. Insofern weiß der 30-Jährige aus eigener Erfahrung, dass das Thema Tod und Sterben für manche Azubis im Arbeitsalltag eine Herausforderung darstellen kann. "Viele Auszubildende sind natürlich in einem Alter, in dem sie sich ja gerade ein eigenes Leben aufbauen oder noch wenig private Erfahrungen haben mit dem Thema Tod und deswegen vielleicht Schwierigkeiten haben."

Hospiz Köpenick DRK-Kliniken Berlin (Quelle: Uwe Baumann, Hospiz Köpenick)
Das Gebäude in Berlin-Köpenick | Bild: Uwe Baumann, Hospiz Köpenick

"Mittlerweile hat man immer mehr mit dem Tod zu tun"

Für die 21-jährige Sharleen, die im benachbarten DRK-Krankenhaus Köpenick lernt und arbeitet, ist es weniger eine Frage des Alters, wie man mit dem Sterben auf einer Station umgeht. Sie hätte sich gewünscht, dass das Thema viel früher, gleich mit Beginn der Ausbildung, auf die Tagesordnung gesetzt worden wäre. Das hätte ihr vieles leichter gemacht, sagt sie. "Im ersten Einsatz hatte man schon Patienten, die sterben. Da war man ein bisschen auf Abstand, weil man doch eine relative Distanz zu dem Thema hatte. Aber mittlerweile hat man immer mehr mit dem Tod zu tun. Ich war jetzt auch in einem palliativen ambulanten Pflegedienst gewesen. Vor allem, wenn die Patienten die Akzeptanz gefunden haben, dass sie sterben werden, äußern sie genau, was sie denken, was sie fühlen. Und eigentlich ist es nicht so negativ behaftet."

Alaa, der vierte im Bunde, hält sich zurück. Vor seiner Flucht aus Syrien 2014 hat er viele Menschen sterben sehen, ohne Krankheit und Not, einfach im Krieg. Mit dem Tod kann er daher nicht seinen Frieden machen. Aber, sagt er, "hier finde ich es schon gemütlich. Die Leute sterben ganz in Ruhe."

Emphatie muss ihre Grenzen haben

Im hinteren Teil des Hospizes, dort, wo die insgesamt 16 Zimmer sind, geht es viel ruhiger zu als im großen Gemeinschaftsraum. An den Zimmertüren sind die Namensschilder individuell gestaltet, mal ein Foto, das die Gäste mitgebracht haben, mal ein Bild, das die Enkelkinder liebevoll gemalt haben. Erinnerungen am Lebensende.

Bei allen Emotionen – Einfühlung müsse auch ihre Grenzen haben, sagt Hospizleiterin Franziska Irmscher den Azubis. "Wir müssen wirklich diese professionelle Grenze ziehen, sonst funktioniert es für uns dauerhaft nicht. Wir sind dafür da, die Familie zu begleiten und ein Stück zusammen zu gehen. Aber es wäre vermessen zu sagen: Wir gehen den ganzen Weg mit unserem Sterbenden. Er geht den Weg alleine. Letztendlich ist er am Schluss verstorben. Und wir leben weiter."

Während Franziska Irmscher redet, wischt sich Nina eine Träne ab. Schämen muss sich hier niemand. Kurz darauf hat sie ihre Fassung auch schon wiedergewonnen.

"Man hat selbst teilweise Tränen in den Augen"

Auch Sharleen kommt inzwischen ganz gut damit klar, wenn es ein Patient auf ihrer Station nicht geschafft hat, wie sie sagt. Viel mehr habe sie mit den Hinterbliebenen zu tun, die häufig hilflos seien, nicht wüssten, wie sie mit der Situation umgehen sollten. "Man hat selbst teilweise Tränen in den Augen gehabt. Und ja, das ist der schwierige Part bei mir gewesen", sagt Sharleen.

Und Alaa plage nach wie vor die Sorge, dass er in einer Ausnahmesituation nicht allein klarkommen könnte. Kürzlich habe er einen Patienten wiederbeleben müssen, offenbar vergeblich, denn er winkt plötzlich ab, kann nicht weitersprechen.

"Irgendwie ist es auch etwas total Intimes"

Sophie hat schon bei ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr auf der Intensivstation im Krankenhaus Westend erfahren, wie eng Leben und Tod miteinander verbunden sind, wie sie sagt. Wenn sie einen Rückzugsort brauche, habe sie ihre Spandauer Kirchengemeinde. "Man hat so eine Grenze, dass man sich abschottet. Aber irgendwie ist es auch was total Intimes, dass man den Menschen noch einmal auf seinem letzten Lebensweg begleitet hat. Und man weiß, er wurde die letzten Tage würdevoll gepflegt und kann schmerzfrei sterben. Es hilft vielleicht manchmal ein bisschen, dass man glaubt, dass alle auferstehen oder dass die Seele einen guten Platz findet."

Nach dem Besuch im Hospiz sitzen die vier Azubis auf einer Parkbank und genießen die ersten warmen Sonnenstrahlen. Eilig wegzukommen hat es niemand. Es sind Minuten der Besinnung, bevor es mit der Ausbildung am nächsten Tag weitergeht.

Sendung: rbb24 Inforadio, 06.04.2023, 09:25 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

9 Kommentare

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  1. 9.

    Liebe Paula, das berührt mich sehr. Leider haben es meine Angehörigen nicht geschafft, unsere Mutter rechtzeitig in die Hand der Palliativversorgung zu geben. Sie ist dann nach einem Krankenhausaufenthalt zu Hause gestorben, musste aber aufgrund des Aufenthalts im Krankenhaus noch viel Schmerzen ertragen, was leider verhindert wurde. Das macht mich heute noch wütend und traurig. Sowas passiert, wenn sich Geschwister nicht einig sind.

  2. 8.

    Ich habe den Beitrag mit Tränen in den Augen gelesen. Mein Sohn ist vor 10 Jahren nach einer Krebserkrankung viel zu früh gestorben. Seine letzten Tage wurde er auf der Palliativstation im Virchowklinikum gepflegt. Es war eine würdevolle Betreuung und wir als Familie und Freunde konnten ihn jederzeit besuchen. Seine 3 besten Freunde waren Tag und Nacht bei meinem Sohn. An einem sonnigen warmen Sommertag ist er verstorben. Er fehlt uns allen sehr

  3. 7.

    Der letzte Weg sollte im Kreise der Familie, möglichst zuhause, „angetreten“ werden. So waren wir bei meinen Schwiegereltern und alle Geschwister bei unserer Mutter an der Seite beim und bis zum letzten Atemzug.
    Allerdings habe ich höchsten Respekt vor allen, die in einem Hospiz die Sterbenden, aber auch Angehörigen betreuen. Die Wertschätzung kann nicht hoch genug angesetzt werden für die Zuwendung und Begleitung auf dem letzten Weg!

  4. 6.

    Meine Tochter hat während ihrer Ausbildung bei den DRK Kliniken auch im Hospiz gearbeitet und hat viel darüber berichtet. Ich danke "Allen" die diesen "Job" machen von ganzen Herzen.....

  5. 5.

    Meine jüngere Schwester ist im Januar ins Hospiz gegangen. Ich habe sie besucht, wir haben nicht nur geweint, auch gelacht und uns an unsere Kindheit erinnert. Die Pfleger waren alle sehr nett und lieb.
    Vor zwei Wochen ist meine Schwester gestorben, schmerzfrei und behütet.
    Vielen Dank für die Pflege im Hospiz. Ich habe Hochachtung vor Ihnen allen dort

  6. 4.

    Ich bin selber in einem Hospiz ehrenamtlich tätig. Ich wünsche mir für alle.solch einen Ort für.die letzte Zeit des Lebens. Leider habe ich beruflich und privat ganz andere Erfahrungen.

  7. 3.

    Ich habe die größte Hochachtung von den Mitarbeitern die im Hospiz tätig sind.

  8. 2.

    Ein Hospiz ist eine sehr gute Einrichtung.
    Meine Mutter hat Ihre letzten Tag in einen Hospiz verbracht. Es war mehr wie eine große Familie als ein medizinische Einrichtung.
    Und obwohl unsere Familie sehr viel Zeit in dem Hospiz verbracht haben, ist es nur dem Hospiz zu verdanken das die ganze Familie dabei war und unserer Mutter Beistand gegeben haben, als sie von uns ging.
    Die Menschen die in einen Hospiz arbeiten sind etwas besonderes.

  9. 1.

    Danke, daß es Menschen gibt, die einem auf den letzten Weg begleiten. Sicher ist eine bessere Entlohnung notwendig aber was diese leisten ist unbezahlbar! Richtig ist, man kann mit keinem Gast mitteilen.

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